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Das Kinn ist keine Bremsbacke

Wenn Sie jetzt weiterlesen, liebe Leserin, lieber Leser, führe ich Sie gedanklich auf eine winterliche Rennpiste voller Tempo, Spaß und Freude, aber auch Ruppigkeiten. Es wird sogar Blut fließen. Noch können Sie sich verabschieden.

Aha, Sie sind mutig und bleiben. Bravo! Also gehen wir los. Zunächst müssen wir das Thema ein bisschen einkreisen und dann aufspießen.

Wetter und Umwelt

Schneematsch, trübe, nasskalte Tage mit Temperaturen um Null Grad sind meine früh-kindlichen Erinnerungen an Winter in der Zeit zwischen 1938 und 1943. Fernsehen und Computer sowie die heute üblichen elektronischen Unterhaltungsgeräte und Spielzeuge gab es noch nicht. In den meisten Wohnungen waren die Zimmer kalt und ungeheizt bis auf die Küche mit dem Kohleherd. Deshalb hielten wir Kinder uns lange draußen auf. Alle Wege mussten zu Fuß zurückgelegt werden. Das Schuhwerk war wegen des Krieges schlecht. So hatten wir oft nasse und kalte Füße. Um einer Erkältung vorzubeugen, bereiteten die Mütter in einer Schüssel ein heißes Fußbad mit viel Salz darin. Beim ersten Eintauchen brannten unserer Eisbeine fürchterlich, aber bald wurde es erträglich, ja sogar angenehm.

Trübes Wetter hatte den großen Vorteil, dass wir uns vor Feindflugzeugen nicht fürchten mussten. Allerdings sind zwei Winter in dieser Zeit — wenigstens tageweise — ziemlich streng verlaufen mit Dauerfrost, eisigem Ostwind und Schneefall. Die weißen Flocken haben wir als Rarität bejubelt. Aber die Freude währte nicht lange. Ruß und Qualm aus den unzähligen Schloten im Ruhrgebiet verwandelten über Nacht die blütenweiße Schneedecke in einen unansehnlichen Aufnehmer. In der wärmeren Jahreszeit brachte dieser hässliche Niederschlag unsere Mütter zur Verzweiflung, wenn die Wäsche auf der Leine oder Bleiche dreckiger aussah als vor dem Waschen. Außerdem kamen die Sonnenstrahlen gar nicht richtig durch die Atmosphäre.

Schlittenbeschaffung im Krieg

An einem dieser Winter, es muss 1940/41 oder der darauf folgende gewesen sein, hatten wir mehrere Tage strengen Frost und Schneefall. Diese wenigen kostbaren Tage nutzten wir Kinder sofort aus zu winterlichen Spielen wie Schneeballschlachten, Schneemänner und Iglus bauen, im Schnee Adler machen, schlindern, andere mit Schnee waschen (meistens die Mädchen) und rodeln. Letzteres war gar nicht so einfach, weil man bekanntlich dazu einen Schlitten benötigt. So ein Fahrzeug war bei uns aus den oben beschriebenen klimatischen Gründen rar, weil selten zu verwenden. Außerdem hatte die Masse der sozial schwachen Bevölkerung in der Vorkriegszeit kaum das Geld dafür.

Neue Schlitten gab es im besagten Kriegswinter nicht zu kaufen, weil alles, was nicht kriegswichtig war, nicht mehr hergestellt wurde. Meine Familie und nähere Verwandtschaft besaßen keinen Schlitten. Ich wollte aber zu gerne rodeln. Das sahen meine Eltern ein und fragten schweren Herzens die als etepetete bekannte Tante Emilie, eine Cousine meiner Großmutter mütterlicherseits, und ihren Mann, Onkel Hans. Sie hatten von ihrem erwachsenen Sohn einen blitzblanken Einsitzerschlitten im Keller stehen. Das wussten wir.

Tante Emilie

Tante Emilie erklärte wortreich und mit strenger, fast abweisender Miene, dass er viel Geld gekostet hätte, gut gepflegt worden sei und dass sie ihn im Frühjahr unversehrt zurück erwarte. Da sie unsere Bitte letztendlich nicht abschlug, nahmen wir ihre Predigt in Kauf.

