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Der Kohlenpott, wo er am schwärzesten war
— Geschichten aus der Geschichte —
Von Morgenthau bis Trizonesien

Selten hat eine politische Entscheidung, dazu noch streng geheim geplant und vorbereitet, eine dermaßen wohltuende Wirkung auf das deutsche Volk in Trizonesien gehabt, wie die Währungsreform vom 20. Juni 1948. Begleitet wurde diese Maßnahme von dem amerikanischen Marshall-Plan, der eine gigantische Menge US-Dollar nach Europa, also auch in das verwüstete Deutschland, aus dem die Siegermächte noch beinahe die letzten intakten Fabrikanlagen der Schwerindustrie demontiert hatten, als Aufbauhilfe strömen ließ.

Damit war auch der verhasste und gefürchtete Morgenthau-Plan vom Tisch, der vorsah, das industriell hoch entwickelte Deutschland zu einem unbedeutenden Agrarstaat herabzustufen. Henry Morgenthau, US-amerikanischer Finanzminister, hatte während des 2. Weltkrieges diesen Plan entwerfen lassen. Sicherlich hat auch der kalte Krieg zwischen Ost und West, der um das Jahr 1948 herum in seine heiße Phase trat, entscheidend dazu beigetragen, das Verhältnis der Westalliierten zu Westdeutschland zu ändern. Ich erinnere mich noch an Churchills kolportierten Ausspruch, den er viele Monate nach der bedingungslosen Kapitulation der nationalsozialistischen Reichsregierung — oder was davon noch übrig geblieben war — getan haben soll Auge in Auge mit Stalins brutaler Diktatur und Expansionspolitik: Wir haben wohl das falsche Schwein geschlachtet.

Wie verheerend und demoralisierend die Demontagepolitik der ersten Nachkriegsjahre auf unser geschlagenes Volk wirkte, spürten wir Bewohner des Ruhrgebiets, Deutschlands größtes industrielles Ballungsgebiet und größter menschlicher Schmelztiegel, am allermeisten. Deutsche Männer wurden gezwungen, ihre Arbeitsplätze selbst zu vernichten, indem sie alle Maschinen, an denen sie gearbeitet hatten, alle Anlagen, ganze Fabriken und Werke abbauen und in die Siegerländer schicken mussten. Da ballten sich manche Fäuste in ohnmächtigem Zorn und manche Tränen kullerten über rußgeschwärzte Wangen. Ein Glück, dass sich die Menschen in dieser fußballverrückten Region, meistens Kohlenpott oder vornehm Revier genannt, wenigstens sonntags auf den Fußballplätzen den Frust von der Seele brüllen konnten. Meine Heimat liegt dort im Zentrum, in fast gleicher Entfernung von den Stadien einiger der berühmtesten Fußballvereine wie Schalke 04, Borussia Dortmund, VfL Bochum; Rot-Weiß Essen liegt nur wenige Kilometer weiter weg.

Ich junger Schnösel damals sah dem Morgenthau-Plan ziemlich locker entgegen. Nun würden alle deutschen Männer Knechte auf Bauernhöfen werden, dachte ich. Während der Feldarbeit in frischer Luft brächten uns die Mägde nachmittags Butterbrote und Kaffee zur Arbeitsstelle. Mittags und abends könnten wir uns an fetten Bratkartoffeln und jeden Sonntag an Schweinefleisch sattessen. Für mich ein durchaus erstrebenswertes Leben vor der Währungsreform. Dieses Leben hatte ich in den Hungerjahren selbst kennengelernt, als ich zusammen mit anderen Kindern meine Arbeitskraft Landwirten für Essen und Trinken anbot und zum Rübenverziehen und Jäten mit der Hacke auf die Felder geschickt wurde. Heute erst legt mir meine Wirbelsäule die Quittung in Form von schmerzhaften scheuermannschen Residuen vor. Hätte sie sich doch damals schon gemeldet und mich gewarnt.

