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Die ersten Bomben auf Berlin

Die ersten Bomben fielen 1943 auf Berlin. Zunächst waren die Menschen neugierig, eilten nach der Entwarnung zu den Einschlagstellen und staunten über die Wirkung der Bomben. Komisch, der Krieg findet doch woanders statt, laut Bericht aus dem Rundfunk.

Wir mussten nun täglich in den Luftschutzkeller auf dem Hof unseres Hauses. Das war die frühere Schlosserei meines Großvaters Gustav Hoffmann. Nunmehr dem Zweck entsprechend umgebaut. Der Betrieb existiert aber heute noch unter dem Firmennamen Ofen-Hoffmann in der vierten Generation — eng verbunden mit der Firma Siemens. Da werden sogenannte Wandertrockner produziert. Eingeschaltet arbeiten sie nachts, so dass die Teile am nächsten Tag zum Arbeitsbeginn fertig sind.

Wieder einmal Fliegeralarm im Jahr 1944, und ab in den Keller. Draußen kracht und donnert es fürchterlich. Mit einem Male flackert das Licht, der Keller scheint zu schaukeln und der Kalk rieselt mit Deckenstücken auf die geschockten Menschen. Das Licht ist aus, es ist stickig und absolut ruhig. Dann die ersten Schreie und die gewaltige Stimme der Luftschutzwartin Frau Lagemann: Wer eine Taschenlampe hat, soll sie einschalten. Sie bewegt sich zum Ausgang und kommt bleich zurück: Alles verschüttet. Wir kommen nicht raus! Wut, Angst und Geheule der Kinder! Schließlich erinnert sich Frau Lagemann, dass ein provisorischer Durchbruch zum Nachbarkeller des Nebenhauses angelegt worden ist. Also Bahn frei und mit der Spitzhacke den Durchbruch geschafft. Alle durch das Loch und über den Nachbarkeller ab auf die Straße.

Unser Hinterhof brannte lichterloh, ebenso wie die Fabrik. Zum Teil waren die Gebäude bereits eingestürzt. Die Mieter eilten trotz Warnung in ihre Wohnungen und warfen alles aus den Fenstern, was zu retten war. Derweil stürzte das Treppenhaus ein. Die Menschen schrien um Hilfe, doch die Feuerwehr kam erst in den Morgenstunden. Leid und Kummer. Wohin ohne Bleibe, ohne Sachen? Auf dem Fabrikhof brannte das Feuer noch eine Woche. Die Hitze war so groß, dass die Teerdecke schmolz und der Blick in den Lagerkeller frei wurde.

Mein Vater wurde nach Wenigenlupnitz bei Eisenach versetzt und musste dort auf dem Militärflughafen seinen Dienst tun. Er verfügte daher über geheime Informationen und sagte meiner Mutter, dass sie unverzüglich Berlin verlassen sollte. Zunächst aber blieben wir in der Wohnung, mussten aber jede Nacht den Luftschutzkeller des Nachbarhauses aufsuchen. Geschlafen wurde nur im Keller.

In den Ferien besuchten wir unseren Vater auf dem Flughafen, schauten uns die Wartburg an und speisten zusammen im Lutherhaus in Eisenach. Als Sohn durfte ich meinen Vater auch auf dem Flughafen besuchen. Mittagsessen im Kasino. Die Offiziere, auch mein Vater, nahmen an einem langen Tisch Platz und warteten auf den Oberst. Dieser kam und setzte sich und alle fingen an zu speisen — hastig, wie ich bemerkte. Das hatte seinen Grund. Der Oberst aß sehr schnell, war er fertig, mussten alle am Tisch das Besteck zur Seite legen. Auch mein Vater stand auf, was ich nicht verstehen wollte. Als Gast durfte ich sitzen bleiben. Eben Militär!

Draußen schlenderte ich an den Wachtposten vorbei und an den Kasernen entlang, als mich ein Mann ansprach und fragte, ob mein Vater hier beschäftigt sei und ob ich wüsste, wie viele Flugzeuge hier stehen. Ich verneinte und rannte zu der Wache, der ich Bericht erstattete. Die begannen sofort mit der Suche nach dem Mann — wahrscheinlich ein Spion. Wachsamkeit lernten wir in der Schule.

Tatsächlich gab es am nächsten Tag Fliegeralarm. Dazu rannte ein Soldat mit einer Sirene, die er drehte durch die Baracken. Es gab keinen Luftschutzraum, wir mussten einfach in den nahen Wald und uns an die Bäume lehnen. Im Tiefflug kamen die amerikanischen Jagdflieger auf uns zu und schossen auf alles, was sich bewegte. Ein Soldat hatte eine Panzerfaust in der Hand und wollte diese auf einen Tiefflieger abfeuern, doch die MG-Garbe traf ihn zuerst. Blutend sank er ins Gras. Der Angriff dauerte über eine Stunde. Viele Baracken waren zerstört und einige Flugzeuge auch. Aus Angst vor weiteren Angriffen fuhren wir nach Berlin zurück.

