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Wehr dich!

Heutzutage ist das aus dem Englischen übernommene Wort Mobbing in Mode gekommen. Es bezeichnet die Ausgrenzung von Menschen, meistens in der Schule oder im Berufsleben oder auch sonst wo. Sei es mit bösen oder beleidigenden oder höhnischen Worten, sei es mit Ausschließen beim geselligen Beisammensein bis hin zu körperlichen Attacken. Meistens trifft es diejenigen Menschen, die mit irgendeinem Anders-Sein von der großen Masse ablehnend wahrgenommen werden und sich nicht oder nur schlecht wehren können. Für manche hat das schlimme Folgen.

Manchmal handelt es sich auch nur darum, dass in einer Spielgruppe oder Schulklasse der körperlich Stärkste oder einige Stärkere die Kleineren und Schwächeren willkürlich hänseln und sogar knuffen. Wir sagten in meiner Jugend zu einem derartigen Verhalten piesacken. In Familien, die auf gepflegte Sprache achteten, nannte man es drangsalieren. Für die Opfer war und ist das nicht leicht zu ertragen. Anscheinend ist so etwas eine menschliche Unart, die sich durch alle Generationen zieht, wahrscheinlich unausrottbar.

Leider hat es auch mich erwischt – als Opfer. Wenn in meinem Sandkastenalter, die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, ein stärkerer Rüpel seine schlechte Laune an mir ausließ, rannte ich weinend zur Mama, die mich liebevoll tröstete. Sie sagte aber auch: Wenn der andere Junge das nochmal tut, dann wehr dich!

Nun konnte man mich damals, ohne die Unwahrheit zu sagen, als verwöhntes Einzelkind bezeichnen. Meine Mutter hatte nach mir ein kleines Mädchen geboren, das bei der Entbindung starb. Das Kleine bekam sogar einen Namen und ein Grab auf dem Kommunalfriedhof. Meine Eltern nahmen mich bisweilen mit zur Grabpflege. Verständlicherweise richtete sich ihre Liebe und Fürsorge ganz auf mich, bis zur Geburt meiner zweiten Schwester Doris nach siebeneinhalb Jahren. Da ich auch oft krank war und dann nicht nach draußen durfte, hatte ich es nicht richtig gelernt, mich gegen Geschwister und andere Kinder durchzusetzen. Ich brachte es nicht übers Herz, anderen Menschen bewusst weh zu tun, auch nicht in der Abwehr.

Als ich eingeschult wurde, begann der Krieg und das Leben wurde spürbar härter und die Sitten rauer. In den Klassenzimmern herrschte eiserne Disziplin. Nur das, was der Lehrer ausdrücklich befohlen hatte, durfte getan werden. Andernfalls gab es als Strafe auch Hiebe mit dem Rohrstock. Wir wurden zum Kampf und zur Härte erzogen. In den Pausen auf dem Schulhof durften wir uns zwar mit wilden Kriegsspielen austoben, aber der aufsichtführende Lehrer griff sofort scharf durch, wenn wir die Regeln verletzten. Rangeleien durften mit Ringen und Boxen durchgeführt werden, aber keine gezielten Schläge ins Gesicht. Nur eins gegen eins. Keine Fußtritte. Nicht an den Haaren ziehen. Wer am Boden liegt, hat verloren und darf nicht getreten werden.

In der wenigen Freizeit zu Hause spielte ich mit den Kindern, mit denen ich mich gut vertrug und keinen nennenswerten Streit bekam.

Aber es gab da noch die langen Schulwege, teils über Wiesen und Felder ohne Aufsicht. Ein gutes Terrain für Rüpel und Schläger. In meiner Klasse hatten wir so einen. Emil Kantek hieß er (Name geändert). Sitzenbleiber, also ein Jahr älter, größer und stärker und mit Krakenarmen. Einen Teil des Schulweges hatte ich mit ihm zusammen. Auf dem gemeinsamen Weg ließ er manchmal die Sau raus und piesackte die Kleineren. Meine Mutter beschwerte sich einmal beim Rektor, aber der sagte, auf dem Schulweg könne er nichts machen, die Schüler sollten sich dort wehren. Doch obwohl wir zu mehreren waren, wagte keiner, es mit Kantek aufzunehmen. – Aber der Tag der Rache sollte kommen.

