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Wählen dürfen und Kohldampf schieben
oder
Kann ein Mensch davon leben?

Wenn eine Geburt glücklich verlaufen ist, hört man normalerweise fröhliche Laute. Doch als im Mai 1947 die Demokratie in Schleswig-Holstein (wieder-)geboren wurde, begleitete sie millionenfaches Knurren, Magenknurren. (Ja, ja, ich weiß, die geistigen Eltern der Demokratie sollen die alten Griechen und nicht — mit Verlaub — die Schleswig-Holsteiner gewesen sein, aber seither wurde das Kind zigmal totgemacht und wieder auferweckt, wie 1947.)

In der Ausgabe Nr. 4, Mai 2007, der Parlamentszeitung für Schleswig-Holstein, genannt Der Landtag Schleswig-Holstein, hat dieses Blatt, dessen Abonnent ich bin, seine eigene Ausgabe vom Mai 1947 abgedruckt — aus ganz besonderem Grund. Es handelt sich um ein Kleinod der Geschichtsschreibung (Ich verwende hier absichtlich das Wort Kleinod statt Perle o.ä., weil ich neulich gelesen habe, dass es zum schönsten bedrohten Wort gewählt worden ist). Auf immerhin schon 60 Jahre altem, angegilbten Papier wird dort auf 4 Seiten in mehreren historisch sehr interessanten Artikeln über den ersten demokratisch gewählten, schleswig-holsteinischen Landtag und den Hunger von Millionen deutschen Menschen wie folgt berichtet. Ich verkürze auf das Allerwesentlichste:

Zuvor hatte es seit Februar 1946 bereits zwei von der britischen Besatzungsmacht ernannte Landtage gegeben, in denen CDU und SPD eine Koalition mit einem CDU-Ministerpräsidenten bildeten (Wie modern! Kommt uns bekannt vor.) Am 20. April 1947 durften dann alle über 21 Jahre alten Bürger und Bürgerrinnen Schleswig-Holsteins zur Wahlurne gehen, mit Ausnahme NS-belasteter Personen und Flüchtlinge, die nach dem 12. Mai 1946 ins Land gekommen sind. Das Wahlrecht war (selbstverständlich) angelsächsisch geprägt und besaß eine komplizierte Mischung aus Mehrheits- und Verhältniswahl. Kleinere Parteien mit relativ wenigen Wählerstimmen erhielten keine Sitze im Parlament. Die Legislaturperiode dauerte drei Jahre. Die Abgeordneten bekameneine Entschädigung von 200 Reichsmark pro Monat.

Die Stimmauszählung ergab 43 Sitze für die SPD, 22 Sitze für die CDU und 4 Sitze für den SSV (Südschleswigsche Vereinigung, heute heißt diese Partei SSW = Südschleswigscher Wählerverband). 

Dieser — nun demokratisch gewählte — Landtag trat am 8. Mai 1947, auf den Tag genau zwei Jahre nach Kriegsende, in der Pädagogischen Akademie in Kiel-Hassee zusammen. Der Zivilgouverneur für Schleswig-Holstein (der von der Besatzungsmacht eingesetzte, wahre Herrscher über das Land), Vizeluftmarschall Hugh de Crespigny, eröffnete mit einer auf Englisch gehaltenen Rede den Landtag, nachdem er Hermann Lüdemann (SPD) mit der Regierungsbildung beauftragt und dessen rein sozialdemokratische Kabinettsliste (1 Ministerpräsident und 5 - statt bisher 8 - Minister) gebilligt hatte. Danach verließ er mit seiner Begleitung die Sitzung.

Hochinteressant finde ich den Inhalt der Rede des Zivilgouverneurs. Er formulierte darin sehr genau die Erwartungen der Besatzungsmacht an die deutsche Politik. Es sind alles gute und fortschrittliche Forderungen zur Behebung der damaligen existenziellen Not und zur Entwicklung einer humanen, modernen Gesellschaft. Geradezu elektrisiert hat mich aus aktuellem Anlass folgendes: Bei dem Thema Entnazifizierung forderte er Milde für die Jugend, denn — so wörtlich — …es wäre falsch, denen den Rückweg zu versperren, die in frühesten Jahren nach den Grundsätzen einer verseuchten Philosophie erzogen worden sind. Ich meine, diese Worte eines ehemaligen Kriegsfeindes 2 Jahre nach Kriegsende sollten sich diejenigen hinter die Ohren schreiben, die heute, 60 Jahre  nach Kriegsende, die (richtige oder falsche ?) Meldung mit unterschiedlichsten Kommentaren durch die Gazetten geistern lassen, dass die Schriftsteller Siegfried Lenz und Martin Walser sowie der Kabarettist Dieter Hildebrandt als 16- bis 18 Jährige kurz vor Kriegsende Mitglieder der NSDAP geworden sind. Aber wir — zumindest die Senioren unter uns — wissen ganz genau, dass bestimmte Kenntnisse über Prominente von manchen Leuten zu verschiedensten Zwecken gerne instrumentalisiert werden. Ganz schlimm finde ich es, wenn ohne Kenntnis und Berücksichtigung der tatsächlichen Umstände moralische Urteile über Mitmenschen gefällt werden. 

