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Ein Fall für Freud?

Sigmund Freud, der als Begründer der modernen Psychoanalyse gilt, hätte es vielleicht herausgefunden. Er lebte ja damals noch, am 30. Januar 1938, als ich als Geburtstagskind meine unsinnige Entscheidung allen trotzig entgegen brüllte: Ich will keinen Geburtstag haben! Ich will nicht fünf Jahre werden! Nachzulesen in meiner Geschichte Geburtstag? - Nein, danke! Seitdem plagt mich die Frage, warum ich so einen Quatsch nur fordern konnte.

Weil Prof. Freud, der zu jener Zeit als von den Nazis verfolgter Jude in London lebte, verständlicherweise nicht gefragt werden konnte, und ich von seiner Existenz damals überhaupt nichts wusste und von seinem Metier nichts verstehe, kann ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nur einige Erlebnisse erzählen, die ich kurz vor diesem Eklat hatte und an die ich mich seltsamerweise gut erinnere. Ob diese alle oder nur eines davon oder gar keines ausschlaggebend waren, kann ich nicht beurteilen. Ich überlasse es Ihnen. Also, ich fang' mal an:

 

Erlebnis Nr. 1:

 

Die Kidslife Krise

Diese Wortkombination habe ich noch nie gehört oder gelesen. Aber sie passt hier meiner Meinung nach. Natürlich ist sie nur ein Wortspiel. Klanglich soll sie anknüpfen an die Midlife Krise, die Krise der Lebensmitte, englisch: midlife crisis.

Bisher hatte ich als wohlbehütetes Einzelkind weitgehend unbewusst, spontan, aus dem Bauch heraus, nur für den Augenblick, ohne Verantwortung gelebt. Wenn ich irgendwelche Bedürfnisse verspürte, äußerte ich sie sofort, und meine Eltern kümmerten sich darum. Mit Vergangenheit und Zukunft konnte ich nichts anfangen. - Nun aber bekam ich ein Gefühl für die Zeit. Auf dem Schrank in unserer Wohnküche stand eine runde Uhr mit Leuchtziffern, einer halbrunden Schelle und einem kleinen Hämmerchen obenauf, denn sie diente auch als Wecker. Jeden Tag musste sie aufgedreht werden. Wenn Vati Frühschicht hatte, nahm er sie abends mit ins Schlafzimmer. Ihr monotones Ticken hatte für mich etwas Beruhigendes. Ich schenkte ihr aber wenig Beachtung, weil ich sie noch nicht ablesen konnte.

Eines Mittags weihte mich Mutti in ihre Funktionen ein. Sie setzte einen Topf mit Salzkartoffeln auf den Kohleherd, und als das Wasser anfing zu brodeln, zeigte sie mir eine Stelle auf dem Ziffernblatt und sagte: Wenn der große Zeiger, das ist der Minutenzeiger, dort angekommen ist, rufst du mich. Mit Feuer und Flamme hockte ich mich vor den Chronometer und beobachtete, wie der Minutenzeiger langsam weiterkroch, der kleine Sekundenzeiger jedoch quicklebendig, immer im gleichen Takt, von Strich zu Strich sprang, der Stundenzeiger aber wie angeklebt wirkte. Nach mehreren ähnlichen Aufgaben wurde mir allmählich bewusst, dass alle Ereignisse einen Anfang und ein Ende haben, auch mein Leben. Die Uhr ist dafür nur ein Messinstrument. Die Zeit läuft unbarmherzig weiter, auch wenn die Uhr stehen bleibt, niemand kann sie stoppen. Ich würde größer und älter werden, Verantwortung für mich und später auch für andere übernehmen müssen. Ahnte ich damals an meinem Geburtstag schon, welcher Druck auf mich zukommen könnte?

 

Erlebnis Nr. 2:

 

Das Suppenkaspar-Syndrom

Eines Tages erhielt ich als Geschenk das ganz bekannte Kinderbuch Der Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann. Auf bunt illustrierten Seiten aus steifem Karton stehen mehrere Kurzgeschichten, die mir Mutti vorlas, weil ich ja noch nicht lesen konnte. Ganz besonders hat mir Der Suppenkaspar imponiert. Ich war ja damals ein schlechter Esser. Oft gelang es meinen Eltern nur mit Tricks, einige Löffel voll Speise in mich hineinzuschmuggeln, wie ich in meiner Geschichte Woanders schmeckt es viel besser beschrieben habe. Tief beeindruckt hat mich, wie souverän und unbeugsam der Held dieser Geschichte, der Suppenkaspar, seine Sache gegen die Macht der Eltern durchgezogen hat und schrie:

Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess ich nicht!