Trizonesien, was ist das? Es ist die Verballhornung der offiziellen Trizone, Zusammenlegung der britischen, amerikanischen und französischen Besatzungszone als Wirtschaftsgebiet, was uns aber anfangs nicht die versprochene existentielle Verbesserung brachte. Schmunzelnd sahen viele einen Nationalhymnenersatz in dem damals millionenfach geträllerten Karnevalsschlager Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, hei dschingela, dschingela, dschingela, dschingela bumm. Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesen, hei dschingela, dschingela, dschingela, dschingela bumm. Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen umso besser........ Ich weiß heute noch den gesamten Text und die Melodie. Damals empfand ich das Lied auch als geistige Intifada gegen die Besatzungsmächte. Der Humor tat gut als ein kleines Gegengewicht gegen Hunger, Elend, Vertreibung, verlorenen Krieg. Aber auch gegen die Scham vor dem langsam durchsickernden, schrecklichen Wissen über Gräueltaten in den Konzentrationslagern und besetzten Ostgebieten.

Was die Währungsreform bewirkte

Wir rieben uns die Augen und konnten es nicht glauben. In den bisher leeren und tristen Geschäften drängten sich über Nacht die Waren in den Regalen und Schaufenstern. Waren, die es vorher nur auf dem Schwarzen Markt für astronomisch viel Reichsmark (RM) oder im Tausch gegen andere Dinge gab. Es gab alles, was das Herz begehrte — von nun an ohne Bezugscheine und Lebensmittelmarken. Auch die Preise, nun in der neuen Währung Deutsche Mark (DM) ausgewiesen, erschienen uns in angemessener Höhe. Für uns Kinder, die wir das nicht kannten, war es wie der Eintritt ins Schlaraffenland. Nur einen Haken hatte die Sache anfangs. Jeder bekam seine RM nur bis 40 DM umgetauscht. Aber es gab genug Arbeit und somit einigermaßen Geld zu verdienen.

Eine riesige Fresswelle — noch vor der Reisewelle — überschwemmte unser Land — mit schwerwiegenden Folgen. Die schlotternden Hosen und Jacken bekamen ihre bestimmungsgemäße Füllung, die hohlen Wangen rundeten sich und die Mädchen in ihren Röckchen und Blüschen sahen wieder richtig weiblich aus.

Die Währungsreform zog aber auch eine meiner Meinung nach zumindest fragwürdige Änderung der Menschen in ihrer Einstellung zur Nahrung nach sich. Lebensmittel wurden zum käuflichen Allerweltsgut herabgestuft. Man erkannte erste Anzeichen der Dekadenz. Meine Großeltern nannten dieses Verhalten klar und eindeutig: Sünde. Das wird Gott eines Tages bestrafen. Es gab ja nun alles in jeder Menge und jederzeit für Geld zu kaufen. Man musste nun nicht mehr um das tägliche Brot, um das kostbarste Gut Nahrung, kämpfen, beten und sorgfältigst damit umgehen. Soziologen würden diesen gesellschaftlichen Wandel heute etwas semantisch verblasen mit Paradigmenwechsel bezeichnen.

Auch die Einstellung zum Tier änderte sich. In den Hungerjahren hatte es sogenannte unnütze Esser so gut wie nicht gegeben, z.B. Ziervögel, Katzen und Hunde; es sei denn als Mäusejäger oder als Blindenhunde oder als Wachhunde auf Bauernhöfen und dergleichen. Kleinvieh, wie Kaninchen, Hühner, Gänse, Enten hielt dagegen jeder, der nur irgendwie die Möglichkeit dazu hatte. Die Tiere wurden gut gefüttert und ordentlich behandelt, aber ohne Sentimentalität. Sie waren zum Schlachten, Gegessenwerden, also zum Überleben der Menschen da. Das Getreide verwendete man für das kostbare Brot, zum Teil auch für das Bier und normalerweise nicht als Viehfutter bis auf ein paar Ausnahmen: als Zusatzfutter für gute Legehennen, für Schlachttiere am Ende der Mastzeit, damit sie noch recht viel Fett ansetzten. Die vielen Arbeitspferde brauchten natürlich auch Hafer.