Der frisch gebackene Ministerpräsident Hermann Lüdemann redete in seiner Regierungserklärung Fraktur in Richtung Besatzungsmacht, von der er politische Handlungsfreiheit forderte. Er benannte aber auch schon — neben vielen damals aktuellen Themen wie z. B. Milderung des Hungerproblems — bis heute noch nicht gelöste politische Dauerbrenner wie eigene Elbübergänge für Schleswig-Holstein, eine Bildungsreform und äußerste Sparsamkeit im öffentlichen Haushalt.

Sehr drastisch behandelten die Abgeordneten das Thema Ernährungskrise und ließen keinen Zweifel daran, dass die Briten dafür die Schuld trügen. Die beiden abgedruckten Artikel Die Briten haben Schuld an der Krise und Appell zur Ernährung&qlduo; belegen die damalige Stimmung.

Der eigentliche Anlass, warum ich diese Geschichte schreibe, ist die eingerahmte Mitteilung (Bild rechts) über die Lebensmittelration für die 28tägige Zuteilungsperiode, die Ernährungsminister Erich Arp bekannt gab. Hier wird in objektiven Zahlen anschaulich belegt, was Hungerzeit heißt. Millionen Menschen in Schleswig-Holstein mussten mit nur 735 Kalorien pro Tag auskommen. Heute in unserer Überflussgesellschaft unvorstellbar. andererseits täte es manchem Übergewichtigen gut, diese Kur eine gewisse Zeit mitzumachen.

Um zu verdeutlichen, was 735 Kalorien pro Tag bedeuteten,habe ich die für 4 Wochen zugeteilten Mengen auf den Tag umgerechnet:

Wer möchte, kann diese geringen Mengen auf einer Apotheker- oder Briefwaage einmal abwiegen, um eine realistische Vorstellung davon zu bekommen. Herkömmliche Küchenwaagen sind dafür zu grob.

Diese kargen Lebensmittelrationen — zum Leben zu wenig, zum Sterbenzu viel — wurden zwar allen Einwohnern Schleswig-Holsteins zugeteilt, aber die Großstädter und die 1,2 Millionen eingewiesenen Flüchtlinge hatten durchweg keine eigenen Reserven oder Ergänzungsmöglichkeiten, wie es im Amtsdeutsch hieß. Damit gemeint waren z.B. der eigene Garten, die Kleintierhaltung oder Tauschgeschäfte mit Bauern.

Die zugeteilten Rationen standen zunächst nur auf dem Papier der Lebensmittelkarten. Sie gab es aber nicht jeden Tag zu kaufen. Die Lieferungen, die beim Händler eintrafen, waren oft mengenbegrenzt. Bei Bekanntwerden einer Lieferung liefen wir schnell zu einem Laden und mussten oft lange Schlange stehen. Es passierteauch, dass die Ware, kurz bevor  man an der Reihe gewesen ist, vergriffen war. Dann hatte man — vielleicht stundenlang — umsonst angestanden.

Die Gewitztesten stellten sich konsequent sofort an, wenn sie irgendwo eine Menschenschlange sahen, dann erst erkundigten sie sich, was es zu kaufen gab.

Diese Hungersnot dauerte ja nicht nur einen Monat oder zwei oder drei, sondern länger als drei Jahre nach der Kapitulation. Und vorher in den letzten Kriegsjahren war auch schon längst Schmalhans Küchenmeister gewesen. Wir gingen also ohne körperliche Reserven in die Besatzungszeit.

Die allermeisten von uns sahen ungewollt schlank oder überschlank aus wie z.B.der großartige Schauspieler Gert Fröbe in seinem ersten Film als Otto Normalverbraucher (später platzte er ja aus allen Nähten). Die ersehnte Idealfigur hieß vollschlank, umgekehrt wie heute. Wer gut in Futter war, verriet auch damit, eventuell ein Schieber zu sein oder mindestens gute Beziehungen zu haben. So das damalige Vokabular und die Denkart.

Einen Vorteil — wenn man sarkastisch denkt — hatte diese Zeit. Denn Bulimie, Leberschäden, Übergewicht, Herzinfarkt oder Stoffwechselkrankheiten waren so gut wie unbekannt, also alle Zivilisationskrankheiten, die uns heute plagen und das Gesundheitssystem belasten. Nie wieder Krieg! hieß die einhellige und hundertprozentig ehrlich gemeinte Parole in Deutschland. Unter Freunden und Bekannten drückte man sich zeitweise noch drastischer aus: Vom Krieg haben wir die ... voll! Je nach dem Grad der Genierlichkeit setzte man für die drei Pünktchen Nase (meistens die Damen) oder Schnauze ein. — Umso schockierender für uns Deutsche, als nur drei Jahre später das Amt Blank, auch Dienststelle Blank genannt, die Keimzelle des Bundesverteidigungsministeriums, in Bonn gegründet worden ist. Aber die Wiederbewaffnung Deutschlands ist ein ganz anderes wichtiges Thema und soll in einer anderen Geschichte behandelt werden.