© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Bochumer Nächte
oder
Wettrennen: Beine gegen Bomber

Ruhrgebiet, Bochum-Werne, Ende Oktober 1944.
Günter! Alarm! reißt mich Muttis Stimme mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Vorbei der schöne Traum, in dem ich gerade in die Spitze einer riesigen Birke klettere, um den herrlichen Rundblick von oben zu genießen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen damals als Junge.

Die Sirene meldet Voralarm (drei lange Töne), das heißt, Bombengeschwader im Anflug auf unser Gebiet. Wohin genau, ist noch unbekannt, wir müssen aber mit allem rechnen. Für einzelne Flugzeuge wie Aufklärer oder Jäger wird kein Alarm mehr gegeben.

Ich rolle mich aus dem Bett, schlüpfe in die Schuhe und den Mantel, alle anderen Kleidungsstücke habe ich bereits an. Seit einiger Zeit ziehen wir uns abends nicht mehr aus, wenn wir zu Bett gehen. Alles wieder anzuziehen dauert zu lange, denn die feindlichen Bomber kommen immer schneller, sie starten wohl schon in Frankreich, seit die Alliierten in der Normandie gelandet sind.

Rasch schnappe ich die immer bereitstehende Tasche und den Koffer mit den wichtigsten Papieren und dem Nötigsten.

Mutti hebt die schlafende kleine Doris hastig, aber vorsichtig samt Kinderkissen aus ihrem Bettchen und schließt die Wohnung ab.

Wir sausen die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. Doris plumpst in ihren Kindersportwagen, der dort immer bereit steht. Der Sperrriemen, der verhindern soll, dass das Kind herausfällt, wird nicht eingehakt, weil er dem Koffer Platz machen muss, den Mutti quer über die Seitenwände des Wagens legt. Die Tasche schleppt sie an der Hand. Die Kleine schlägt die Augen auf und seufzt ein wenig. Ihre Lage ist unbequem, aber sie lässt alles klaglos über sich ergehen. Sie ist es seit ihrer Geburt vor vier Jahren so gewöhnt. Sie kennt es nicht anders. Alles muss ohne Licht geschehen, denn wir dürfen den feindlichen Fliegern kein Ziel bieten. Verdunkelung heißt das und sie wird scharf kontrolliert.

Schnell raus aus dem Haus, auf die Straße Richtung Hochbunker auf dem Marktplatz. Gut ein Kilometer nur, aber eine gefühlte Marathonstrecke für alle, die vor dem drohenden Bombenhagel flüchten. Ich schiebe wie immer den Kinderwagen. Für den schönen Sternenhimmel habe ich kein Auge. Ich bin zwar wach, aber gleichgültig und funktioniere wie ein Automat.

Nach etwa 500 Metern im üblichen Dauerlauf jault die Sirene ihren markerschütternden Vollalarm (mehrmals auf- und abschwellende, kurze Töne). Das heißt, Feindflugzeuge halten genau auf unsere Stadt zu, Ankunft in ganz wenigen Minuten, manchmal sofort. Wir drei und alle anderen Menschen, die mit uns auf der Straße rennen, steigern das Tempo bis zum Anschlag. Es klingt komisch, aber es ist wahr: Der Bombenkrieg hat uns zu trainierten Läufern gemacht. Übergewicht ist in den vergangenen fünf Kriegsjahren, auch durch immer schärfere Rationierung, zum Fremdwort geworden.

Kurz vor dem Werner Amtsgebäude springt auf dem Kopfsteinpflaster von Doris‘ Kinderwagen ein Rad ab und trudelt in das Begleitgebüsch. Jetzt bin ich hellwach. Mach es schnell wieder dran! Über Gerthe steht schon ein Christbaum!Dennoch nahm die Phosphorangst weiter zu. Besonders, als die Briten im März 1943 begannen, bei Nachtangriffen spezielle, tropfenartig abbrennende Markierungsbomben einzusetzen. Sie schwebten an Fallschirm zu Boden, leuchteten in verschiedenen Farben fünf bis zehn Minuten lang und sahen am Himmel aus wie Christbäume – so hießen sie bald auch landläufig.G.M.

