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So habe ich das Deutsche Jungvolk erlebt - Innendienst und nationalpolitischer Unterricht

So habe ich das Deutsche Jungvolk erlebt

Kapitel 5 — Innendienst und nationalpolitischer Unterricht

Ehre, Hass, Gehorsam, Gesang, Mein Kampf

Im Innendienst lernten wir Landsknechtslieder, besonders viele Jungvolklieder, allesamt Märsche mit eingängigen Melodien und heroischen Texten, die sich so fest einprägten, dass ich die meisten heute noch singen kann. Außerdem bekamen wir nationalpolitischen Unterricht. Demokraten wurden als Schwächlinge lächerlich gemacht, Parlamente als Quasselbuden diffamiert. Da wir uns bereits im 4. Kriegsjahr befanden, wurde uns besonders der Hass auf die Feinde eingeimpft, als da waren die blutrünstigen angloamerikanischen Plutokraten, die bolschewistischen Untermenschen und  vor allem das Weltjudentum. Die Eroberungsfeldzüge und Heldentaten unserer Wehrmacht wurden verherrlicht. Man brachte uns bei, wie wir uns zu verhalten hätten, nämlich hart und mutig, schneidig und zackig und vor allem absolut gehorsam gegenüber Vorgesetzten. Was das zum Beispiel heißt, erklärte uns der Jungvolkführer einmal beim Exerzieren: Wenn ich befehle: Stillgestanden! dann bleibt ihr in strammer Haltung stehen, egal, was passiert, auch wenn eine Bombe neben euch krepiert, bis ich befehle: Volle Deckung!

Ehrverletzungen galten als die schlimmsten Beleidigungen. Die schmählichsten Schimpfworte waren Feigling und Jude. Damit konnte man den sanftesten und stillsten Jungen zum Schläger machen, denn niemand durfte dieses auf sich sitzen lassen. Es folgte unweigerlich eine Prügelei bis zur Entscheidung. Der Kampf musste ritterlich geführt werden, d.h. boxen und ringen waren erlaubt, aber keine Tritte, keine Waffen und möglichst unblutig. Wenn doch mal eine Nase blutete oder ein Auge ein Veilchen bekam, krähte auch kein Hahn danach. Entschieden war der Kampf, wenn einer kampfunfähig am Boden lag. Wenn der Sieger dann den Unterlegenen getreten hätte, wäre er scharf gerügt und von der ganzen Mannschaft geächtet worden.

Adolf Hitlers Buch Mein Kampf wurde durchgenommen, und seinen Lebenslauf mussten wir anhand eines stereotypen Textes auswendig lernen. Originalton des Jungzugführers: Den Lebenslaufdes Führers müsst ihr sofort herbeten können, wenn ich euch nachts um vier Uhr wecke. Auch brachte er uns bei, wie wir eine Meldung zu machen hatten: In strammer Haltung, militärisch knapp, laut und genau.

Zur Struktur des Jungvolks lernten wir, dass es über das Fähnlein die Einheit Jungstamm — die Nummer unseres Stammes habe ich inzwischen vergessen — und darüber die größere Einheit Jungbann gibt, wir gehörten zum Jungbann Bochum 63, 64 oder 67, so genau weiß ich es heute nicht mehr. Das alles, sogar mit den Namen der Führer dieser Einheiten bekam jeder schriftlich mit als Jungvolkausweis, meiner ging während der Kriegswirren verloren. - Die noch größeren Einheiten, bis auf Gau Westwestfalen, sind mir längst entfallen.

Die Zugehörigkeit zum Jungvolk war — wie gesagt - seinerzeit zwingend. Sich davor zu drücken, ging nicht. Ein Gleichaltriger in unserer Straße, Manfred. K., d.h. seine Eltern, haben es versucht. Als er die Einberufung ignorierte und unentschuldigt fehlte, holten ihn zwei unübersehbar stämmige Hitlerjungen in voller Uniform mit allen Orden und Ehrenzeichen aus der Wohnung ab und führten ihn wie einen Verbrecher zum Dienstort. Das machte einen tiefen Eindruck auf alle, die es sahen oder davon hörten.