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Klassenfahrt 1953
oder
Latein macht Spaß und Horaz ist geil

Der Marathonlauf namens Schulzeit dauerte nun nicht mehr lange. Unsere Klasse war endlich in die Zielgerade eingebogen, das heißt, wir waren Ostern 1953 in die Oberprima (13. Klasse) versetzt worden und hatten das Ziel Abitur in Sichtweite vor uns liegen. Jetzt hieß es, nur nicht schwächeln, alle Reserven mobilisieren und in acht bis neun Monaten hätte die elende Büffelei ein Ende und wir wären freie Menschen, so empfanden wir es damals.

Die Schulbehörde gab eine neue Richtlinie heraus, in der sie mitteilte, dass sie Anträge auf mehrtägige Klassenfahrten bewilligen könnte. Eines Tages schlug unser Klassenlehrer (Mathematik und Physik) vor, eine mehrtägige Klassenfahrt Ende Mai/Anfang Juni nach Süddeutschland zu unternehmen. Eisenbahnfahrt von Bochum-Langendreer bis Gießen und dann mit Fahrrädern weiter. Übernachtung in Jugendherbergen. Alle waren begeistert, denn in den Kriegs- und Nachkriegsjahren sind uns bisher so lange Reisen nicht möglich gewesen. Endlich raus aus dem Muff und Mief unserer Stadt und ihren Trümmern und Ruinen. Hinaus in die weite, sonnige Welt ohne die Dunstglocke aus Rauch und Staub, die ständig über dem Ruhrgebiet hing. Nur zwei Mädchen und ein Junge sagten ab, sie hatten keine Fahrräder und ihre Eltern kein Geld.

Der Lehrer stellte den Reiseplan samt Sehenswürdigkeiten auf und jeder bereitete sich darauf vor. Die Drahtesel wurden gereinigt und geölt und die Rucksäcke gepackt, sofern man einen besaß. Zu jener Zeit waren Rucksäcke uncool, würde man heute sagen, deshalb sammelte und verkaufte ich Metallschrott und für das Geld legte ich mir einen neuen Affen, einen mit braunem Kalbsfell bezogenen Tornister zu, das förderte mein Ansehen in der Klasse, weil sonst niemand so ein elegantes Ding besaß.
Die genaue Route weiß ich nach so langer Zeit nicht mehr. Aber einige Highlights haben sich in mein Gedächtnis eingegraben. Die herrlichen Schlösser und Kirchen, die Erhabenheit der Kathedralen. In Vierzehnheiligen sah ich zum ersten Mal eine Rokokokirche und war von diesem Baustil und der inneren Pracht mit ihrer lichtdurchfluteten Leichtigkeit und ihrer Freude an einer Überfülle von Farben, Formen und Figuren fasziniert.

In Frankfurt – damals noch wolkenkratzerfrei – konnten wir das Goethehaus und den Römer nicht besichtigen, weil beide Sehenswürdigkeiten noch nicht wieder aufgebaut worden waren. Dafür erlebten wir in dieser Stadt die heißeste Jugendherberge bei fast 40° C.
In Stuttgart zelebrierte uns der Himmel einen traumhaften Sonnenuntergang mit malerischen Höhen als natürliche Kulisse.
Das Würzburger Schloss lag leider noch in Trümmern. Aber der süffige Bocksbeutel entschädigte uns ein bisschen für entgangenen Augenschmaus.

Der Blick vom Heidelberger Schloss auf die Altstadt mit ihren blinkenden Dächern im Gegenlicht der Abendsonne war einfach grandios. Der vielbesungene Philosophenweg weckte in mir die schönsten Träume. Kein Wunder, dass auf diesem herrlichen Flecken Erde die amerikanische Besatzungsmacht ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Beim Abendbummel trafen wir zufällig einen Schüler unseres Gymnasiums, der vor zwei Jahren das Abitur gemacht hatte und hier evangelische Theologie studierte. Da er ein prima Typ war, gab es ein großes Hallo und Palaver. Wir beneideten ihn auch ein bisschen, weil er schon die Reifeprüfung geschafft hatte und nun ein selbstbestimmtes Studentenleben führen durfte. Ich nahm mir fest vor, in dieser wunderschönen Stadt, die von Bombengeschwadern verschont wurde, später zu studieren. Aber daraus wurde nichts, denn dort fehlte ein Lehrstuhl für Eisenhüttenkunde und ich wollte unbedingt Stahlkocher werden. Dafür war es gut 30 Jahre später unserem Sohn Bernd vergönnt, dort zu studieren, der auch prompt dort sein Herz verlor.

