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Sabbelpeter

Im Juli 1969 zog ich mit Frau und Kind um von Hagen in Westfalen (dem Tor zum Sauerland) nach Hamburg (dem Tor zur Welt). Ich habe damals nach reiflicher Überlegung meine angesehene Stellung als Betriebschef der Walzwerke und Adjustagen (Zurichtereibetriebe) bei der Firma Klöckner-Werke AG, Hütte Haspe aus verschiedenen Gründen aufgegeben, um bei der Hamburger Arbeits- und Sozialbehörde im Amt für Arbeitsschutz eine Laufbahn als Gewerbeaufsichtsbeamter des höheren Dienstes zu beginnen. Der Hamburger Senat suchte damals erfahrene Fachleute aus der freien Wirtschaft für den Arbeits-, Nachbar- und Immissionsschutz. Das Umweltschutzgesetz gab es damals noch nicht.

Bevor ich den neuen Arbeitsvertrag unterschrieb, hatte ich mich natürlich umgehört, wie denn die Menschen an der Wasserkante so sind. Als Fazit kam heraus: Sie sind wortkarger und weniger gesellig als die Rheinländer, aber wenn sie etwas versprechen, kann man sich hundertprozentig darauf verlassen. Für mich, den Westfalen, waren das verwandte Wesenszüge und eine achtbare Referenz.

Nur eines fiel mir auf. Als sich meine Wechselabsicht in meinen Betrieben herumgesprochen hatte, sagten mir mehrere meiner 450 Mitarbeiter, dass sie von dort herkämen, wohin ich gehen wollte.

Ah, Sie kommen aus Hamburg? pflegte ich zu entgegnen. Mein Gegenüber dann im korrigierenden Ton: Aus Finkenwerder! Das erstaunte mich, weil ich wusste, dass Finkenwerder zu Hamburg gehört. Andere wiederum legten Wert darauf, z. B. aus Altona, Wandsbek, Barmbek oder Bergedorf zu stammen. Also traf ich lauter Hamburger, die nicht aus Hamburg kamen, sondern aus Hammonias Stadtteilen. Dieses dörfliche Identitätsverständnis kennt man ja auch aus anderen Städten und Regionen. Aber von der Freien und Hansestadt Hamburg, dem Tor zur Welt, habe ich es damals nicht erwartet. Heute kenne ich natürlich die geschichtlichen Hintergründe.

Der Umzug bedeutete aber nicht nur einen Wechsel vom gebirgigen Teil Westfalens in die norddeutsche Tiefebene, sondern auch in eine etwas andere Umgangssprache bzw. Wortwahl. Doch wir hatten damit keine Schwierigkeiten, und auch unser dreijähriger Bernd lernte sehr schnell, dass z. B. Bonsche dasselbe wie die westfälischen Klümpchen (Bonbons) sind, oder was ein Sottje, Buttje oder Quidje ist. Eines Tages erzählte ich amüsiert beim Abendessen, dass unser Abteilungsleiter einen (geschwätzigen) Mitarbeiter Sabbelpeter genannt hat. Ich hatte das Wort vorher noch nie gehört und fand es lustig. Papa, was ist ein Sabbelpeter? fragte unser Sohn. Ich erklärte es ihm. Aber vielleicht doch nicht verständlich genug, oder er hatte nur mit einem Ohr zugehört, jedenfalls zeigte sich mehrere Tage später, dass noch Klärungsbedarf bestand.

Es war der erste Weihnachtstag. Bernd hatte schon den prächtig geschmückten Christbaum bestaunt, die Geschenke ausgepackt und ausprobiert sowie etliche Süßigkeiten genossen. Um 10 Uhr nahmen meine Frau und ich ihn mit in den Hauptgottesdienst. Das war nichts Besonderes für ihn, weil wir ihn des Öfteren zu kirchlichen Veranstaltungen mitgenommen hatten, wie damals allgemein üblich. Vorsichtshalber ermahnte ich ihn, sich still und ruhig zu verhalten, und steckte einige Bonbons ein.

Die festlich hergerichtete Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Orgel rauschte mächtig auf in dulci jubilo. Gemessenen Schritts bewegte sich Pfarrer Niemann durch den Mittelgang zum Altar. Er war ein imposanter Mann von wuchtiger Gestalt. Der lange, schwarze Talar unterstrich eindrucksvoll seine Erscheinung, die Würde und Vertrauen ausstrahlte. Ein grauer Haarkranz zierte sein kahles, leicht rosa glänzendes Haupt über einem vollen Gesicht, das gleichermaßen Strenge und Güte verhieß. So stellt man sich gemeinhin den großen Reformator Martin Luther vor. Doch Pfarrer Niemann. kam nicht aus Eisleben in Thüringen, sondern aus Gevelsberg in Westfalen. Das Leben hatte ihn nach Hamburg verschlagen.

Chor und Gemeinde sangen kräftig und fröhlich die schönsten Weihnachtslieder, begleitet von Orgel, Flöten und Geigen. Dann stieg der Pfarrer auf die Kanzel und verkündete die biblische Weihnachtsgeschichte. Er war nicht nur optisch ein idealer Seelsorger, sondern auch ein gewaltiger Prediger. Die Kunst der freien und langen Rede beherrschte er perfekt. Uns Erwachsenen wurde es dabei nie langweilig. Doch nach etwa 20 Minuten begann unser kleiner Sohn immer mehr zu zappeln und hörbar Unruhe zu verbreiten. Beruhigendes Flüstern beeindruckte ihn nicht mehr. Ich gab ihm ein Bonbon und schaffte so für 5 Minuten Ruhe. Danach interessierten ihn keine Süßigkeiten mehr, der Bewegungsdrang war stärker. Und als der Gottesmann dort oben auf der Kanzel uns weiterhin eindringlich die frohe Botschaft von der Geburt Jesu Christi im Stall zu Bethlehem nahe brachte, nahmen meine Frau und ich unseren Sohnemann abwechselnd auf den Schoß und konnten ihn durch dezentes Schmusen noch einige Minuten ruhighalten. Doch bald half alles nichts mehr. Plötzlich richtete sich der kleine Knirps kerzengerade auf, streckte sein Ärmchen aus, zeigte mit dem Finger in Richtung Kanzel und krähte: Papa, ist das ein Sabbelpeter?

Sein Stimmchen war bestimmt im Umkreis von 10 m zu hören. Die meisten Gottes­dienst­besucher ließen sich jedoch nichts anmerken, andere gaben diskret eine amüsierte Regung zu erkennen. Doch meine Frau und ich wären am liebsten vor Scham in den Boden gesunken. Hatten wir in der Erziehung etwas falsch gemacht? -

Gott sei Dank hat jede Predigt mal ein Ende, und das aus voller Brust geschmetterte Schlusslied Oh, du fröhliche, oh, du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit ..... erlöste uns bald darauf aus dieser peinlichen Situation.

Pfarrer Niemann schien Bernds ehrliche Frage nicht mitbekommen zu haben, weil die Kanzel doch zu weit entfernt war. Jedenfalls hat er es mir gegenüber nie erwähnt.