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Die flambierte Hand

Es war die Zeit im Frühling zwischen der Eroberung unseres Wohnortes im Ruhrgebiet, dem riesigen industriellen Ballungsgebiet, durch amerikanische Truppen am Karfreitag 1945 und der Kapitulation des Deutschen Reiches am 08. Mai 1945. Unsere Wohnung in Bochum-Werne war durch Bomben zerstört. Gott sei Dank fanden meine Mutter, meine kleine Schwester Doris (4) und ich seit dem 15. Januar 1945 knapp 30 km weiter bei meinen Großeltern in Gelsenkirchen-Horst Unterschlupf zusammen mit vier ebenfalls ausgebombten Tanten und Cousine Gerda (8), also insgesamt zehn Personen in zwei ramponierten, aber notdürftig hergerichteten Zimmern. Meine Großeltern wohnten zur Miete in einer 3-Zimmerwohnung in einem dreistöckigen Doppelhaus. Die Nachbarhaushälfte lag nach einem Volltreffer in Trümmern, und von der Wohnung meiner Großeltern war ein Zimmer nicht mehr bewohnbar. In dieser Straße hatten die Bomben kein Haus verschont.

Seit der Besetzung war endlich der grauenhafte Luftkrieg für uns vorbei. Wir konnten wieder die Nächte durchschlafen und mussten nicht voll bekleidet (außer Schuhe und Mantel) im Bett liegen. Es war aber auch eine wilde Zeit. Die deutsche Staatsmacht konnte nicht mehr für Ruhe, Recht und Ordnung sorgen, es gab keine Polizei mehr. Die Besatzungsmacht schützte sich zuallererst selbst.

Die Zivilbevölkerung hatte also keinen Schutz vor kriminellen Elementen und — was wir am meisten fürchteten — vor den zehntausenden Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die wie Arbeitssklaven in den umliegenden großen Industriebetrieben unter Bewachung hatten schuften müssen. Von der Besatzungsmacht befreit, waren sie nun praktisch die Herren und machten, was sie wollten. Ihre Rache und aufgestaute Wut zusammen mit der Euphorie, überlebt zu haben, brach unter Alkoholexzessen in roher, willkürlicher Gewalt aus. Die unmenschlichen ihrer ehemaligen Lageraufseher schlugen sie kurzerhand tot, wenn sie sie erwischten.

Den ganz normalen Bürgern nahmen sie auf offener Straße Geld, Uhren, Schmuck ab, vor allem Fahrräder — damals die einzigen zivilen Verkehrsmittel außer Handkarren. Fast alle ehemaligen Gefangenen konnten gar nicht Rad fahren, meinten aber, es sofort lernen zu können. So setzten sie sich auf den Sattel, oft noch betrunken und glaubten, der Drahtesel befolge nun ihren Willen. Was tatsächlich geschah, war ein wildes Strampeln, Stürzen und Fluchen. Wir mussten uns kaputtlachen, durften es aber nicht zeigen und verschwanden schleunigst aus ihren Augen. Aus Ärger verprügelten sie die Beraubten, weil ihre Fahrräder so wackelig waren und sie verlangten stabile.

Sie drangen auch in Häuser ein und nahmen alles mit, was sie gebrauchen konnten oder meinten, dass sie es gebrauchen konnten. So montierten einige sogar Wasserhähne, Wasserklosetts und Lichtschalter ab. Nichts war vor ihnen sicher.

Mein Opa, damals 61 Jahre alt, arbeitete als Schießmann auf der Zeche. Seine Aufgabe bestand darin, unter Tage die Kohle zu sprengen (schießen, sagt der Bergmann), wenn das Flöz (Kohleader) mächtig genug war, also mindestens zwei bis drei Meter dick. Er beherrschte den Umgang mit Sprengstoffen aus dem Effeff, weil er im Ersten Weltkrieg bei der Artillerie gekämpft hatte. Diese Stoffe, das wusste er, dulden keinen Fehler. Es gibt keinen zweiten Versuch, keine Ausnahme, keinen Gnadenweg. Aber sie sind völlig harmlos, wenn man alle Sicherheitsvorschriften genau beachtet.

Bei seiner Arbeit benötigte mein Großvater allerdings Helfer. So wurde ihm eine Kolonne polnischer oder russischer Zwangsarbeiter zugeteilt. Er hatte Mitleid mit den armen, hungernden Kerlen und behandelte sie menschlich. Für ihn war das selbstverständlich im Rahmen der christlichen Nächstenliebe. Als Vorsitzender des ostpreußisch-evangelischen Gebetsvereins (er stammte aus dem Kreis Ortelsburg in Ostpreußen) lebte er seinen Glauben mit Herz und Hand, ebenso meine Großmutter. Oft brachte er ihnen von zu Hause heimlich Butterbrote oder andere Lebensmittel mit auf den Pütt (Zeche). Doch er musste höllisch aufpassen. Auf dieses Delikt stand für ihn der Abtransport ins KZ und für seine Mannschaft der Galgen.

Diese humane Behandlung hatten ihm seine Leute nicht vergessen. Das Vertrauensverhältnis blieb auch nach dem Umbruch (unser damaliges beschönigendes Wort für Niederlage und Besetzung, denn wer verliert schon gerne einen Krieg — trotz allem). So ging Opa dann, wenn uns mal wieder Fahrräder geraubt worden waren, mutig ins Lager zu seinen Ehemaligen und beklagte sich. Das war sehr gefährlich, denn nicht alle dort kannten ihn. Sie waren unberechenbar, wenn sie ihre wilden Saufgelage feierten. Doch er schaffte es, weil er mit ihnen umging wie mit seinen Sprengstoffen, vorsichtig und gelassen, ohne Angst, aber mit großem Respekt.

