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Vorwort:

Mit dieser Geschichte möchte ich Sie gedanklich in die Jahre 1949 bis 1950 zurückversetzen.Ich war damals 16 oder 17 Jahre alt.

Aha! Werden Sie denken, liebe Leserin, lieber Leser. Nach der Überschrift zu urteilenbringt er jetzt eine alltägliche Liebesgeschichte in der Art: Junge himmelt Mädchen an und/oder umgekehrt. -Aber nein. Es kommt ganz anders.

Es hat gefunkt

Es geht nicht um die Liebe zum anderen Geschlecht, sondern um einen kollektiven, heftigen Flirt unserer Schulklasse mit - Funkwellen. Diese sind, wie wir wissen, nur ein kleiner Teil aus der riesigen Schar der unterschiedlichsten Arten von elektromagnetischen Wellen, die alle mit einer Geschwindigkeit von fast 300 000 km pro Sekunde durch das Weltall jagen, das von ihnen nur so wimmelt. Die allermeisten von ihnen haben eine natürliche Quelle, z.B. Sterne oder den Urknall selbst(das kosmische Rauschen). Eingeteilt werden sie nach ihrer Länge, die in einem gigantischen Bereich von Kilometern bis zur Atomgröße liegt.

Funkwellen werden technisch, also vom Menschen, erzeugt. Mit Funkwellen transportiert man bekanntlich Sprache, Gesang, Musik und alle möglichen für das menschliche Ohr bestimmte Töne und Geräusche, indem man sie mit dem Mikrofon aufnimmt, mit einem Sendegerät über eine Antenne drahtlos durch den Äther schickt, wo sie jedermann wieder mit einer Antenne und einem Empfangsgerät, sprich Radio, auffangen kann. Dieser Sachverhalt regt heute niemanden mehr auf, aber vor ungefähr 60 Jahren wurde er noch von vielen als sensationellen Fortschritt empfunden. Die Rundfunkanstalten benutzten -wie heute - Lang-, Mittel- und Kurzwellen. Das heute übliche Senden im ultrakurzen Wellenbereich war damals jedoch technisch noch nicht ausgereift.

Aber wie konnte eine so starke Zuneigung zu diesen Wellen, zwar eine der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen, die aber das Gefühl eigentlich kalt lassen, in einer ganzen Schulklasse entstehen? Zugegeben, diese Wellen haben einen gewissen Charme, sie sind ideale Freundinnen. Sie werden mit der Zeit nicht alt und runzelig, widersprechen nicht, zicken und zanken nicht, sind jederzeit mit Lichtgeschwindigkeit verfügbar, sehr genügsam und wollen nur ein bisschen Strom aus der Steckdose. Gott schuf elektromagnetische Wellen noch vor der Eva und dem Adam, nämlich am 1. Schöpfungstag, als er sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht. So steht es in der Bibel. Licht besteht ja bekanntlich aus nichts anderem als aus sehr kurzen, elektromagnetischen Wellen, die wir Menschen mit unseren Augen ohne technische Geräte direkt wahrnehmen können.

Nun, der Kuppler für diese Liebschaft hieß Studienrat Schultheiß, unser damaliger Physik- und Sportlehrer in der Obertertia oder Untersekunda (5. oder 6. Klasse Gymnasium). Ein eher kleiner, untersetzter Mann im mittleren Alter. Seinen kurzen, dicken Wurstfinger traute man beim ersten Anblick nicht zu, sicher und behände viele dünne Drähte und verschiedene Geräte im Handumdrehen zu einer sofort funktionierenden elektrischen Versuchsanordnung zusammenzubauen. Er war so ganz anders als die übrigen Lehrer. Seine Sprache nüchtern, direkt, fern von jeder Bildungsbürgertümelei, volksnah, bisweilen ein derbes Wort nicht scheuend, wenn es einer eindeutigen Erklärung dienlich war. Gib Saft! rief er schon mal bei Demonstrationsversuchen einem von uns zu, der den Strom einschalten sollte. Oder in einer Sportstunde beim Kugelstoßen: Du brauchst mehr Muckis in deinen Ärmchen, sonst bleibste ein Spinnewipp! Dann zeigte er demjenigen, wie er die Schnellkraft im Arm vergrößern konnte, indem er einen Ziegelstein aus der Schulter heraus senkrecht nach oben stieß, wieder auffing und sagte: So, das machst du jeden Morgen zwanzigmal. — Meistens ließ er uns unserem Lieblingssport nachgehen: Fußball spielen. Auch das machte ihn so beliebt.

Es kam auch einige Male während einer Physikstunde vor, wenn das Wetter sehr schön war und wir ihn baten (mit Hilfe unserer Mädchen), lieber draußen Sport treiben zu dürfen, dass er dann rief: Nun gut, wir machen Physik des rollenden Balles! Und ab ging es auf den Sportplatz.