Wieder in Berlin plante meine Mutter die private Evakuierung nach Bunzlau in Schlesien. Dort wohnte eine Tante, die uns aufnehmen wollte. Als Witwe lebte sie allein in einer kleinen Wohnung. Ihr Mann war bei einer Bank als Kassierer beschäftigt und bei einem Überfall getötet worden. Eine saubere Wohnung und überall Schondecken auf den Lehnen. Für uns sehr neu und gewöhnungsbedürftig. Es gab viele Anranzer, weil dieser Lebensstil gar nicht unseren Gewohnheiten entsprach. Mutter arrangierte sich trotzdem.

In der Schule, auch dort drei Klassen in einem Unterrichtsraum, stellte mich der Lehrer in seiner prächtigen SA-UniformIm November 1921 nahm die harmlos als Turn- und Sportabteilung der NSDAP firmierende Kampftruppe die Bezeichnung Sturmabteilung (SA) an. Zentrum der streng hierarchisch strukturierten SA war zu Beginn der zwanziger Jahre die Ordnungszelle Bayern. Dort bildete die von einem völkisch-nationalistischen Gedankengut geprägte Atmosphäre einen idealen Nährboden für ihren aggressiven Antisemitismus und politischen Radikalismus. Dieser gipfelte in unzähligen Terror- und Gewaltaktionen gegen Juden und politische Gegner, wozu neben Mitgliedern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) vor allem die Repräsentanten der verhassten Republik zählten. Um die demokratische Ordnung zu stürzen, beteiligte sich die von Hermann Göring geführte SA mit einigen hundert Bewaffneten im November 1923 am fehlgeschlagenen Hitler-Putsch. Ebenso wie die NSDAP wurde sie daraufhin reichsweit verboten. den Schülern als der Berliner vor. Einen Namen hatte ich für ihn nicht!

Der Berliner nimmt in der letzten Reihe Platz, bestimmte er.
Zum Diktat holten alle ihre Schiefertafeln heraus, nur ich hatte eine IgelittafelIgelit war der generelle Handelsname für PVC-Produkte der IG Farben in Ludwigshafen, Bitterfeld und Rheinfelden. Er leitete sich von IG Farben ab. (Kunststoff). Das sah der Lehrer, eilte zu mir und zeigte allen Schülern diese Errungenschaft aus Berlin. Seht her, der Berliner ist etwas Besseres. Der schreibt auf Kunststoff. Morgen bringst du eine Schiefertafel mit, verstanden?!

Zu Hause berichtete ich meiner Mutter und diese bemühte sich leider vergebens um eine Schiefertafel in der Stadt. In der Schule gab es eine Abmahnung und an den Folgetagen ohne Tafel, Prügel mit dem Rohrstock über die Hände. Dazu musste ich vor der Klasse antreten. Ich erklärte meiner Mutter, dass ich nicht mehr zur Schule gehen werde. Doch sie befahl mir den Gang zur Schule. Was ich nicht wusste, war, dass sie meinen Vater verständigt hatte.

Wieder in der Schule klopft es an der Klassentür und mein Vater steht im Türrahmen — im schwarzen Anzug mit Nadelstreifen und mit Fliege ausgestattet. Im Revers, die schwarzweißrote Kennzeichnung, dass er Träger des Verdienstordens erster Klasse sei. Ungehalten dreht sich der SA-Uniformierte um und brüllte meinen Vater an: Was wollen Sie, Sie stören meinen Unterricht! Im Übrigen unterhalte er sich nicht mit Zivillistenschweinen!!

Mein Vater schloss die Tür und eilte zum Schulleiter, wie er mir später berichtete. Dort griff er, zum Erstaunen des Schulleiters, einfach zum Telefon, rief seinen Oberst an und berichtete. Dieser wollte nun seinerseits den Schulleiter sprechen. Mein Vater übergab ihm den Telefonhörer. Der Schulleiter stand auf und stramm und sagte: Jawohl, Herr Oberst; jawohl, Herr Oberst; jawohl, Herr Oberst!.

Nun erschienen der Schulleiter und mein Vater im Klassenzimmer. Gerade wollte der Lehrer ansetzen, da unterbrach ihn der Schulleiter: Dieser Herr Kuhn dient im Rang eines Majors bei der Luftwaffe. Ich bitte um mehr Respekt. Der Lehrer: Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt?. Mein Vater: Bin ich nun ein anderer Mensch für Sie?

Als Ingenieur erklärte mein Vater dem Herrn Lehrer dann den wesentlichen Unterschied zwischen einer Kunststoff- und einer Schiefertafel. Wenn er, der Herr Lehrer, sich dem Fortschritt verweigere, sei er fehl am Platze. Fortan durfte ich die Kunststofftafel ohne Prügel benutzen.

Resümee aus heutiger Sicht: Man sollte sich auch als Lehrer nicht überschätzen.