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Schulspeisung

Schulspeisung wurde an meiner Schule in Bochum-Langendreer, soweit ich mich erinnere, im Jahr 1946 eingeführt. Sie war hoch willkommen und bitter nötig. Die meisten Deutschen hungerten damals, aber hilfsbereite Menschen in den USA wollten wenigstens den Kindern in der amerikanischen Besatzungszone des ehemaligen Deutschen Reiches, das im blutigsten Weltkrieg aller Zeiten zerstört worden war und bedingungslos kapituliert hatte, eine warme Mahlzeit zukommen lassen.

Unser Englischlehrer, der einige Jahre in den USA gelebt hatte und dessen Frau eine Amerikanerin war, klärte uns über die Schulspeisung auf. Es seien die Quäker, eine Glaubensgemeinschaft, die aus reiner, christlicher Nächstenliebe das Geld dafür zur Verfügung stellten. Andersgläubige hätten ihnen den Spottnamen Quäker (von to quake: beben, zittern) gegeben, weil sie im Gottesdienst vom Heiligen Geist so gepackt würden, dass sie zitterten. Inzwischen sei der Spottname zu einem Ehrennamen geworden. In der ersten Zeit wurde auch nur von Quäkerspeisung gesprochen.

Am Tag vor der ersten Schulspeisung eröffneten uns die Lehrer, dass jede/r Schüler/in morgen einen Löffel und ein unzerbrechliches Essgeschirr für Suppe mitzubringen und nach dem Essen abzuspülen hätte. So brachten wir am nächsten Tag die unterschiedlichsten Behältnisse in die Schule: Schüsseln, Töpfe, Wehrmachtskochgeschirre, zivile Kochgeschirre, leere Blechbüchsen. Heute würden wir sagen: Wie vom Flohmarkt. Die Gegenstände mussten ja wildem Schülergetümmel in drangvoller Enge standhalten. Ich verwendete zum Beispiel einen alten, emaillierten Henkelmann, in dem mein Vater während des Krieges, als die 12-Stundenarbeitsschicht eingeführt war, sein Mittagessen mit in die Fabrik nahm, oder meine Mutter oder ich es ihm bringen mussten. Dieser Essenbehälter war sehr praktisch, aber durch jahrelangen Gebrauch und durch die Bombenangriffe hatte der weiße Emaillebezug stark gelitten und wies hässliche dunkle Flecken auf, an denen das Blech zum Vorschein kam. Aber für diesen Zweck war er noch zu gebrauchen.

Die Essensausgabe fand statt in der großen Pause, die auf eine Stunde verlängert wurde. In einem bestimmten Raum standen auf einem langen Tisch riesige Blechkessel mit dampfendem Inhalt. Dahinter erwarteten uns einige Frauen mit weißen Gummischürzen wie damals in Großküchen üblich. Alle Schüler defilierten daran vorbei, und jeder bekam eine große, volle Kelle Suppe in seinen Pott. - Gespannt waren wir auf den Inhalt. Dem Duft nach musste es etwas mit Erbsen sein. Bisher kannte ich Erbsensuppe mit ganzen Erbsen, Kartoffeln, Suppengewürz und etwas ausgelassenem, geräucherten Speck. Etwas ganz Feines, sozusagen die Krönung, war eine Fleisch- oder Wursteinlage, in der schlechten Zeit leider eine Rarität.

Mit solchen Vorstellungen schaute ich durch den Dampf in meinen gefüllten Henkelmann und sah erstaunt eine grüne Suppe mit braunen Brocken, die obenauf schwammen. Vorsichtig probierte ich diese unbekannte Speise. - Sie schmeckte gar nicht schlecht: Geschrotete Erbsen mit Keksen, gut gewürzt, aber fleischfrei.

Nach einigen Monaten gab es statt Erbsensuppe eine Milchsuppe mit Haferflocken und Rosinen, dann Haferflocken mit Keksen. Die mochte ich nicht so gerne. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, Sie kennen sicher dieses geflügelte Wort, liebe Leserin, lieber Leser. Die Schulspeisung war eine gute Einrichtung und hat die Schuljugend vor dem größten Hunger bewahrt. Den Spendern sei Dank!

Die allgemeine Ernährungssituation besserte sich ab der Währungsreform im Juni 1948, und immer weniger Kinder machten von dem Essensangebot Gebrauch, bis die Sache eingestellt wurde.

