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Wie ich den 20. Juli 1944 erlebte

Das missglückte Attentat und die Rache des Diktators

Elfeinhalb Jahre war ich alt und die großen Sommerferien hatten gerade begonnen. Mehr als ein Jahr lang war ich in Kinderlandverschickung in Pommern, in Reetz, Kreis Arnswalde gewesen, besuchte dort die Schule und marschierte im Jungvolk. Ich war sogenannten Pflegeeltern zugeteilt und hatte großes Glück, von ihnen wie ein zusätzliches eigenes Kind in einer fünfköpfigen Familie behandelt zu werden. Das schloss nicht aus, auch nach dem Schulunterricht tatkräftig in Haus und Hof sowie in der Werkstatt (Stellmacherei) mitzuhelfen, z.B. Gänse hüten, Schweineställe ausmisten, Wagenräder zur Schmiede bringen. Aber das tat ich nicht ungern, für Kinder auf dem Land war so etwas nicht ungewöhnlich.

In den großen Ferien 1944 zog es mich aber magisch aus dem ruhigen und verträumten Pommern nach Bochum-Werne in mein Elternhaus, auch wenn es dort im Ruhrgebiet Bomben hagelte und an durchgehende Nachtruhe nicht zu denken war. Meine Mutter konnte meine Hilfe gut gebrauchen, denn mein Vater war vor einem halben Jahr trotz seiner 43 Jahre zur Wehrmacht eingezogen worden und kämpfte als Panzergrenadier an der Ostfront. Nun stand sie mit meiner kleinen dreijährigen Schwester Doris und mir sowie den Tieren und dem Garten alleine da.

Ich erfuhr von dem Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli auf dem Weg zu unserem Kleinviehstall, um unseren Kaninchen und Hühnern das Abendfutter zu geben. In der einen Hand den Topf mit gekochten Kartoffelschalen, vermischt mit etwas Kleie, in der anderen Hand eine Büchse mit Gerstenkörnern, eine Delikatesse für die Tiere, die aber nur einmal am Tag verabreicht wurde. Morgens und mittags bekamen sie nur Grünfutter, das ich im Laufe des Tages besorgen musste. Die Hühner durften meistens frei herumlaufen und sich zusätzlich etwas suchen.

Auf dem Weg zu unserem Stall musste ich an mehreren Gartenparzellen mit Ställen vorbei. Ein älterer Nachbar, ebenfalls beim Füttern, warf mir im Unterhaltungston die Worte zu: Es hat ein Attentat auf den Führer gegeben, aber er lebt.

Ich trottete ziemlich ungerührt weiter. Mir war es egal. Es gab ja so viele, die starben. Ich hatte auch die düstere Ahnung, dass mein Vater nicht überleben werde. Und tatsächlich war er zwei Monate später durch einen Granatsplitter getötet worden, wie uns sein Hauptmann schrieb.

Wir hatten kein Radio und deshalb bekam ich nur mit, was die Erwachsenen erzählten. Die von der Regierung gelenkte Zeitung zu lesen, hatte ich keine Lust. Die Texte waren für mich als Kind zu trocken und unverständlich. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob wir überhaupt die Tageszeitung bezogen hatten, denn sie wurde wegen Papiermangels kontingentiert. Es war üblich, sich die Zeitung vom Nachbarn auszuleihen. Ich hatte genug damit zu tun, das Futter für unsere Tiere zu besorgen, auf den abgeernteten Getreidefeldern die übrig gebliebenen Ähren zu sammeln, auf meine kleine Schwester aufzupassen und bei Bombenalarm mit der Kleinen im Kindersportwagen und einem Koffer als Beiladung neben der Mutter sofort in den Bunker zu rennen. Ich hörte dann später offiziell, dass verbrecherische Elemente eine Bombe gelegt hätten. Namen wurden nicht genannt. Der Führer hätte aber wie durch ein Wunder nur Prellungen erlitten. Am selben Abend soll er eine kurze Ansprache an das deutsche Volk gehalten und mit dem üblichen drohend rollenden r gesagt haben, dass die Vorrrsehung ihn beschützt habe. Die Verrrbrecherrr wären noch am selben Abend hingerrrichtet (erschossen) worden.

