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Von der Schule in den Beruf

Kapitel 2 — Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Den Lehrvertrag mit Probezeit bis 30. Juni 1951 und vielen Hinweisen auf die Vertragsinhalte überreichte der Prokurist Herr Gringer. Riedel & Grund sei die Tochterfirma der ältesten pharmazeutischen Firma in Westdeutschland, der Fa. Riedel de Hahn. Die Lehre zum Großhandelskaufmann vollziehe sich in allen Fachbereichen und natürlich auch im Handelsgeschäft. Erwartet werden nicht nur Fleiß und Interesse, sondern auch besondere Sorgfalt im Umgang mit den Arzneimitteln. In diesem Zusammenhang behalte sich die Geschäftsleitung Leibesvisitation vor. Der Besuch der Berufsschule einmal pro Woche sei Pflicht und die Arbeitszeit betrage von Montag bis Freitag 9 Stunden und am Sonnabend 6 Stunden. Außerdem sei die Teilnahme an einem Fachkursus an der Universität im Fach Pharmazie erforderlich. Letzteres war Voraussetzung für die Weiterbildung als Apotheker. Und Entgelt gab es auch. Im 1. Ausbildungsjahr 30 DM pro Monat, im 2. Ausbildungsjahr 40 DM pro Monat und im letzten Ausbildungsjahr 55 DM . Meinem Vater musste ich 20 DM abgeben, sodass ich noch 10 DM pro Monat für mich hatte. Nicht ganz, denn das Fahrgeld zur Schule musste ich auch bezahlen. Damals 20 Pfennig für eine Fahrt. Dann der Handschlag und viel Erfolg!

Die Firma Riedel & Grund hatte neben dem Fuhrpark nicht nur ein großes Warenlager, sondern auch Lagerräume für Chemikalien und Produktionsbereiche sowie ein Labor für Giftstoffe. Hier war der Zutritt nur unter Aufsicht gestattet.

Meine Ausbildung begann im Chemiebereich. Hier zeigte der Meister uns Lehrlingen den Umgang mit Chemikalien, das Abfüllen von Säuren und das Etikettieren der Flaschen. An einem Behälter mit Fluss-Säure, der stärksten Säure überhaupt, die unter anderem zum Ätzen von Glas verwendet wird, demonstrierte er uns die Gefahr, die beim Abfüllen besteht. Immerhin habe er selbst dabei seinen rechten Arm verloren. Ausgerutscht und für Bruchteile von Sekunden den Arm untergetaucht. Als er den Arm wieder raus zog, waren da nur noch Knochen und Hautfetzen. Sehr beeindruckend für Lehrlinge. Auch galt hier der absolute Hinweis, dass nie an einem Flüssigkeitsbehälter mit der Nase gerochen werden durfte. Man nahm jeweils den Stöpsel aus dem Behälter und wedelte ihn vor der Nase, um den Inhalt zu bestimmen. Die Fachsprache war Latein.

Meine Schwester Vera hatte in der Zwischenzeit den Arbeitgeber gewechselt und war jetzt bei der VAB im Büro tätig.

Im Rahmen der Ausbildung wechselte ich durch alle Abteilungen im Haus. So musste ich den Fahrer zum Flugplatz Tempelhof begleiten, um den 96,4-prozentigen Alkohol in plombierten Fässern abzuholen, der zur Herstellung von Tinkturen benötigt wurde. Diese Fässer wurden zunächst eingelagert und durften nur in Gegenwart von Zollbeamtem geöffnet werden, die das Siegel entfernten und den Alkohol überprüften. Dann wurde der Alkohol noch auf Geruch und Geschmack getestet, verdünnt mit destilliertem Wasser. Ich sollte auch mal kosten, habe mich aber gewaltig verschluckt. Der Test im Reagenzglas hatte mindestens 60% Alkoholanteil. Die Tinkturen wurden für heutige Verhältnisse in primitiver Weise hergestellt. So wurden zum Beispiel Baldrianwurzeln in dem hochprozentigen Alkohol zunächst tagelang gelagert. Dann folgte die Auspressung über eine Wäschepresse per Hand. Der hochprozentige Auszug wurde dann geprüft und als Tinktur gefiltert abgefüllt in Flaschen und mit Etikett versehen an die Apotheken als Tinktura Valerianae verkauft. Auch die Vaselinsalbe wurde hier in großen Mörsern hergestellt. Eine anstrengende Arbeit. Die Herstellung erfolgte natürlich immer unter strenger Aufsicht. Wir Lehrlinge lernten die Herstellung der Arzneimittel von der Pike auf.