In Haßfurt gab es keine Jugendherberge, und wir mussten in einem Naturfreundehaus übernachten. Es befand sich in einem uralten, romantischen Turm. Zig hölzerne Stiegen mussten knarrend und quietschend erklommen werden, bis wir ganz oben unter Jahrhunderte altem Gebälk die beiden winzigen Schlafräume erreichten und glaubten, Nachtruhe gefunden zu haben. Aber die in gleicher Höhe thronende alte Turmuhr hatte etwas dagegen. Ihr eisernes Räderwerk drehte sich rhythmisch mit der Lautstärke einer Schmiede und ihre Glocke vergaß nie, jede neue Stunde mit einem dröhnenden Glockenschlag zu begrüßen.

War es in Bad Nauheim oder in Bad Homburg, ganz genau weiß ich es nicht mehr? Nach der Strampelei auf dem Drahtesel kehrten wir zum Dämmerschoppen in ein uriges Lokal ein und ich las auf der Getränkekarte Äppelwoi. Keiner von uns wusste genau Bescheid, was das ist und ich befragte einen einheimischen Zecher am Nebentisch. Der grinste und sagte in hessischer Mundart: Muss de mal probiern, awwer wenn möschlisch, net mehr als zwaa.

Klassenkamerad Alfred, der schon immer seine Ohren überall hatte, meinte von einer verdauungsfördernden Wirkung gehört zu haben und warnte: Da krisse Dünnschiss von.
Nun, das erste Glas schmeckte mir wie himmlischer Nektar und ich trank sechs davon. Die Wirkung entsprach jedoch nicht Alfreds Prophezeiung, sondern es war mein Mund, dem ein unaufhörlicher Redefluss entströmte, den ich an mir überhaupt nicht kannte. Mir fielen die tollsten Witze, Zitate und Sprüche ein. Zum Beispiel, als unser Lehrer spät abends zum Aufbruch in die Jugendherberge mahnte und wir keine Lust dazu verspürten, konterte ich mit Goethes Urfaust, in Auerbachs Keller: Mir ist so kannibalisch wohl als wie 500 Säuen. Aber es half alles nichts, wir mussten los, sonst kämen wir nicht mehr in die Jugendherberge hinein.

Unterwegs nörgelte einer von uns herum, dass der alte Goethe anscheinend kein richtiges Deutsch könne, denn es müsse in dem vorher zitierten Text nicht als wie 500 Säuen, sondern wie 500 Säuen heißen. Als wie ist doppelt gemoppelt und auch grammatisch falsch und würde uns Schülern angekreidet werden. Wir alle stimmten ihm lachend zu, wohl wissend, dass der Dichterfürst es höchstwahrscheinlich in dichterischer Freiheit wegen des Sprachrhythmus' getan hat.

Als wir dann nach Absingen mehr oder weniger stubenreiner Lieder leicht schwankend den Schlafsaal erreicht hatten, plumpste ich auf die Etagenkoje nieder mit Worten aus Goethes Osterspaziergang: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Das schallende Gelächter meiner Klassenkameraden mischte sich mit Protestrufen derjenigen, die schon geschlafen hatten und mit Handgreiflichkeiten drohten.

Vom nächsten Morgen blieben mir hauptsächlich in Erinnerung ein Riesendurst mit Brummschädel und lobendes Schulterklopfen, weil ich die ganze Gesellschaft wie ein Conférencier unterhalten hätte. Selbst unserem Lehrer entfleuchte ein zustimmendes Grinsen.
Wie sich die Folgen einer Überdosis Ethanol auf den Organismus unterhalb des Gehirns einiger von uns äußerten, weiß ich nur von diskreten Andeutungen unseres anscheinend nüchtern gebliebenen Theo, er hat sie beseitigt.

