© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Von der Schule in den Beruf

Kapitel 3 — Der erste Arbeitplatz

Auch die Ausbildungszeit hatte ich mit Erfolg beendet und wurde als Hilfsexpedient beschäftigt. Aber zuvor noch eine Begebenheit bei der mündlichen Prüfung in Mariendorf:

Am 31. 3. 1954 erfolgte die Einladung zur mündlichen Prüfung vom Berufsamt Berlin W 35 in die Berufsschule in Mariendorf. Um 10 Uhr sollte die Prüfung sein. Ich war aufgeregt und die Zeit wollte nicht vergehen. Schließlich um 12 Uhr die Aufforderung zum Eintritt. Ein großer Raum mit einem Podium, auf dem ein geräumiger Tisch mit vielen Flakons stand. Drei Prüfer, in der Mitte der Vorsitzende, der sich und die Kollegen vorstellte. Ich durfte in der ersten Bankreihe vor dem Tisch Platz nehmen und wurde aufgefordert, meinen Namen, das Geburtsdatum und den Geburtsort, die Anschrift und die Ausbildungsfirma zu benennen. Ich war allein — also Einzelprüfung! Nun folgten Fragen aus der Wirtschaft, der Betriebslehre und kaufmännischen Buchhaltung. Die Herren machten sich nach den Antworten Notizen, schauten sich an und stimmten sich ab. Dann aber Fragen zur Warenkunde. Ich sollte nach vorne kommen und mir einen der braunen und nummerierten Flakons aussuchen. Ich nahm ein Fläschchen und setzte mich wieder hin. Meine Aufgabe war es nun, den Inhalt zu beschreiben. Ich öffnete den Flakon, indem ich den Glasstöpsel abhob und vor der Nase wedelte — wie gelernt. Dann beschrieb ich den Inhalt: Es handelt sich um Tinktura Valerianae, die in den Apotheken als Baldrian gegen Herz- und Kreislaufbeschwerden verkauft wird. Ich schilderte ausführlich die Herstellung des Produktes. Schweigen am Prüfungstisch. Die Herren tauschten sich untereinander aus und der Vorsitzende bat mich, erneut den Inhalt des Flakons zu prüfen. Ich tat es, kam aber zu demselben Ergebnis. Daraufhin bat man mich, draußen zu warten. Es dauerte eine halbe Stunde voller Ungewissheit mit Gedanken darüber, was ich falsch gemacht haben könnte. Als ich den Raum wieder betrat, standen die Herren Prüfer hinter dem Tisch. Der Vorsitzende sagte, dass sie sich bei mir entschuldigen wollen. Ich hätte das Arzneimittel richtig beschrieben und auch die Herstellung des Produktes. Was war geschehen? Der Vorsitzende, wir hatten alle wieder Platz genommen, erklärte, dass zwischen den Prüfungen Personal in den Räumen die Ordnung wieder herstelle. Dazu gehöre auch, offene Flakons wieder zu schließen und auf dem Tisch im Kasten einzureihen. In dieser Zeit ist kein Prüfer anwesend. In meinem Fall habe jemand den Stöpsel vom Baldriangefäß auf den Flakon mit Arnikatinktur gesetzt. Da ich mich bei der Prüfung richtig verhalten habe, konnte ich zu keinem anderen Ergebnis kommen. Sie bitten mich, ihre Entschuldigung anzunehmen und fragten ob ich einverstanden sei, wenn ich bei der Prüfungsbewertung eine eins bekäme. Ich war fassungslos und natürlich einverstanden. Danach drückten mir alle Prüfer die Hand und wünschten mir für den weiteren Berufsweg alles Gute. Außerdem sollte es für mich eine Lehre sein, nicht davon abzulassen, wenn man von einer Sache überzeugt ist.

Gemäß meinem Arbeitsvertrag per 1. April 1954 erhielt ich als Lagerist 115 DM West. Das war nicht viel, also versuchte ich anderswo einen Arbeitsplatz zu finden. Meine Schwester sagte mir, ich solle es mal bei der KVA Berlin versuchen und hatte tatsächlich Erfolg. Ich kündigte kurzfristig zum 6. November 1954. Doch der Abschied — wenn auch gewollt — war nicht leicht. Ich hatte mich in den dreieinhalb Jahren gut eingearbeitet und die pharmazeutische Branche war ein Teil meines Lebens geworden. Aber, wer den ersten Schritt tut, muss auch den zweiten wagen.