Das Rennpferd des kleinen Mannes

Für unser neues Geld (Finanzfachleute bezeichneten die DM nüchtern als Golddollarschattenwährung) gab es nun für jedermann jede Menge Getreide in allen Sorten zu kaufen, sofern man das nötige Kleingeld dazu hatte. Die Liebe zum Rennpferd des kleinen Mannes, zur Brieftaube, flammte wieder auf und verbreitete sich wie eine Epidemie über das Ruhrgebiet. Jeder Brieftaubenzüchter, meistens Kumpel auf einer der vielen Zechen und Mitglied eines Taubenzuchtvereins, wollte natürlich den schnellsten Flieger haben. Und so hätschelte er seine kleinen gefiederten Stars der Lüfte, züchtete sie nach akribisch dokumentierten Stammbäumen und verwöhnte sie mit erlesenen Körnermischungen. Er setzte beim Schicken Wetten auf sie und war sehr stolz auf die gewonnenen Pokale und Urkunden. Samstags steckten die Züchter ihre auserwählten Renner in besondere Körbe und ließen sie gemeinschaftlich mit Lastwagen viele hundert Kilometer an bestimmte Abflugstellen fahren. Dort wurden die Tiere von neutralen Fachleuten beringt und alle zur selben Zeit am Sonntagmorgen fliegen gelassen. Das nennt man schicken.

Die Taubenvadders saßen dann den ganzen Sonntag in ihren Taubenschlägen, Marke Eigenbau, meistens auf dem Dachboden des Wohnhauses gelegen, und suchten sehnsüchtig den Himmel nach ihren gefiederten Lieblingen ab, um ihnen bei Ankunft sofort den Ring vom roten Füßchen abzunehmen und in eine geeichte, plombierte Zeituhr zu stecken. Es musste ja schnell gehen. Jeder hatte so seine besondere Methode, mit unverwechselbaren Lauten (Pfeifen, Trillern, Gurren und dergleichen) seine Tierchen vom Himmel oder Dach in den Schlag zu locken. So manches Drama spielte sich ab, wenn der Vogel zwar als erster auf dem First saß, aber sich viel, viel Zeit ließ, in seinen Schlag zu spazieren. Inzwischen konnten langsamere Tauben beim Nachbarn ruckzuck in das Flugloch flitzen und ihm den 1. Preis wegnehmen. Manche geschickte Tauben kamen überhaupt nicht nach Hause. Sie wurden unterwegs ein Opfer der Wanderfalken, der Habichte, des Hagelsturms oder der Erschöpfung. Manche verflogen sich schlicht und einfach, verhungerten oder hatten Glück und fanden einen fremden Taubenschlag, wo sie dann der Zucht dienen mussten oder bei Nichtgefallen im Kochtopf endeten.

Bald steckte das Taubenfieber auch meinen Stiefbruder Kurt und mich an. In unserer Leidenschaft setzten wir uns wie die vielen Taubenzüchter darüber hinweg, gutes Getreide an Tiere zu verschwenden, die für die menschliche Ernährung völlig unwichtig sind. Um korrekt zu sein, Stiefbrüder waren wir zu der Zeit noch nicht. Meine Mutter war mit seinem Vater erst verlobt, sie heirateten später. Mein Vater war nämlich im Krieg als Soldat gefallen und Kurts Mutter starb ebenfalls kurz vor Kriegsende.

