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Die fliegende Mundharmonika

Nein, nein, ich meine nicht die kleine Mundorgel in meinem Handgepäck, die mit mir in den Urlaub fliegt. Ganz anders. Es handelt sich um meine allererste Mundharmonika vor ca. 76 Jahren.

Meine Welt damals als junger Erdenbürger, der gerade beginnt, seine Umwelt bewusst wahrzunehmen, umfasste die kleine, aber feine 2-Zimmer-Wohnung, gemütlich, weil mit  schrägen Wänden, im 3. Stock eines Mietshauses. Dort gab es keinen Platz für ein Klavier oder ein anderes größeres Musikinstrument. Vor allem fehlte auch das Geld dazu. Aber für eine einfache Mundharmonika waren zu Weihnachten immer ein paar Groschen übrig und ein Plätzchen frei. Meine Eltern stammten aus sogenannten kleinen Verhältnissen. Mein Vater gehörte in jener Zeit zu den 6 Millionen Erwerbslosen. Das Geld reichte gerade für die billige Miete, die nötigste Kleidung und um den Hunger zu stillen. Aber sie spürten auch  den anderen Hunger, den unstillbaren nach Bildung und Kunst, vor allem Musik. Leider waren Musikinstrumente und Musikunterricht — wie gesagt —  finanziell  nicht drin. Doch jeder Mensch, auch der ärmste, besitzt von Natur aus Stimmbänder, und diese benutzten meine Eltern fleißig zum Singen, wie ihnen der Sinn gerade danach stand. Besonders aber sonntags im Gottesdienst. Vati saß nicht stumm da oder bewegte nur die Lippen wie viele andere Männer, für die das Singen unter ihrer Würde zu sein scheint. Mutti scheute sich wie die meisten Frauen nicht, ihre helle und klare Stimme erschallen zu lassen. Eines ihrer Lieblingslieder, auch im Alltag, war Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön…

Schon als ganz kleines Kind hatte ich bei dieser wunderschönen Melodie ein Bild vor Augen. Das Bild einer Feldlerche, die  mit schnellen Flügelschlägen jubilierend in den klaren Himmel Richtung Sonne aufsteigt und steigt und steigt, dann hoch in der Luft flatternd und singend stehen bleibt, schließlich, wenn ihr Lied zu Ende ist, schnell wie eine Sternschnuppe Richtung Erde fällt und im Kornfeld verschwindet. Ein Bild, das es heute kaum noch zu sehen gibt, Ursache: moderne Landwirtschaft. Genauso wenig gibt es heute die putzig anzuschauenden Haubenlerchen, die meistens in Schwärmen urplötzlich auf freien Flächen landeten.

Mutti hatte eine Stimme wie eine Lerche, geschult in ihrer Jugend als Kaiserswerther Diakonisse. Dieses Lied haben wir auch auf ihrer Beerdigung gesungen, auf meinen und meiner Schwester ausdrücklichen Wunsch. Der Pfarrer meinte, sich vor der Trauergemeinde entschuldigen zu müssen, weil es kein Trauerlied ist. Aber wir dachten, Mutti würde es sehr gefallen. Es steckt so viel Kraft in diesem Lied. Wenn mich trübe Gedanken überfallen, brauche ich nur still  diese Melodie durch meinen Kopf ziehen zu lassen, dann fühle ich mich schon besser.

Aber zurück zu meiner ersten Mundharmonika. Sie lag  mit anderen Spielsachen durcheinander gewürfelt  in meiner Spielkiste, die ihren Platz in der sogenannten Spielecke unserer kleinen und hellen Wohnung hatte. Hell deshalb, weil die hoch gelegenen Zimmer dem Himmel und dem Licht näher waren und vor allem wegen der hellen Möbel. Meine Eltern hatten sich für glänzend weiß lackiertes Mobiliar, damals eine der  modernsten Stilrichtungen, entschieden. Schön, aber auch empfindlich.