Lesen Sie auch meine Geschichte:
Das Wunder unter dem Christbaum
schreit Mutti und zittert. Ich suche im Dunkeln und finde es bald, Gott sei Dank. Aber das Ende der Achse liegt auf dem Pflaster. Als Elfjähriger habe ich noch nicht die Kraft, gleichzeitig den schweren Wagen hochzuheben und das Rad draufzustecken. Halt‘ die Karre hoch! flehe ich. Mutti tut es. Das Rad ist dran, aber es quietscht und eiert, wir rasen weiter. Flakfeuer bellt.

Nach mehreren Metern springt das verdammte Rad wieder ab. Es rollt weg, ich flitze hinterher. Ohne Wagen sind wir aufgeschmissen. Junge, schieb‘ es bis zum Anschlag durch und hau‘ dagegen! Ich tue wie befohlen und bete, dass es dranbleibt. Wertvolle Sekunden sind verstrichen.

Wir sind kurz vor dem Marktplatz, da brüllt die Sirene akuter Alarm (ein kurzer Ton). Das heißt, der Bombenabwurf kann in wenigen Sekunden beginnen. In unseren Luftschutzvorschriften steht: Sofort in den Schutzraum oder im Freien volle Deckung! Wir jagen fieberhaft dem grauen, schützenden Betonkoloss entgegen, nur noch 30 bis 40 Meter. Wenn jetzt eine Bombe ausgeklinkt würde, könnten wir ihn vor dem Aufschlag erreicht haben. Aber noch ist das grelle Pfeifen herabsausender Bomben nicht zu hören, nur hundertfaches, hässliches Motorengebrumm. Da schreit Mutti: Ich kann nicht mehr! Packt sich krampfhaft an die Brust, bleibt stehen, japst nach Luft. Nur noch zwanzig Meter.

Seit sie vor Kurzem zum vierten Mal Diphtherie mit hohem Fieber hatte und das stärkste Medikament Pferdeserum gespritzt bekam – als kleines Kind musste sie sogar mit einem Luftröhrenschnitt gerettet werden – plagte sie eine ausgeprägte Herzmuskelentzündung.

Renn‘ mit Doris zum Bunker und lass‘ mich hier, keucht sie und muss sich am Kinderwagen abstützen, um nicht auf das harte Pflaster zu stürzen.

In Gedanken gehe ich durch die Hölle, die Mutter auch noch verlieren?! Vati war vor drei Wochen an der Ostfront gefallen. Nein, Mutti, wir bleiben bei dir. Mit diesen Worten schiebe ich den Kinderwagen wie wild und schleife die entkräftete Frau, die wie ein Wunder gerade noch ein bisschen die Beine bewegen kann, zum Bunkereingang.

Herr Koch, der Bunkerwart, will gerade die Bunkertür schließen, hat schon den schweren Türhebel in der Hand, sieht unsere verzweifelten Vorwärtsbemühungen und zögert etwas mit dem Schließvorgang.

Da habt ihr aber Schwein gehabt, meint er lakonisch, lässt uns über die Schwelle und knallt die massive und gasdichte Stahltür zu. Mir kommt er vor wie unser Lebensretter. Nun kann keine Maus mehr in den Bunker.

Noch in der Durchgangsschleuse sackt Mutti zusammen und ringt minutenlang nach Luft. Starke Arme helfen ihr zur nächsten Holzbank. Sie ist zwar schon vollbesetzt, aber die Menschen rücken etwas zusammen und machen Platz.

Nach ungefähr drei Stunden gibt es Entwarnung, Mutti hat sich erholt. Wir torkeln nach Hause eher als wir gehen. Gott sei Dank, unser Haus und unser Stadtteil stehen noch. Wir sollten später drankommen, wie sich bald zeigen wird. Im Westen lodert der Himmel brandrot. Dieses Mal hatten die Bomber Teile der Bochumer Altstadt und das Chemische Werk auf der Zeche Amalia zum Ziel genommen und dem Erdboden gleichgemacht. Zu Hause sinken wir todmüde ins Bett, selbstverständlich halb angezogen wie immer. Mein schöner Traum setzt sich leider nicht fort, so dass ich den so beliebten Rundblick von dem hohen Baum entbehren muss.

