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Der erste Witz

Es war 1951 oder 1952 das erste Mal, dass ich einen Witz von einem Lehrer im Unterricht gehört habe. Natürlich sind mir schon lange vorher Witze zu Ohren gekommen, die ich auch mit Vergnügen weitererzählt habe. Im Krieg wurden Witze über die Feinde gerissen und hinter vorgehaltener Hand auch über Adolf Hitler und seine Paladine, aber nur im engen Freundes- oder Familienkreis, sonst riskierte man unerfreulichen Besuch der Gestapo.

Als Jugendlicher nach dem Krieg hörte ich Witze und erzählte sie meistens weiter in der Schule, auf der Straße, beim Sport und Spiel, gute und faule, dumme und intelligente, mit Bart und ohne. Aber das Klassenzimmer während des Unterrichts war sozusagen eine witzfreie Zone. Die Lehrer, ernst, streng und sachlich, wurden als Respektspersonen anerkannt. Wir hielten Abstand und passten uns an, so gut es ging. Nach heutigen Maßstäben unterrichteten sie frontal. Der Schüler durfte nur sprechen, wenn er gefragt wurde, andernfalls wurde er diszipliniert. Witze? Nein, undenkbar.

Seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland und Wiedereinführung der Demokratie sollte sich nach Maßgabe der Schulbehörde der Unterrichtsstil ändern. Doch es war leichter angeordnet als getan. Das Lehrerkollegium bestand fast nur aus älteren Herren, die altersbedingt oder aus anderen Gründen nicht kv (kriegsverwendungsfähig; damals offizieller Sprachgebrauch) gewesen waren. Die wenigen Jüngeren hatten durchweg eine mittlere bis schwere Kriegsbeschädigung und pflegten einen gehobenen Sarkasmus, wenn sie sich mal lockerer geben wollten. Doch von Witzen keine Spur.

Einzig unser Deutschlehrer Dr. Kauermann, im mittleren Alter, als Flieger mehrmals abgeschossen und schwer verwundet, lieferte von Anfang an einen modernen Unterricht ab. Deutsche Poesie und Prosa brachte er uns brillant und unvoreingenommen aus der Sicht der Zeit, in der sie geschrieben wurde, nahe, manchmal mit subtilem Humor. Wir sollten es in erster Linie als Kunst und nicht nur als Paukstoff ansehen. Vor allem lehrte er uns, ohne geistige und ideologische Mauern im Kopf zu denken und uns nicht ohne gründliche Informierung und Analyse eine Meinung zu bilden. Er hasste Vorurteile und billiges Nachplappern. Seine Randbemerkungen an deutschen Aufsätzen waren originell und scharfsinnig, er forderte viel. Wir lernten bei ihm die Anfänge einer geordneten Vortrags- und Diskussionskultur sowie Freude an der geistigen Arbeit. Damals gar nicht so leicht, denn es regierte gerade der Bauch in Deutschland (sprich Fresswelle), verständlich nach vielen Jahren der Entbehrungen.

Ich weiß es nicht mehr genau, ob es in der Obersekunda oder in der Unterprima war (7. oder 8. Klasse Gymnasium) und welcher Anlass dazu führte, dass uns Dr. Kauermann diesen Witz erzählte:

An der Tür schellt es und Fritzchen öffnet.
In der Tür steht seine Tante.
Fritzchen sieht sie bass erstaunt und ungläubig an.
Es entwickelt sich folgendes Zwiegespräch:

Tante Fritzchen, was guckst du so? Hat dein Vater dir nichts gesagt?
Fritzchen Doooch.
Tante Hast du mich denn nicht erwartet?
Fritzchen Nööö.
Tante Wen hast du denn erwartet?
Fritzchen Das Kamel.
Tante Was für ein Kamel?
Fritzchen Papa hat gesagt, heute kommt das Kamel von Tante.

Wir haben wir uns damals gekugelt vor Lachen. Erstens über den Witz selbst. Zweitens, weil Dr. Kauermann uns den Witz regelrecht vorspielte mit entsprechender Stimme, Mimik und Gebärden. Und nicht zuletzt auch aus dem Gefühl der Befreiung, weil uns ein Lehrer zum ersten Mal im Unterricht einen Witz erzählt und uns damit gezeigt hat, dass er uns für voll nimmt, zudem noch mit diesem Klopfer, einem Witz, bei dem der Groschen ein kleines bisschen später fällt, weil man um die Ecke denken muss.