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Das Wunder unter dem Christbaum

Wenn das Wort Christbaum fällt, werden bei uns wohlige Erinnerungen wach. Jedenfalls bei den Menschen, die Christen sind, oder bei jenen ohne Religionszugehörigkeit, die in einem vom Christentum geprägten Land leben. Es ist die Vorfreude in der Adventszeit, dann das Weinachtfest selbst, die mit Spannung erwarteten Geschenke, das Zusammensein mit lieben Menschen beim köstlichen Essen und Trinken, die Düfte, der geschmückte Baum, die herrlichen Lichter überall, die staunenden Augen der Kinder, die ans Herz gehende Musik, der Besuch des feierlichen Gottesdienstes, wenigstens einmal im Jahr. Die Gläubigen sprechen vom Wunder der Heiligen Nacht, als Gott sich als Mensch, als hilfloses, kleines Kind in der Krippe im Stall zu Bethlehem offenbarte.

Das alles habe auch ich unter dem Christbaum empfunden, früher als Kind und auch jetzt noch. Ich beobachte, dass sich kaum ein Mensch der fast magischen Ausstrahlung des Geschehens rund um den Christbaum entziehen kann. Aber im Zweiten Weltkrieg, während der feindlichen Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung, bekam das Wort Christbaum eine zweite, eine schreckliche Bedeutung. Das kam so:
Das alliierte Bomberkommando suchte für jede Nacht mindestens eine deutsche Stadt als Angriffsziel aus. Es schickte zuerst ein oder einige Aufklärungsflugzeuge mit guten Landkarten und Navigatoren an Bord voraus, die über dem Zielgebiet eine riesige, an einem großen Fallschirm hängende Leuchtmunition abwarfen. Sie schwebte ganz langsam herunter und strahlte in mehreren Etagen wie ein Tannenbaum ein enorm grelles, knallrotes Licht aus, das in stockdunkler Nacht das Gebiet darunter erhellte und sichtbar machte. Dieses Gebiet war dem Tode geweiht, denn die sofort nachfolgenden Bombergeschwader warfen dort ihre tödliche Last ab und verwandelten es in ein brennendes Trümmer- und Leichenfeld. Das teure Bombardement musste sich natürlich unter militärischen Gesichtspunkten lohnen und deshalb wählten die Strategen Gebiete mit dichter Wohnbebauung, Fabriken und Verkehrsanlagen. Da Menschen in großer Not und physischer Bedrohung verstärkt zum Sarkasmus neigen, nannten wir, die vernichtet werden sollten, diese himmlischen Vorboten des Todes Christbäume.

Das Wunder, das ich nun beschreiben will, muss zwischen Anfang 1941 und dem 1. Oktober 1942 geschehen sein. Also noch vor der Großaktion Kinderlandverschickung, als der Schulbetrieb in den Städten West- und Norddeutschlands wegen der dauernden Luftangriffe unmöglich geworden war. Genauer weiß ich es nicht mehr, denn wir führten damals keine Liste über die vielen Luftangriffe.

Meine Eltern verwalteten in jener Zeit das evangelische Gemeindehaus, das in Bochum-Langendreer, Stadtteil Wilhelmshöhe am Ende der Everstalstraße und an der Grenze zu Somborn lag. Heute ist dieses Gebiet dicht bebaut und das alte Gemeindehaus durch ein modernes ersetzt. Aber damals lag es unmittelbar von weiten Feldern umgeben inmitten eines Parks. Also in einer für den Luftkrieg absolut uninteressanten Gegend.

Unsere Wohnung lag im Souterrain des Gemeindehauses, wir konnten uns also nicht in einen damals obligatorischen Luftschutzkeller zurückziehen. Auch kein öffentlicher Luftschutzbunker mit meterdicken Wänden stand weit und breit. Unsere Sicherheit bestand einzig in der für Bomberverbände unattraktiven Lage.

Bei nächtlichen Fliegeralarmen standen wir aus unseren Betten auf und harrten aufmerksam der Dinge, die kommen können. Einige Zeit vorher war ein von der Flak getroffener Bomber wenige 100 Meter von uns abgestürzt. Es hätte ja auch eine verirrte Spreng- oder Brandbombe fallen können oder ein größerer Granatsplitter oder Blindgänger der eigenen Flak hätte einen Schaden am Haus verursachen können. Ungefähr einmal die Woche stieg ich auf das Flachdach und sammelte die unter uns Jungen begehrten Granatsplitter auf. Wir unterhielten damit einen regen, aber illegalen Tauschhandel. Je größer und bizarrer, desto wertvoller waren sie. Fast unbezahlbar waren scharfe Maschinengewehrpatronen von Bordwaffen.

