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Trümmer und Ruinen

Während der letzten Kriegsjahre und einige Jahre nach dem Krieg gehörten Trümmerfelder und Ruinen ganz selbstverständlich zu den großen und kleineren Städten des dicht bewohnten Ruhrgebiets, zu dem Teil Deutschlands, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Auf dem flachen Land war das sicher anders. Aber um mich herum waren seit meinem sechsten Lebensjahr Krieg und Zerstörung alltäglich. Als Kind gewöhnt man sich wohl schnell daran. Jedenfalls haben auch andere Kinder in meinem Alter kein Thema daraus gemacht. Wir hatten andere, kindgerechte Themen.

Anfang des Krieges, als feindliche Bomber nur vereinzelt und nachts ihre tödliche Fracht abluden, pilgerten wir sonntags mit unseren Eltern zu einzelnen Häusern, die von Bomben zerstört worden waren, gafften sie an, bestaunten Bombentrichter und sammelten begeistert in kleinen Holzkisten Bombensplitter, Splitter von Flakgranaten und Hülsen von Bordmunition. Am begehrtesten waren die Leichtmetallsplitter der Leuchtspurgranaten. Manchmal lagen morgens auch Gurte mit scharfen Maschinengewehrpatronen auf der Erde, Zeugen von Luftkämpfen. Aber diese ließen die meisten von uns liegen, denn die Patronen konnten hochgehen und uns verletzen oder töten. Wir wetteiferten, wer die größte Sammlung und die seltsamsten Stücke besitzt. Es entwickelte sich auch dafür eine Art Tauschbörse unter Kindern wie z.B. für die Bilder von Schauspielern in Zigarettenschachteln. Diese Splitter zu behalten war streng verboten, man musste sie abliefern. Aber wir haben uns nicht daran gehalten.

In den letzten Kriegsjahren, also in der Zeit der Bombenteppiche, Luftminen und Phosphorbrandbomben, änderten sich die Gesamtlage und die Anschauung radikal. Zerstörte und ausgebrannte Gebäude waren nun die Regel, und die noch unbeschädigten fielen sofort auf. Das Splittersammeln fand nicht mehr statt, war unmodern geworden. Verlorenes Hab und Gut nahmen Kinder achselzuckend zur Kenntnis. Auf das Überleben kam es an. Erwachsene hatten in dieser Hinsicht eine erweiterte Sichtweise.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein älteres, sympathisches Ehepaar, Freunde unserer nächsten Nachbarn, zu denen ich oft zum Spielen mit ihrer etwas jüngeren Tochter ging. Er, groß und stattlich mit einem ansehnlichen Bauch. Sie, kultiviert, gepflegt, elegant gekleidet. Das war Anfang des Krieges.

Etwa zwei bis drei Jahre später, nach einem der vielen Terrorangriffe (damalige Terminologie) auf unsere Heimatstadt Bochum, bei dem diese beiden alles verloren hatten außer ihr Leben und das, was sie auf dem Leibe trugen, sowie die obligatorische Tasche mit den wichtigsten Papieren und Habseligkeiten, erkannte ich sie kaum wieder. In der Wohnküche unserer Nachbarn saß ein graues, altes Ehepaar, gebeugt und mager. Sein Bauch war weg, ihre äußere Eleganz erloschen, aber ihr freundliches Wesen glänzte noch durch die unansehnliche Hülle. Traurig, aber gefasst erzählten sie, wie sie nach dem Angriff aus dem Bunker taumelten, von weitem im Feuersturm ihr Haus sahen. Die Vorderwand war weggerissen, sie konnten in ihre brennenden Zimmer hineingucken. Eine Etage nach der anderen brach unter lodernden Flammen ab und stürzte in die Tiefe. Das Inferno war noch einigermaßen seelisch zu ertragen durch das Bewusstsein, überlebt zu haben.

Aber als dann unser Klavier im Zeitlupentempo brennend hinunter trudelte, fassten wir uns an die Hände und weinten, schilderte die Dame jene fürchterliche Nacht. Und während sie sprach, übermannten sie wieder die Tränen.
In diesem Moment erfasste mich zehnjährigen Jungen eine Ahnung, was Totalverlust der Wohnung für Erwachsene bedeutet.

Wenige Monate später erfuhren meine Mutter, meine kleine Schwester und ich das gleiche Schicksal. Mutti traf es natürlich am schlimmsten, zumal kurz vorher Vati an der Ostfront gefallen war. Wie wir unsere Ausbombung und Notunterkunft in der Trümmerwüste erlebt haben, schilderte ich bereits in meiner Geschichte Der letzte Alarm.