So wäre ich gerne auch einmal aufgetreten. Die pädagogische Absicht des Autors Dr. Hoffmann ging also bei mir voll daneben. Nur fand ich es schon damals für unklug und völlig falsch vom Suppenkaspar, bis zum bitteren Ende zu gehen. Denn als Toter konnte er ja seinen Sieg nicht mehr genießen.

 

Erlebnis Nr. 3:

 

Aufruhr im Krankenhaus

Kurz vor diesem, meinem fünften Geburtstag musste ich längere Zeit im Krankenhaus verbringen. Es war eine Klinik in der Bochumer Innenstadt mit einem schönen Park drumherum. An den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie Mutti mir viele Jahre später erzählte, war ich mit Verdacht auf Hirnhautentzündung eingeliefert worden. Die ärztliche Kunst war längst noch nicht so weit wie heute. Der behandelnde Arzt soll sie auf das Schlimmste vorbereitet haben. Seine Prognose: Wenn der Junge überhaupt durchkommt, müssen Sie mit bleibenden Schäden rechnen. Es ist besser für Sie, wenn er stirbt. Sie sind ja noch jung (27) und können Kinder haben.

Den Seelenzustand meiner Eltern kann sich jeder ausmalen.

Nun, ich habe überlebt. Wahrscheinlich ist es beim ärztlichen Verdacht geblieben, denn verrückt bin ich nicht geworden, es sei denn, weder meine Mitmenschen noch ich haben es bemerkt. Kann ja sein.

Ich jedenfalls wusste damals nichts von alledem. Da ich, wie gesagt, zu jener Zeit noch ein Einzelkind war, blühte ich dort auf der Kinderstation inmitten der Rasselbande regelrecht auf. Einerseits musste ich mich in jeder Minute den Streichen und Diebstahlversuchen der älteren Kinder, die meine Süßigkeiten stibitzen wollten, erwehren. Andererseits fühlte ich mich den Jüngeren turmhoch überlegen und konnte den Erfahrenen spielen. Glücklicherweise regierte eine unangefochtene Ordnungsmacht in Gestalt der resoluten Krankenschwestern. Es waren Nonnen in langen, weiten, blaugrauen Gewändern mit schneeweißen Schürzen. Ihren Kopf umhüllte eine ungeheuer respekteinflößende, gewaltige, weiß gestärkte Flügelhaube mit ebenso weißen, breiten Bändern daran. Nur das blasse, ernste Gesicht — ohne Ohren und Haare — guckte wie aus einem ovalen Rahmen heraus. Da man ihre Füße wegen der bis zum Boden wallenden Kleider nicht sehen konnte, hatte ich den Eindruck, dass sie schwebten. Wenn diese Wesen durch die Flure und Zimmer rauschten, herrschte absoluter Gehorsam, wie es sich damals gehörte. Sie wirkten kraft ihrer natürlichen Autorität. Was das Pflegerische anlangt, waren sie über jede Kritik erhaben. Ich bekam den Eindruck, sie kannten weder Pausen noch Feierabend. Ihren Dienst am Patienten verrichteten sie würdevoll mit permanenter Präsenz und souveräner Gelassenheit.

Besuch bekommen durften wir außer sonntags nur dienstags und donnerstags von 14 bis 16 Uhr. Vor 14 Uhr ließ der strenge Pförtner keinen Besucher herein. Es bildete sich deshalb eine dicke Menschentraube vor der Eingangstür. Als der Zerberus sie mit dem Glockenschlag der benachbarten Kirche endlich öffnete, ergoss sich die Menschenmenge wie ein Stausee nach einem Dammbruchin den Flur und verschwallte allmählich auf die einzelnen Stationen. Die Oberschwester achtete peinlich genau auf die Einhaltung des Endes der Besuchszeit. Um 16 Uhr schickte sie eine junge Helferin aus. Diese platzte in die Zimmer und rief laut: Die Besuchstunde ist zu Ende! und verschwand sofort.