Unsere Klasse verlebte noch manchen fröhlichen Dämmerschoppen. Bei passenden oder halb passenden Gelegenheiten missbrauchten oder verballhornten wir die antiken Lateintexte, die wir uns mühselig fürs Abitur geistig aneignen mussten. Vor allem gefiel uns Horaz. Seine Sprache empfand ich so schön blumig und dabei doch bodenständig. Wenn jemand die Bedienung heran gewinkt hatte, orderte ich gerne: Deprome quadrimum Sabina, o Thaliarche, merum diotaHoraz (eigentlich Quintus Horatius Flaccus), Ode I 9, Hirschgrabenverlag.
Frei übersetzt: eine Person namens Thaliarch wird aufgefordert, einen zweihenkligen Krug mit bestem Wein zu bringen.
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Auf den verständnislosen Blick der Bedienung hin erklärte Klassenkameradin Marlene: Er will eine neue Runde.
Als die Runde gebracht wurde, fragte wie üblich die Kellnerin oder der Kellner: Wo darf ich's anschreiben?
Meine Klassenkameraden: Beim arbiter bibendi.(arbiter bibendi, lat.: der bei einem Trinkgelage den Ablauf vorgibt)
Klassenkameradin Ruth zur Bedienung: Die meinen, beim Günter , und zeigte auf mich.
Klassenkameradin Christel gouvernantenhaft zu uns Jungens: Das könnt ihr doch nicht mit diesen Menschen machen.
Die Jungens: Wenn wir uns schon beim Lernen so quälen müssen, wollen wir wenigstens unseren Spaß haben, ihr Mädchen übersetzt das schon. Ergo bibamus!(Ergo bibamus, lat. Also lasst uns trinken.) Ein bisschen Gewissensbisse hatten wir schon dabei.
So ging es oft weiter und wir hatten wirklich Spaß, weil unser Lehrer, der uns sonst mit Mathematik und Physik quälte, diese Texte auch nicht kannte und verstand. Sie waren uns sozusagen zur Geheimsprache geworden.

Ein paar Sätze zu den Jugendherbergen, in denen wir übernachteten.
Sie standen fast alle in landschaftlich schöner Umgebung. Aber der Qualitätsstandard war in allen Belangen aus heutiger Sicht total unzumutbar, aus damaliger Sicht jedoch spartanisch einfach und der Preis für eine Übernachtung spottbillig, also akzeptabel. Man musste jedoch Mitglied des Deutschen Jugendherbergswerkes sein und einen entsprechenden Ausweis haben, den man für ein geringes Entgelt bekam. War eine Herberge abends voll belegt, bekam ein Wanderer zu Fuß immer einen Notplatz. Radwanderer waren nur geduldet und wurden in so einem Fall abgewiesen, aber an eine andere preisgünstige Übernachtung vermittelt, zum Beispiel an einen Bauern oder eine Schule. Deshalb hatte unser Lehrer uns bei allen Jugendherbergen auf unserer Route schriftlich angemeldet.

Geschlafen wurde in meist großen Schlafsälen mit doppelstöckigen Betten auf harten Unterlagen. Jeder Gast bekam eine Wolldecke, das war's. Er musste eigenes Bettzeug mitbringen oder einen Schlafsack. Gefrühstückt wurde im Vielzweckgemeinschaftsraum, der meistens den Charme eines Wartesaales dritter Klasse verbreitete. Die meisten Gäste aßen eigene, mitgebrachte Lebensmittel aus ihren Rucksäcken und brühten sich ihren Ersatzkaffee oder Tee in der Gemeinschaftsküche. Geschirr und Besteck mussten vom Benutzer anschließend gespült und weggestellt werden. Fortschrittliche Herbergseltern boten schon warme und kalte Getränke, sowie Brot und dürftigen Aufstrich für jugendgerechte Preise an.

Die sanitären Anlagen hatten in den meisten Fällen diese vornehme Bezeichnung nicht verdient. In kleineren Herbergen war nur ein einziger Kaltwasseranschluss für alle vorhanden. Nur in zwei der vielen Herbergen, die wir aufsuchten, gab es eine Gemeinschaftsdusche wie in den Waschkauen auf den Zechen, aber ohne Warmwasser. Weil warmer Frühsommer herrschte, wagten sich dennoch einige wenige unter den kalten Wasserstrahl. Im Übrigen fiel es gar nicht auf, wenn jemand roch, weil alle rochen.

Das anrüchigste Thema waren die Toiletten, deren Beschaffenheit in den meisten Herbergen nicht dem zwanzigsten Jahrhundert, sondern der Latrinenwirtschaft der Antike entsprach. Im Altertum volkswirtschaftlich gesehen eine Notwendigkeit, weil die menschlichen Exkremente zur Lederherstellung gebraucht wurden. In den Ruinen der alten Stadt Ephesus und anderen kann man heute noch die sogenannten stillen Örtchen sehen, die gar nicht so still waren. Glaubt man den Erklärungen der Fremdenführer, saßen dort ganz öffentlich und ohne Geschlechtertrennung die Geschäftemacher in langer Reihe auf steinernen Bänken über hinterngerechten Öffnungen und tauschten dabei die neuesten Neuigkeiten aus, und manche sollen dabei auch Finanzgeschäfte abgewickelt haben.