Nach Kriegsende arrangierte ich mich irgendwie mit den Trümmerfeldern. Einzelne stehen gebliebene Zimmer in den Ruinen oder intakte Kellerräume wurden einigermaßen in Selbsthilfe bewohnbar gemacht und bezogen. Durch den Schutt legte man Wege an mit Hacke, Schaufel und Schubkarre. Diese Wege folgten nicht immer den alten Straßen, weil sie unter meterhohen Trümmerbergen lagen.

Die Ruinen brachten uns auch Vorteile, wie folgt:

Sie enthielten viel Holz, z.B. Balken und Fußbodendielen. Das verwendeten wir als Brennmaterial zusätzlich zu den geschrappten Kohlen. Wir brauchten nicht zu frieren und konnten kochen, denn fast alle Kochherde waren nur für feste Brennstoffe geeignet. (Kohlen schrappen nannten wir das Aufsammeln der Kohlen mithilfe einer kurzstieligen Dreckschüppe >Kehrschaufel<. Es handelte sich um Kohlenstücke, die auf der Zeche beim Beladen der Transportfahrzeuge herunterfielen, wobei wir Schrapper kräftig nachhalfen, wenn der Fuhrmann mit seiner langen Pferdepeitsche mal nicht richtig aufpasste. Es war eben der legitime Schwund.)

Der Vater eines angeheirateten Onkels von mir, schon im Rentenalter und ein begeisterter, begnadeter Bastler, konnte sich total ausleben. Zuerst baute er sich an einer noch intakten Ruinenwand eine geräumige, beheizbare Bude aus Holz. Aus zerstörten Industrieanlagen sammelte er eine Menge brauchbares Handwerkszeug und vielerlei Rohmaterial zusammen. Tag für Tag werkelte er dann von morgens bis abends in seinem Reich. In seiner Wohnung hätte er niemals diese Arbeiten tun dürfen. Er zauberte aus Schrott die praktischsten Dinge des täglichen Bedarfs, z.B. Feuerzeuge aus Patronenhülsen oder Fahrräder und auch manches Kunstwerk aus Spaß an der Freude. So konnte es vieles gegen Nahrungsmittel eintauschen. Ganz versteckt in einer Ecke stand sein Meisterwerk, ein Alkoholdestillierapparat, sehr erprobt und zuverlässig.

Bevor mein Vater während des Krieges eingezogen worden war, baute er im Garten einen Stall aus Latten, Brettern und Teerpappe für unsere Kaninchen, Hühner, Enten und Gänse. Eine Bombe fegte das hölzerne Bauwerk hinweg. Nach Kriegsende klopfte ich in den Trümmern Ziegelsteine, mit denen wir einen massiven Stall errichteten.

Gewinnung von Baumaterial durch Steine klopfen war damals unentbehrlich und sehr wichtig. Wie ich schon in meiner Geschichte Wiederbeginn der Schule nach Ende des Krieges berichtete, begann unser Schulbetrieb mit eben derselben Tätigkeit.

Die Ruinenlandschaft betrachteten wir Kinder und Jugendlichen als regelrechten Abenteuerspielplatz, tobten uns darin aus und entdeckten wundervolle Verstecke. Eines Tages fanden wir unter dem Schutt eines Nebenhauses die noch fast unbeschädigte Waschküche. Regenwasser sickerte nicht durch. Wir trafen uns dort heimlich, zimmerten aus Fußbodenbrettern einen Tischtennistisch und spielten bei Kerzenlicht die aufregendsten Turniere.

Trotz aller dieser Vorteile verzichte ich gerne auf Trümmer und Ruinen.

Viele waren damals der Ansicht, dass es noch mindestens 20 bis 30 Jahre dauern werde, bis diese riesigen Trümmerfelder und ungeheuren Schuttmengen beseitigt sein werden, ganz zu schweigen vom Neuaufbau. Aber schon 1949 wurden diese Menschen eines besseren belehrt. Im September jenes Jahres fand in Bochum der Deutsche Katholikentag mit vielen tausend Besuchern statt. Die Stadtverwaltung ließ vorher fast alle Plätze, Straßen, Bürgersteige und Radwege in relativ wenigen Wochen räumen, die Bombentrichter zuschütten, so dass die Trümmerberge nur noch auf den Ruinengrundstücken lagen. Die Neubautätigkeit hielt sich noch in bescheidenen Grenzen. Aber ich staunte nicht schlecht und bekam eine Vorstellung davon, zu welchen Taten eine Gemeinschaft fähig sein kann, wenn der Wille vorhanden ist und alle Kräfte zielstrebig eingesetzt werden. So geschah es dann auch im beginnenden Wirtschaftswunder.