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Das Kind fällt nicht weit vom Stamm

Natürlich kennen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, das Sprichwort der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Es wird im übertragenen Sinne dann meistens zitiert, wenn ein Kind Eigenschaften oder Verhaltensmuster zeigt, die man von seiner Mutter und/oder von seinem Vater her kennt. Die derbe Version, für schöngeistige Menschen eigentlich nicht druckreif, lautet der Apfel fällt nicht weit vom Ross. In meiner folgenden Geschichte geht es aber nicht nur um die übertragene Bedeutung, sondern auch um die direkte, die physische.

Das Klettern ist des Kindes Lust,
die Schwerkraft sorgt für manchen Frust

Vor einigen Tagen fuhr ich mit einem Bekannten zu unserem Gemeindezentrum, um mit dem Pastor und dem Küster über die Zuteilung eines Raumes für unsere Skatgruppe zu verhandeln. Bei der Einfahrt auf den Parkplatz sahen wir sofort, dass ein schweres Unglück passiert sein musste. Nahe an einem mittelgroßen Kastanienbaum standen mit geöffneter Heckklappe ein Rettungswagen und daneben ein Notarztwagen. Ersthelfer und Arzt bemühten sich in Hockstellung und fliegender Eile um jemand, der unter dem Baum am Boden lag. Eine Menschentraube hatte sich um diese Gruppe gebildet und versperrte uns die Sicht auf den Verunglückten. Wir entdeckten auch den Pastor und den Küster inmitten der Helfer.

Diese beiden Herren in dieser Situation auf unser Anliegen hin anzusprechen, hielten wir für unangebracht und warteten in angemessener Entfernung erstmal ab. Nach mehreren Minuten wurde die Behandlung am Boden abgebrochen, der verunglückte Mensch mit einer Plane bedeckt, auf die fahrbare Trage gehoben, die schleunigst in den Rettungswagen geschoben wurde. Nur für eine Sekunde hatte sich die Plane verschoben, und ich erhaschte den Anblick eines regungslosen, wachsgelben Kindergesichts, die Augen geschlossen. Bald rollte der Wagen mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn davon. Wie ich zwei Tage später erfuhr, handelt es sich um ein 8jähriges Mädchen, das glücklicherweise den Sturz vom Baum überlebt hat. Sein Schutzengel hatte also nicht gänzlich versagt?

Der Pastor verschwand eiligst ins Pastorat, ganz in sich gekehrt und ernst. Sozusagen mit Tunnelblick. Der Küster machte zwar auch einen sehr mitgenommenen Eindruck, schien aber ansprechbar zu sein, was wir auch taten. Er quälte sich ernsthaft mit eigenen Vorwürfen. Immer wieder habe ich den Kindern gepredigt: Klettert nicht auf die Bäume! Und sie heruntergejagt. Aber ich kann ja nicht immer überall sein, klagte er.

Ich versuchte, ihm seine Schuldgefühle zu nehmen, indem ich darauf hinwies, dass sich das Gemeindegrundstück unmittelbar ohne sichtbare Begrenzung an einen viel besuchten Bolzplatz und einen kleinen, öffentlichen Park anschließt. Auch zwei Kindertagesstätten stehen auf dem Gelände, sodass es dort tagsüber von Kindern wimmelt und ein lautes lustiges Treiben herrscht. Ein Aufpasser müsste hier hundert Augen haben.

Gen oder Nichtgen, das ist hier die Frage,

Das Klettern steckt in Kindern dieses Alters drin, es ist genetisch bedingt, versuchte ich ihn zu beruhigen und erzählte ihm weiter: Dagegen können Sie kaum etwas tun. Am besten, Sie weisen sie eindringlich auf die Absturzgefahr und die schlimmen Folgen hin und zeigen ihnen, wie sie mit Vorsicht und Geschick ein Unglück vermeiden können. Auch in meiner Kindheit war kein Baum vor mir und meinen Freunden sicher. Manche von uns brüsteten sich damit, sie hätten sogar hoch oben in schwankenden Wipfeln Krähennester ausgenommen, was besonders viel Mut und Gewandtheit erforderte. Diese Vögel galten damals offiziell als Schädlinge, hatten keine Schonzeit und waren sozusagen vogelfrei. Selbstverständlich missfiel die Kletterei unseren Eltern aus Sorge um unsere Gesundheit, aber sie waren nicht immer zugegen und unser Klettertrieb siegte. Allerdings guckten wir uns die Bäume genau an, denn nicht jeder taugte zum Klettern.

