© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Als Student in den Strafvollzugsanstalten
Halle und Torgau in den Jahren 1952 bis 1955

Kapitel 9 – Als Feuermacher in der Zelle

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, war der Einsatz der Gefangenen zur Arbeit eine besondere Vergünstigung. Nur dort konnten die vielen Raucher ihre sehr begehrten Zigaretten der Marke TURF (von uns interpretiert als „Tausend Unterdrückte Rufen Freiheit“) während des Arbeitseinsatzes in kurzen Pausen, in denen das Wachpersonal Feuer reichte, inhalieren. Drei Zigaretten gab es pro Arbeitstag zum Stückpreis von 10 Pfennigen, die vom Arbeitslohn abgezogen wurden. Wie hoch unser Arbeitslohn war, haben wir nie erfahren. Auf den Zellen war das Rauchen streng verboten. Durch Schenkung oder Tausch haben die süchtigen Raucher zusätzlich Zigaretten von Nichtrauchern erworben und in die Zellen geschmuggelt. Besonders während der Untersuchungshaft spielten Zigaretten bei Rauchern eine wichtige Rolle, um Aussagen von den Häftlingen leichter zu erpressen. Diese Erfahrungen brachten mich zum Schwur, nie im Leben eine Zigarette zu rauchen, den ich bis zum heutigen Tage eingehalten habe.

Probleme bereitete aber das Entzünden von Feuer in der Zelle ohne Streichhölzer oder Feuerzeug. Als Naturwissenschaftler interessierten mich insbesondere alle Feuer erzeugenden Methoden, auf einfachere kam man von selbst, andere wurden mündlich weitergegeben. An sechs verschiedene Praktiken, die ich mehrfach selbst angewendet habe, kann ich mich sehr gut erinnern. Um den verräterischen Geruch des Zigarettenqualms auf den Fluren vor den Zellen zu überdecken, haben wir vorher immer den Türspalt der sehr dicken Zellentür mit Knoblauchzehen aus den Heimatpaketen eingerieben.

Für die einfachste Methode benötigte man Brillen mit bikonvexen Gläsern (Lesebrillen). Für die als Brenngläser verwendeten Brillen benötigte man natürlich Sonnenstrahlen, die nur in einige günstig exponierte Zellen fielen und außerdem sehr vom Wetter abhängig waren und deshalb selten genutzt werden konnten. Außerdem gab es gar nicht so viele meist ältere Mithäftlinge, die solche Brillen besaßen.

Die von mir am häufigsten angewendete Methode beruht auf dem Prinzip der Reibung, wie sie bei uns in der Steinzeit angewendet wurde oder z.B. noch heute von Buschmännern in Südafrika benutzt wird. Ein aus dem Drillichanzug gezupfter starker Faden wurde fest um einen etwa 3 cm breiten und 5 cm langen rollend zusammen gepressten Wattebausch gewickelt, auf den vorher eine Priese braunes Pulver gestreut worden war. Die Watte bekamen wir bei einer Krankmeldung wegen Ohrenschmerzen in der Ambulanz von unserem Häftlingsarzt im Beisein von Wärtern, die uns dorthin begleiteten. Im Inneren dieser kleinen Rolle befand sich das von mir als „Katalysator“ bezeichnete rostigbraune Pulver. Dieser sogenannte Katalysator war auf einem Blatt Toilettenpapier getrocknetes Pulver, das als brauner Schlamm aus dem an sich fest verschlossenen Wasserkasten der Toilettenspülung mit dem Deckel unserer Zahnseifenschachtel heraus geschabt wurde. Der Schlamm war ein chemischer Niederschlag von kolloidal gelösten Eisenhydroxiden aus dem eisenschüssigen Grundwasser der Elbeniederung bei Torgau. Die kleine feste Watterolle, von uns „Bombe“ genannt, wurde mit starkem Druck zwischen zwei rohen Holzbrettern, die sonst als Unterlagen für die Strohsäcke in unseren Stockbetten dienten, solange rasch hin und her bewegt, bis sich durch die intensive Reibung ein brenzliger Geruch einstellte. Die kleine Bombe wurde dann rasch auseinander gerissen und der in der Watte einsetzende Inkohlungsprozess wurde durch vorsichtiges Blasen zur Glut gebracht, an der man eine Zigarette anzünden konnte.

Für eine andere Methode benötigt man wieder einen längeren Faden aus dem Drillichanzug, einen eisernen Hosenknopf (mit 4 oder 2 Löchern), eine kleine Keramik- oder Tonscherbe und Lunte (angebrannte Watte) und einen Helfer. Aus dem Faden und dem Knopf wird eine Schnurre hergestellt. Der rasch rotierende Knopf erzeugt Funken an der Keramikscherbe, welche die in einer Zahnseifenschachtel verborgene angekohlte Watte (Lunte) unter vorsichtigem Blasen zum Glühen bringt. Die kleinen Glutnester reichen aus, eine Zigarette anzuzünden.

Von dieser letzteren Methode gab es später, als schon einige Häftlinge entlassen waren, eine Variante. In den monatlich erlaubten Lebensmittelpaketen (bis zu 3 kg, jeweils ein halbes Kilo Fett, Wurstwaren, Zucker oder andere Süßigkeiten, Obst, Gebäck, Zwiebeln oder Knoblauch, die uns monatlich zugesandt werden durften) haben ehemalige Mithäftlinge kleine Cer-Eisen-Feuerzeugsteine in den Kerngehäusen von Äpfeln oder Apfelsinen versteckt. Diese nahmen nun die Funktion von den schwer zu beschaffenden Keramikscherben ein und gaben ein richtiges kleines Feuerwerk mit den rotierenden Hosenknöpfen.