In jenem Schuljahr schrieb der Lehrplan Einführung in die Wellenlehre und Elektrizität vor. Ein schwieriger Stoff. Aber unser Lehrer schaffte ihn souverän. Plastisch und absolut verständlich erklärte er uns das unanschauliche Wesen des elektrischen Stromes und des Magnetismus sowie komplizierte Schalt- und Schwingkreise, sowohl anhand von Geräten, mit denen der riesige Experimentiertisch übersät war als auch mit schwungvollen Kreidestrichen an der Tafel. Physik machte der ganzen Klasse Spaß, sogar den Mädchen. Dies sage ich deshalb, weil man damals fälschlicherweise meinte, dass sie sich für Naturwissenschaften und Technik nicht interessierten. Müßig zu erwähnen, dass Disziplinschwierigkeiten ein Fremdwortwaren.

Warum aus Spaß sogar Leidenschaft wurde, lag daran, dass Studienrat Schultheiß ein begeisterter Amateurfunker und sogar der Vorsitzende des Vereins deutscher Amateurfunker in Bochum war. Fast in jeder Unterrichtsstunde berichtete er uns in unnachahmlicher Weise, wie er seine Sendeanlage zusammengebaut hat, wie sie funktionierte und mit welchen anderen Amateurfunkern überall auf dem Erdball er drahtlos kommunizierte. Die Klasse hörte gebannt zu und erfuhr eine Unmenge von interessanten Einzelheiten, z.B. den Unterschied einerseits zwischen dem Lang- und Mittelwellenbereich, in dem die meisten Rundfunksender damals ihre Programme ausstrahlten, und andererseits dem Kurzwellenbereich, in dem die Amateure senden durften, falls sie eine Lizenz erworben hatten.

Letztere war gar nicht so leicht zu erwerben. Die Deutsche Post besaß das Sendemonopol. Anderen war das Senden bei Strafe verboten. Die Post wachte streng über das Verbot. Doch sie konnte auf Antrag denjenigen, die das erforderliche technische Fachwissen, die Sicherheit in der Anwendung und die entsprechende Gesetzeskunde in einer Funkerprüfung nachgewiesen hatten, eine Zulassung in Form des Amateurfunkerzeugnisses und ein Rufzeichen erteilen.

Wir wollten den Funkbetrieb unter den Amateurfunkern unbedingt einmal praktisch kennen lernen und baten unseren Lehrer, seine Anlage in die Schule mitzubringen. Er sagte uns, dass er das gerne täte, aber die Geräte seien zu groß und schwer, um sie einfach herzutragen und ein Auto habe er nicht. Aber unser Klassenkamerad Manfred Eiche machte den Transport möglich, denn sein Vater, Bäcker- und Konditormeister, besaß einen dunkelblauen PKW mit protzigem Kühlergrill, einen Opel Olympia, 2 Liter Hubraum.

Einige Tage später war es soweit. Die Anlage, von der wir schon soviel gehört hatten, stand massig auf dem großen Experimentiertisch im Physikraum, viel größer als das größte Radio. Wir staunten Bauklötze. Hinter Blechwänden brummte es, und eine - für uns - unüberschaubare Menge an Kupferdraht und anderen Metallteilen zeigte sich dem Auge. Das Innenleben eines gewöhnlichen Radios war gar nichts dagegen. Mitten darin glühten Verstärkerröhren, die nach unserem Eindruck glatt eine kleine Stube hätten heizen können. Die Vorderwand zierten mehrere halbrunde Skalen, darunter schwarze Drehknöpfe, mit denen man schwarze Zeiger bewegen konnte.

Schnell hatte unser Lehrer seine Anlageverständlich erklärt und begann mit dem Funkbetrieb. Zunächst gab das metallische Ungetüm nur ein Rauschen von sich. Nach vielem Drehen an den Knöpfen kam mehrmals ein quietschendes, auf- und abschwellendes Uuuuiiiii heraus. Unser Lehrer rief dauernd ins Mikrofon: Hier ist DL1QK. (sein Rufzeichen). — Pause —. Hier ist DL1Qebec Kilowatt, bitte kommen. Dabei grinsten wir uns an, denn unvorsichtigerweise hatte er uns einmal verraten, dass seine Funkerfreunde ihn inoffiziell DL1 Quatsch Kopp nannten.

Dann waren endlich so etwas wie leise, verzerrte menschliche Stimmen zu hören. Alle drängten sich nochnäher heran und krochen fast in das Gerät. Unser Lehrer kurbelte noch ein paar Mal an verschiedenen Knöpfen und — es meldete sich ein Teilnehmer. Er sprach Deutsch, und wir waren etwas enttäuscht, weil wir hofften, mit jemandem von der anderen Seite der Erde in Englisch kommunizieren zu können. Doch der Lehrer erklärte uns, dass der Vormittag als Sendezeitgrundsätzlich ungünstiger sei und man die besten Verbindungen bekomme, wenn es dunkel sei. Das hätte etwas damit zu tun, das die Kurzwellen an der Ionosphäre und an der Erde reflektierten, wodurch sie trotz relativ geringer Sendeenergie große Reichweite erzielten. Das nahmen wir einfach so hin, obwohl uns das mit dem Vormittag theoretisch nicht einleuchtete.