Pass auf! Das wird doch alles dein's, wenn du groß bist und wir nicht mehr sind, höre ich noch heute im Geiste meine Mutter sagen, wenn ich für ihren Geschmack allzu ruppig mit den Möbeln umging.
Abgesehen davon, dass ich mir damals überhaupt nicht vorstellen konnte, dass meine Eltern nicht mehr da sein sollten, forderte mich noch folgendes zum Widerspruch heraus:
Aber das will ich gar nicht haben, das ist ja kaputt, gab ich trotzig zurück und zeigte auf die Tür des kleineren Schrankes. Der hatte auf seiner weiß glänzenden Vorderseite einen auffallenden Fleck, eine ausgebesserte Stelle, etwa so groß wie eine 2 Euro-Münze, nur nicht so rund. Er war zwar weiß aber nicht glänzend, sondern stumpf. Dieser Fleck war schon immer da, seit ich mich erinnern konnte.

Das hast du gemacht, erklärte Mutti.

Ich doch nicht, empörte ich mich, davon weiß ich gar nichts.

Dann erzählte sie mir diese Geschichte, die in meinem ganz frühen Kinderdasein geschah, in das die Erinnerung nicht hineinreicht und dem betreffenden Menschen immer verschlossen bleibt.

Eines Tages besuchten uns wieder einmal die Johns mit ihren 5 Kindern, eröffnete sie mir.
Die Johns kannte ich, mit denen waren meine Eltern gut befreundet und sie besuchten sich oft gegenseitig (nachzulesen in meiner Geschichte Woanders schmeckt es viel besser).
Sie fuhr fort: Du bist ja ein  Einzelkind und hast dich immer sehr gefreut, wenn andere Kinder in unserer Wohnung waren. Aber über deine Spielsachen hast du eifersüchtig gewacht und konntest sehr wütend werden, wenn sie die ungefragt anfassten. An diesem Tag passierte genau das wieder. Du hast das Erstbeste genommen — es war die Mundharmonika — und auf den Gerd  geworfen. Aber sie flog haarscharf an seinem Kopf vorbei und mit lautem Knall gegen die empfindliche Schranktür, dass der Lack und das Holz nur so splitterten. Es gab viel Aufregung und Ärger, denn die Lackierung konnte nicht mehr hundertprozentig ausgebessert werden. Es blieb ein gut sichtbarer Fleck in der Tönung zurück.

Ich kann mich erinnern, über diese Schilderung erstaunt und  betreten gewesen zu sein, weil Gerd (ein Jahr älter als ich) in meiner Kindheit mein bester Freund war, mit dem zusammen ich viele Späße trieb und der mir bei Auseinandersetzungen mit anderen Jungen schlagkräftig geholfen hat, sozusagen als mein Bodyguard. Später wurde er Boxer (vgl. meine Geschichte Nur Fliegen ist schöner). Als ich ihn irgendwann auf diese Wurfattacke ansprach, konnte er sich ebenfalls nicht erinnern und grinste nur. Für uns Kinder war der Fall längst erledigt. Für den Schrank jedoch nicht.

Die meisten Kinder in meinem Umfeld besaßen damals eine Mundharmonika. Wer darauf auch noch mit Zungenschlag spielen konnte, wurde bewundert. Besonders sensibel schienen wir damals mit unseren Mundharmonikas nicht umgegangen zu sein. Ich kann mich erinnern, als Kind einige Mundharmonikas hintereinander gehabt zu haben, weil sie Schäden aufwiesen, die nicht vom reinen Gebrauch als Musikinstrument herrühren konnten. Sie waren also auch gut zu verwenden als Schlagwerkzeug, z. B. um kleinere Nägel einzuschlagen, als Schlagwaffe oder wie im geschilderten Fall als Wurfgeschoss. Aber ganz ohne Frage benutzten wir sie in erster Linie zum Musizieren, ich mochte sie nicht missen bis auf den heutigen Tag. Denn mit Musik geht alles besser, doch das ist ein anderes Thema, das ich noch behandeln werde.