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Wiederbeginn der Schule nach Ende des Krieges

Nach Ende des Krieges lag das früher so ehrwürdige Gebäude meiner Schule, der Hindenburg-Schule, Städtische Oberschule für Jungen in Bochum-Langendreer, in Trümmern wie die meisten Häuser. Ich kann mich erinnern, dass in den ersten Monaten nach der Kapitulation der Schulbetrieb an allen Schulen ruhte, auch wenn in seltenen Fällen ihre Gebäude nicht zerstört waren.

Uns Kindern gefiel die schulfreie Zeit sehr gut, sie war aber auch geprägt vom Kampf um das tägliche Brot. Wir nutzten diese Zeit — wenn wir die Möglichkeit hatten — auch auf den Feldern zu arbeiten für Essen und Trinken und noch ein bisschen mehr oder zu hamstern, wie wir es damals nannten (bei Bauern um Nahrungsmittel betteln oder mit ihnen Tauschgeschäfte machen, z. B. Nägel gegen Eier oder Werkzeug gegen Speck). Getauscht wurde viel und alles Mögliche. Ein geflügeltes Wort ging damals um: Den Bauern fehlt nur noch der Teppich im Kuhstall.

Eines Tages, es muss schon im Herbst 1945 gewesen sein, erreichte mich die Nachricht, dass sich die Schüler meiner Schule dann und dann auf dem Schulgelände einzufinden hätten — mitzubringen sei nur ein Hammer. Der Gang zur Schule war mir und den anderen völlig ungewohnt, so ganz ohne Schultornister und Lernmittel. Für den Hammer hatte mir meine Mutter eine Schlaufe am Hosengürtel angebracht, damit ich das schwere Gerät während des langen Schulweges von ungefähr3 km nicht immer in der Hand tragen musste. Ein bisschen Beklommenheit stellte sich auch ein, hatte ich doch mittlerweile ca. 1 ½Jahre keine Schule mehr von innen gesehen. Im Jahr davor — während der Zeit der Kinderlandverschickung — besuchte ich ausschließlich Schulen in Pommern.

Auf dem trümmerübersäten Schulhof angekommen, wurden wir von gut aufgelegten Lehrern unter freiem Himmel inmitten von Ruinen empfangen. Nachdem sie alle anwesenden Schüler registriert hatten, wiesen sie die größten und kräftigsten an, die noch brauchbaren Möbelstücke aus den Trümmern zu bergen und in das nicht bombardierte Amtsgerichtsgebäude zu tragen, das ungefähr ½ km entfernt stand. Alle anderen Schüler mussten Steine klopfen, deshalb der Hammer. (Ältere Menschen wissen, was Steine klopfen heißt; aber vielleicht wissen es nicht alle jungen. Deshalb erkläre ich den Begriff: die noch nicht zerbrochenen Ziegelsteine werden aus den Trümmern herausgelesen und durch gezielte Schläge mit der Finne, der schmal zulaufenden Fläche am Hammer, vom anhaftenden Mörtel befreit. Der so behandelte Stein kann zum Mauern wiederverwendet werden.)

Unter Aufsicht der Lehrer, die z. T. auch selbst Hand anlegten, machten wir uns an die Arbeit und hatten viel Spaß dabei. Wir plauderten, lachten und rissen Witze, denn es wurde keine strenge Disziplin wie im Unterricht gefordert. Wer nicht mehr arbeiten konnte oder wollte, machte einfach eine beliebig lange Pause. Das ging viele Tage so. Wenn es regnete, durften wir zu Hause bleiben. Mädchen fehlten ganz und gar, weil unsere Schule eine reine Jungenschule war. Höhere Schülerinnen mussten damals in die Großstadt Bochum zum Lyzeum fahren.

Eines Tages wurde uns eröffnet, dass nun der Unterricht beginnen werde und wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Schulhof der nicht zerstörten Franz-Dinnendahl-Schule, der Mittelschule in Langendreer, einzufinden hätten. (Eine Mittelschule war damals das, was man heute Realschule nennt.) Dort wurden wir jahrgangsweise einem Klassenlehrer zugeteilt und in die Räume eingewiesen. Die Besatzungsmacht hatte Koedukation befohlen, deshalb wurden nun Jungen und Mädchengemeinsam unterrichtet. Das war eine große Erleichterung für die Mädchen, weil sie nicht mehr jeden Tag mit der Eisenbahn oder der Straßenbahn oder mit dem Fahrrad¾ Stunden oder länger (eine Tour) in die Innenstadt fahren mussten.

