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Beerdigung mit dem Segen von oben

Der Februar 1945 war mild und sonnig. Bestes Flugwetter. Sehr zu unserem Leidwesen. Feindliche Tiefflieger, genannt Jabos (Jagdbomber), machten unser Leben in diesen letzten Kriegstagen noch unsicherer als es schon war. Die Bombergeschwader ließen sich noch einigermaßen ausrechnen. Nachts flogen die Briten, tagsüber die Amerikaner. Sie wurden durch dreifachen Fliegeralarm (Sirenengeheul) - Voralarm, Vollalarm, akuten Alarm - angekündigt. Die Zeit war zwar kurz, um sich in den Keller, besser in den Bunker in relative Sicherheit zu bringen, aber es gab wenigstens noch einige Minuten Zeit.

Vor Tieffliegern jedoch warnte uns niemand. Innerhalb weniger Sekunden erschienen sie wie aus dem Nichts. Sie fegten knapp über die Dächer und Bäume hinweg und schossen auf alles, was sich bewegte. Manchmal konnte man sogar die Hautfarbe des Piloten erkennen. Erschien ihnen ein Ziel lukrativ genug, belegten sie es zusätzlich mit ihrer Splitterbombe, mit der jeder Jabo außer den Bordkanonen bewaffnet war. Sobald man draußen ihr helles Jaulen hörte, tat man gut daran, sich sofort flach, möglichst in volle Deckung hinzuwerfen nach dem Motto: Besser Dreck an den Klamotten als Löcher in der Haut.

In letzter Zeit nahmen diese bösartigen Hornissen überhand. Deutsche Luftabwehr gab es nicht mehr. Kein deutscher Soldat war zu sehen und kein Flakgeschütz ballerte mehr. Erst nach Kriegsende wussten wir, warum. General Eisenhower, der amerikanische Oberkommandierende, hatte befohlen, das Ruhrgebiet in dessen Mitte wir derzeit lebten, in Gelsenkirchen-Horst, durch eine Kesselschlacht zu erobern. Daraufhin zog das deutsche Oberkommando fast alle Truppen aus dem Kessel ab Richtung Berlin bis auf ein paar kümmerliche Volkssturmeinheiten. Sie wurden ergänzt durch einen Haufen fanatisierte 14 - 15jährige Hitlerjungen, die die übermächtige alliierte Kriegsmaschine aufhalten sollten. Alle starben bald den Heldentod, weil sie den Führerbefehl bedingungslos befolgten, der ihnen immer und immer wieder eingehämmert wurde: ‚Deutschland lebt, auch wenn wir sterben müssen!’ - Und es gab noch einige Heldenparolen mehr, durch die gerade junge Menschen sehr leicht zu begeistern sind. Der erbarmungslose Luftkrieg der Alliierten gegen die Zivilbevölkerung, dessen Terror wir tagtäglich am eigenen Leibe spürten und die Nachrichten über Gräueltaten in Ostdeutschland schürten zusätzlich den Opfermut.

So saßen wir denn schutzlos im immer enger werdenden Kessel und wurden nach allen Regeln der Kriegskunst von oben beharkt. Wir Zivilisten waren natürlich nicht über die wahre Lage informiert. Die Göbbels’sche Propagandamaschine lief noch auf Hochtouren. Uns wurde vorgegaukelt, der Endsieg sei nahe. Bald würde der Führer seine Wunderwaffe einsetzen und aus wäre es mit den mörderischen anglo- amerikanischen Terrorbombern und, und, und. Wir an der Heimatfront müssten nur noch eine Weile durchhalten und nicht kapitulieren. Weitere, noch schlimmere, aber authentische Propagandaparolen möchte ich hier nicht wiederholen, weil bekanntermaßen Zeitzeugenberichte und unwiderlegbare Fakten je nach politischer Couleur falsch verstanden oder missbraucht werden können. Viele glaubten den Tiraden, weil sie keine anderen Informationen bekamen. Feindsender hören und abgeworfene Flugblätter lesen, war bei schwerster Strafe verboten. Die wenigsten hatten ein Radio. Diejenigen, die durch verbotene Kanäle besser informiert waren, wagten es kaum, ihr Wissen weiterzugeben aus Angst, wegen Wehrkraftzersetzung standrechtlich erschossen zu werden.