Es war ein warmer Frühlingstag, wir hatten noch dicke Winterkleidung an und schwitzten. Durst quälte mich. Außerdem lag unsere Stimmung am Tiefpunkt, denn nachts hatte es wieder Fliegeralarm gegeben, wir hockten Stunden im Luftschutzkeller und waren deshalb übermüdet und reizbar. Auf dem Nachhauseweg hatte Kantek mich ausgeguckt und fing an, zu schubsen und mir ein Bein zu stellen. Schon wollte ich mich kleinlaut verdrücken, aber dann sah ich auf einmal nur noch Rot und hörte innerlich Muttis Stimme: Wehr dich! Mit einem kurzen Satz sprang ich urplötzlich den völlig überraschten Kantek an, umklammerte ihn und riss ihn zu Boden. Ich kniete mich auf seine Oberarme und machte Muckireiten. Das tut bekanntlich höllisch weh. Der lange Kerl wollte sich aus der Rückenlage herausdrehen, aber ich und sein Schultornister, den er noch umgeschnallt hatte, hinderten ihn daran. Hör auf, hör auf! schrie er und gab damit zu, dass er verloren hatte. Ich stand auf und die anderen Jungens johlten vor Freude und Genugtuung. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Kantek rappelte sich auf, klopfte sich bedröppelt den Dreck von der Kleidung und trollte sich davon. Er hat dann nie mehr jemanden gepiesackt, soviel ich weiß. Ich selber war so verdutzt, aber überglücklich, dass ich als Kleinerer und Schwächerer in einem ordentlichen Kampf vor Zeugen gesiegt hatte – entgegen aller Logik. Mein Verstand war beim Angriff ausgeschaltet und Kantek war überrumpelt worden, er hatte ja vorher nie eine Gegenwehr zu spüren bekommen und nicht damit gerechnet. Ohne dieses Überraschungsmoment hätte ich es wahrscheinlich nicht schaffen können, aber gewonnen ist gewonnen.

Ein, zwei Jahre später in der Kinderlandverschickung in Pommern und beim Jungvolk gab es auch so einige Piesacker. Da ich nicht der Jahrgangsstärkste war und keine Lust hatte, mich von solchen Stinkstiefeln striezen zu lassen, wählte ich eine andere Taktik und hatte Glück damit. Es ist die Taktik der präventiven Drohung, wie ich es nenne. Ich erzählte überall – absichtlich beiläufig – herum, dass ich einen Onkel, den Bruder meiner Mutter, habe, der vom RAD (Reichsarbeitsdienst) direkt zur Wehrmacht zu den Pionieren eingezogen worden ist. An vorderster Front den Polenfeldzug, dann den Westfeldzug und dann den Ostfeldzug mitgemacht hat und weiterhin mitmachte. Fünfmal verwundet worden ist, mit dem EK1 ausgezeichnet und vom einfachen Soldaten zum Unteroffizier befördert worden ist. Die Offiziersschule ist ihm in Aussicht gestellt worden. Außerdem hat man ihm im Namen des Führers die Nahkampfspange und den Gefrierfleischorden verliehen. Die Landser nannten mit Gefrierfleischorden diejenige Auszeichnung, mit denen die Soldaten, die den besonders kalten Winter 1941/42 vor Moskau bei sibirischer Kälte in ihren Schützengräben aushalten mussten, dekoriert wurden. Also für die Leute damals wie ein Held aus dem Bilderbuch.

Alle Menschen, die ihn kennen, sagen, das ist ein prima Kerl von Samt und Seide, überall beliebt, aber wenn er betrogen oder angegriffen wird, kann er jähzornig und wild wie ein Stier werden. Als Beispiel wurde folgendes erzählt: Als er einmal Fronturlaub bekam, wurde ihm zu Hause wahrheitsgemäß oder nicht wahrheitsgemäß hinterbracht, dass seine damalige Verlobte und spätere Ehefrau mit einem anderen Mann geschmust haben soll, während er an der Front mit seinem Leben das Vaterland verteidigt habe. Daraufhin habe er blank gezogen (das heißt, sein Seitengewehr gezogen) und wollte sie erstechen. Sie sei aber auf die Knie gefallen und habe um ihr Leben gefleht, worauf er wieder zur Besinnung gekommen ist.

Ich wette, für so eine Bluttat, falls sie ausgeführt worden wäre, hätte der Täter damals im Krieg sehr viel Verständnis bei den Leuten und vor Gericht gefunden, vielleicht sogar heimliche Zustimmung.

Und nun das Wichtigste: Alle meine Verwandten sagen, dass ich meinem Onkel sehr, sehr ähnlich sähe und auch seinen Charakter habe. Während ich das so locker erzählte, spielte ich scheinbar gedankenverloren mit der Kette am Hosenbund, an der mein Taschenmesser befestigt war.

Soweit meine präventive Drohung an potentielle Übeltäter.

Liebe Leser, alles das sind keine Erfindungen oder Übertreibungen, sondern nachprüfbare Fakten. Ich habe sie damals zu meinem Schutz vor Piesackern und zu deren Abschreckung erzählt. Ob es tatsächlich gewirkt hat, kann ich nicht beschwören. Jedenfalls bin ich nicht ernsthaft angegriffen worden. – Wehr dich! auf eine etwas andere Art.