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Extra Fleischration

Während meiner Ausbildung beim Bundesgrenzschutz (BGS) wurde auch das Überleben in der freien Natur sowie das taktische Verhalten unter Feind-Beobachtung gelehrt. Also fanden wir Lehrgangsteilnehmer uns im Jahr 1964 hierzu in landschaftlicher Idylle bei herrlichem Wetter im nördlichen Niedersachsen ein.

An den ersten Tagen wurde natürlich Theorie vermittelt, marschiert, Sport getrieben usw.
Nach diesem anstrengenden Dienst wurden dann in der Kantine unserer Unterkunft ein oder auch mehrere Biere getrunken, schließlich musste der Körper sich regenerieren. Eines Abends kam ich dann in die Kantine und setzte mich zu den Kollegen aus meiner Gruppe, am Nebentisch saß Achim, ein Mitglied unserer Gruppe. Es kam eine sprichwörtliche Rotznase von knapp drei Jahren zu Achim und schmuste mit ihm. Als Achim sich das nächste Bier holte, fragte ich die kleine Rotznase, woher er denn Achim kenne. Achim kommt immer bei meine Mama, erhielt ich zur Antwort. Aha, dachte ich.

Die Mama war alleinerziehende Kantinen-Angestellte und sollte angeblich drei Kinder von verschiedenen Männern (vom BGS ?) haben. An diesem Abend konnte Achim allerdings nicht bei die Mama kommen, denn um 22.00 Uhr war Zapfenstreich angesagt. Es war durchgesickert, dass am nächsten Morgen (um 05.00 Uhr?) Alarm ausgelöst werden sollte. Daher durfte niemand außerhalb der Unterkunft übernachten.

Nach unruhiger Nacht und Alarmauslösung ging es dann mit Fahrzeugen, Waffen und Gepäck ins Gelände, wo das Biwak errichtet wurde. Jede Gruppe musste eine Filteranlage für Trinkwasser bauen, bestehend aus einem Holzgestell auf vier Ästen, die als Beine dienten. Hierauf wurde Moos gelegt, danach Kies, Tannennadeln, kleine Zweige usw., bis die Anlage fast Kniehöhe erreicht hatte. Anschließend wurde uns Wasser gegeben, welches wir unter Aufsicht durch die Filteranlage laufen lassen, auffangen und vorzeigen mussten.

Selten habe ich eine so trübe Brühe zu Gesicht bekommen, schließlich war der verwendete Kies ungereinigt und hatte erst durch unser Wasser einen Teil seines Schmutzes verloren.
Das war aber egal, denn wir hatten bewiesen, dass wir die Theorie des Wasserfilterns in die Praxis umsetzen konnten, und bekamen jetzt endlich unser Frühstück sowie sauberes Wasser zum Kochen für unseren Tee.

Danach wurde Ausbildung betrieben: Balancieren über gespannte Seilbrücken, Abseilen von Bäumen, Holzwände mit und ohne Waffen und Gepäck überqueren und viele andere Dinge mehr, die den Körper auf Hochform bringen sollten.

Mittagspause gab es natürlich auch. Ich erhielt den Auftrag, ein bereits abgezogenes und ausgenommenes Kaninchen zu holen, welches an einer Baumgruppe in einiger Entfernung liegen sollte. Unser Essen fand ich aber nicht, daher durfte ich den Weg nochmals zurücklegen. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich sogar noch zwei weitere Tierchen, die halbwegs im Schatten lagen. Die anderen Gruppen hatten fast alle ihre Verpflegung schon abgeholt.

Als ich zurückkehrte, fragte Erwin, unser kleinstes aber auch sensibelstes Gruppenmitglied, weshalb ich beim ersten Versuch denn erfolglos geblieben sei. Ich erklärte, dass ich Ausschau nach fleischfarbenen Dingen gehalten hatte, aber nichts erkennen konnte, da die abgezogenen Kaninchen über und über mit Fliegen bedeckt und nicht als solche erkennbar waren. Erwin meinte, ich müsste ja nicht alles so detailliert darlegen, davon könnte einem ja schlecht werden.

Achim hatte inzwischen in einer kleinen Vertiefung ein Feuer entzündet und einen großen Topf auf einem Dreibeingestell aufgehängt. Er wollte das Essen zubereiten, denn schließlich hatte er bei der Kantinen-Angestellten auch schon kochen dürfen. Wir waren mit anderen Aufgaben beschäftigt und ließen Achim gewähren, er wollte das Fleisch in einer Soße garen. Hierzu war Öl in den Topf gegeben worden und sollte, als es heiß war, mit Wasser und Soßenbinder vermischt werden. Selbstverständlich gab es einen Feuerball, als das angereicherte Wasser in den Topf gegossen wurde. So gut waren Achims Kochkünste nun doch noch nicht. Auf diese Weise hatte Achim seine Augenbrauen und Kopfhaare angesengt, auch ein paar Brusthaare mussten dran glauben, denn wir liefen wegen des herrlichen Wetters mit freiem Oberkörper herum.

Als das Fleisch mit der zweiten Soße dann endlich gar war, wurde es gerecht verteilt. Nachdem ich meinen Anteil erhalten hatte, bekam der neben mir stehende Erwin eine Kaninchenkeule in die Hand gedrückt.
Plötzlich sagte er zu mir: Halt mal, gab mir die Keule und lief ein paar Meter davon. Dort erbrach er sich und kam nach einiger Zeit leichenblass zurück. Auf meine Frage, ob er seine Keule zurückhaben wolle, verdrehte er seine Augen und meinte, ihm sei der Appetit vergangen, das Fleisch könne ich selber essen.

Das tat ich dann auch mit Genuss und dankte dem sensiblen Erwin für die so erhaltene Extra-Fleischration.