An eine Episode aus den ersten Tagen der Schulspeisung erinnere ich mich besonders, weil sie mein Zwerchfell stark strapazierte und ich noch heute darüber lachen muss. Wir hatten einen Klassenkameraden namens Joachim R. Er war ein durchschnittlicher Schüler, aber sehr clever und eine Kanone im Organisieren. (Organisieren bedeutete damals auch: beste Beziehungen haben, erfolgreich sein im legalen und illegalen Beschaffen von Gütern des täglichen Bedarfs, schachern, tricksen, ggf. auch vor Mundraub nicht zurückschrecken). Joachim R. brachte als Behältnis für die Suppe eine gelbliche 1-Liter-Blechbüchse mit. Eines Tages stellten wir — wie immer — nach der großen Pause und der Suppenmahlzeit unser leeres, ausgespültes Essgeschirr auf der Fensterbank ab. Danach hatten wir eine Deutschstunde bei Studienrat Schwahn, dem damaligen, kommissarischen Rektor. Er konnte gut erklären, war streng, aber gerecht und hatte einige Schmisse im Gesicht. Gesegnet war er mit einer ungemein lauten Stimme, aber auch mit einer so feuchten Aussprache, dass die Schüler, die in der ersten Reihe saßen, die Köpfe einzogen, wenn er sprach. Außerdem hatte er einen kleinen Sprachfehler - vermutlich durch einen Hieb über den Mund bei einer burschenschaftlichen Mensur — den wir hinter seinem Rücken genüsslich nachäfften. Dazu schoben wir beim Sprechen die Zunge zwischen die unteren Schneidezähne und die Unterlippe. Ältere Schüler hatten ihm den Spitznamen Geuer verpasst, warum, weiß ich nicht. Nur ganz wenige Lehrer trugen keinen Spitznamen.

Geuer nahm mit uns das Gedicht Der König in Thule von Goethe durch. Einige von uns mussten es aufsagen. Aber es wäre ihm alles zu leblos und leierig, kritisierte er und fuhr fort: Nun will ich euch mal zeigen, wie man ein Gedicht richtig vorträgt. Mit energischen Schritten und schwingenden Armen ging er vorne auf und ab und rezitierte mit getragener Stimme:

Es war ein König in Thule,
gar treu bis an das Grab,
dem sterbend seine Buhle
einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.

Während er die zweite Strophe mit vollem Körpereinsatz sprach, wollte er uns das Leeren des goldenen Bechers plastisch vorführen, griff schnell und spontan als Becherersatz eine gelb schimmernde Blechbüchse von der Fensterbank und holte zu einer bühnenreifen Trinkgebärde aus.

Doch die nächsten Worte gingen in einem fürchterlichen Gurgeln unter, und über sein Gesicht und sein Anzug ergoss sich ein Schwall grüner Erbsensuppe mit Keksstückchen. Wahrscheinlich gingen ihm auch die Augen über.

Eine Sekunde verharrten wir starr vor Schreck, dann kriegten wir vor unterdrücktem Lachen keine Luft mehr.

Wie konnte das passieren?

Der pfiffige Joachim R. hatte sich unbemerkt eine zweite Portion Erbsensuppe organisiert, um sie entgegen der schulischen Anweisung nach Haus mitzunehmen. Der Lehrer erwischte ausgerechnet diese Blechbüchse (sie sah ja auch so golden aus) im guten Glauben, sie sei leer. Nun stand er da wie ein begossener Pudel.

Nachdem er notdürftig Gesicht und Anzug von der klebrigen Suppe befreit hatte, stieß er einen unvergesslichen Schrei aus: Wer war das???!!! ---- So wird wohl einst die Posaune des Jüngsten Gerichts die Toten aufwecken, bevor sie den Richterspruch hören. Was dann weiter geschah, haben meine grauen Zellen nicht mehr gerichtsfest abgespeichert. Wahrscheinlich deshalb, weil das Folgende reine Routine war. Wie damals üblich, wird wohl der Rektor dem Delinquenten Joachim R. die für mittelschwere schulische Vergehen vorgesehene pädagogische Straf- und Resozialisierungsmaßnahme (im Volksmund: Ohrfeige) nicht vorenthalten haben. Soweit bekannt, sind dem Schüler weitere Nachteile daraus nicht entstanden, weil er die Tat nicht vorsätzlich begangen hatte.

Wenn die Quäker gesehen hätten, was mit ihrer Suppe angerichtet worden war, hätten sie vermutlich wieder gebebt und gezittert — dieses Mal aber vor Lachen.