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Weihnachtsgeschichten

Es fällt mir schwer, eine selbst erlebte Weihnachtsgeschichte zu schreiben, weil es in meinem Leben die Weihnachtsgeschichte nicht gibt. Die meisten Weihnachtsfeiertage liefen nach herkömmlichen Regeln fast gleichförmig ab wie bei vielen Menschen. Doch gab es auch einige, in denen ganz besondere Dinge der unterschiedlichsten Art geschahen. Jede Beschreibung für sich wäre vielleicht ein unterhaltsamer Lesestoff. Aber ich täte den anderen unrecht, wenn ich eine Einzige bevorzugen würde.

Dennoch - wir befinden uns ja in der Erinnerungswerkstatt - will ich mich mit Schaudern kurz an 1944 und dann viel lieber an 1935 erinnern.

Meine letzte Kriegsweihnacht

Weihnachten 1944: Mein Vater war im Oktober gefallen, mein Lieblingsonkel, Onkel Hans, Anfang Dezember. Dessen kleiner Sohn, 3 Monate jung, hatte vereiterte Muttermilch getrunken und lag im Sterben. Meine weiblichen Verwandten trugen alle Schwarz und hatten meistens verweinte Augen. Doch viel Zeit zum Trauern ließen uns die Kriegsereignisse nicht. Die Männer ab 17 waren nicht mehr zu sehen, weil sie entweder an der Front oder im Heldengrab (damals offizieller Sprachgebrauch) lagen. Mein Opa (65) war eine Ausnahme. Trotz seiner vierjährigen Fronterfahrung im 1. Weltkrieg war er nun zu alt, sogar für den Volkssturm und den Werwolf, was auch ideologisch gar nicht zu ihm gepasst hätte. Meine Mutter todkrank mit Herzmuskelentzündung; kleine Schwester doppelte Lungenentzündung mit fast 42° Fieber. Wohnung ausgebombt, wir lebten überwiegend im überfüllten, verwanzten Hochbunker am Marktplatz. Die russische Krätze juckte unerträglich. An Hygiene war kaum zu denken, nur ans Überleben. Wenn in der Trümmerwüste irgendwo noch ein Lebensmittelladen mit halbwegs vier Wänden stand, war es meine Aufgabe, in den Pausen zwischen Bomben- und Tieffliegerangriffen für ein Brot oder 1/8 Pfund Wurst Schlange zu stehen und die kostbare Ware im Sprinttempo in den rettenden Bunker zu bringen. Mit meinen 11 Jahren war ich ja leicht, wendig und schnell. Gräßlicherweise führte der Weg immer an den menschlichen Opfern der Angriffe oder deren Überreste vorbei, die das Trümmerräumkommando (ausgehungerte Sträflinge, kantig und grau wie der Schutt) zur Identifizierung, Zählung und zum Abtransport auf dem freien Platz vor dem Bunkereingang akkurat zu stapeln hatte. Ordnung musste sein, selbst im Chaos. Weitere Einzelheiten, die sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt haben, zu beschreiben, sträubt sich Gott sei Dank meine Feder und der Respekt vor den Gefühlen des geneigten Lesers.

In dieser realen Lage lebten Christbaum, Geschenke, Weihnachtsfeier und alles, was normalerweise dazu gehört, nur in meiner Erinnerungs- und Wunschwelt. Der Weihnachtsgruß ...und Frieden auf Erden... wollte keinem von uns über die Lippen gehen, er wäre auch an Zynismus nicht zu überbieten gewesen.

Meine erste Weihnacht

Nun, wie vorher versprochen,zu meiner zweiten Erinnerung im Leben überhaupt, zu Weihnachten 1935:

Jemand holt mich aus dem Bett. Ich weiß nicht mehr, wer es ist. Jedenfalls eine Frau, wahrscheinlich meine Mutter. Sie trägt mich auf dem Arm. Es ist dunkel. Ich weiß nicht, ob es Abend oder Morgen (also 1. Weihnachtstag) ist.

Sie trippelt mit mir fröhlich — ich fühle es — aus dem unbeleuchteten Schlafzimmer in Richtung nebenan liegende Wohnküche. Sie flüstert mir geheimnisvoll etwas Liebes ins Ohr. Die Tür schlägt auf, und ich reibe meine schlaftrunkenen Augen. In der Raummitte steht auf einem kleinen Beitisch ein weihnachtlicht geschmücktes Nadelbäumchen. Seine brennenden Wachskerzen strahlen ein warmes, weiches Licht aus. Drumherum mein Vater und einige Tanten. Aber nun der Kick:

Um den Baum herum auf dem Tisch fährt eine Spielzeugeisenbahn. Die Gleise liegen in einem einfachen Kreis. Die Lokomotive ist wie ein Uhrwerk mit einem Schlüssel aufziehbar und zieht einen Kohlentender und einige Personenwagen hinter sich her. Laufzeit ungefähr 1 Minute. Wenn sie fährt, gibt sie- für meine damaligen Ohren — einhimmlisches, helles Sirren von sich. — Ein Traum von einem Spielzeug! Die Freude durchzuckt mich wie ein Blitz, und ich kann mich an nichts mehr erinnern.

Viel später — wahrscheinlich nach einigen Jahren — erzählt mir meine Mutter, dass ich damals vor Freude spontan krank geworden bin und die Feiertage mit Fieber im Bett verbringen musste. Ich war damals 2 Jahre, 10 Monate und 25 Tage alt.

Meine Frau glaubt mir heute noch nicht, dass ich mich so weit zurück erinnern kann. Aber es ist tatsächlich wahr. So wahr, wie es Weihnachten gibt.