Der Unterricht verlief völlig unorthodox, nämlich im Schichtbetrieb, weil sich unsere Schule das Gebäude mit der Mittelschule zeitlich teilen musste. Eine Woche benutzte die Mittelschule die Räume vormittags und unserer Schule nachmittags. In der nächsten Woche war die Reihenfolge umgekehrt und so weiter. Aus mir unbekannten Gründen wurde in der Anfangsphase nur dreimal pro Woche Unterricht erteilt, dann nach und nach auf sechs Tage in der Woche erhöht. Eigenartig war das Gefühl in den Wintermonaten, wenn das Tageslicht schon zwischen 16 und 17 Uhr endete und wir gegen 18 oder 19 Uhr nach Hause in die Dunkelheit entlassen wurden. Wenn es Straßenbeleuchtung überhaupt schon gab, dann schimmerte sie nur spärlich. Bisher achteten unsere Eltern darauf, dass wir Kinder uns im Dunkeln nicht mehr auf der Straße aufhielten. Und nun mussten wir es sogar offiziell. Deshalb kamen wir uns mit unseren 12 und 13 Jahren schon ein bisschen erwachsen vor.

Das Lehrerkollegium war in der ersten Zeit bunt zusammengewürfelt und unterbesetzt. Es bestand meistens aus älteren Herren kurz vor der Pensionsgrenze. Die jüngeren Lehrer waren gefallen, in Gefangenschaft oder schwer kriegsbeschädigt. Außerdem schwemmte die Entnazifizierungswelle so manchen Lehrer hinweg. Offiziell wurde nichts bekannt, die Erwachsenen schwiegen merkwürdigerweise zu diesem Thema. Nur unter uns Schülern kursierten die Nachrichten hinter vorgehaltener Hand. Leider war meistens nicht festzustellen, ob es sich um eine Tatsache oder ein Gerücht handelte. Wir hatten zeitweise Deutsch bei einem reaktivierten, ehemaligen Polizeilehrer und Englisch bei einem Kunstlehrer, der verrückt war nach irischer Lyrik und Musik. Beide schon für unsere damaligen Vorstellungen von jung und alt Sinnbilder von Methusalem, klein von Gestalt, aber noch äußerst kregel und quirlig. Dem Niveau tat es keinen Abbruch, im Gegenteil. Was diese Herren (Damen gab es anfangs nicht im Lehrerkollegium, erst Ende 1950 kam die erste fest angestellte Lehrerin an die Schule) uns nebenbei an Lebensweisheit vermittelten, ist unbezahlbar. Unser Biologielehrer, Studienrat Schuf, brachte uns außer Botanik und Zoologie auch Erdkunde, Astronomie, interessante Methoden in der Mathematik und unschätzbare Kenntnisse und Fähigkeiten für das tägliche Leben bei. Seine Unterrichtsstunden mochten wir gerne, auch deshalb, weil er in uns Freude am Lernen und Wissensdurst weckte. Wenn wir — im beginnenden Flegelalter — dennoch allzu stark kicherten oder sonst hinter dem Rücken des Vordermannes Unsinn trieben, brüllte er plötzlich mit Kommandostimme ( er war im Krieg Hauptmann gewesen): Alle aufstehen! Eine Minute lachen! Dabei zog er seine Taschenuhr hervor und behielt den Sekundenzeiger fest im Blick. Wir gehorchten gerne, krümmten uns vor Lachen und trampelten auf der Stelle. Nach genau einer Minute brüllte er. Schluss jetzt! Setzen! - Für den Rest der Stunde herrschte Ruhe. - Gegenüber einem einzelnen Unterrichtsstörer verschaffte er sich unbedingten Respekt dadurch, dass er sich- kerzengerade wie immer — etwas seitlich vor ihm in seinem weißen Kittel, den er meistens lässig offen trug, aufbaute, die Hände auf dem Rücken, ihn aus den Augenwinkeln fixierte und mit schneidender Stimme in der dritten Person ansprach, etwa so: Will er jetzt wohl ruhig sein! Jeder von uns wusste dann, das ist die letzte Verwarnung vor der Ohrfeige, Ohren oder Haare ziehen oder ein Schlag mit dem Lineal.

Immer in der letzten Stunde vor den Ferien bettelten wir Studienrat Schuf, der auch meisterlich erzählen konnte, so lange, bis er uns seine höchst spannende Geschichte erzählte, wie er im Krieg in Nordrussland einen 14 m langen Elch geschossen hätte und daraus Frikadellen für seine Kompanie habe braten lassen. Diese Geschichte musste er immer wieder auch in anderen Klassen vortragen, und jedes Mal fielen ihm neue überraschende Einzelheiten ein, zum Gaudium der Schüler.