Sie führte einen perfekten Haushalt, und ihre Wohnung sah immer wie geleckt aus. Auch achtete sie sehr auf gutes Benehmen und gepflegte Kleidung. Zum Beispiel erschien Onkel Hans zu meiner Konfirmation als einziger im Cutaway mit Zylinder, wie in meiner Geschichte Meine Konfirmation 1947 nachzulesen ist. Man munkelte in Verwandtenkreisen hinter vorgehaltener Hand, dass er putzen müsse und sogar bügeln könne. Dieses laut zu sagen, wäre einem Rufmord gleich gekommen, denn die allermeisten Leute pflegten, wie damals üblich, das klassische Rollenverständnis zwischen Mann und Frau. Dem Mann wurde im Haushalt höchstens zugestanden, sehr schwere körperliche Arbeit zu übernehmen, z. B. den Linoleumteppich blank zu bohnern oder die stählerne Platte des Küchenherdes zu polieren. Wer weitere Frauenarbeiten ausführte, wurde von Männern als Waschlappen und Pantoffelheld angesehen. Viele Frauen -bis auf die ganz faulen -verwahrten sich sogar gegen die männliche Haushaltshilfe und sahen sie als Einbruch in ihre Domäne an.

Tante Emilie besaß ein unüberhörbares Redetalent, von dem sie bei jeder Gelegenheit vollen Gebrauch machte. Auch wusste sie für jedes noch so seltene Problem sofort eine Lösung, die sie nachhaltig demjenigen anempfahl, der so unvorsichtig war, es ihr gegenüber zu äußern. Es war aber nicht so, dass alle ihre Vorschläge unbrauchbar gewesen wären. Im Grunde war sie freundlich und hilfsbereit, wissbegierig und helle. Onkel Hans fand kaum Gelegenheit, seine Stimmbänder zu betätigen, außer wenn die Tante ihn fragte oder nicht im Zimmer war.

Die Rennpiste

Ich besaß nun einen Schlitten, wenn auch nur geliehen, und war glücklich, rodeln zu können. Doch gleich beim ersten Gebrauch hatte ich das Pech, dass das hintere Stück einer Latte von der Sitzfläche abbrach. Meine Eltern und mich bedrückte die Frage, wie Tante Emilie im nächsten Frühjahr bei der Rückgabe des wertvollen Fahrzeugs wohl reagieren würde. - Aber zunächst gab ich mich vergnügt dem Rodeln hin.

Die Lage unserer Wohnung habe ich bereits in den Geschichten Vorsicht! Baby an Bord! und Nur Fliegen ist schöner. ausführlich beschrieben. Dort, wo die Everstalstraße in einer verwahrlosten Geländemulde endete, verlief rechtwinklig zu ihr ein schmaler Feldweg von zwei gegenüber liegenden Hügeln herab. Es war eher ein Trampelpfad für Bergleute, die auf den nahe gelegenen Zechen Vollmond und Sieben Planeten das schwarze Gold schürften. Dieser Pfad erwies sich in jenem Winter als ideale Rodelbahn. Aus der ganzen Umgebung strömten die Kinder herbei. Sie sausten auf voll beladenen Schlitten lärmend den Hügel hinab und stapften keuchend in endloser Prozession auf dem angrenzenden Acker bergauf. Manche Unvernünftige wollten den umgepflügten und deshalb holprigen Boden vermeiden und wagten sich auf die schmale Piste. Aber das ließen sie schnell sein, nachdem ihnen ein Schlitten schmerzhaft gegen die Beine gefahren war. Sie ernteten kaum Mitleid und wurden mit dem gängigen Spruch getröstet: Selber schuld. Unsere Soldaten an der Front müssen noch viel Schlimmeres ertragen.

Der Klüngelskerl

Aber es gab noch ein Problem, das mir zum Verhängnis werden sollte. Die in Rede stehende Mulde wurde als wilde Müllkippe missbraucht. Zwar gab es eine von der Stadtverwaltung geregelte Abfuhr der Haushaltsasche, aber keine Sperrmüllabfuhr. Sie war im Grunde auch nicht notwendig, denn es galt der Grundsatz: Aus Alt mach Neu. Jedes kaputte Ding wurde irgendwie noch verwendet für etwas anderes. Ganz unbrauchbare Holzteile wurden zersägt, zerhackt und verfeuert. Metallisches und anderes Altmaterial wurde an den Klüngelskerl für ein paar Groschen oder Pfennige verkauft. Dieser Mann zog mit Pferd und Wagen, auf einer einfachen Pfeife aus Blech immer seine kurze Erkennungsmelodie spielend, durch die Straßen und nahm jedes Altmaterial mit, das ihm die Leute an die Karre brachten: Lumpen, Metall, Knochen, Papier, Kaninchenfelle und anderes mehr. Seinem müden Gaul brauchte er keine Kommandos zu geben. Das Tier stand sofort, wenn der Mann stehen blieb und trottete dann erst weiter, wenn der Altmaterialhändler ein Bein vor das andere setzte. Beide hatten überhaupt keine Eile.