Nach diesen Worten bekam ich den Eindruck, dass der Küster sein seelisches Gleichgewicht einigermaßen wiedergefunden hatte, denn er wandte sich seinen normalen Aufgaben zu. Aber in meinem Kopf nahm die Erinnerungsproduktion zu diesem Thema noch lange kein Ende:

In meiner Kindheit ergaben sich normalerweise nur die Jungens ihrem Klettertrieb. Für die Mädchen ziemte es sich nicht. Das lag wohl daran, dass sie anstatt Hosen Kleider und Röcke tragen mussten. Nur einige wenige wilde Mädchen taten es den Jungen gleich, die dann prompt geierten, wenn es blitzte. Aber die Unterhosen waren lang geschnitten und bestanden aus derbem, dickem Stoff. Heute würde man Liebestöter dazu sagen.

Zu diesen wilden Mädchen gehörte meine Cousine Gerda, ein Typ, mit dem man Pferde stehlen konnte. Sie kletterte nicht nur mit den Jungen um die Wette, sondern war auch beim Fußballspielen gut zu gebrauchen. Meistens als Torwart, weil sie sich nach flachen Bällen rücksichtslos in jeden Dreck schmiss. Sie hatte wohl das wilde Gen von ihrer Mutter namens Hilde, einer Schwester meiner Mutter, geerbt. Mutti hat bei Gelegenheit erzählt: Unsere Hilde wurde dann schleunigst gerufen, wenn uns andere Kinder vertrümmen wollten. Sie riss dann eine Latte vom Zaun und regelte damit den Konflikt zu unseren Gunsten. — Der Apfel Gerda ist also nicht weit vom Stamm Hilde gefallen. Auch Gerdas Tochter Susanne ist wiederum aus demselben kernigen Holz geschnitzt wie schon ihre Mutter, Großmutter und Urgroßmutter, meine Oma.

Steckt die Schulmedizin in einem Dilemma?

Zurück zur Kletterei. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass damals ein Kind böse abgestürzt wäre und sich etwas gebrochen hätte. Auch mein Schutzengel hat immer aufgepasst — dachte ich, bis ich vor 17 Jahren, als ich schon 60 Jahre alt war, eines Besseren belehrt wurde. Das geschah folgendermaßen: Meine rechte Schulter war durch Kalkablagerungen schmerzhaft blockiert, mein Arm kaum noch zu gebrauchen. Die Schulterspezialisten in Hamburg kamen einhellig zu dem Schluss, dass nur noch eine Operation helfen könnte, allerdings ohne Garantie für eine Besserung.

Wenige Wochen vor dem OP-Termin konsultierte ich auf Empfehlung einer Nachbarin Herrn Scheck in Wahlstedt, seines Zeichen Sport-Physiotherapeut, Masseur und medizinischer Bademeister, der einige Male in kürzester Zeit ihren Tennisarm kuriert hatte. Anfangs war ich sehr skeptisch, weil die Überheblichkeit mir einflüsterte, was kann schon ein Bademeister auf dem platten Land besser als ein Professor der Medizin in einer Weltstadt wie Hamburg. Aber dann gewann der gesunde Menschenverstand die Oberhand, indem ich mir sagte, Versuch macht klug und probieren geht über studieren, schlechter kann es dadurch nicht werden.

Zu meinem großen Erstaunen garantierte Herr Scheck eine nachhaltige Heilung und machte tatsächlich Schulter und Arm in nur 3 Behandlungen für nur ungefähr 2 % der geschätzten Kosten einer Operation mit ihren Nachfolgen voll gebrauchsfähig wie einst im Mai. Vor der ersten Behandlung besah er sich sorgfältig mein gesamtes oberes Skelett (nicht wie bei Spezialisten heute meistens üblich, nur den kranken Teil des Körpers) und stellte dabei mit absoluter Sicherheit fest, dass ein Schlüsselbein gebrochen gewesen sein musste. Ich war so was von perplex, weil ich bisher nichts von einem Knochenbruch wusste. — Aber halt, da war doch was — 1945, als ich 12 Jahre alt war? Nur das konnte es gewesen sein, wie war das noch?

Dann lief folgender Film vor meinem geistigen Auge ab:

Hamstern macht satt, aber nicht fröhlich

Nur wenige Monate nach der Kapitulation. Wir waren besiegt, ausgebombt, ausgehungert, ohne Schulunterricht, ohne Vater und andere männliche Blutsverwandten. Sie waren als Soldaten gefallen, nur unser alter Opa war uns geblieben. Die letzten Gläser mit eingemachtem Obst, unsere eiserne Reserve, wurden uns gestohlen. In der Trümmerwüste unserer Stadt mussten wir hungern, vielleicht verhungern. Für den Schwarzmarkt fehlte das Geld. Also raus aufs Land, wo es Bauern und etwas zu essen gab. Hamstern nannte man es damals, betteln wäre richtiger gewesen.