In dieser schlechten Zeit starb mit 4 Monaten der kleine Hans Peter, mein jüngster Cousin. Er war von Natur aus ein strammes und gesundes Kind. Aber Tante Lisbeth, seine Mutter, die ihn stillte, erlitt eine schwere Brustentzündung. Im Keller des bombardierten Krankenhauses wurde sie notdürftig operiert. Der Kleine musste sie begleiten. Nach der Operation wurde er krank. Tante Lisbeth konnte ihn nicht mehr stillen. Kuhmilch gab es nur unregelmäßig, Babynahrung überhaupt nicht. Er schrie Tag und Nacht. Kein Kinderarzt war aufzutreiben. Der alte Hausarzt war am Ende seines Lateins. Alle Frauen kümmerten sich fürsorglich um den kleinen Kranken im Rahmen ihrer sehr beschränkten Möglichkeiten. Meine Großmutter betete für ihn in jeder freien Minute. Sie war die gläubigste sowie auch eine der hilfsbereitesten und tatkräftigsten Frauen, die ich je gekannt habe.

So beendete Hans Peter eines Tages sein kurzes Leben in den Armen von Oma, indem er ganz still wurde, kurz aufseufzte und sich lang streckte. Ich stand daneben und habe es genau gesehen. Es war gar nicht so einfach, seinen Tod amtlich feststellen zu lassen. Aber dann kam doch der alte Arzt zwischen zwei Fliegeralarmen hastig ins Haus, sah den abgemagerten, kleinen Körper kurz an, kondolierte, kritzelte etwas auf den Totenschein und verschwand sofort.

Das Begräbnis war ebenfalls eine lebensgefährliche Angelegenheit. Die kleine Trauergemeinde bestand nur aus meinen Großeltern, meiner Mutter und einigen Tanten. Wegen der dauernden Gefahr durch Tiefflieger ließen sie mich zu Hause und vertrauten mir meine kleine Schwester Doris (4) und meine Cousine Gerda (8) an. Bei Vollalarm sollte ich mit ihnen in den Bunker rennen. Der Friedhof lag nicht weit weg. Während wir Kinder auf die Rückkehr der Erwachsenen warteten, hörten wir das uns bekannte, durch Mark und Bein dringende Motorengeheul von Jabos und das Rattern ihrer Bordwaffen. Die Mädchen weinten und wollten panikartig in den Bunker rennen. Ich hielt sie zurück und schrie: Hier geblieben! Draußen lauern doch Tiefflieger!

Endlich kehrte die Trauerschar zurück. Ich sah sofort, was geschehen war. Diesen wirren Blick in ihren Augen kannte ich zu Genüge von Menschen, die gerade einen Angriff knapp überlebt hatten. Ihre gute Kleidung, sie hatten ja zu diesem Anlass ihre besten Sachen angezogen, war völlig verdreckt.

Die Schweine haben auf uns geschossen! Wir mussten uns in die Büsche schmeißen! schrie meine jüngste Tante Gertrud (19). Ihre Nerven waren nicht mehr die besten, seitdem sie bei einem Fliegerangriff in ihrer Hochzeitsnacht im Keller verschüttet und bewusstlos ausgegraben worden war.

Der Pastor konnte nur noch ins offene Grab springen! Um diesen Segen von oben hat er nicht gebetet! Tante Gertruds flottes Mundwerk und ihr Humor in allen Lebenslagen ließen sie auch dieses Mal nicht im Stich.

Und meinen neuen Mantel haben sie zerschossen! weinte Tante Malchen (23). Sie hieß Amalie, wurde aber von allen wegen ihrer Herzlichkeit nur ‚Malchen’ gerufen. Die Tränen rannen über ihr Gesicht und sie zeigte uns Kindern dieses wirklich schöne Kleidungsstück, auf das sie so stolz gewesen war. Ein Mantel war damals überhaupt viel wert, und sie hatte ihn glücklicherweise noch auf Bezugschein ergattert. Nun hing er schlapp am Kleiderhaken, völlig verdreckt und in seinem unteren Bereich klaffte ein großes, hässliches Loch mit zerfransten und verkohlten Rändern. Mit Kunststopfen war da wohl nichts mehr zu machen.

Hat das Geschoss dich denn nicht getroffen? fragte ich ungläubig.

Nein, schluchzte sie, ich bin heil, kein Kratzer, aber mein schöner, neuer Mantel ist hin.

Einerseits freuten wir uns natürlich, dass niemand einen körperlichen Schaden erleiden musste. Andererseits hatten wir auch eine Mordswut auf die Flieger, die doch sehen mussten, wen sie vor ihren Kanonenrohrmündungen hatten.

Tante Malchen war einige Tage untröstlich. Ihr schöner, aber nun zerschossener Mantel beherrschte lange das Tagesgespräch. Denn Gefahren, Angriffe, auch Zerstörungen und Tod waren damals Alltag. Aber den feigen Angriff auf eine wehrlose, friedliche Beerdigungsgesellschaft und die Tatsache, dass Tante Malchen nicht selbst, sondern nur ihr Mantel getroffen wurde, das gab´s nicht jeden Tag.