Eines Nachts wieder Sirenengeheul, Fliegeralarm. Schlaftrunken stehen wir auf und ziehen uns notdürftig an ohne Licht wegen der Verdunkelung. Nur fernes Flakfeuer. Warten auf Entwarnung. Aber nein, das Flakfeuer wird stärker und lauter. Unsere nahe stehende Flakstellung auf dem Heimelsberg schaltet sich ein. Ich kann die einzelnen Kaliber unterscheiden und habe den Eindruck, die Abschüsse zerreißen mir das Trommelfell und halte die Ohren zu.
Plötzlich dringt grelles Licht blutrot durch die Ritzen der Verdunklung. Wir schreien auf: Feuer! Doch seltsam, es flackert nicht wie ein normaler Brand. Vati lugt vorsichtig am schwarzen Rollo der Verdunklung vorbei nach draußen, schreit: Ein Christbaum, genau über uns! Uns zittern die Knie, wir wissen, das ist das Todesurteil. Wir können nichts, aber auch gar nichts dagegen tun.

Wir vier kauern in einer Ecke, Mutti die kleine Doris, ungefähr ein Jahr alt, fest an ihre Brust gepresst. Wir können nur hoffen, dass wir im allergünstigsten Fall in der Ecke zwar verschüttet, aber von der herabfallenden Zimmerdecke und den Mauersteinen nicht erschlagen werden. Das Herz schlägt wild bis zum Hals. Wir warten auf den Bombenteppich. Mir schießen außer heller Panik fürchterliche Gedanken durch den Kopf. Wie werde ich sterben? Muss ich verbrennen? Tut es weh? Werde ich sofort tot sein durch einen Volltreffer oder werde ich unter Trümmern im Staub qualvoll ersticken oder reißt mir der Explosionsdruck die Lunge kaputt oder reißen mir scharfkantige Bombensplitter den Bauch oder Schädel auf? So hatte ich es nämlich aus Berichten gehört. Doris, die Glückliche, versteht noch nichts und schläft, nur bei extrem lauten Schüssen mit 8,8-Kanonen zuckt sie im Schlaf. In ihrem bisher noch kurzen Leben gehört nächtlicher Alarm zur Normalität. Mutti wimmert: Was kann das kleine Würmchen für den Krieg, dass es jetzt mit uns sterben muss. Vati mit seinem unerschütterlichen Gottvertrauen bleibt einigermaßen ruhig. Quälende Minuten in apokalyptischer Todesangst schleichen dahin.

Doch oh Wunder, keine einzige Bombe fällt. Es wird draußen langsam dunkler, das rote Licht erlischt allmählich, die Flak hämmert noch. Vati schaut vorsichtig aus dem Fenster, spricht: Da liegt der Christbaum. Ich erhasche auch einen Blick, sehe ca. 20 Meter über der Straße im Straßengraben den Christbaum. Er glüht noch schwach an wenigen Stellen, neben ihm weht leicht im Nachtwind der riesige weiße Fallschirm. Nun wissen wir, wir sind gerettet. Die Zielmarkierung ist weg. Unfassbar.

Für uns war es ein Wunder, obwohl sicher keine magischen, sondern irgendwelche militärischen Gründe dafür vorgelegen haben. Wir wissen es nicht. Aber vorher und nachher haben wir nie gehört, dass nach einem Christbaum keine Bomben gefallen sind.

Die Todesangst blockierte den Verstand nun nicht mehr und das praktische Denken setzte wieder ein. Der Fallschirm lockte meine Eltern. Viele Quadratmeter feine Seide, die es im Krieg überhaupt nicht mehr zu kaufen gab, die wollte mein Vater holen. Aber weil das Flakfeuer noch anhielt, wartete er im Haus, bis es eingestellt war. Als die Geschütze endlich schwiegen, eilte er hinaus, um den Fallschirm zu bergen. Aber dann ein kleines Wunder: Er war schon weg, ein anderer musste ihn unter Flakfeuer und Lebensgefahr geholt haben. Wir haben es nie erfahren.

An diesem Tag beschloss ich endgültig, Jagdflieger zu werden, wenn ich groß bin. Dann werde ich die Mörderbande da oben abschießen. In meiner Klasse wollten alle Jungen entweder Piloten von Jägern oder Stukas oder U-Boot-Kapitäne oder Panzerkommandanten werden.

Nächtliche Luftangriffe durften in der Schule nicht thematisiert werden nach dem Motto: Was soll's, es ist Krieg. Wir setzten uns aber nonverbal damit auseinander, indem wir in den Pausen auf dem Schulhof ein dem Kinderspiel Räuber und Schanditz nachempfundenes Kriegsspiel erfanden und praktizierten, wobei wir mit ausgebreiteten Armen als Flügel und mit Motorengeheul und Schießgeräuschen auf den Lippen wild umherrasten und Feinde abschossen. Dabei gab es auch schon mal Dreck und Risse an der Jacke und am blanken Knie. Die Lehrer ließen uns gewähren, aber zu Hause gab es dann die Jacke voll.

Einige Monate später zogen wir um nach Bochum-Werne in die Nähe eines schützenden Hochbunkers und einige Monate darauf erfolgte die Kinderlandverschickung nach Pommern.

Solche und ähnliche Erlebnisse befinden sich unauslöschlich in meinem Gedächtnis. Sie machten die Versöhnung mit dem ehemaligen Feind schwierig, aber Gott sei Dank nicht unmöglich. Es geht, wenn man will. Wie verkündeten doch schon vor 2000 Jahren die Engel den Hirten auf dem Felde?: Fürchtet Euch nicht! … … Frieden auf Erden bei den Menschen, die guten Willens sind!