Er tauschte dann mit dem anderen Funker die technischen Daten ihrer Anlagen aus sowie die augenblickliche Frequenz, Modulation und einiges rein Technisches. Persönliches oder allgemeine Neuigkeiten kamen nicht zur Sprache. Das sei auch nicht üblich, hörten wir zur Erklärung. Lediglich das gegenseitige Zuschicken einer Gesprächsbestätigung, einer so genannten QSL-Karte,wurde vereinbart. Das sei so üblich, und die Funker sammelten sie voll Stolz.

Wir alle waren sehr beeindruckt und wollten auch Amateurfunker werden.

Unser Lehrer freute sich darüber, unser Geist war willig, doch die Umstände widrig. Nur ein Klassenkamerad, Alfred Dahl, und ich schafften es überhaupt, einige Male an bestimmten Abenden mit dem Zug von Langendreer nach Bochum zu fahren, um die Vereinstreffen und die unerlässlichen Vorbereitungskurse für die Funklizenz zu besuchen. Dort kamen wir mit Menschen zusammen, die sich den ganzen Abend mit wachsender Begeisterung nur über Frequenzen, Modulationen, Induktionen, Kapazitäten, nächtliche Verbindungen nach Australien und Amerika und vieles mehr über die Funkerei, auch über das handwerkliche Zusammenbauen der Geräte unterhalten konnten. Ich hatte das Gefühl, mich unter harmlos Besessenen zu befinden. Ähnlich wie heute die wahren Computerfreaks auf ihrem Gebiet. Sie mögen mir meine Einschätzung verzeihen. Sie ist gut gemeint.

Warum ich damals die Lizenz nicht erworben habe, hatte mehrere Gründe. Zum einen ging bald darauf Studienrat Schultheiß an eine andere Schule und wir verloren unseren Motivator. Zum anderen hatte ich nicht genügend Geld, Zeit, die handwerkliche Ausrüstung und den Platz in unserer kleinen Wohnung, um dort eine Anlage zu bauen und aufzustellen. Zu jener Zeit konnte man nicht einfach eine fertige Anlage kaufen, höchstens einige wenige Bausätze. Alles andere musste man in Einzelteilen selber planen, zusammenlöten und -basteln. Außerdem hatte damals der Prüfling nachzuweisen, dass er das Morsen beherrscht. Trotzdem hat mich die Faszination der Funkwellen nie verlassen, einfach so in den Äther rufen zu können und dann zu erleben, wie ein unbekannter Mensch - vielleicht auf der anderen Seite der Erde - antwortet.

Aber wir konnten ja mit viel Glück etwas empfangen, denn wir besaßen ein Radiogerät mit einem Kurzwellenbereich. Er umfasste zwar längst nicht alle Frequenzen, auf denen sich die Amateurfunker tummelten. Aber hin und wieder gelang es einem aus unserer Klasse abends, wenn es dunkel war, auf dem 16m-Band oder einem kürzeren ihre Rufe zu hören oder ein Gespräch zu belauschen. Das war dann morgens das erste Thema in der Schule.

Der Krieg war ja noch nicht allzu lange vorbei, aber die Aufbruchstimmung war gewaltig, und die Menschen wollten nach getaner Arbeit unterhalten werden. An Fernsehen dachte noch keiner. So entwickelte sich das Radio vom Volksempfänger der Kriegszeit (Goebbelsschnauze) zum besten Unterhaltungsgerät in der Wohnung. Man konnte zuhören und gleichzeitig noch etwas anderes tun, ohne hingucken zu müssen. Die Herstellerfirmen bliesen zum scharfen Konkurrenzkampf und erfreuten die Kunden mit immer größeren, leistungsstärkeren und dekorativeren Kreationen mit eindrucksvollen Bässen und einem — magischen Auge. Wir verbrachten in Hörweite dieser Schmuckstücke herrliche Stunden bei Übertragungen von spannenden Fußballsspielen, bunten Abenden mit Humoristen wie Heinz Erhardt und dem Schwabenhansel, Sonntag vormittags Werner Höfer mit dem internationalen Frühschoppen sowie den schönen Stimmen von Anneliese Rothenberger, Lieselotte Malkowski, Rene Carol, Vico Torriani und Bruce Low, um nur einige stellvertretend zu nennen, nicht zu vergessen die vielen guten Orchester der Radiosender. Ich hörte auch gerne den Schulfunk wegen seiner wunderbaren Erkennungsmelodie aus Mozarts Zauberflöte (Papageno: Der Vogelfänger bin ich ja....) und weil dort komplizierte Sachverhalte sehr verständlich meistens in Form von Hörspielen erklärt wurden. Am allerliebsten mochte ich Schularbeiten machen bei heißer Jazzmusik vom Soldatensender AFN (American Forces Network), wenn Mutti nicht zu Hause war. Aber bitte nicht weitersagen.