Im Lager wurden alle Arzneimittel und medizinischen Produkte sortiert aufbewahrt. Die Apotheken schickten Bestelllisten, nach denen die Anforderungen in Kästen zusammengestellt wurden. In der Fakturei wurde sodann die Rechnung erstellt und der Kasten zur Auslieferung freigegeben. Die Auslieferung erfolgte täglich.

Der erste Winter ist mir noch in Erinnerung. Es war kalt und es lag viel Schnee, auch auf dem Hof. Feierabend. Als ich die Tür zum Hof öffne, waren schon einige Lehrlinge in eine Schneeballschlacht verwickelt. Das machte einfach Spaß! Wie ich gerade einen Schneeball auf einen Kollegen in Richtung Tür werfe, duckt sich dieser weg, die Tür öffnet sich und Herr Gringer bekommt den geballten Schnee mitten ins Gesicht. Absolute Ruhe. Dann der Ruf: Der Täter habe sich morgen bei ihm im Büro zu melden. Am nächsten Morgen — ich hatte einen richtigen Bammel — empfing mich der Chef mit ernster Miene. Dann aber lachte er und meinte, Schnee im Winter sei doch eine wunderbare Sache. Er habe früher auch gern an solchen Schlachten teilgenommen. Er nehme mir den Fauxpas nicht übel, bitte aber darum, künftig umsichtiger zu sein. Wie wir bei der Arbeit mit unseren Produkten umgehen, sollten wir auch sonst sorgfältig das Umfeld einschätzen. Dann aber fragte er mich nach meiner beruflichen Entwicklung, ob ich mit dem Lehrumfeld zufrieden sei und ob sich die Ausbilder Mühe gäben. Auch wollte er wissen, weshalb ich mich für die pharmazeutische Branche entschieden habe und vielleicht dazu tendiere, Apotheker zu werden. Ich erklärte ihm die Umstände, die Grundlage der Bewerbungen war. Nun, sagte er, das Interesse wachse mit der Zeit. Dieser Beruf öffnet später viele Chancen, denn in der pharmazeutischen Branche ist Deutschland führend. Allerdings befinden sich die meisten großen Firmen in Westdeutschland. In der Pause ging ich oft die Körtestraße entlang bis zum Südstern. Da gab es einen Ausstellungssalon von BMW. So ein schnittiger PKW kostete 12.000 DM. Ein Traum, dachte ich, der nie in Erfüllung gehen würde. In Gedanken rechnete ich mir aus, wie viele Jahre als Angestellter ich sparen müsse, um mir einen solchen Wagen leisten zu können.

Der Besuch der Berufsschule in Mariendorf war eine weitere ganz neue Erfahrung. Mädchen und Jungen in einer Klasse und alle Berufsschüler aus den unterschiedlichsten Branchen. Dazu ganz andere Lehrer als in der Volksschule. Hier wurde fachbezogen unterrichtet, wobei aber die kaufmännischen Kenntnisse und Grundsätze im Vordergrund standen. Bankgeschäfte und Kredite, Firmengründungen, Arbeitsrecht und auch Sozialkunde gehörten zu den Ausbildungsfeldern. Dazu dann der Fachkundeunterricht für mich an der Universität. Zum ersten Mal saß ich in einem Hörsaal und durfte einem Professor zuhören. Respekt, aber auch Fragen waren erwünscht. Die pharmazeutische Branche gehörte mit zu den ältesten Sparten. So habe sich letztendlich aus dem Arzneimittelbereich die Medizinkunde im Lauf von Jahrtausenden entwickelt. Vom Kräuterweib oder der Hexe bis zum Arzt. Vor allem mussten wir Fachlatein lernen. Neben Englisch nun auch Latein.