Die Rache der Unterdrückten

Aber hin und wieder landete doch etwas Sperriges, das selbst der Klüngelskerl nicht kaufen wollte oder konnte, aus welchen Gründen auch immer, auf der wilden Kippe in der Mulde. Sie ähnelte, gefüllt mit Morast und Müll, in der regenreichen Jahreszeit einem flachen Tümpel. Nun war er total zugefroren und gab eine herrlich glatte Eisfläche ab. Hier konnten die in kurzer Folge hinabrasenden Schlitten wunderbar auslaufen. Aber dummerweise ragte mitten in der Bahn aus dem dicken Eis eine stählerne Spiralfeder von einer Sprungfedermatratze. Diese Matratzenart war damals ein Zeichen wohlhabenderer Leute und Statussymbol. Die meisten Menschen schliefen auf Naturmatratzen, meist mit Seegras als Füllung, oder auf Strohsäcken.

Die Rodler, die an dieser Stelle mit Höchstgeschwindigkeit vorbeifegten, durften bloß nicht gegen diese Bettfeder fahren, denn sonst geriet die Sprungfeder, die ohnehin nicht als Triebfeder gedacht war, zu einer Bremsfeder und Hutfeder, weil man vor ihr auf der Hut sein musste. Sie stand dort, lauernd und gefährlich, wie eine Rachefeder, als wollte sie für die vielen Unterdrückungen, die sie im Bett durch die Menschen erleiden musste, Vergeltung üben. Und auch deshalb, weil man sie in den Dreck warf, anstatt als Schrottstück in den glühenden Schmelzofen einzusetzen, um sie durch das Stahlbad zu einem neuen Leben als wertvolles Werkstück zu erwecken. Aber bisher tat ihr kein Rodler den Gefallen, die süße Rache auskosten zu können. Alle sausten in eleganter Kurve haarscharf an ihr vorbei und probierten nicht an ihr aus, wie es ist, wenn der Schlitten in einer Sekunde von schätzungsweise gefühlten 50 km/h auf Null abgebremst wird.

Der Geschwindigkeitsrausch fordert sein Blutopfer

Doch einer musste es ja tun. Das Schicksal erkor ausgerechnet mich zum Bremstest aus. Zum x-ten Mal hatte ich oben auf dem Hügel Anlauf genommen und mich dann bäuchlings mit dem Kopf voran auf den Schlitten geworfen und bin, mit den Schuhspitzen lenkend, die Piste hinuntergerast mit dem üblichen Warngeschrei. Es klappte alles bis kurz vor der bösen Feder.

Ab dann sah ich alles nur wie in Trance. Im quirligen Durcheinander kreuzte ein Vollidiot meine Bahn. Den Zusammenstoß mit ihm konnte ich durch eine blitzschnelle Kursänderung gerade noch vermeiden, aber dafür erwischte die Feder meinen Schlitten und hielt ihn eisern fest. Wie der Pfeil von der Sehne schoss ich über den Schlitten mit dem Kopf im Nacken auf das harte Eis, das Kinn voran. - Ein klassischer KO. Der Schlitten blieb heil, mein Unterkiefer nicht. Wie im Nebel führten mich ältere Mädchen nach Hause.

Nähen oder nicht nähen, das ist die Frage

Ich blutete wie ein Schwein aus einer klaffenden Kinnwunde. Sie hätte eigentlich sofort genäht werden müssen. Aber wir kannten zwei Jungen ungefähr in meinem Alter, deren Sturzwunden im Gesicht genäht worden waren und eine auffällige, rote, gezackte Narbe hinterließen. So wollte ich nicht fürs Leben gekennzeichnet sein. Deshalb entschied sich meine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, gegen das Nähen und presste meine Wunde mit Pflaster und Verbandsmaterial ganz fest zu, was ihr auch gelang.

Das Ende vom Lied

So bin ich Mutti heute noch für diese Entscheidung sehr dankbar. Es blieb nur eine feine, kaum sichtbare Narbe zurück. Die sausenden Schlittenfahrten ließ ich mir dadurch nicht vermiesen, überhaupt alles, was mit Geschwindigkeit zu tun hat. Der Mensch liebt nun mal die schnelle Fortbewegung und das Reisen. Wie heißt es doch so schön in der Petersburger Schlittenfahrt:

Schön ist's im Winter, schön ist's im Winter,
fängt es erst an zu schnei'n, dann freut sich groß und klein

……
Kutscher spann die Pferdchen an,
häng den Schlitten hintendran,
klingeling klingeling

Und sang nicht schon unser damaliger Bundespräsident Walter Scheel 1974 öffentlich im Fernsehen:

Hoch auf dem gelben Wagen
Sitz’ ich beim Schwager vorn.
Vorwärts die Rosse jagen,
Lustig schmettert das Horn.
Berge und Wälder und Matten,
Wogendes Ährengold. —
Möchte wohl ruhen im Schatten,
Aber der Wagen rollt
.