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Folgen des missglückten Attentats auf Adolf Hitler

- sie waren fürchterlich -

Wie wir heute wissen, war am 20. Juli 1944 kein stupider Tyrannenmord einer ehrgeizigen Offiziersclique geplant. In Wirklichkeit taten sich wahre Patrioten aus dem Militär und der Zivilgesellschaft zusammen, um das mörderische NS-Regime zu beseitigen und sofort einen Verhandlungsfrieden herbeizuführen. Denn noch stand kein feindlicher Soldat auf deutschem Boden. Dazu musste zuallererst der Führer an der Spitze beseitigt werden, mit dem die Alliierten nach 5 Jahren Krieg mit Millionen Toten und grauenvollen Zerstörungen nicht mehr verhandelt hätten.
Zum Beseitigen des Diktators war nur das Militär in der Lage.

Was ein gelungenes Attentat für die Weltgeschichte bedeutet hätte, darüber möchte ich nicht spekulieren. Genau kann das niemand sagen. Schildern kann ich jedoch, welche Folgen des missglückten Attentats ich selbst erfahren habe. Selbstverständlich kann ich keinen historisch/wissenschaftlichen Bericht liefern, sondern nur individuelle Erlebnisse als Kind in jener Zeit an jenem Ort. Ich glaube jedoch, sie sind Teil einer historischen Tragödie.

Die Folgen waren mit einem Wort verheerend. Ich merkte, den Menschen wurde klar, dass nun kein Verhandlungsfrieden mehr möglich war. Die Eliten des nationalen Widerstandes gefangen und hingerichtet. Die einzige Möglichkeit bestand darin, zusammenzustehen und mit ganzer Kraft für den propagierten Endsieg zu kämpfen, ob man wollte oder nicht. Die Alternative wäre die Eroberung und bedingungslose Unterwerfung durch die Siegermächte, deren Horrorabsichten, mit denen uns die Propaganda pausenlos eindeckte, uns in Angst und Schrecken versetzten. Also der totale Untergang des deutschen Volkes. Unsere Soldaten kämpften mittlerweile an vielen Fronten in jeder Himmelsrichtung. Nun schuf die Führung eine neue Front, die Heimatfront, an der jeder, ob groß oder klein, Mann oder Frau bedingungslos zu kämpfen habe.

Trotz aller Durchhalteparolen spürte ich bei den Erwachsenen nach fünf harten Kriegsjahren Zeichen einer gewissen Kriegsmüdigkeit. Die früheren Erfolge der Blitzkriegsstrategie blieben aus. Im Gegenteil. Die Propaganda und das OKW (Oberkommando der Wehrmacht) sprachen nie von Rückzug, nur von Frontbegradigungen, Wechsel zu besseren Stellungen und Gegenangriffen.
Soldaten im Fronturlaub mussten zwar über ihre Lage und Einsätze schweigen, aber es sickerte vieles durch. Das Blatt hatte sich zuungunsten des Deutschen Reiches gewendet.

Italien, eine der Achsenmächte, wurde vom Waffenbruder zum Feind. Wieder einmal, wie im Ersten Weltkrieg. Die Alliierten waren in Italien und in der Normandie gelandet. Deutsche Städte wurden aus der Luft in Schutt und Asche gelegt. Die Ostfront rückte unaufhaltsam nach Westen. Die Stimmung sank.

Aber seltsam. Auch ich dachte für eine Zeit lang, nach dem misslungenen Attentat: Wenn der Führer so ein Glück hat und die Vorsehung ihn so beschützt und er die angekündigten Wunderwaffen einsetzt, dann könnte er uns doch noch zum versprochenen Endsieg führen.
Wie sehr indoktriniert und abgestumpft ich zu jener Zeit war, habe ich in meiner Geschichte Leben und Tod beschrieben. Ich bemerkte auch, dass sich viele Menschen an die Hoffnung auf diese Wunderwaffen klammerten. Sie waren ja auch real, aber nicht kriegsentscheidend. In den vielen Stunden, die wir im Bunker verbringen mussten, hörte ich von den angeblich vielen V1-Raketen, die mit tödlicher Last nach England geschickt wurden. Die V2 war die schrecklichste Vergeltungswaffe, weil sie als ballistische Rakete vom Feind nicht abgeschossen werden konnte und große Verwüstungen im Feindesland angerichtet hatte. Ich hörte von noch schnelleren Jagdflugzeugen und sogar von Maschinen mit neuartigem Raketenantrieb. Diese rasten angeblich durch feindliche Bomberverbände und rammten die B 17, die fliegenden Festungen, oder sägten ihre Flügel ab. Auch sollten neuartige Einmann-U-Boote sehr erfolgreich sein. Der Volkssturm und der Wehrwolf wurden gegründet, SS- und Waffen-SS-Verbände wurden als besonders mutige und todesverachtende Truppen hochgepriesen, der hochüberlegene Königstigerpanzer kam zum Einsatz, verbrannte Erde wurde befohlen usw. usw. Alles hatte einen wahren Kern, war aber unmäßig aufgebauscht.