Die Zeit verging wie im Flug. Die langen Arbeitszeiten, die Berufsschule und die Hausaufgaben fraßen die Freizeit auf. An den Wochenenden fuhren meine Eltern mit Vera und mir oft in den Garten von Onkel Hans und Tante Friedel nach Lichtenrade. Meine Cousine Erika durfte auch Freundinnen mitnehmen. War also der einzige Junge in diesem illustren Kreis. Während die Erwachsenen Skat spielten, die Mädchen sich in einem Zelt hinter dem Haus amüsierten, durfte ich die Äpfel von den Bäumen pflücken oder den Rasen mähen. So hatte ich eine sinnvolle und ausgleichende Beschäftigung. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, aber es bildete sich auch ein Grundgedanke heraus: Nie wollte ich später ein Haus mit Garten haben. Wandern, die Natur genießen, Tierparks besuchen und Reisen in fremde Länder, das sollte mein Ziel in der Zukunft sein.

Die Ausbildungszeit eilte dahin und bald war das dritte Lehrjahr erreicht. In der Berufsschule warb die Firma Karo-As um Bewerber für einen Führerschein. Ich erzählte es meinem Vater und bat ihn um seine Unterschrift, denn ich war noch nicht 18. Mein Vater lehnte dies strikt ab. Ich war sehr enttäuscht und unterschrieb den Vertrag mit dem Hinweis, dass ich die Fahrprüfung erst nach dem 18. Lebensjahr machen könne. Die Fahrstunde kostete 5 DM und neun Fahrstunden waren mindestens erforderlich. Da ich nicht viel Geld hatte, musste ich jede Fahrstunde einzeln bezahlen und der Schulungszeitraum zog sich in die Länge. Auch das war für mich eine neue Erfahrung. In Berlin gab es damals noch keine Geschwindigkeitsbegrenzung, folglich konnten wir dem Verkehr angepasst schnell oder langsam fahren. Mein Fahrlehrer saß im Beiwagen und ich auf dem Motorrad, einer BMW 500 mit Boxermotor. Das war ein Gefühl! Mein Fahrlehrer fuhr mit mir immer erst zu seiner Freundin nach Charlottenburg. Dort musste ich warten, bis er wieder im Beiwagen Platz nahm. Auch war es seine unangenehme Eigenart, die Fahrtrichtung ziemlich kurzfristig zu bestimmen: In den Rückspiegel sehen und die Hand rechts oder links ausstrecken, um dem Nachfolgeverkehr die Fahrtrichtung anzuzeigen. Außerdem saß er gern im Beiwagen auf der Lehne, mit den Füßen auf dem Sitz. Bei seiner nächsten Weisung rechts abzubiegen, fuhr ich langsam zur Rechtskurve, um dann mit Vollgas aus der Kurve zu fahren. Vor Schreck war er in den Sitz gerutscht, als der Beiwagen hoch ging. Von diesem Zeitpunkt an konnten wir uns gut über die jeweilige Fahrtrichtung verständigen.

Ich machte dann am 18. August 1955 den Führerschein der Klasse 1 mit der Berechtigung, auch Trecker fahren zu dürfen. Als ich spät abends vom Betrieb nach Hause kam, stand mein Vater mit einer Kerze in der Hand im Nachthemd auf dem Flur — wie in der Darmol-Werbung! Nicht guten Tag, sondern die Frage: Hast Du die Prüfung bestanden? Als ich bejahte, sagte er, ich solle in der Küche Platz nehmen. Dort bot er mir ein Bier und eine Zigarette an — die erste überhaupt. Ich musste nun ausführlich über die Fahrprüfung berichten und er hörte aufmerksam zu. Danach spielten wir Schach. Ich war überwältigt. Übrigens hatte mein Vater zum ersten Mal beim Schach gegen mich verloren.