Unser Kleinviehstall stand im Gartengelände hinter dem Haus und war nicht groß, höchstens 2 x 3 m im Grundriss, genau weiß ich es nicht mehr. Größere überdachte Ställe ließen die Vorschriften nicht zu. Aber durch eine Eigenschaft hob er sich von anderen ab. Wir hatten unseren Stall nach dem Umbruch, so nannten die meisten Deutschen damals zurückhaltend das Kriegsende, aus Trümmersteinen gemauert. Die Nachbarn hatten ihre durch die Bombenangriffe zerstörten Ställe wieder aus Holz errichtet. So rissen Kurt und ich in jugendlichem Ungestüm und ohne weiteres Nachdenken das Satteldach unseres Stalles ab und ersetzten es durch ein weiteres Stockwerk aus Brettern, Dachlatten und Teerpappe. Innen bauten wir die gewonnene Etage zum Taubenschlag aus.

Onkel Willi

Den ersten Taubenbestand, ungefähr 12 Exemplare schenkte uns mein Onkel Willi, Ehemann meiner zweitjüngsten Tante mütterlicherseits. Vor nicht langer Zeit war er aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden, abgemagert und mit nur einer Niere, die andere war einer MP-Salve zum Opfer gefallen. Vom Iwan (umgangssprachlich für Russe) sprach er sogar mit einigem Respekt, weil er als Schwerverwundeter im Gefangenenlazarett in Anbetracht der kriegerischen Umstände medizinisch korrekt behandelt worden war. Nach seiner glücklichen Heimkehr legte er zuallererst auf seinem alten Pütt, Zeche Nordstern in Gelsenkirchen, als Knappe an (allgemeindeutsch: er unterschrieb einen Arbeitsvertrag auf der Zeche als Bergmann vor Kohle als Kohlenhauer). Bald darauf machte er die Prüfung und erhielt den Hauerbrief, vergleichbar mit dem Gesellenbrief eines Handwerkers. Darauf war er stolz. Weil er sich tüchtig und zuverlässig zeigte, stieg er recht schnell zum Lehrhauer (Ausbilder von Hauern und Raubern) auf. Die Rauber waren untertage eine höherbezahlte, kleine Spezialmannschaft, die unter erhöhter Lebensgefahr die im modernen Bergbau eingesetzten, sehr teuren hydraulischen Grubenstempel aus den Kohlenflözen, wenn sie ausgebeutet waren, herausbauten. Bei dieser Arbeit konnte sie das unberechenbare Gebirge im Handumdrehen verschütten. Die herkömmlichen und billigen Holzstempel ließ man deshalb einfach stehen.

Onkel Willi war ein Freund der lustigen Feste und überall beliebt, weil er immer ein fröhliches Gesicht machte und stets einen flotten Spruch auf den Lippen trug, selbst dann, wenn sein Lieblingsverein Schalke 04 verloren hatte. Außer den edlen, eleganten Brieftauben züchtete er auch noch Ziertauben. So gurrte und wimmelte es auf seinem Schlag auch von aufgeblasenen Ballonkröppern, niedlichen Haubentauben, stolzen Pfauenschwänzchen und von Exemplaren einer anderen sonderbaren Rasse, deren Füße vor lauter Federbüscheln nicht zu sehen waren.

Kurt und ich konnten uns leider nicht lange — höchstens 4 Wochen — unbeschwert unseres Lebens als Taubenbesitzer erfreuen. Dann kam der Nackenschlag.

Das Bauamt im Wohnzimmer —
oder: geht eine Prophezeiung in Erfüllung?

Eines Nachmittags, als Kurt von der Lehrstelle und ich von der Oberschule kamen, berichtete uns meine Mutter aufgeregt, was sich am Vormittag zugetragen hatte: Der Baupolizist war da und hat sich euren Taubenschlag angeguckt! Uns schwante nichts Gutes.

Hat er was gesagt? fragten wir beklommen.

Nicht viel. Aber er hat ganz finster geguckt und den Kopf geschüttelt. Notiert hat er sich auch etwas. Das hat bestimmt ein böses Nachspiel. jammerte sie. Ich habe euch immer gesagt, lasst den Quatsch mit den Tauben und gebt die schönen Körner lieber den Hühnern, damit sie gut legen. Aber ihr wollt ja nicht hören.