Bei dieser Nachricht ging mir zweierlei durch meinen kindlichen Kopf. Erstens, die Erwähnung der Vorsehung, ich bezog sie auf Gott. Dann musste doch Hitler — entgegen manchem Getuschel der Erwachsenen — gottgläubig sein und sogar unter Gottes Schutz stehen.
Zweitens, wie konnten die Verbrecher so schnell hingerichtet werden? Es hatte doch noch keine Gerichtsverhandlung stattgefunden. Da begriff ich zum ersten Mal, was Standrecht im Krieg praktisch bedeutete. Ich sollte es im April 1945 an mir selbst durch amerikanische Soldaten zu spüren bekommen (siehe meine Geschichte Der letzte Alarm). Eine Zeit später hörte ich, dass der Volksgerichtshof unter Roland Freisler im Nachhinein weitere Verbrecher und Volksfeinde zum verdienten Tode durch den Strang verurteilt hätte.
Noch später, als veröffentlicht wurde, dass der berühmte Generalfeldmarschall Erwin Rommel, bei Freund und Feind bekannt als Wüstenfuchs, tot war und mit großem Pomp und Ehrenzeichen ein Staatsbegräbnis der Sonderklasse bekam, wurde in den Luftschutzbunkern, die für die zusammengepferchten Menschen eine gute Nachrichtenbörse darstellten, gemunkelt, dass er keines natürlichen Todes oder durch Feindeinwirkung gestorben, sondern auf Hitlers Befehl wegen des Attentats heimlich vergiftet worden sei.

Nun, die Gerüchteküche in den Bunkern kochte meistens sehr gut und genau, weil es immer noch Menschen gab, die unter Lebensgefahr Feindsender abhörten. Zum Beispiel wurden dort die Namen der wenigen geretteten und gefangenen U-Boot-Fahrer durchgegeben. Wer dort nicht genannt wurde, war mit größter Gewissheit tot. Von der deutschen Wehrmacht erhielten ihre Angehörigen nur die Nachricht vermisst oder von der Feindfahrt nicht zurückgekehrt.
Aber dieses Gerücht über Rommels Tod hielten fast alle für Feindpropaganda. Denn die Feinde waren ja auch nicht gerade zimperlich mit ihren Lügen, um unsere Moral zu untergraben. Wir konnten uns, so auch ich, einfach nicht vorstellen, dass Hitler seinen berühmtesten und fähigsten Heerführer liquidieren ließ. Obendrein noch vergiften. Ein Held — und das war er besonders in den Augen der jungen Menschen — wird nicht vergiftet, sondern Auge in Auge ehrenvoll erschossen, wenn es sein muss.
Und warum musste er sterben? Nicht eine einzige Untreue von ihm gegenüber dem Führer war öffentlich bekannt. Die Antwort: Die Vorgeschichte und der Hergang des Attentats sowie die — wie wir heute wissen ‑ edlen Beweggründe der beteiligten hohen und höchsten Offiziere der Wehrmacht sowie der zivilen Männer und Frauen wurden der Masse des Volkes nicht bekannt gemacht, noch nicht einmal ihre Anzahl und Namen. Danach offen zu fragen, wäre als geistige Beihilfe ausgelegt und bestraft worden.

Erst nach dem Krieg kamen nach und nach mehr Informationen ans Licht der Öffentlichkeit.
Allein schon durch Film und Fernsehen ist das Geschehen dank der Aufarbeitung der Historiker hinlänglich bekannt.

Ich habe mich bemüht, hier nur über das zu berichten, was ich damals als Kind in jenen denkwürdigen Tagen hörte und dachte, nicht vermengt mit dem, das ich später erfuhr.

Die Folgen des missglückten Attentats auf Adolf Hitlersie waren fürchterlich… schildere ich in der Geschichte.

Attentat vom 20. Juli 1944

Das Attentat vom 20. Juli 1944 gilt als bedeutendster Umsturzversuch des militärischen Widerstandes in der Zeit des Nationalsozialismus.[1] Als Voraussetzung für den geplanten Machtwechsel, auch unter dem Gesichtspunkt des Eides auf den Führer, wurde die Tötung Hitlers angesehen. Die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze deponierte und scharf gemachte Sprengladung verletzte den Diktator jedoch nur leicht.

Dieser Fehlschlag sowie Lücken in der Vorbereitung und das Zögern beim Auslösen der Operation Walküre, des Plans zum Staatsstreich, ließen den Umsturzversuch scheitern. Die Beteiligten der Verschwörung, die Personen des 20. Juli 1944, stammten vor allem aus dem Adel, der Wehrmacht und der Verwaltung. Sie hatten vielfach Kontakte zum Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Unter den mehr als 200 später wegen der Erhebung Hingerichteten waren Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, 19 Generale, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre sowie der Chef des Reichskriminalpolizeiamts; des Weiteren mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten und Regierungspräsidenten.

Quelle: Wikipedia.de