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Von der Schule in den Beruf

Kapitel 4 — Neue Kollegen

Bald darauf folgte meine Versetzung in die Bezirksstelle 13/Tempelhof in der Theodorstraße. Eine enge Straße mit vielen Bäumen und daher auch im Sommer dunkel, sodass auch am Tage immer das Licht brannte. Es war ein sonniger Tag und noch relativ ruhig. Ich saß am Schalter und bearbeitete die Akten, als plötzlich ein Mann brüllend vor meinem Schalter stand und den Bezirksstellenleiter verlangte. Ich zeigte geradeaus und dann sah ich noch einmal auf den Besucher, der war total nass. Ich schaute aus dem Fenster, doch draußen schien nur die Sonne. Was ist denn mit Ihnen passiert? Wollte ich wissen. Er war auf der Toilette, um sein Geschäft zu verrichten. Dann zog er ohne vorher aufzustehen an dem Seil, das oberhalb zu dem Wasserbehälter führte. Statt der erwarteten Spülung bekam er den vollen Wasserstrahl ab. Was war geschehen? Offenbar hatte zuvor ein Kunde ein Stück Rohr gebraucht und einfach die Verbindung zwischen Wasserbehälter und WC unterbrochen. Große Entschuldigung gegenüber dem Versicherten und Fassungslosigkeit über ein nicht zu begreifendes Verhalten solcher Besucher.

Bald darauf erfolgte die Versetzung in die Bezirksstelle 14 in Neukölln. Wieder neue Kollegen, doch die Arbeitsabläufe waren gleich. Auch hier ein Fall, der nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Jeder Mitarbeiter hat seine Gewohnheiten, den Arbeitsablauf individuell zu gestalten. Also der KVDR-Schalter mit Theke und auf der Theke Glasscheiben mit Sprechluken. Auf dem Schreibtisch eine Schreibunterlage nebst Federschale. Der Mitarbeiter bearbeitet die Anträge und macht nach einiger Zeit eine kurze Pause. Der Schalter war gerade leer. Zu diesem Zweck legte er die Brille mit den Gläsern auf die Schreibunterlage und stand auf. Ein Kollege, der das beobachtet hatte, nahm die Brille, klebte je einen Lochverstärker auf die Gläser und legte die Brille wieder hin. Der Mitarbeiter kehrte wieder an seinen Arbeitsplatz zurück, an dem bereits wieder Versicherte warteten und setzte die Brille ahnungslos auf und schaute zu den Kunden. Erst Ruhe, dann schallendes Gelächter. Wirklich ein köstlicher Anblick, wie er durch die Lochverstärker zu den Versicherten aufsah. Er selbst war aber erzürnt, zumal auch die Entfernung der Aufkleber nicht einfach war. Das hatte aber noch ein Nachspiel.
Eine Entschuldigung in Gegenwart des Bezirksstellenleiters folgte auf dem Fuße. Mit meiner Beförderung in die Vergütungsgruppe VII war gleichzeitig die Versetzung in die Bezirksstelle 14a verbunden.

Der Lehrgang N 1 war ebenfalls eine neue Erfahrung für mich. Statt Pharmazie stand jetzt Versicherungsrecht im Vordergrund auf der Grundlage der RVO (Reichsversicherungsordnung). Die Lehrstunden fanden immer außerhalb der Arbeitszeit statt und die Klausurarbeiten wurden nur an Sonnabenden geschrieben. Der Grund, weshalb überhaupt die N-Lehrgänge eingerichtet wurden, bestand darin, dass die KVA Nachwuchssorgen hatte. Nach dem Krieg mussten die sogenannten 131er übernommen werden, und zwar zu den Bedingungen wie in der Vorkriegszeit. Es handelte sich oft um DO- Angestellte (dienstordnungsmäßige Angestellte), die aus der Gefangenschaft gekommen waren und wenige Fachkenntnisse hatten, aber nach der Besoldung die höheren Posten besetzten. Wir, die jungen Angestellten, sollten nun diese Fach-Lücke füllen.

Dem Lehrgang N 1 folgte die Teilnahme am A-Lehrgang mit abschließender Prüfung im Jahr 1956.