Er hatte zwei ganz ungewöhnliche Spitznamen: 17 mal 18 und 306. Der Grund ist folgender: Wie ich oben bemerkte, brachte er uns interessante mathematische Methoden bei. Eine davon ist, wie man 2 zweistellige Zahlen, von 10 bis 20, miteinander multipliziert und das Ergebnis in 3 Sekunden im Kopf ausrechnet. Meistens machte er es an dem Beispiel 17 x 18 = 306 klar. Heute noch kann ich diese nützliche Methode im Schlaf anwenden. Im eigentlichen Mathematikunterricht wurde sie nicht vermittelt.

Das Unterrichtsmaterial bestand anfangspraktisch nur aus Kreide und Wandtafel. Die Schulbücher aus dem dritten Reich waren nicht mehr zugelassen, neue gab es noch nicht. Der Unterrichtsstoff musste an die Wandtafel geschrieben oder durch besonders gutes Zuhören behalten werden. Wer Papier besaß, schrieb von der Tafel ab, aber es gab kaum neues Schreibpapier zu kaufen, wenn doch, dann nur mit Beziehungen oder Vitamin B, wie man damals sagte. Die wenigen von uns, die einseitig beschriebene Blätter, Hefte oder dergleichen von zu Hause mitbrachten, waren gut dran, weil sie die freie Rückseite beschreiben konnten. Ich selbst bekam von meiner jüngsten Tante eine ziemlich dicke, voll geschriebene Kladde aus dem ausgebombten Betrieb, in dem sie als Kontoristin gearbeitet hatte. In dieser Kladde standen nicht mehr aktuelle, geschäftliche Eintragungen auf der Vor- und Rückseite. Aber die Zeilenabstände waren so groß, dass ich meinen Lernstoff dazwischen schreiben konnte. Damit war ich fein heraus.

Für Klassenarbeiten bekamen wir von der Schule ein dünnes Heft aus grauem, holzigem Papier. Wer keinen Füllfederhalter (Füller) besaß (Kugelschreiber gab es noch nicht), durfte einen Bleistift benutzen, aber nicht radieren. Kurze Bleistiftstummel, die man heute wegwerfen würde, wurden mit den unterschiedlichsten Arten von Verlängerungen brauchbar gemacht. Bleistiftanspitzer waren eine seltene Kostbarkeit. Meistens wurde mit dem Messer angespitzt. Kopierstifte hätten ein guter Ersatz für Füller sein können, weil sie nicht radiert werden konnten, aber sie wurden wegen ihrer Giftigkeit bald nicht mehr hergestellt. Unser Mathematiklehrer sagte immer: Kopierstifte sind eine Erfindung des Teufels. und erzählte dann abschreckende Beispiele. Die Materialbeschaffung besserte sich langsam, aber erst so richtig ab der Währungsreform im Juni 1948.

Die Klassenstärke betrug durchschnittlich etwas über 30 Schüler. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass jemand über zu volle Klassen geklagt hätte. Im Religionsunterricht, nach Konfessionen getrennt, wurden sogar 2 Klassen zusammengefasst. Da das Verhältnis Katholiken zu Evangelischen etwa 1: 5 betrug, hatte es der katholische Geistliche mit seinen 12 bis 15 Schülern gut. Aber bedauert habe ich unseren evangelischen Pfarrer Agena, der vor ungefähr 50 teilweise hochpubertierenden Jugendlichen bestehen musste. Hinzu kam, dass er schwer kriegsbeschädigt war. Er hatte aus dem ersten Weltkrieg einen Steckschuss in der Lunge. Wir mussten aus Platzmangel in den Zweierbänken zu dritt sitzen, und die Luft im Klassenzimmer konnte man schneiden. Da ließ einmal ein Schüler aus der höheren Klasse eine Stinkbombe platzen. Wir würgten und hielten uns die Nase zu, aber Pfarrer Agena sagte gelassen, er rieche nichts und ließ die Fenster geschlossen, weil wir uns ja erkälten könnten und der Straßenlärm so störe. — Seitdem hatte er das übliche Spielchen Schüler gegen Lehrer gewonnen. — Andere Konfessionen oder Religionen waren nicht vertreten. In meiner Klasse gab es aber zwei konfessionslose Schüler — christliche Dissidenten oder Gottgläubige offiziell genannt — sie hatten während der Religionsstunden unterrichtsfrei.