Nun, in den Jugendherbergen grassierte schon der Fortschritt dergestalt, dass jeder Sitzplatz mit Wänden und einer abschließbaren Tür versehen war. Die zwischenmenschliche Kommunikation blieb dennoch erhalten, aber auf schriftlichem Wege. Ich weiß, ich weiß, über die Schmierereien auf Toilettenwänden schweigt man lieber. Es sind auch meistens stupide Sauereien. Aber weil dort meistens nicht nur Papiermangel, sondern Papierabwesenheit herrschte, wenn nicht der Herbergsvater rechtzeitig genügend alte Zeitungsblätter an dem dafür vorgesehenen Haken aufgespießt und man nicht selbst Vorsorge getroffen hatte, konnte es einem ergehen wie dem Zeitgenossen, der nach vollzogenem Geschäft verzweifelt an die Wand kritzelte: Herbergsvater, alter Junge, Papier her oder deine Zunge!

Einmal entdeckte ich an einer Toilettenwand unter zig Ferkeleien zusammenhängende schriftliche Diskussionsbeiträge, die selbst einem an Verstopfung Leidenden zu einem Grinsen verholfen haben mögen. Einer schrieb: Das Schönste auf der Welt ist ein Mädchen, das stillehält. Unterschrift: Busse.
Ein anderer malte darunter: Irrtum, lieber Busse, ein bißchen wackeln musse.
Wieder ein anderer, in diesen Dingen sicher erfahren, erweiterte diese Feststellung, indem er vor das Wort wackeln die Wörter mit dem FöttchenRuhrgebietsjargon für Po, Hintern. einfügte. Ich nehme an, dass der letzte Schreiber aus dem Rheinland stammen muss, wegen der Wortwahl.
Ich glaube auch nicht, dass ich nun wegen fehlender namentlicher Angabe der Autoren ein Problem mit dem Urhebergesetz bekomme.
Welche Texte die Wände der Damentoiletten zierten, haben wir Jungen nicht erfahren, denn unsere Mädchen schwiegen ganz gegen ihre Gewohnheit in diesem Fall wie ein Grab.

Die unvergesslichen politischen Ereignisse, die während dieser Klassenfahrt stattgefunden hatten, beschrieb ich bereits in meiner Geschichte Der 17. Juni 1953 darf nicht vergessen werdenAm 17. Juni 1953 schossen und walzten modernste, russische Panzer einen Volksaufstand in der jungen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) mit äußerster Brutalität nieder. Es war der blutig niedergeschlagene Volksaufstand in der DDR sowie die Krönung der jungen britischen Königin Elisabeth II., die wir ziemlich widerwillig auf Geheiß unseres Englischlehrers auf einem klitzekleinen Schwarz-Weiß-Fernseher gucken mussten. Lieber wäre mir die Übertragung eines Jazzkonzertes mit Louis Armstrong und anderen Jazzgrößen gewesen als dieses steife Hofzeremoniell.

Nach dem Frühstück schwangen wir uns auf die Drahtesel, nahmen 60 bis 80 Kilometer pro Tag bergauf, bergab unter die Reifen, aßen mittags unter freiem Himmel eigene Vorräte und hofften, ohne Reifenplatten am Abend die nächste Jugendherberge zu erreichen und eine warme Mahlzeit zu bekommen. Der erste Wunsch wurde nicht immer erfüllt, es gab einige platte Reifen, die mit tatkräftiger und schneller Hilfe unseres Klassensprechers Theo geflickt wurden. Dafür wurde der zweite Wunsch nach warmer Mahlzeit immer erfüllt. Leider waren die Angebote der Speisen zwar schmackhaft, aber von frustrierender Eintönigkeit. Es gab Nudeln mit Pflaumen, aber meistens Kartoffelsalat mit grünem Salat und manchmal mit Spiegelei. Infolge der Kriegs- und Nachkriegsjahre war ich in puncto Essen nicht verwöhnt, ich aß auch dieses gerne, aber musste es vierzehn Tage lang sein?

Nach diesen zwei schönen Wochen zu Hause angekommen, empfing mich meine Mutter freudig, dass ich gesund und munter war und sprach gütig und nichts ahnend: Bei mir bekommst du zur Feier des Tages etwas Schönes zu essen, was du gerne magst, Kartoffelsalat mit grünem Salat und Spiegelei.

War das eine Überraschung!