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Die Russen stehen vor der Tür!

Anfang 1945, ich war gerade 9 Jahre alt geworden, erkrankte ich schwer und wollte nicht mehr in den Luftschutzkeller des Nachbarhauses. Fühlte mich im Sessel in der Wohnung einfach wohler. Doch die Luftschutzwartin bestand darauf. Am 3. Februar wieder ein Großangriff auf Berlin, wie die Sondermeldung ankündigte. Also ab in den Keller. Die gewaltigen Detonationen waren im Keller nur gedämpft wahrzunehmen. Jetzt fielen auch LuftminenLuftmine, auch Minenbombe oder Blockbuster
Die im Vergleich zu konventionellen Sprengbomben um ein Vielfaches stärkere Druckwelle zerstörte im Umkreis von 100 Metern alle Gebäude gewöhnlicher Bauart, riss im freien Gelände bis zu 1000 Meter weit Türen und Fensterrahmen heraus und ließ Fensterscheiben noch in einer Entfernung von 2000 Metern zersplittern. Wenn solche Bomben gezielt über Wohngebieten explodierten, deckten sie die Dächer im Umkreis von mehreren 100 Metern ab. Aus diesem Grund wurden Luftminen auch eingesetzt, um Brandbomben einen guten Zugang zu leicht brennbaren Dachböden und -stühlen zu ermöglichen und so das Entstehen von Bränden zu begünstigen, bis hin zu so genannten Feuerstürmen. Straßen wurden durch die entstehenden Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar. Direkte Opfer von Luftminen starben an Lungenriss.
zusätzlich zu den konventionellen Spreng- und Brandbomben. Als wir endlich den Keller verlassen konnten, lag unser Haus in Schutt und Asche. Eine Luftmine hatte die Straße getroffen und das ganze Haus zum Einsturz gebracht. Nur der Sessel, in dem ich bei Lagemanns gesessen hatte, stand unversehrt auf der Straße!

Ich wurde ins Kinderkrankenhaus nach Hertzberge gefahren, meine Mutter suchte den Kontakt zu ihrem Bruder Gustav, der in Hermsdorf wohnte. Da Frau und Tochter evakuiert in Bayern waren, nahm er meine Mutter und Vera auf. Ich soll eine Woche bewusstlos gewesen sein. Die Ärzte hatten festgestellt, dass ich Meningitis (Gehirnhautentzündung) habe. Penicillin gab es noch nicht. Also bekam ich Blut von zwei Schwestern und meiner Mutter gespendet. Trotz der Fliegeralarme besuchte mich meine Mutter sehr oft, obwohl sie für den Weg von Hermsdorf nach Hertzberge fast drei Stunden benötigte. Nach einer Punktion im Rücken — sehr schmerzhaft — stellten die Ärzte keine Besserung fest und sagten meiner Mutter, sie brauchte mich nicht mehr besuchen, denn ich würde die nächsten Tage nicht überleben. Jedoch ein junger Arzt spendete mir sein Blut und ich schaffte es doch. Nur die unsäglichen Kopfschmerzen blieben. Anfang April 1945 wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen, wie viele andere auch, weil man mit dem Ende des Krieges rechnete.

Mein Vater war aus dem Lazarett entlassen worden und auch zu Hause. Ich sollte mich nicht anstrengen, immer mein Pülverchen gegen die Kopfschmerzen nehmen und ständig zur Untersuchung gehen. Wir wohnten also in der Wohnung meines Onkels am Falkentaler Steig in Hermsdorf. Wieder einmal Fliegeralarm. Es war die Nacht vom 19. auf den 20. April 1945 — Hitlers Geburtstag. Alle in den Keller — eng gedrängt. Wir hören keine Flugzeuge und es fallen auch keine Bomben…

Aufgeregt kommt die Luftschutzwartin in den Keller und schreit: Russische Panzer stehen vor der Tür!. Kaum gesagt, wird die Tür aufgerissen und zwei russische Soldaten leuchten mit Lampen, die Kalaschnikow im Anschlag, in die Gesichter im Keller. Papirossa wollen sie haben und meinen Zigaretten. Da sieht einer der Russen neben uns eine junge Frau, die ihr kleines Kind auf ihrem Schoß hält, fasst in die dreckige Uniform, holt eine angebrochene Tafel Schokolade und wirft diese der Frau zu. Die Frau nimmt die Schokolade, wirft sie auf den Boden und tritt darauf. Totenstille im Raum. Bevor die Russen reagieren können, spricht sie mein Vater russisch an und erklärt die Situation. Die Nazis hätten in der Propaganda verbreitet, dass die Russen kleine Kinder vergiften. Deshalb habe die Frau aus Angst um ihr Kind so gehandelt. Folge: Mein Vater wurde als Dolmetscher mitgenommen. Vorteil: Der Panzer blieb vor der Tür stehen und keine weiteren Russen kamen ins Haus.

