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Zum besseren Verständnis lesen Sie bitte erst die beiden Weihnachtsgeschichten von Herrn Matiba

Im Kinderparadies - Ein Vorweihnachtserlebnis

Viel, viel später, als ich imstande war, Erinnerungen kausal zu verknüpfen, konnte ich meine Krankheit durch Freude Weihnachten 1935 nur so erklären:

Meine damals junge Mutter (25) fuhr gerne nach Frauenart hin und wieder in die Stadt zum Shopping, würden wir heute neudeutsch sagen. Mich, den kleinen Knirps nahm sie natürlich mit. Wir fuhren vom Vorort Langendreer, wo wir wohnten, mit der elektrischen Straßenbahn, Linie 20, ca. 30 Minuten in den historischen Kern der Großstadt Bochum bis zur Haltestelle Kortumstraße. Alles später im Bombenhagel untergegangen. Dann schlendern und Schaufensterauslagen begucken. Anschließend der Höhepunkt: Hinein ins riesige, mehrstöckige Kaufhaus Kortum mit seinen für damalige Verhältnisse sensationellen Rolltreppen. Alles gab es unter einem Dach zu kaufen.

Nun zurück zu Weihnachten 1935. Kurz vor dem Fest nahm mich meine Mutter (Mutti) zum allerersten Mal mit nach Bochum, weil ich inzwischen schon laufen konnte. Hier der unauslöschliche Erinnerungsfetzen:

Mein erster Aufenthalt in diesem gewaltigen Kaufhaus hat mich unbeschreiblich fasziniert. Weniger die Kleidungs- und Möbelabteilungen in den unteren Etagen, als die Spielzeugabteilung im obersten Stockwerk. Mir offenbarte sich dort eine Märchenwelt. Es gab in großen Mengen jede Art von Puppen, Teddybären, Clowns, Baukästen, Bällen, kurz Spielzeug aller Art aus Holz und aus Metall. Vieles hatte ich in meinem jungen Leben noch nie gesehen. Die absolute Krönung waren die selbständig fahrenden Eisenbahnen aus Metall, sogar elektrische gab es. Alles strahlte und glitzerte in den buntesten Farben. Dann die seltsamen Gerüche, die unbekannten Geräusche, die vielen Menschen. Ich muss vor Staunen Mund und Augen weit aufgerissen und stocksteif gestanden haben.

Plötzlich ein eiskalter Schock! Mutti war weg! Das heißt, ich sah sie nicht mehr, nur noch die verschiedensten Mäntel fremder Menschen um mich herum in Bewegung. Aus meiner Froschperspektive erschienen sie mir wie eine unbezwingbare, drohende Mauer. Ein schreckliches Gefühl der Verlorenheit ergriff mich. Ich schrie erbärmlich. — Was ich damals nicht wusste: Meine Mutter hatte heimlich, ohne dass ich es merken sollte, die Spielzeugeisenbahn, die ich Weihnachten geschenkt bekam, gerade gekauft. Dabei hatte sie mich natürlich immer im Auge, aber ich sie nicht.

Dann der nächste Höhepunkt auf der Achterbahn meiner Gefühle: Wie aus dem Boden gestampft, stand Mutti vor mir. Ich flog auf sie zu, klammerte mich an sie und ließ sie nicht mehr los.

Als ich mehrere Tage später solch eine Eisenbahn, meine Eisenbahn, Weihnachten unter dem Christbaum fahren sah, muss ich mich an die Erlebnisse in der Spielzeugabteilung bei Kortum erinnert haben. Mutti hatte mir allerdings vorher klar gemacht, dass wir arm, und all die schönen Sachen für mich unerreichbar sind (mein Vater war damals erwerbslos wie sechs Millionen andere Menschen). Das, was ich sehnlichst erwünscht, aber nie erwartet hatte, war nun eingetreten. Ein Stück Paradies kam zu mir, vom Christkind gebracht. Dieses Glück, diese Freude hat mich umgehauen.

Aus dieser paradiesischen Spielzeugabteilung bei Kortum war ich — auch in den folgenden Jahren — nur mit Gewalt oder Bestechung wegzubringen. Mutti entschied sich klugerweise für die zweite Methode, indem sie mir eine kleine Tüte rote und weiße Kokosflocken (heute noch meine Lieblingssüßigkeit) kaufte. Anschließend kehrte sie mit mir zum Mittagessen in die Uhle, einen altdeutschen Gasthof mit ausgestopften Tieren als Dekoration, ein und bestellte Eisbein mit Sauerkraut, unser beider Lieblingsgericht.

Nie werde ich diese schönen Tage vergessen.