Wurde hinter vorgehaltener Hand von Gräueltaten der deutschen Seite geflüstert, hörte man bisweilen von unbedarften Seelen: Das tun die kleinen Hitlers. Wenn das der Führer wüsste, er hat es bestimmt nicht gewollt.

Doch mit der Zeit sehnten die meisten das Ende des Krieges herbei, egal wie, am schlimmsten demoralisiert waren sie durch die unaufhörlichen Luftangriffe. Die größte Angst bestand davor, dass uns die Russen erobern könnten, denn es gab fürchterlichste Nachrichten über die Gräueltaten der Roten Armee und der polnischen Milizen in Ostpreußen, Westpreußen und Schlesien. Auch meine Pflegemutter in Pommern, eine in ihrer Jugend vor den Bolschewiken geflohene Weißrussin, hatte einiges durchblicken lassen.

So wütete der Krieg noch quälende neuneinhalb Monate nach dem Attentat in Europa mit schwersten Verlusten an Menschen, Material und Moral. Hitler wurde immer despotischer und nahm fürchterliche Rache bis zum Kriegsende an allen, die sich gegen seine Ideologie und Meinung wandten. Es waren Tausende, darunter zum Beispiel die seit langem in KZ-Haft sitzenden Ernst Thälmann und Dietrich Bonhoeffer. Er befahl Sippenhaft.
Die Gestapo verfolgte noch erbarmungsloser und intensiver jeden kleinsten Hinweis oder Verdacht auf tatsächliches oder vermeintliches systemkritisches Verhalten oder Äußern, auch auf anonymes Denunzieren hin, und schickte ihre Häscher in den berüchtigten Ledermänteln aus.

Hierzu drei Beispiele:
Eines Tages besuchte uns eine gute Bekannte meiner Eltern, wir nannten sie Oma Zisma und weinte herzzerreißend. Ihr einziger, noch lediger Sohn sei nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Als sie bei seinem Arbeitgeber nachfragte, habe man ihr gesagt, er sei von seinem Arbeitsplatz abgeholt worden. Damals wusste jeder, was dieses Wort bedeutete. Von der Polizei hatte sie trotz mehrmaliger Bitte keine Auskunft bekommen. Erst nach langer Zeit wurde sie kurz benachrichtigt, dass ihr Sohn jetzt in Oranienburg sei, mehr nicht. Sie hat nie mehr von ihm etwas gehört. Oranienburg war verschwommen als Ort eines Lagers bekannt.

Zweites Beispiel: Als ich im Jahr 1954 als Werkstudent im Gussstahlwerk Bochumer Verein A.G. arbeitete, erzählte mir im Siemens Martin Stahlwerk ein alter Ofenmann folgende Geschichte: Es war im letzten Kriegsjahr. Wir stachen gerade einen Ofen ab und der Stahl floss in die Pfanne. Da stürmten 2 Männer in Ledermänteln die Treppe zur Ofenbühne hoch. Einer meiner Kollegen sah sie auch, rannte daraufhin zum Geländer, schlüpfte aus seinen Holzschuhen, kletterte auf das Geländer und sprang in die Pfanne. Wieder aufgetaucht war nur ein dunkler Klumpen von der Größe eines Brotes, der sich sofort mit der sprudelnden Schlacke und dem Stahlbad vermischte. Die Ledermäntel zogen erfolglos ab. Wie üblich wurde die Schlacke als Düngemittel und der Stahl der vorgesehenen Verwendung zugeführt. Die Holzschuhe bekam die Witwe.
Weil es sich bei dem Sprung in die volle Pfanne für Selbstmörder um eine absolut sichere Methode handelt, war diese Art des Freitodes kein Einzelfall. In Friedenszeiten wurden die abgegossenen Blöcke dieser Charge aus Pietätsgründen nicht verwendet, sondern in eine Ecke gestellt. So nach und nach verschwanden sie von dort.

Nun das dritte Beispiel: Das Regime kannte auch noch andere Methoden als unbotmäßige Volksgenossen einfach einzusperren oder hinzurichten, sondern sie als Kanonenfutter zu verwenden. Mein Vater war bei Kriegsanfang fast 39 Jahre alt. Also nicht mehr tauglich als Rekrut, aber dringend benötigt als Facharbeiter und Brandschutzmann in der Rüstungsindustrie. Als er sich im letzten Kriegsjahr einer inhumanen Anordnung seines nazitreuen Vorgesetzten widersetzte, meldete dieser das Verbrechen weiter. Prompt erhielt mein Vater den Gestellungsbefehl, wurde in Dänemark notdürftig an der Waffe ausgebildet und als 43-Jähriger an die Front geschickt, wo er sehr bald den Heldentod fand (damals amtliche Bezeichnung).
Direkt nach Kriegsende wäre ich fähig gewesen, den Denunzianten zu erschießen, aber er war untergetaucht und nicht auffindbar. Ich war dermaßen brutalisiert, wie viele andere auch, die alte Rechnungen beglichen. Ich kenne zwei Fälle in meiner Bekanntschaft. Deutsche Polizei war noch nicht eingerichtet, und später krähte kein Hahn mehr danach. Heute denke ich aus ethischen und religiösen Gründen selbstverständlich anders und halte Rache und Vergeltung nicht für geeignet, Konflikte wirklich zu lösen. Das Schlimmste am Krieg ist meiner Meinung, dass er friedliche Menschen zu Mördern macht.

