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Regenversicherung

Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben sicher in Ihrem Leben mindestens schon einmal sehnsüchtig auf kräftigen Regen gewartet. Bestimmt im Sommer während einer quälend langen Hitzeperiode, wenn Tiere und Pflanzen nach Wasser von oben und die Menschen nach Abkühlung lechzten. - Das ist der Normalfall.

Aber einmal habe ich mich sogar im Urlaub während des Regenwetters nach noch mehr Regen gesehnt. Das ist kein Normalfall. Und das geschah folgendermaßen:

Im Sommer 1957 baute ich mit Erfolg den zweiten Teil meines Diplomvorexamens (wegen der Vielzahl der Prüfungsfächer wurde das Vorexamen auf 2 Semester verteilt). Überglücklich, aber verständlicherweise geistig geschlaucht, wollte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben richtigen Urlaub gönnen. Das heißt: Nicht auf dem Fahrrad strampeln, nicht im Zelt oder in der Jugendherberge übernachten, sondern in einem Reisebüro ein Hotelzimmer buchen, mit der Eisenbahn weit weg fahren und 14 Tage in einem bekannten Badeort das Leben genießen. Genau so, wie es damals in der Aufbauphase unserer jungen Bundesrepublik im Zuge der Reisewelle nach der Fresswelle der Traum der meisten Menschen war. Finanziell schien mir das Vorhaben im bescheidenen Rahmen machbar. Denn in den Semesterferien hatte ich immer als sog. Werkstudent auf der Zeche oder im Stahlwerk malocht und jeden Groschen dreimal umgedreht, bevor ich ihn ausgab. Daher hatte ich etwas Geld auf der hohen Kante (die Betonung liegt auf etwas).

Mit zwei ähnlich reichen Freunden suchte ich ein Reisebüro auf und ließ mir Angebote machen. Wir wollten an das Meer, weil das noch keiner von uns kannte, möglichst in Bella Italia mit seinen glutäugigen, schwarzhaarigen Signorinas und dem süßen Rotwein. Rudi Schuricke, Vico Torriani und andere Schlager- und Operettensänger priesen damals dieses Land, teils romantisch und schön schmalzig, teils strahlend sinnlich und bedienten die Sehnsucht der Deutschen nach dem warmen, sonnigen Süden. Doch bald merkten wir an den Preisen, die uns die freundliche Reiseberaterin nannte, dass dieser Teil der Welt eindeutig außerhalb unseres finanziellen Horizontes lag. Unser Vermögen reichte gerade noch für die deutsche Nordseeküste. Also mussten wir mit der Insel Norderney, einem privaten Dreibettzimmer mit Frühstück, Nordseereizklima und blauäugigen Blondinen vorliebnehmen. Na, auch nicht schlecht, dachten wir. Hauptsache ans Meer.

Aber es gab eine Möglichkeit, die Urlaubskasse erheblich aufzufüllen - durch eine Regenversicherung. Ich glaube, heute wird sie gar nicht mehr den Urlaubern angeboten, sondern nur Freiluftveranstaltern. Die Prämie war erschwinglich. Am Urlaubsort musste während der Anwesenheit des Versicherungsnehmers eine bestimmte Mindestmenge an Niederschlag fallen, die durch eine amtliche Wetterstelle in Millimeter Wassersäule zu messen und bekanntzugeben war. Dann wurde eine erkleckliche Geldsumme fällig. Den genauen Vertragstext weiß ich heute nach 50 Jahren nicht mehr, aber er las sich sehr gut. Die Bedingung erschien uns damals leicht erfüllbar, weil sich das Wetter in jenem Sommer wechselhaft mit viel Regen zeigte, und nach Aussagen der alten Leute, die sich auf ihr Rheuma mit Ziehen und Reißen im Bein oder Arm verlassen konnten, keine durchgreifende Besserung zu erwarten war. Also schlossen wir mit jugendlicher Begeisterung und in freudiger Erwartung eines fast kostenlosen Seeurlaubs die Regenversicherung ab.

Frohgemut fuhren wir mit dem Zug nach Norddeich und von dort mit der Fähre auf die besagte ostfriesische Insel. Dass die Regentropfen an die Eisenbahnfenster klopften und während der Überfahrt mit dem Schiff infolge des starken Seegangs mehreren Urlaubern übel wurde, betrübte uns nicht. - Wir waren ja regenversichert!

Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht, d.h. ohne Kenntnis des Inselwetters. In unserer Unerfahrenheit von 24 Jahren gingen wir von unserem Heimatwetter im Ruhrgebiet aus. Bei uns regnete es, wenn es regnete, üppig und lange. Und auch in der schönen Stadt Aachen, in der ich studierte, sollte man tunlichst den Regenschirm bei sich tragen. Doch auf Norderney war das Wetter zwar durchwachsen wie zu Hause und es regnete auch, aber so ein Regenschauer dauerte dort vielleicht nur 5 Minuten. Dann blies der kühle Wind ihn schnell weg. Es fielen nur wenige und mickerige Tropfen. Kurzum, es kam nicht viel Wasser am Tag zusammen. Jeden Morgen trabten wir als erstes erwartungsvoll zur Kurverwaltung und lasen ungeduldig die Regenmenge von gestern ab. Doch mit jedem Tag wurden unsere Gesichter länger. Die erforderliche Wassermenge wollte und wollte nicht zusammenkommen. Wir wurden um die Erfahrung reicher, dass Regen nicht gleich Regen ist. Jedes Land hat seinen eigenen Regen. Die Versicherungsgesellschaft weiß es und kann verflixt gut rechnen.

Die vielen kurzen Schauern ließen ein durchgehendes sich aalen am sonnigen Sandstrand kaum zu. Gott sei Dank gab es viele gemütliche Kneipen und Tanzlokale, die wir nun öfter aufsuchten, als wir vorher dachten. Das war nicht übel, aber große Sprünge konnten wir nicht machen, denn es fehlte die Finanzspritze durch die die Regenversicherung. So gab es dann eben Bier statt Sekt bzw. Wein und Bratwürstchen statt Cordon bleu. Der Stimmung tat es keinen entscheidenden Abbruch. Wenn dann wieder so ein Regenschauer uns zwar in eine Kneipe trieb, aber die nötige Wassermenge für eine Versicherungsprämie ausblieb, schmetterten wir in vorgerückter Stunde dem Himmel trotzig den alten und bekannten Schlager entgegen:

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie, wir lassen uns das Leben nicht verbittern…

Oder wir stimmten den damals neuen, kabarettistischen Schlager an:

Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera,
auch zum Zähneputzen kann man es benutzen.
Wasser braucht das liebe Vieh, fallera und falleri,
auch die Feuerwehr benötigt Wasser sehr.­
Auch an manchen Füßen würde mans begrüßen.

Nachwort: Das ist nicht der komplette Text. Aber es sind die Zeilen, die mir am besten gefallen haben und in Erinnerung geblieben sind. Vorgetragen wurde das Lied damals von den unvergesslichen drei Peheiros.