Eine Zahnbürste, gut durchgekautes Brot und eine unter Strom stehende Glühlampenfassung benötigt man für die nächste Art, Feuer zu machen. Das feuchte Brot von der Größe einer Kirsche wird zu einer kleinen länglichen Rolle geformt und diese bogenförmig auf dem Stielanfang der Zahnbürste aufgeklebt. Bei sehr vorsichtigem, aber leicht zu erlernenden Vorgehen wird mit dem Brot in der Glühbirnenfassung an den Metallkontakten ein kleiner bläulich-gelber Lichtbogen erzeugt, an dem ein Raucher eine Zigarette anzünden kann. Gelegentlich gab es trotz aller Vorsicht einen Kurzschluss, der aber vom Wachpersonal nicht lokalisiert werden konnte, weil der Strom etagenweise abgesichert war.

Die ungewöhnlichste Weise, Feuer zu machen, ergab sich einmalig aus der Arbeit im sogenannten Schrottkommando. Eines Tages erwischte unsere Brigade einen schweren Motorblock, den wir in seine Bestandteile zerlegten. Dabei fielen uns mehrere sehr eigenartige, uns unbekannte Teile auf, die aus Buntmetall geformt waren. Der etwa 20cm lange, unten spitz zulaufende Stiel endete oben mit einem an einen Stopfpilz erinnernden gewölbten Kopf. Diese merkwürdigen Teile saßen in wenige Zentimeter Durchmesser betragenden Bohrungen. In dem Hohlkörper des „Stopfpilzes“ klapperte eine unbekannte Substanz. Als wir den Pilz mit unserem Werkzeug, Hammer und Meißel, öffneten, fiel uns eine weiche, hellgrau schimmernde, bleiähnliche Substanz auf. Aus dem Chemie-Unterricht meiner Schulzeit und den Vorlesungen bei Prof. Wilhelm MESSERSCHMIDT (auch ein Leopoldinamitglied) am Anorganisch-Chemischen Institut am Domplatz in Halle erinnerte ich mich an die Alkali-Leichtmetalle Kalium und Natrium, von denen ich wusste, dass sie im elementaren Zustand heftig mit Wasser reagieren, wobei gasförmiger Wasserstoff entsteht. Bei der exothermen Reaktion wird so viel Wärme abgegeben, dass sich der freiwerdende Wasserstoff spontan selbst entzündet.

Ich habe dieses unbekannte ziemlich weiche Metall in einen Stofffetzen meines Fußlappens (Strümpfe gab es nicht) eingewickelt und bei Arbeitsende in der Drillichjacke versteckt. In der Zelle trennte ich mit dem Löffel, unserem einzigen metallischen Werkzeug ein kleines Stückchen ab und hatte sofort einen positiven Erfolg im Waschbecken, als das winzige Natriumstückchen mit gelblicher Flamme auf der Wasseroberfläche flitzend verbrannte. Wir haben das stark hygroskopische Natrium dann in einem Aluminiumpapier einer Schokoladenverpackung aufbewahrt. Es bildete sich durch die vorhandene Luftfeuchtigkeit an der Oberfläche rasch ein schützender feuchter Überzug von Natriumlauge. Die Raucher hatten etwas Mühe, die kleinen unruhig brennenden Metallstückchen in der Folie festzuhalten, um sich die Zigarette anzuzünden.

Ein akutes Problem gab es plötzlich, als wir eines Tages hörbar eine „Filzung“ (Zellenkontrolle) fürchten mussten, die schon in einer der Nachbarzellen durchgeführt wurde. Ein Mithäftling warf in seiner Angst den Rest des Natriumstücks mit der Alufolie in die Toilettenschüssel, wo es nicht verschwand und unterging, sondern brennend auf der Wasseroberfläche herum flitzte, als er die Wasserspülung zog. Mühsam konnte ich das Stück mit dem Stoffärmel meiner Jacke einfangen und durch den hinteren Geruchsverschluss der Toilette gefahrlos entsorgen. Ein Mithäftling meinte, dass es sich bei den „Stopfpilzen“ um Sicherheitsventile gegen die Überhitzung der Flugzeugmotoren gehandelt haben könnte. Bei Erreichen der relativ niedrigen Schmelztemperatur drossele das flüssig gewordene Natrium möglicherweise durch Gewichtsverlagerung in den Ventilen die Treibstoffzufuhr.

In dieser Zeit hatten Mitgefangene auch in unserer Zelle aus den leeren Zigarettenschachteln der Marke TURF, die man nur auf den Arbeitskommandos organisieren konnte, sogar Skatkarten angefertigt. Aus einer Schreibstube, in der die Tagesleistungen der Häftlinge notiert wurden, hatte jemand schwarze und rote Tinte besorgt. Ein Künstler unter uns hat die Könige, Buben und besonders die Damen mit großer Sorgfalt gemalt. Damit die Karten besser spielbar waren, hatte uns ein Kalfaktor Wachsreste von den großen Kerzen besorgt, die bei den Gottesdiensten brannten. Die Skatkarten wurden gebündelt an einem langen Faden im Strohsack versteckt gehalten und nur unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen benutzt.