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Mein seltsamstes Traumerlebnis

Wir Autoren von der Erinnerungswerkstatt Norderstedt haben uns dem Grundsatz verschrieben, nur Selbsterlebtes, nichts aus zweiter Hand und keine Phantasieprodukte zu veröffentlichen.

Aber wie ist es mit Träumen?

Ich meine nicht die sogenannten Tagträume oder Meditationen oder Lebenswünsche, die man auch Träume nennt, oder das Schwelgen in Erinnerungen. Ich meine die richtigen, die Träume im Schlaf, die jeder hat. Gegen diese kann ich mich nicht wehren. Ich bin ihnen ausgeliefert. Auch den Inhalt kann ich nicht beeinflussen, selbst wenn ich mit dem festen Vorsatz einschlafe, über etwas ganz Bestimmtes zu träumen. Sie sind in dieser Hinsicht wie das wahre Leben, in dem ich keine Entscheidungsfreiheit habe, wann und wo ich geboren und was ich dort erleben werde.

Träume machen mit mir riesige Zeit- und Entfernungssprünge in Gedankenschnelligkeit. Die Lichtgeschwindigkeit ist dagegen ein Schneckentempo. Das sind faszinierende Erlebnisse.

An die meisten Träume erinnere ich mich morgens nicht. Aber an manche doch und teilweise sehr genau und nachhaltig. Es gibt schöne, banale und auch schreckliche Träume. Zum Beispiel, ich werde angegriffen, will mich wehren, weglaufen oder schreien, aber ich kann es nicht, bin wie gefesselt und geknebelt. Ein paar Mal bin ich schon meinem Tod auf verschiedene Weise ganz, ganz nahe gewesen und im allerletzten Moment des Sterbeprozesses aufgewacht. Dann empfand ich nach vorangegangenem Schrecken eine unbeschreibliche Erlösung und ein sagenhaftes Glücksgefühl.

Anscheinend träumen auch Tiere, jedenfalls Hunde. Wenn sie im Schlaf liegen, zucken sie manchmal mit den Beinen, als wollten sie laufen. Oder sie geben verhaltene Laute wie Bellen oder Knurren von sich. Wenn ich das sehe, habe ich immer den Eindruck, sie erleben etwas. Wirklich schade, dass man sie nicht fragen kann.

Wie wichtig den Menschen Träume sind, sehen wir an der großen Menge von Traumdeutern und ihren noch zahlreicheren Büchern. Im Altertum hielten sich Kaiser und Könige extra Traumdeuter, weil sie meinten, in ihren Träumen steckten verdeckte Botschaften aus dem Jenseits. In uralten, religiösen Schriften, die den Gläubigen als heilig gelten wie z. B. die Bibel oder der Koran, sind Träume bekannter und verehrter Persönlichkeiten überliefert, die als göttliche Offenbarungen gedeutet und maßgebend befolgt werden. Von Jesus Christus ist merkwürdigerweise kein Traum bekannt.

Ich halte mich lieber an das Sprichwort Träume sind Schäume. Sehr oft stelle ich fest, dass meine Träume auf andere Art und Weise widerspiegeln, was ich am Tage gedacht oder getan habe. Eine Bedeutung oder Wegweisung für die Zukunft kann ich darin nicht erkennen. Die Traumforschung überlasse ich getrost den Neurologen, Hirnforschern und Psychologen, die zwar schon einiges über Träume wissenschaftlich erklären können, aber zugeben müssen, dass sie die Welt der Träume noch nicht verstanden haben — bis auf eine bestimmte Reihe von Theologen. Ich will nicht abstreiten, dass sie Recht haben könnten.

Wenn ich auch meinen Träumen keine Beachtung schenke, so freue ich mich doch über sie, besonders über die- leider wenigen — in denen ich unbegrenzt fliegen konnte und zwar ohne jedes Fluggerät oder eigene Flügel. Ich hebe dann nur ein bisschen die Arme und dirigiere mich ausschließlich mit Gedankenkraft, wohin ich will. Mal hoch hinauf, mal im Tiefflug, mal schnell oder langsam. Unter mir sehe ich wunderschöne Landschaften im Frühlings- oder Sommerkleid, leuchtende Meeresstrände, große Städte und malerische Dörfer.

Einmal sprach ich Spaziergänger unter mir an und bedauerte sie, dass sie Sklaven der Schwerkraft sind. Ich animierte sie, auch zu fliegen. Tatsächlich schafften es einige und wir schwirrten ausgelassen durcheinander - oder in Staffelformation. Kein Sciencefiction-Film könnte herrlicher sein.

Sie werden längst gemerkt haben, liebe Leserin, lieber Leser, dass alles, was ich bisher geschrieben habe, dazu dienen soll, die Beschreibung von Traumerlebnissen in der Erinnerungswerkstatt Norderstedt hoffähig zu machen. In der Tat ist es schwer, Gegengründe zu finden. Denn ich hole sie ja aus meiner Erinnerung heraus und schreibe sie auf. Sie sind selbsterlebt. Sie sind nicht aus zweiter Hand. Sie sind nicht ersonnen. Selbst den Zeitzeugencharakter kann niemand bezweifeln, weil Träume oft weit weg von der Jetztzeit spielen. Traumerlebnisse entsprechen also lupenrein den Vorgaben der Erinnerungswerkstatt.

Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass ich für meinen Traum nie einen Zeugen habe, der ihn miterlebt hat. Selbst die Personen, mit denen ich im Traum zu tun hatte, können nichts bezeugen. Aber die Abwesenheit von Zeugen passiert ja auch außerhalb der Traumwelt im wachen Zustand.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass ich im Traum überhaupt keinen Handlungsspielraum habe. Aber auch das ist bei vielen Wacherlebnissen der Fall.

Summa summarum glaube ich, dass die beiden Unterschiede nicht ausschlaggebend sind.

Aber der Clou kommt ja noch. Es geht mir heute gar nicht in der Hauptsache um die Trauminhalte, so herrlich meine Flugträume auch gewesen sind. Der letzte dieser Art — schon einige Jahre her — war der schönste. Ich flog und flog. Ein phantastisches Erlebnis. Plötzlich, wie der Traum gekommen war, war er auch zu Ende. Widerwillig öffnete ich meine Augen. Die Sonne schien bereits. Ich stand auf und frühstückte mit meiner Frau. Dabei erzählte ich ihr am Esszimmertisch diesen wunderschönen Traum. Sie hörte mir lächelnd zu. Als ich fertig war, wollte sie mir berichten, was sie geträumt hatte. Kaum hatte sie das erste Wort gesprochen, — da erwachte ich! — Ja, ich wurde wirklich wach und lag im Bett (und saß nicht am Tisch). Es herrschte noch dunkle Nacht. Ich hörte meine schlafende Frau nebenan im Bett tief und regelmäßig atmen. Ich war völlig perplex und bewegte zur Kontrolle ein Bein, dann einen Arm, kniff mich irgendwo hin, ob ich nun wirklich wach bin. Ja, ich war jetzt erst wirklich wach. Die Frühstücksszene ist auch nur ein Traum gewesen. - Kaum zu glauben, aber wahr.

Was ist da geschehen?

Ich hatte einen Traum im Traum. Ich träumte einen Traum. Oder anders gesagt: Ich träumte, dass ich geträumt habe.

Nie zuvor und auch danach überkam mich ein solches Erlebnis.

Vielen habe ich dieses erzählt, aber niemand konnte sich an eine solche Traumkombination erinnern. Sollte sie weltweit die Einzige sein?