Von der Situation waren wir alle überrascht, stand doch in Hermsdorf ein SS-Bataillon, dass aber in der Nacht nach Mitte abgezogen worden war. So fiel in Hermsdorf kein Schuss. Bald flatterten überall die weißen Bettlaken! Die Panzerbesatzung bediente sich unserer Küche und der Toilette. Dafür durfte ich mir den Panzer auch von innen anschauen. Natürlich fiel für mich auch mal Schokolade ab. Im Haus wohnten auch zwei ältere Damen, die hin und wieder russische Offiziere zu Gast hatten. Offenbar gar nicht ungern!

Für uns war der Krieg zu Ende, glaubten wir jedenfalls. In Richtung Mitte war aber der Himmel nachts hellrot und man hörte die schweren Geschütze. Eine Nachricht hatte sich schnell herumgesprochen: Auf dem S-Bahnhof Hermsdorf steht ein langer Zug mit Lebensmitteln-PaketenAnmerkung des Autors:
Die erwähnten CARE Pakete existierten tatsächlich schon bei Kriegsende und zwar NUR für die amerikanischen Soldaten. Sie waren anders verpackt (z.B.enthielten sie Zigaretten, was bei den Paketen für die deutsche Bevölkerung nicht der Fall war) hatten aber ganz deutlich die Buchstaben C.A.R.E aufgeschrieben,allerdings in anderer Schreibform als die 1946 gelieferten Pakete.
, die allerdings für amerikanische Soldaten bestimmt waren, aber noch nicht in Richtung Mitte transportiert werden konnten. Wir, meine Schwester und ich und viele andere auch, mit dem Leiterwagen den Berg runter in Richtung Bahnhof. Tatsächlich stand der Zug im Bahnhof und wurde auf der einen Seite von den Russen bewacht. Wir also die Böschung hinauf und vorsichtig die Güterwagentür aufgeschoben — lautlos! Eine Packung enthielt immer vier Pakete zu je 10 kg.
Also aus dem Waggon runter auf die Trasse und dann die Böschung hinunter und auf den Leiterwagen gepackt und ab ging es nach Hause.

Die Russen hatten sehr schnell die Aktion bemerkt und auch die andere Seite gesperrt. Wir waren schon auf dem Falkentaler Steig, als plötzlich ein Fieseler StorchHierzu der Autor:
Die Fieseler Storch Flugzeuge waren tatsächlich Artillerie-Beobachtungs­flugzeuge und hatten keine Waffen an Bord. Jedoch wurden einige Maschinen mit leichten MGs ausgerüstet und damit auf die Zivilbevölkerung eingesetzt, die sich dem Feinde frühzeitig ergeben hatte. (Nicht mehr an den Endsieg glaubte). Ich habe persönlich abgeschossene Fieseler Flugzeuge gesehen, die ein leichtes MG eingebaut hatten.

Anmerkung der Redaktion (GM):
Beide Seiten setzten langsam fliegende Kleinflugzeuge (z.B. Fieseler Storch) als Späher und Artilleriebeobachter ein. Das aus diesen Flugzeugen auch geschossen wurde, habe ich nicht erlebt. Die Besatzungen waren normalerweise nur mit Pistolen bewaffnet. Es ist jedoch möglich, dass es sich hier um ein Flugzeug fanatischer Werwölfe oder Feldjäger handelte, die auf Deserteure und Defätisten Jagd machten und sie standrechtlich erschossen oder aufhängten.
im Tiefflug auf uns zusteuerte und schoss — auf uns und auf die Häuser, die weiße Fahnen gehisst hatten. Wir ließen den Leiterwagen stehen und flüchteten in das nächste Haus. Wie wir später erfuhren, wurden diese Einsätze von dem noch nicht besetzten Flugplatz Tempelhof geflogen als Antwort darauf, dass sich viele Vororte der Stadt kampflos ergeben hatten. Wir wurden von unseren eigenen Landsleuten beschossen! Es gelang uns noch, den Leiterwagen samt Paket nach Hause zu bringen. Das war wie Weihnachten und Neujahr an einem Tag! Kaffee, Schokolade, Wurst in Dosen, Konfitüre, Suppen in Beuteln und Zigaretten. Letztere konnten teuer verkauft werden.

Am 8. Mai 1945Am 8. Mai 1945 (VE-Day) trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft, der Krieg in Europa war damit beendet.
Am 2. September 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Japans.
war der Krieg endlich aus.