Am nächsten Tag brachten sie uns Fahrräder — aber meistens nicht unsere eigenen. Doch was sollten wir machen, so nahmen wir eben diese an. Das wiederholte sich mehrere Wochen, bis die Amerikaner die Läger aufgelöst hatten.

Opa, was tun die bloß mit den geklauten Wasserhähnen und Lichtschaltern? fragte ich ihn eines Tages.

Manche von ihnen haben einfach den Wasserhahn in die Wand gehauen, das WC-Becken aufgestellt und den Lichtschalter an die Wand genagelt in dem Glauben, nun käme Wasser und Strom heraus. Aber lache nicht in deren Gegenwart, sie sind schnell beleidigt, schärfte er mir ein. Als ich meinen Mund vor Lachen und Staunen wieder zukriegte, begriff ich. Woher sollte z. B. ein Mensch aus den unendlichen Weiten Sibiriens den Umgang mit Strom- und Wasserleitungen kennen?

Eines Tages stampften drei seiner ehemaligen Helfer etwas angesäuselt in Opas Wohnung. In einem großen Tuch schleppten sie etwas Dickes, Schweres und ließen es auf den Tisch plumpsen. Sie schlugen das Tuch zurück und zum Vorschein kam eine große, frische Rinderkeule. Wir zehn hungrigen Mäuler machten begehrliche Stielaugen. Soviel Fleisch würde — gut gestreckt — unser tägliches fettloses Pellkartoffel- und Brennnesselgemüseeinerlei einige Wochen erträglicher machen.

Du Fleisch für Schnaps! radebrechte der Wortführer.

Wir Kinder nickten alle sofort, obwohl wir ahnten, woher das Fleisch stammen konnte. Hatten wir doch gehört, dass sie sich ohne Hemmungen auch das Vieh auf der Weide aneigneten. Aber Not bricht alle Gesetze. Die Bauern waren machtlos. Vae victis! (Wehe den Besiegten, sagten schon die Römer).

Wir guckten Oma an. Doch sie machte ein betrübtes Gesicht und zuckte die Achseln. Das letzte bisschen Schnaps haben doch die Amerikaner gekriegt für Kerzen. Es stimmte, denn wir hatten ja noch kein fließendes Wasser und auch keinen Strom. Die Kerzen waren ganz wichtig für die dunklen Stunden.

Nun guckten wir Opa an. Doch dessen Miene strahlte ebenfalls keine Hoffnung aus.

Auch nicht im Keller bei Geep? flehte ich.

Da ist auch kein Tropfen mehr, brummte er mürrisch.

Geep hieß nämlich der Besitzer der Kneipe gegenüber. Er war PG (Parteigenosse) und geflohen. Opa musste in den vergangenen Tagen wiederholt amerikanische Soldaten in den Bierkeller führen, den sie dann plünderten. Führen ist in diesem Fall sehr diplomatisch ausgedrückt, denn sie zwangen den unbewaffneten, alten Mann mit schussbereiten Gewehren voranzugehen und eine Kerze anzuzünden. Dann erst wagten sie sich selbst hinein. Dieses für mich feige Verhalten und die Tatsache, dass sie Schuhe mit lautlosen Gummisohlen trugen statt eisenbeschlagene Stiefel wie deutsche Soldaten und sich keine zwei Kilometer von uns entfernt am Rhein-Herne-Kanal fast 14 Tage lang von einer Handvoll Hitlerjungen, die am gegenüberliegenden Ufer zwei bis drei Maschinengewehrnester aufgebaut hatten, aufhalten ließen, trotz ihrer gewaltigen Übermacht an Menschen und Material, ließen sie in meinen Augen damals als schlappe Soldaten erscheinen.

Doch zurück zur saftigen Rinderkeule. Unbedingt mussten wir sie kriegen. Die durstigen Polen oder Russen glotzten uns noch immer fordernd an: Schnaps, Schnaps! — Aber woher nehmen? — Plötzlich merkten wir Opa an, diesem masurischen Pfiffikus, dass ihm eine Idee gekommen war.

Du warten! bedeutete er mit einer Handbewegung unseren Besuchern und verschwand in unseren Keller. Kurz darauf erschien er wieder mit einer vollen Bügelverschlussflasche in der Hand. Uns fuhr der Schreck in die Glieder. Es war die letzte Flasche Brennspiritus. Den kann man doch nicht trinken! Er ist zwar Äthylalkohol wie Schnaps, aber bekanntlich vergällt. Wie würden unsere Besucher wohl reagieren?

Der jüngste von ihnen riss Opa die Flasche aus der Hand, öffnete sie und schnupperte ein bisschen skeptisch daran. Nun wollte er prüfen, ob die Flüssigkeit auch hochprozentig genug war und schüttete etwas über seine linke Hand. Ein anderer hielt sein brennendes Feuerzeug daran. Sofort schoss eine bläuliche Flamme über die ganze Hand. Flambierte Hand. Der junge Mann schrie mehr vor Freude als vor Schmerz kurz auf, schüttelte und schlug seine brennende Hand gegen seine Jacke, bis das Feuer ausging. Harte Burschen, dachte ich bei mir.

Särr gutt! Dobre! grunzten alle drei und verschwanden sichtbar fröhlich mit der Flasche, aber ohne Rinderkeule. Was müssen die für Kehlen gehabt haben!

Meine Oma, eine Meisterin in der Kunst der Improvisation, briet aus dem größten Teil der Rinderkeule Frikadellen, weil die am besten aufzubewahren sind. Das Fleisch musste ja gestreckt werden. Nie mehr in meinem Leben haben mir Frikadellen besser geschmeckt. Heute noch, wenn ich Frikadellen esse, muss ich manchmal schmunzelnd an die flambierte Hand denken.