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So habe ich das Deutsche Jungvolk erlebt - Vorwort

So habe ich das Deutsche Jungvolk erlebt

Kapitel 1 — Vorwort

Was soll das jetzt noch?

Lass bloß die Finger davon. Du kannst sie dir nur verbrennen. Dieses Thema ist völlig ungeeignet für eine Geschichte im Internet. so dachte ich bis vor kurzem. Die Mitmenschen, die im Dritten Reich so jung waren, dass sie sich nicht daran erinnern können oder erst nach Kriegsende geboren worden sind, werden dich bestenfalls vielleicht vom Verstand her, aber nicht vom Gefühl her verstehen können. Sie werden dich nach dem Warum fragen, aber du kannst nur ehrlich antworten, wie du es persönlich erlebt hast und darauf hinweisen, dass du damals noch ein Kind warst und den Erwachsenen gefolgt bist, ohne die Fähigkeit zu einem abgewogenen Urteil zu haben und ohne die Möglichkeit, die Fratze der unmenschlichen Diktatur zu erkennen. Du wirst ja vor deiner Geburt nicht gefragt, wann, wo und in welcher Gesellschaft du aufwachsen möchtest.

Von der Elterngeneration sind die meisten schon tot, und die wenigen, die noch leben, schweigen darüber. Diejenigen aus meiner Generation, die es selbst erlebten, haben sich nach meiner Erfahrung nur selten, und dann meistens nur im kleinsten Kreis mündlich und bruchstückhaft geäußert. Die Devise war und ist: die Zeit ist vorbei, wir schauen nach vorne.

Ich empfand es als einen Makel im Nachkriegsdeutschland, ein Hitler-Junge oder ein Jungvolkjunge gewesen zu sein, obwohl die Mitgliedschaft Pflicht war. Es gab das Hitlerjugendgesetz der Reichsregierung mit seinen Verordnungen. Je nach Region, den örtlichen Führern und Gefolgschaften wurden sie zum Teil unterschiedlich gehandhabt, wie ich in Gesprächen von anderen Gleichaltrigen, aber auch selbst erfahren habe. Aber am Grundsätzlichen und an der Ideologie war nicht zu rütteln.

Wenn du dich zu diesem Thema überhaupt äußerst, besser gesagt, deine eigenen Erlebnisse ehrlich schilderst, müssen deine Worte nicht dann von Betroffenheit, Abscheu und Empörung nur so triefen? Andernfalls wird man dir - offen oder unausgesprochen - unweigerlich das geistige Braunhemd überziehen (das du nie getragen hast und das deine Eltern mit stummer Verachtung angesehen haben) und dich der Verherrlichung des Dritten Reiches zeihen, so dachte ich weiter. Wird man dir glauben, dass du dir nach Kriegsende, in voller Kenntnis all dessen, was man dir vorher verschwiegen oder vorgelogen hat, eine eigene Meinung gebildet hast, die mit unserem Grundgesetz voll übereinstimmt trotz der Prägung im Kindesalter? Soll ich doch lieber dieses Thema meiden? Andererseits ist es doch unehrlich, diesen Lebensabschnitt auszuklammern. Warum eigentlich diese Zweifel? Schluss damit! Deine Leser werden sich souverän ihre Meinung bilden.

Zum Glück gibt es die Erinnerungswerkstatt Norderstedt. Hier schreibt jeder frank und frei, ohne moralischen Zeigefinger und politische Besserwisserei (besonders hinterher), ohne faule Geschichtsklitterei, Schönfärberei und Verteufelung das auf, was er damals selbst erlebt hat und nur das — ohne Wertung und Belehrung. Wir haben Respekt vor der Mündigkeit und dem Urteilsvermögen des Lesers und wollen keine geistigen Missionare sein oder historisches Halbwissen verbreiten. Es zählt nur das eigene Erleben.

Meine Schwestern und Brüder in diesem Geiste haben mich deshalb ermutigt, meine Erlebnisse niederzuschreiben und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser zur Unterhaltung anzuvertrauen. Wir beantworten auch gerne Ihre Fragen. Dafür bieten wir z.B. unser GästebuchÜber einen Eintrag in unser Gästebuch würden wir uns sehr freuen… an.