Am nächsten Morgen füttere ich zuerst unsere Hühner und Kaninchen im Gartenstall. Dabei höre ich von einem Nachbarn, der ein Radio besitzt, dass vergangene Nacht auch Schweinfurt zum wiederholten Mal in Schutt und Asche gelegt worden sei. Die Zahl der Toten und Verwundeten wird wie immer nicht genannt. Dann kontrolliere und schmiere ich die Radlager des Kinderwagens mit Margarine. Wagenschmiere und Schmieröl gibt es nur noch für Militärfahrzeuge und Butter ist zu kostbar. Die Räder müssen ja wieder einwandfrei rollen – wenn schon nicht für den Sieg, wie uns die PropagandaRäder müssen rollen für den Sieg! war der Titel einer propagandistischen Werbekampagne der Deutschen Reichsbahn im Jahr 1942. Wesentliches Ziel der Kampagne war die Erhöhung der Transportleistung in der Wende des Zweiten Weltkriegs.Siehe Foto immer einhämmert – dann wenigstens beim nächsten Alarm in der folgenden Nacht.

Nachwort:

Liebe Leser. Ich höre Sie berechtigt fragen: Warum die ganze Rennerei zum Hochbunker? Ihr hattet doch Luftschutzkeller in euren Häusern!

Ja, die hatten wir. Sie taugten nur etwas am Anfang des Krieges, als vereinzelte Bomben fielen. Aber im Laufe des Krieges wurden immer größere und schwerere Sprengbomben hergestellt und abgeworfen. Zudem wurden FlächenbombardementsAls Flächenbombardement bzw. Flächenbombardierung wird das Bombardement großer Flächen durch den strategischen Luftkrieg mit einer Vielzahl von Bomben bezeichnet, bei der keine bestimmten Punkte, sondern Zielzonen, gleich ob militärisch oder zivil, getroffen werden sollen.Siehe auch Wikipedia.org (BombenteppicheDiese Form der Kriegsführung war im Vereinigten Königreich umstritten. Der anglikanische Bischof George Kennedy Allen Bell, Mitglied des House of Lords, wandte sich mehrfach öffentlich gegen die Politik Churchills und bezeichnete das area bombing als barbarisch. Die Antwort waren empörte Proteste von Politikern und Privatpersonen.Siehe auch Wikipedia.org) mit mehreren hundert Flugzeugen durchgeführt, denen nur die meterdicken Stahlbetonwände der Bunker standhalten konnten, wenn sie keinen VolltrefferIn manchen Städten erhielten Hochbunker Volltreffer durch überschwere Spezialbomben, die dramatische Verluste hervorriefen. So wurde in Frankfurt 1943 der Hochbunker in der Mühlgasse von einer 1000 kg-Bombe seitlich aufgerissen. Durch den ungeheuren Druck hatten die Schutzsuchenden keine Chance, Dutzenden riss die Lunge. Auch als der Hochbunker Wielandstrasse in Hamburg durch einen Bombentreffer seitlich aufgerissen wurde, gab es Tote und in Mühlheim starben an Heiligabend 1944 50 Menschen, als der Hochbunker in der Windmühlenstraße einen Volltreffer erhielt. Diese Aufzählung ist nicht vollständig.Quelle: Forschungsgruppe Untertage e.V. durch überschwere Spezialbomben erhielten.

Außer der Lebensversicherung hatte der Bunker noch ein Gutes. In ihm fand zwangsläufig so etwas Ähnliches wie eine geheime Volksversammlung statt. Die Menschen hatten die Nase voll vom Krieg und ich höre noch, wie sie immer wieder alle überirdischen Geister anflehten und forderten: Nie wieder Krieg! Einige sagten sogar: Ich würde sogar mein Leben lang trockenes Brot essen, wenn dafür der Krieg aufhört. Das trauten sie sich aber nur dann zu äußern, wenn keine Spitzel in der Nähe waren. Denn so etwas galt rechtlich als Wehrkraftzersetzung und wurde ganz schwer bestraft.

Nicht zuletzt aus diesen Erfahrungen konnte der Gedanke an ein vereintes Europa entstehen. Wenigstens die europäischen Völker sollten nie mehr aufeinander losschlagen, sondern Probleme mit friedlichen Mitteln lösen. Ich wünsche mir sehr, dass sich alle dessen immer bewusst sind.