Wenn um 16 Uhr 15 noch ein Besucher es gewagt haben sollte, sich in einem Krankenzimmer aufzuhalten, schnaubte der Stationsdrache höchstpersönlich mit wehenden Haubenbändern heran, worauf der Delinquent freiwillig die Flucht ergriff. Widerspruch war zwecklos, die Braut des Allmächtigen kannte schon alle Ausreden.

Mir war das sagenhafte Glück vergönnt, einen machtvollen Aufstand des gegängelten Kindervolks gegen die diktatorische Klinikdisziplin zu erleben — und zwar so:

Einige Tage nach meiner Einlieferung brach eine ansteckende Krankheit auf der Kinderstation aus. Ich weiß nicht mehr, welche es war. Seuchenalarm wurde gegeben, unsere Station gegen die Außenwelt hermetisch abgeschottet und — das Schlimmste für uns - die Besuchsstunden gestrichen. Unsere Besucher und Angehörigen standen stattdessen bei Wind und Wetter — es herrschte ja Winter — im Park und wir Kinder hockten vor den geschlossenen Fenstern, Entfernung ca. 30 m, also nur visueller Kontakt möglich. Es ergaben sich teils rührende, teils zum Lachen reizende Verständigungsversuche mittels Handzeichen und Körpersprache. Die ganz kleinen Patienten weinten und konnten die Situation nicht verstehen. Manche Größere lümmelten am Fenster herum, schnitten Fratzen und streckten die Zunge heraus. Einige Eltern hatten die Lieblingspuppen ihrer Kinder mitgebracht und spielten ein bisschen improvisiertes Kasperletheater.

Nach ungefähr 14 Tagen Quarantäne brach der Aufstand aus. Als die Nachricht durchsickerte, dass die Besuchsstunde weiterhin ausfallen wird, klapperten zuerst die größeren Jungen mit ihren Löffeln, dann wir alle. Es gab einen Höllenlärm. Die Oberschwester schrie mehrmals: Ruhe! Nach einigen Minuten trat tatsächlich Ruhe ein. Aber jemand stimmte die Melodie Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich, ja bin auch ich......, an, die damals alle Kinder kannten. Dazu sang er den selbst gedichteten Text: Heute ist Besuchsstunde, doch leider ohn' Besuch, ja ohn' Besuch. Alle Kinder stimmten mit ein. Und oh Wunder, die Schwestern schritten nicht ein und warteten stumm das Ende des Chores ab.
Dieser harmlose Text und unser Verhalten galten in jener Zeit als eine große Provokation.

Dass dieses aufsässige Verhalten keine Sanktionen seitens der übermächtigen Leitung nach sich zog, empfanden wir als Erfolg, und es stärkte unser Selbstbewusstsein. Bald darauf durften wir wieder Besuch bekommen. Aber sicher nur deshalb, weil es die medizinische Lage erlaubte, und nicht aufgrund unseres Protestes.

Hatte ich mich dort auf der Kinderstation mit dem Bazillus der Rebellion angesteckt?

 

Erlebnis Nr. 4:

 

Der Fahnen-Neid

Hier nun das aktuellste Vorereignis.

Als ich an meinem Geburtstag morgens aus dem Fenster schaute, freute ich mich über die vielen flatternden Fahnen an den Häusern. In kindlicher Unwissenheit bezog ich diese schön anzusehenden Ehrenbezeugungen auf mich. Als mir jemand, ich erinnere mich nicht mehr, wer es war, den wahren politischen Grund nannte, nämlich Hitlers Machtübernahme im Jahr 1933, riss die Enttäuschung eine klaffende Wunde in mein Gemüt, wie ich in meiner Geschichte Wir fahren nach Ostpreußen beschrieben habe.

Kann das der Grund gewesen sein, warum ich meinen Geburtstag ablehnte und nicht fünf Jahre werden wollte?

Aber vielleicht ist alles nur tiefenpsychologischer Begründungsquatsch und ganz normaler Trotzkopf im ganz gewöhnlichen Trotzalter. Was meinen Sie?