Meine Mutter nahm mich mit und tat sich aus Sicherheitsgründen mit einer bekannten Frau zusammen, die ihre Tochter, eine ehemalige Klassenkameradin von mir, im Schlepptau hatte. Wir peilten die fruchtbare Soester Börde an auf der Strecke Soest, Lippstadt, Paderborn und Umgebung, bis etwa 100 km östlich von uns entfernt. Der Eisenbahnverkehr kam, auch wegen der gesprengten Brücken, nur langsam wieder in die Gänge. Von einem festen Fahrplan konnte jedoch noch lange keine Rede sein. Wir latschten mit leeren Taschen und verbeulten Koffern zum Bahnhof und kletterten einfach auf das, was nach Osten fuhr. Wenn wir Glück hatten, waren es überfüllte Personenwagen, meistens aber Vieh- oder offene Kohlenwagen.

Im Bauernland tippelten wir in abgerissenen Klamotten, die Frauen mit dem üblichen, weil praktischen Turban, wir Kinder mit unseren im schnellen Wachstum befindlichen Füßen in viel zu engen Schuhen, die mir als lebenslanges Andenken krumme Zehen schenkten, von Bauernhof zu Bauernhof, von Dorf zu Dorf, tagelang. Wir schliefen in Scheunen und Ställen, Hygiene ein Fremdwort. Wir waren auf die Barmherzigkeit der Landbevölkerung angewiesen, und die war sehr unterschiedlich. Hier ein Ei, dort ein Stück Brot, dann gar nichts, dort ein paar Kartoffeln, alles rein in den leeren Koffer. Wir hatten nichts zum Tausch anzubieten, außer unserer Arbeitskraft. Also drei Tage unter glühender Sonne auf einem riesigen Feld mit der Hacke Rüben verziehen und Unkraut jäten. Dafür gab es Frühstück, zweites Frühstück, natürlich nur in Form von abgezählten, zusammengeklappten Butterbroten, warmes Mittagessen und abends mit Glück eine Pfanne Bratkartoffeln mit Speck. Der Magen knurrte nicht mehr, dafür tat der Rücken weh. Das Essen kam uns vor wie im Schlaraffenland, aber statt der harten und eintönigen Feldarbeit wäre ich lieber in die Schule gegangen.

Dann hatte der Bauer keine Arbeit mehr für uns, und wir mussten weiterziehen.

Mundraub wird auch bestraft

Da, endlich frisches Obst. An einer Chaussee standen hohe Birnenbäume. Aber sie gehörten zum nahen Bauernhof und wurden bewacht. Doch der Kettenhund döste in der Sonne und hatte noch nicht angeschlagen. Die Gelegenheit schien günstig. Ein Baum stand etwas sichtgeschützt, die Äste begannen allerdings sehr weit oben, waren schwächlich, glitschig und bemoost. Mit meinen 12 Jahren befand ich mich zwar im besten Kletteralter, hatte auch Übung, aber diesen Baum hätte ich nicht nur wegen meiner schrottreifen Schuhen freiwillig nicht bestiegen, der Zeitdruck kam auch noch hinzu. Meine Mithamsterinnen guckten mich mit Dackelaugen flehend an und sprachen aufmunternd: Das schaffst du schon, pass' aber auf und mach' schnell, ehe der Bauer was merkt. Nun, ich wollte nicht als Feigling dastehen und stieg rasch ein. Schüttelte und pflückte hastig ab, was ich erreichen konnte, die Frauen sammelten unten auf — da passierte es.

Schutzengel, wo warst du? Ich war wohl schneller im Fallen als er fliegen konnte und schlug mit der Schulter- Rückenpartie am Straßenrand auf. Mutti schrie: Günter! Ogottogott! Doch zur allgemeinen Erleichterung rappelte ich mich sofort auf und schien nur noch ein bisschen den Schreck in den Knochen zu haben, sonst nichts. Aber als ich meinen Koffer greifen wollte, verweigerte mein rechter Arm seinen Dienst, ließ sich kaum bewegen und dann auch nur unter Schmerzen. Das wird nur eine Prellung sein und geht bald wieder weg, trösteten mich alle.

Nun, die Beschwerden blieben. Auch als wir wieder zu Hause waren, konnte ich viele Tage noch nicht einmal den Suppenlöffel zum Mund führen. Mit meiner Prellung zum Arzt zu gehen war nicht möglich, es gab noch keine Praxen. Mit der Zeit verging die Prellung, und ich dachte fast 50 Jahre nicht mehr dran, bis Herr Scheck einen ausgeheilten Schlüsselbeinbruch feststellte. - Bitte nicht von einer Diagnose sprechen, denn als Masseur darf er aus rechtlichen Gründen keine Diagnose stellen.