Drei bis vier Jahre lang existierte ein so genannter Förderkursus. Dieser fand abseits in einem besonderen Raum statt. Seine Mitglieder waren keine flapsigen Kinder, sondern ernste, junge Männer, einige sichtbar kriegsbeschädigt. Es handelte sich um spät entlassene Kriegsgefangene, Verschleppte und Verfolgte, die das Abitur nachmachen durften, weil die Kriegsereignisse sie daran gehindert hatten. Diese besonderen Schüler sowie alle Unter- und Oberprimaner mussten von den Lehrern und den jüngeren Schülern gesiezt werden. Unser Kunstlehrer siezte die Schüler schon ab Obersekunda, als ein Teil von uns erst 16 Jahre jung war. Die Lehrer der naturwissenschaftlichen Fächer trugen einen weißen Kittel während des Unterrichts. Ich hatte immer den Eindruck, sie trugen ihn wie eine Uniform oder sogar wie einen Orden, jedenfalls mit Stolz. Alle Lehrer achteten streng auf gesittetes Benehmen der Schüler in der Schule und in der Öffentlichkeit. Vor der ersten Stunde mussten wir bis zur Obersekunda unter Aufsicht eines Lehrers klassenweise Aufstellung beziehen und durften dann erst gemäßigten Schritts in die Klassenräume einrücken. In den Pausen hatten wir uns auf dem Schulhof zu bewegen und durften nicht in Gruppen umherstehen. Wer Butterbrotpapier fallen ließ, erhielt eine Rüge. Rauchen war streng verboten, sogar auf dem gesamten Schulweg.

Am 1. Juni 1948 wurde unsere Schule umbenannt in Lessing - Schule, Städtisches neusprachliches Gymnasium für Jungen. Merkwürdigerweise tobte damals ein heute unverständlicher Meinungskampf in der Schulpolitik hinsichtlich der Trennung der Geschlechter. Man wollte tatsächlich das Rad der Zeit zurückdrehen, aus unserer Lehranstalt wieder eine reine Jungenschule machen, die Mädchen nach Bochum aufs Lyzeum schicken, sie den Risiken eines sehr langen Schulwegs aussetzen und deren Eltern mit unnötigen Fahrkosten belasten. Aber nach massivem Protest der Eltern und der Öffentlichkeit musste die Schulverwaltung die geplante Benachteiligung der Mädchen zurücknehmen. Die Mädchen wurden im amtlichen Sprachgebrauch geduldet, bis sich Anfang der 50er Jahre die Vernunft durchsetzte und der Zusatz im Schulnamen für Jungen gestrichen wurde. Dem Leistungsniveau tat diese Maßnahme gut, denn unsere Mädchen waren durchschnittlich um einen Tick besser, das mussten wir Jungen neidlos anerkennen. Sportunterricht gab es nicht für sie, aber zum gemeinsamen Schwimmunterricht waren sie zugelassen.

Die Klassen wurden mit steigendem Alter der Schüler immer kleiner, weil man die Leistungsanforderungen sehr hoch schraubte und stark siebte. So bestand meine Klasse ab Obersekunda (nach heutiger Bezeichnung die 11. Klasse) nur aus 11 Schülern, 5 Mädchen und 6 Jungen. Unterricht und Leistungskontrolle waren dadurch sehr intensiv, und es gab kein Verstecken in der Masse. Das Ausleseverfahren verlief gerecht, die soziale Herkunft spielte keine Rolle. So war nur eine einzige Klassenkameradin ein Akademikerkind. Die Väter aller anderen gehörten dem Stand der Arbeiter, Bergleute, Handwerker und kleinen Angestellten an. Einer war Sonderschullehrer. Sie hatten alle wenig Geld, aber den starken Willen, dass ihre Kinder es mal besser haben sollen.

Der Schichtbetrieb in der Mittelschule konnte nicht ewig weitergehen, und deswegen wurde nach ungefähr 2 Jahren unsere Schule ins Amtsgericht verlegt. Dort stand ihr der rechte Gebäudeflügel zur Verfügung. Es war uns streng untersagt, den Haupteingang zu benutzen und das übrige Gerichtsgebäude zu betreten. Wir konnten nur durch einen engen Hintereingang auf einer schmalen Treppe in unsere Räume gelangen. Die Anfahrt mit dem Fahrrad wurde nur gestattet, wenn der Schulweg deutlich mehr als 3 km betrug, weil nur ein kleiner Kellerraum als Unterstellmöglichkeit zur Verfügung stand. Der Schulhof war winzig und lag im Schatten der Mauern des Untersuchungsgefängnisses. Die vorhandenen Innenräume reichten natürlich nicht aus. Deshalb wurden größere Räume baulich geteilt und jeder Kubikmeter Raum bis hoch im Dachgebälk ausgenutzt. Längs in die breiten Gerichtsflure wurden Leichtwände eingezogen und aus den Flurstreifen zur Fensterseite hin Klassenräume geschaffen. In solch einem schmalen Raum saß unsere Klasse bis zum Abitur 1954.