Wir versuchten, sie zu beruhigen: Mutti, da kommt vielleicht gar nichts nach. Der Baupolizist kümmert sich nicht darum, mit was wir unsere Tauben füttern.

Aber ihr habt doch den Stall umgebaut, ohne ihn zu fragen. Der wird das melden und dann gibt`s ´ne Strafe. Kurt fliegt vielleicht aus der Lehre und du von der Schule. Oberschüler müssen sich besonders gut benehmen. — Die Blamage dann vor den Leuten!

Das saß. Uns fiel das Herz in die Hose. Sollte Omas und Opas Prophezeiung doch schon so schnell in Erfüllung gehen?

Was sollen wir denn machen, Mutti?

Ihr müsst sofort zu ihm hingehen und mit ihm sprechen, dass er das nicht weitergibt. Er wohnt doch hier um die Ecke.

Wir kleinlaut: Kannst du nicht mit ihm sprechen?

Meine Mutter konnte nämlich, wenn es nötig war, ihre Anliegen behaupten und durchaus resolut und erfolgreich auftreten. Jetzt aber verweigerte sie sich: Ich als Frau bei der Polizei? — Ihr seid groß genug und könnt das alleine! — Geht mal in seine Wohnung!

Ich bin sicher, sie wäre für uns in die Bresche gesprungen, wenn wir versagt hätten. Aber so sagte sie sich wohl, dass ihre sechzehn-, siebzehnjährigen Küken auch in dieser Hinsicht flügge werden müssen.

Wo der Baupolizist wohnte, wussten wir: keine 300 m weiter. Wir hatten ihn schon oft gesehen, wenn er vom Dienst nach Hause ging — mit langen, stakkatoartigen Schritten. Er war schlank und hochgewachsen, schwarzhaarig mit langem Faconschnitt. Oft trug er einen breitkrempigen Hut über seinem unbeweglichen, ernsten Gesicht. Er wirkte unnahbar, fast abweisend. Sein bloßer Anblick hat sicher manche illegale Bauabsicht im Keim erstickt. Zu dem sollten wir hingehen und kleine Brötchen backen?! War ja schlimmer als zum Direx (Schuldirektor) zitiert zu werden. Aber uns blieb nichts anderes übrig als schnell die Flucht nach vorne anzutreten. Schon morgen in seinem Amt könnte er eine Akte anlegen und unseren Fall ins Rollen bringen, dann wäre es zu spät. — Selbst wenn ich nicht von der Schule fliegen würde, hätten meine Mutter, meine kleine Schwester und ich ein echtes existentielles Problem. Das übliche Schulgeld für die Oberschule betrug damals 20 DM im Monat. Dazu kamen noch die Ausgaben für Bücher und andere Lehrmittel. Das konnte meine Mutter von ihrer schmalen Witwen- und Waisenrente nicht aufbringen. Aber mir wurde Schulgeldbefreiung gewährt, weil ich die gesetzlichen Voraussetzungen bedürftig und würdig erfüllte. Bedürftig deshalb, weil mein Vater, also mein Ernährer gefallen war. Aber ich musste beweisen, dass er mich noch vor seinem Tod auf die höhere Schule geschickt hatte. Als würdig galt derjenige, der konstant überdurchschnittliche schulische Leistungen brachte und einen guten Leumund vorweisen konnte. Dieser gute Leumund war nun in Gefahr und somit die Schulgeldbefreiung.

Also rissen wir all unseren Mut zusammen, bürsteten unsere Kleidung ab und putzten die Schuhe. Los ging’ s in die Höhle des Löwen, so zwischen 18 und 19 Uhr.

Seine Frau, eine höfliche, adrette Brünette öffnete auf unser Klingeln: Ja bitte? fragte sie floskelhaft.

Wir: Könnten wir bitte Ihren Gatten sprechen?

In welcher Angelegenheit?

Es ist dienstlich und dringend und es geht um unseren Taubenschlag.