Was mich betrifft in jener Kriegszeit nach dem missglückten Anschlag: Zwei Monate nach dem Attentat fiel — wie schon gesagt — mein Vater an der Ostfront, auch mein Patenonkel Hans. Mein kleiner Cousin Hans-Peter verlor sein Leben, ebenso viele Verwandte und Bekannte, besonders die in Ostpreußen und Schlesien, die Frauen und Mädchen vergewaltigt. Wir sind ausgebombt, am Schluss demoralisiert, von der Führung belogen und betrogen. Das Vertrauen missbraucht. Bedingungslose Kapitulation. Deutschland zerstückelt, die Deutschen weltweit verachtet.
Unreflektiertes Misstrauen gegenüber allen Autoritäten hatte sich entwickelt, das musste langsam überwunden werden.

Erst nach dem Krieg hörte ich Namen wie Graf von Stauffenberg und Carl Friedrich Goerdeler, nach dem eine Straße in Weinheim benannt wurde. Diese mutigen und verantwortungsvollen Menschen und viele andere, die zum deutschen Widerstand zählten und mit ihrem Leben dafür bezahlten, gaben mir und meinen Altersgenossen Hoffnung.

Wir haben uns nicht unterkriegen lassen und geholfen, unser Land wieder materiell und geistig-ethisch aufzubauen, nicht zuletzt mit Hilfe ehemaliger Feinde im Krieg und mit der Vision eines vereinten Europa.

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Attentat vom 20. Juli 1944

Die frühzeitig erlangte Überzeugung, dass der Krieg schon längst verloren sei, waren wie bei vielen Widerständlern aus der Wehrmacht bedeutsame Motive für den Tyrannenmord.

Stauffenberg hat sich über seine Beweggründe unter anderem so geäußert:
Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem Gewissen.
Ich könnte den Frauen und Kindern der Gefallenen nicht in die Augen sehen, wenn ich nicht alles täte, dieses sinnlose Menschenopfer zu verhindern.

Geplant war zunächst, das Attentat durch eine andere Person ausführen zu lassen, die wegen der höheren Erfolgschancen zur Selbstopferung bereit war, während es Stauffenbergs Hauptverantwortung sein sollte, nach gelungenem Attentat den Putsch vom Bendlerblock aus zu dirigieren. Das Gebäude Bendlerstraße 11—13 (seit 1955: Stauffenbergstraße, Berlin-Tiergarten) war Sitz des Allgemeinen Heeresamtes und des Befehlshabers des Ersatzheeres im Oberkommando der Wehrmacht.

Stauffenberg gewann zunächst im Herbst 1943 den jungen Offizier Axel von dem Bussche dafür, das Attentat im November 1943 auszuführen. Von dem Bussche war zuvor im Oktober 1942 bei Dubno in der Ukraine zufällig Zeuge einer Massenerschießung von über 3000 Juden durch den SD geworden. Sie hatte ihn zu einem erbitterten Gegner des Regimes gemacht. Auf Anregung Stauffenbergs erklärte er sich zu einem Selbstmordattentat bereit. Bei einer Vorführung neuer Winteruniformen im Führerhauptquartier Wolfsschanze wollte er Hitler mit einer selbstgebastelten Bombe töten, deren Detonation durch eine Handgranate ausgelöst werden sollte. Aber am 16. November 1943 wurde der Eisenbahnwaggon mit den Uniformen bei einem britischen Luftangriff auf Berlin zerstört. Ein für Februar 1944 geplanter zweiter Anschlag konnte nicht ausgeführt werden, weil von dem Bussche Ende Januar 1944 an der Ostfront schwer verwundet worden war.

Stauffenberg hat erstmals selbst ein Attentat für den 26. Dezember 1943 im Hauptquartier Wolfsschanze geplant. Es kam nicht zur Ausführung, weil Hitler, als Stauffenberg schon im Vorzimmer wartete, die Besprechung absagte, da er sich kurzfristig entschlossen hatte, an diesem Tag nach Berchtesgaden zu fliegen. Im Februar 1944 trat von Stauffenberg an Ewald-Heinrich von Kleist heran. Auf Anraten seines Vaters (Ja, das mußt Du tun!) stellte sich von Kleist für ein Selbstmordattentat zur Verfügung, das nach dem Muster des geplanten Bussche-Attentates ablaufen sollte. Das Vorhaben scheiterte, weil Hitler den Termin für die Vorführung der Uniformen mehrmals verschob.

Stauffenbergs Ordonnanzoffizier, Oberleutnant von Haeften, lehnte das Ansinnen Stauffenbergs, er solle Hitler töten, aus religiösen Gründen ab.

Quelle: Wikipedia.de