Diesen Zustand haben wir Schüler damals kaum als Mangel empfunden. Wir lachten und alberten viel herum und gingen durchweg gerne auf unsere Penne, auch wenn so manche Klassenarbeit Herzklopfen und weiche Knie verursachte. Und auch dann, wenn wir im Gegensatz zu den Berufstätigen unseren Alters oft auf Kino, Sport oder andere Freizeitvergnügungen verzichten und stattdessen über den Büchern sitzen und schwitzen mussten. Ganz wichtig war die moralische und materielle Unterstützung durch das Elternhaus. Bei mir war es vor allem die Energie meiner Mutter, die, obwohl arme Kriegerwitwe, zusammen mit engen Verwandten diesen langen Bildungsweg strikt unterstützte, auch wenn andere Kinder gleichen Alters, die nach dem Volksschulabschluss mit 14 Jahren in eine Lehre gingen oder damals gut bezahlte Hilfsarbeiterstellen (diese Arbeitsstellen gab es genug) annahmen, schon mehrere Jahre gutes Geld nach Hause brachten, wogegen wir Oberschüler noch obendrein Kosten verursachten. Ich war schließlich infolge der kriegsbedingt unterrichtslosen Zeit schon 21 Jahre alt, als ich das Abitur machte, und dann kamen ja noch 1 Semester Hochschulpraktikum und 10 Semester Studium der Eisenhüttenkunde bis zum Diplomhauptexamen. Doch die Erkenntnis, mit dem bestandenen Abitur steht dir die Welt offen, stärkte uns den Rücken und verlieh uns das nötige Durchhaltevermögen bei all dem Leistungsdruck. Es sei erwähnt, dass 1954 nur 1 % aller Schulabgänger ein Hochschulstudium begann. In meiner Familie und Verwandtschaft war ich der erste seit Menschengedenken, der die Reifeprüfung ablegte und ein abgeschlossenes Hochschulstudium absolvierte. Entsprechend freuten wir uns über diese Leistung. Meine jüngere Schwester Doris hatte vom Intellekt her ebenso das Zeug dazu, diesen Weg zu gehen. Aber 2 Kinder auf die höhere Schule zu schicken, konnte sich unsere Mutter bei aller Liebe finanziell nicht leisten. Mir war eben das Glück vergönnt, der Ältere zu sein.

Fachhochschulen waren noch nicht erfunden. Volksschullehrer/innen wurden in 4 Semestern auf der Pädagogischen Akademie ausgebildet und Ingenieure auf der Ingenieurschule. Ingenieur durfte sich jeder nennen, der Titel war nicht geschützt. Ein Diplom erhielt nur derjenige, der ein Studium an einer Universität oder Technischen Hochschule mit bestandenem Hauptexamen abgeschlossen hatte.

Bei passenden Gelegenheiten fielen und fallen oft die Worte: Die Schule gibt Euch das Rüstzeug fürs Leben. Erst viel später habe ich erfahren, dass das keine hohle Phrase ist. Viel besser als alle Erklärungen spiegeln zwei kurze Sinngedichte von Goethe den Geist unserer Schule wider:

Die Welt ist nicht aus Brei und Mus geschaffen,
Deswegen haltet Euch nicht wie Schlaraffen;
Harte Bissen gibt es zu kauen:
Wir müssen erwürgen oder sie verdauen.

Wer mit dem Leben spielt,
Kommt nie zurecht;
Wer sich nicht selbst befiehlt,
Bleibt immer ein Knecht.

Diese Gedichte hatte ich als frischgebackener Oberprimaner auf der Entlassungsfeier unserer vorjährigen Abiturientia im vollbesetzten Saal zwischen den Darbietungen des Schulchors und den verschiedenen Ansprachen vorzutragen — aufgeregt und im geliehenen schwarzen Anzug. Nie werde ich diese Worte vergessen, die ich mir auch zum Lebensmotto erkoren habe. Unser Deutschlehrer Dr. Kauermann hat mich die Texte mehrere Male proben lassen, bis seiner Meinung nach die Betonung richtig saß. Oberstudiendirektor Linder entließ immer alle Abiturienten feierlich mit den Worten: Ziehet hin in Frieden.

Rückblickend empfinde ich für diesen meinen Lebensabschnitt Freude, Dankbarkeit und auch ein bisschen Stolz.