Dann kommen Sie morgen zu ihm ins Amt. In eindeutiger Weise ergriff sie schon die Türklinke.

Ich machte noch einen letzten Versuch: Aber das geht nicht, ich muss morgen früh in die Schule, wir schreiben eine Klassenarbeit. Und mein Bruder darf nicht in der Lehrwerkstatt fehlen, sonst wird er vielleicht nicht zur Gesellenprüfung zugelassen. Ich übertrieb ein bisschen.

Das wirkte. Sie bedeutete uns stehenzubleiben und verschwand durch eine andere Tür in der Wohnungsdiele. Nach wenigen Augenblicken erschien sie wieder und winkte uns schweigend ins Wohnzimmer.

Da saß er nun auf dem Sofa, Typ Oberleutnant oder Hauptmann. Von ihm hing unser Taubenschlag, unser polizeiliches Führungszeugnis und überhaupt unsere ganze Zukunft ab, so meinten wir. Vorher hatten wir uns zurechtgelegt, wie wir auftreten wollten. Ein Schuss Zerknirschtheit und Reue wäre gut, aber ansonsten aufrecht und wacker unser Tun eingestehen und um Nachsicht bitten. Bei der Wahrheit bleiben, aber auch richtigerweise deutlich sagen, dass wir die einschlägigen Vorschriften aufgrund unserer Jugend nicht kennen, sie aber in Zukunft beachten werden. Die Eltern aus der Sache heraushalten, damit sie nicht belangt werden, weil wir noch nicht volljährig waren. Auch die soziale Mitleidskarte ziehen, auf der steht: Halbwaisen, ausgebombt, Vater gefallen, Mutter arm, kleine Schwester, eine Strafe würde unsere Zukunft in Schule und Ausbildung schwer belasten.

Warum sind Sie hier? fragte er geschäftlich kühl und ließ uns stehen. Sein wacher, abschätzender Blick verriet, dass er zuerst schwankte, ob er uns duzen oder siezen sollte.

Wegen des Taubenschlags möchten wir mit Ihnen sprechen.

Sie haben ihn gebaut ohne Genehmigung. Das ist verboten! erklärte er mit steinerner Amtsmiene.

Ich trug ihm unser abgesprochenes Verslein mit flatternden Nerven vor und legte noch spontan nach: Wenn wir den Taubenschlag abreißen müssen, dann müssen unsere unschuldigen Tauben geschlachtet werden, nur weil wir Jungens einen Fehler begangen haben. Das bringen wir nicht übers Herz.

Ein abschätzender Blick traf uns. Wie würde er wohl reagieren.

Statt einer Antwort griff unser Gegenüber mit energischer Bewegung nach seiner vollen, aber nicht prallvollen Aktentasche, die am Sofafuß lehnte. Sie war aus schwarzem, genarbten Leder, damals ein untrügliches Zeichen staatlicher Autorität. Ihre zwei Schnappschlösser wiesen ihren Träger mindestens als Beamten des mittleren, wenn nicht gar des gehobenen Dienstes aus. Die Aktentaschen für den einfachen Dienst besaßen nur einen Verschluss, meist ohne abschließbares Schloss. Er holte eine Kladde heraus, wahrscheinlich sein Notizbuch für den Außendienst, und schrieb bedeutungsvoll etwas hinein. Kurt und ich platzten fast vor Spannung. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten.

Endlich gab er seine Entscheidung bekannt: Ich lasse es ein Jahr auf sich beruhen, aber merken sie es sich! Damit waren wir entlassen und verschwanden mit einem Vielen Dank. - Gefühlt haben wir uns wie nach einem Sieg im Pokalendspiel.

Unseren Tauben hat dieser Sieg im Umgang mit der Staatsmacht nicht lange genützt. Bald darauf drang nachts ein Raubtier — ein Marder oder eine Katze — in den Schlag ein und brachte unseren gesamten Schwarm um. Kurt und ich konnten es nicht fassen und waren sehr niedergeschlagen. Wir verloren die Lust an der Taubenzucht, denn vor solchem Raubzeug konnte unser freistehender Taubenschlag auf die Dauer nicht wirksam schützen. Auch hatten wir als angehende junge Männer inzwischen Schöneres im Kopf.