Bei der KVA Berlin fing ich am 8. November 1954 aushilfsweise als Bote im Dezernat IV/Beiträge an zu einem Stundenlohn von 1,15 DM West. Immerhin rund 230 DM im Monat! Mein Arbeitsverhältnis war zunächst bis 31.12.1954 befristet und wurde dann alle 4 Wochen verlängert. Im Beitragsdezernat durfte ich dann zunächst in der Aktenablage arbeiten und auf Weisung Akten beschriften. Zunächst aber fragte mich der Chef, ob ich überhaupt schreiben könne. Das musste ich dann unter Beweis stellen. Sonst aber gehörte es zu meinen Aufgaben, die Akten an die Arbeitsplätze zu schaffen und erledigte Vorgänge einzusammeln und in die Registratur zu bringen. Als eines Tages der bis dahin erkrankte Bote an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, wurde ich ins Dezernat II in die Zentrale am Fehrbelliner Platz versetzt. Da gehörte es zu meinen Aufgaben, Rezepte zu sortieren und für die Abrechnung mit den Ärzten vorzubereiten. Kein Telefon am Arbeitsplatz. Eines Tages kommt der Abteilungsleiter ins Zimmer und sagt, ich solle zur Personalabteilung gehen. Falls ich danach gefragt werde, solle ich nur Gutes über die Abteilung sagen. Einen Grund wisse er nicht. In der Personalabteilung erklärt mir ein Herr Dr. Noetzel, stellvertretender Geschäftsführer, dass er dabei sei, sich die Personalakten anzusehen. Bei der Durchsicht sei ihm aufgefallen, dass ich die Kaufmannsgehilfenprüfung habe und deshalb die Voraussetzungen hätte, an einem Nachwuchslehrgang teilzunehmen. Später sei dann die Teilnahme an einem A-Lehrgang möglich. Ich bedankte mich und wurde Teilnehmer am Lehrgang N1, den Herr Dr. Noetzel leitete. Mein Chef war nach meinem Bericht weniger begeistert, denn ich wurde ins Dezernat III/2 Bezirksstellen versetzt — Vergütungsgruppe VIII. Nun war ich wieder Angestellter. Überall, wo gerade ein Angestellter benötigt wurde, erfolgte mein Einsatz in den Bezirksstellen. Der Start begann in der Bezirksstelle 11 in der Potsdamer Straße in Schöneberg. Am Quartalsanfang waren die Kollegen in den Bezirksstellen mit der Ausstellung von Krankenscheinen beschäftigt. Dazu musste immer die Leistungskarte gezogen werden, auf der die Ausgabe vermerkt wurde. Wenn die Bezirksstelle um 13 Uhr die Schalter schloss, wurde der Posteingang bearbeitet. Außerdem gehörte es zum täglichen Geschäft, die Karteikästen zu pflegen und die Aktenablage zu organisieren. Mein Aushilfsvertrag wurde immer wieder verlängert. Eines Tages wurde ich dann in die Bezirksstelle 6 in Kreuzberg versetzt. Wieder Dienst am Leistungsschalter, doch ein ganz anderes Publikum bzw. Versicherte. Es gab nicht selten Streit, den der Chef schlichten musste. An einen Fall kann ich mich noch wie heute erinnern. Ich saß als Hilfskraft am Schalter und mir gegenüber der Sachbearbeiter. Der Versicherte hinter der Theke war wohl mit der Krankengeldberechnung nicht einverstanden und warf mit lauten Worten dem Kollegen den Bescheid auf den Tisch. Ein Wort gab das andere und schließlich holte der Versicherte aus und erteilte dem Kollegen eine schallende Ohrfeige. Einen Moment Ruhe, dann stand mein Kollege auf, stellte sich auf den Stuhl und zog den Versicherten am Schlips fast bis über die Theke. Andere Versicherte und Besucher hatten einen Kreis gebildet. Dann eilte der Chef hinzu und schlichtete schließlich den Streit.

Apropos Karteikästen. Es war Sommer und sehr warm. Unsere jungen Kolleginnen trugen, wie damals üblich, sehr kurze Kleider oder Röcke, zeigten also viel Bein. Wenn sie nun die Karteikarten in den großen Karteikästen auf Füßen verstauten, mussten sie sich manchmal weit nach vorne beugen mit der Folge, dass ein weiter Einblick unvermeidlich war. Das hatte wiederum zur Folge, dass sich an diesen Schaltern insbesondere das männliche Versichertenvolk konzentrierte, ja hinter der Glasscheibe auf der Theke klebte. Auch da musste der Chef schließlich eingreifen und verbot das Tragen der kurzen Röcke. Die Auseinandersetzung mit den Damen war mehr als unschön.