Zur Ehrenrettung des Baupolizisten will ich erwähnen, dass es nicht sein Stil war, ungenehmigte Taubenschläge aufzuspüren und schwer arbeitenden Menschen ihr kleines Freizeitvergnügen zu vergällen. Wir müssen wohl von einem missliebigen Nachbarn denunziert worden sein, der fürchtete, unsere Tauben würden seine keimenden Gemüsesaaten wegfressen. Wir hatten auch einen starken Verdacht und sannen auf Rache. Beispielsweise hätten wir seine Hühner aus dem Außenkäfig heimlich entlaufen und die Saaten wegpicken lassen können oder Hunde durch seine frischen Beete jagen und verwüsten lassen. Aber mit Rücksicht auf die unschuldigen Tiere sahen wir Gott sei Dank davon ab, weil wir inzwischen viel Besseres zu tun hatten. Das Bauamt hatte auch Besseres zu tun und sich nicht mehr um unseren unbedeutenden Taubenschlag gekümmert.

So bekam Kurt ungefährdet seinen Gesellenbrief, ich später mein Abiturzeugnis, unsere verwitweten Eltern ihren zweiten Trauschein, Trizonesien sein Grundgesetz als junge Bundesrepublik Deutschland, das Saarland seinen Anschluß an Deutschland, Berlin seine Blockade sowie die Luftbrücke mit Rosinenbombern, Korea seinen Krieg, VFR Mannheim sensationell den Titel eines deutschen Fußballmeisters im Endspiel gegen Borussia Dortmund usw., usw.

Der Kohlenpott heute

Diesen Namen verdient die Region zwischen Duisburg und Dortmund, zwischen Hagen und Recklinghausen heute nicht mehr. Die meisten Zechen sind stillgelegt und die Berg- und Hüttenleute arbeitslos oder umgeschult. Die riesigen Räder auf den weithin sichtbaren Fördertürmen drehen sich nicht mehr. Im Vergleich mit ausländischer Kohle ist deutsche Steinkohle zu teuer geworden und schlummert wie seit vielen Millionen Jahren unberührt durch Kumpelhände im Bauch von Mutter Erde. Kokereien und Hüttenwerke mit weltbekannten Namen wurden Opfer der Abrissbirne. Im Land der tausend Feuer, wo früher rund um die Uhr irgendwo immer ein Ofen abgestochen, Koks gedrückt, glutflüssige Hochofenschlacke auf Halde gekippt wurde und die Gegend erhellte, sind nun die Nächte wirklich dunkel. Die gewaltigen, zum Himmel ragenden Schlote speien nicht mehr tonnenweise Staub und Gas in die Atemluft. Menschen müssen sich nicht mehr Briketts aus den Augen reiben.

Das Revier dröhnt, qualmt und stinkt nicht mehr. Wirtschaftspolitische Entwicklungen und Umweltschutz haben ihr historisches Werk gründlich getan.

Heute ist die Luft sauber, Flüsse und Seen sind wieder klar. Breite Autobahnen durchziehen das Land. Fabrikhallen verwandelten sich in Kultur- und andere Veranstaltungsstätten. Kein Kind muss mehr infolge der Englischen Krankheit (Rachitis durch UV-Mangel) krummbeinig herumlaufen oder sterben. Dafür ist der Hautkrebs auf dem Vormarsch. Erwachsene erhalten Hartz 4 oder Arbeit und Lohn in sogenannten weißen Betrieben. Hausfrauen und —männer müssen sich nicht mehr um ihre saubere Wäsche auf der Leine ängstigen.

Tauben fliegen noch, und der Pott prangt wieder in seiner ursprünglichen landschaftlichen Schönheit.