Auch im privaten Bereich hatte sich einiges verändert. Am 17. Oktober 1955 besuchte ich Tante Margot, die Schwester meines Vaters, in Charlottenburg. Das waren immer wunderbare Augenblicke, wenn wir im Berliner Zimmer gemeinsam mit Onkel Arnold vorzüglich speisten und Erinnerungen austauschten. Sie erzählte viele Geschichten über St. Petersburg und er berichtete von seinen Erfahrungen, wenn er im Rollstuhl mit Handantrieb zum Zoo fuhr. Eines Tages wollte ihn ein Ganove überfallen, doch da hatte er sich den falschen Behinderten ausgesucht. Mein Onkel hatte immer einen Stock mit Griff im Rollstuhl als Gehhilfe für den Fall, wenn er einmal aufstehen musste. Bevor der junge Mann zugreifen konnte, hatte er den Stock in der Hand und schlug kräftig zu. Heulend zog der von dannen. Manchmal spielte Tante Margot auf dem alten Klavier in der guten Stube. Als ich dann spät am Abend heimkehrte, war es in der Wohnung ganz still. Mutter saß im dunklen Wohnzimmer und Vera weinte. Als ich nach meinem Vater fragte, sagte meine Mutter, dass er im Urbankrankenhaus sei. Was war geschehen? Meine Schwester und ich waren zur Arbeit gegangen und Mutter hatte in der Küche zu tun. Vater lag noch im Bett. Als sie schließlich das Wohnzimmer betrat, war das Bett leer und auf ihr Rufen folgte keine Antwort. Schließlich fand sie ihn im Nebenzimmer vor dem großen Spiegel am Boden. Er war wohl beim Rasieren, als er einen Schlaganfall bekam. Der gerufene Notarzt veranlasste die sofortige Krankenhauseinweisung. Sprechen konnte er nicht mehr. Noch zur späten Stunde lief ich zum Urbankrankenhaus und musste dort vor dem Krankenzimmer wegen einer Visite warten. Als sich die Tür öffnete, kam mir der Arzt entgegen und fragte mich, ob ich meinen Opa besuchen wolle. Ich bejahte das, erklärte aber, dass es sich um meinen Vater handele. Im Zimmer lag er im Bett, schaute aus glanzlosen Augen an die Decke und zuckte mit allen Gliedern. Ich trat näher und streichelte ihn, doch es folgte keine Reaktion. Nun versuchte ich die zuckende Hand zu halten, doch auch das gelang nicht. Mit erstaunlicher Kraft bewegte er die Hände in alle Richtungen. Nach langer Zeit verabschiedete ich mich von ihm mit den Worten, dass ich morgen wieder kämme. Aber es gab keinen Morgen mehr. Am 18. Oktober 1955 starb mein Vater im 66. Lebensjahr. Die Trauerfeier im Familienkreis und Bestattung fand auf dem Friedhof am Hermannplatz im Familiengrab statt. Zum Abschied hatte ich den Pfarrer gebeten, seinen Lieblingschoral spielen zu lassen: Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Christus offenbart. Dieses Lied hatte er oft auf seiner Mundharmonika gespielt. Er beherrschte das kleine Instrument wie kaum ein anderer. Wie er mir einmal erklärte, hatte sein Vater verlangt, dass jedes Kind ein Instrument beherrschen sollte. So entstand dann die Hausmusik. Er spielte übrigens Geige.

Noch ein Ereignis sollte nachhaltige Wirkung erzeugen. Bald nach dem Tode meines Vaters erhielten wir von der Stadt Berlin die Mitteilung, dass unser Grundstück in der Alten Jakobstraße 8 zum Einheitspreis von 50 DM pro Quadratmeter an die Stadt verkauft werden müsse. Widrigenfalls werde verfügt, dass ein Wiederaufbau eines Hauses nicht genehmigt wird. Der Grund: Es handelte sich um ein schmales, aber tiefes Grundstück zwischen den Grundstücken Nr. 7 und Nr. 9. Mein Großvater hatte seinerzeit das Vorderhaus erworben und später die Seitenflügel und das Fabrikgebäude gebaut. Der Feuerversicherungswert betrug seinerzeit 450 000 Goldmark — so die Unterlagen, die wir retten konnten. Jetzt also eine Entschädigung von 50 000 DM, die in zwei Anteile aufgeteilt werden musste, denn der Großvater hatte die Immobilie seiner Tochter Margarete und seinem Sohn Georg vermacht. Georg war ziemlich jung im Jahre 1941 an Bleivergiftung gestorben, sodass seine Witwe Tante Friedel die Entscheidung zu treffen hatte. Da ein Wiederaufbau offenbar nicht möglich war, stimmten wir dem Verkauf zu. Nicht nur der Krieg hatte das Vermögen zerstört, sondern auch der sogenannte demokratische Rechtsstaat ordnete einen Zwangsverkauf an. Meine Mutter gab meiner Schwester Vera und mir je 5000 DM, die später Grundlage zur Beschaffung einer Eigentumswohnung werden sollten. Heute befinden sich auf dem einstmals teuren Industrie-Grundstück in der Alten Jakobstraße ein einstöckiges Kinderheim und mehrere Stallungen für Haustiere. Ein Glück nur, dass dies mein Großvater nicht mehr erleben musste.

In dem ehemaligen Fabrikgebäude Alte Jakobstraße Nr. 7, damals auch Ruine, befand sich noch ein Keller, der den Krieg mit Inhalt überstanden hatte. Der Besitzer hatte meinen Vater benachrichtigt, dass sich dort ein großer Holzkasten befände mit der Aufschrift Ferdinand Kuhn. Tatsächlich hatte die Ofenfirma nach der Zerstörung im Jahre 1944 Restbestände aus dem eigenen Keller dort untergebracht. Wie sich bei einer Besichtigung herausstellte, handelte es sich um ein in einem großen Glaskasten untergebrachtes Modellschiff, das der früh verstorbene Sohn Fritz von Tante Marie, der zweiten Frau meines Großvaters Hermann Kuhn, selbst gebaut hatte. Dieses Modell sollte ich einst bekommen. Ich war begeistert. Doch zunächst musste das Modell dort im Keller verbleiben, denn wir hatten ja in Hermsdorf keinen Platz. Später erfuhren wir, dass der Keller ausgeraubt wurde. Schade, vielleicht aber auch ein Grund, weshalb ich viele Jahre später selbst ein Schiffsmodell baute, und zwar den Panzerkreuzer Spee, der heute noch im Glaskasten im Keller steht.

Dies waren in Kurzfassung 10 weitere Jahre meines Lebens, die mich geformt haben, aber auch Grundlage waren für die weitere berufliche Entwicklung. In den folgenden zehn Jahren veränderte sich mein Lebensweg durch die Teilnahme an der Jugendgruppe der KVA Berlin und die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ÖTV. Neben der Bekanntschaft mit der Schauspielerin Lieselotte Pulver, der ersten Auslandsreise nach Norwegen mit dem Ziel, die Insel Utoya im Tyri-Fjord zu besuchen. Bekanntschaft mit meiner späteren Verlobten Helga Riegert und schließlich Hochzeit 1960 in Friedenau. Beruflich der Abschluss der A-Prüfung und die Teilnahme am B-Lehrgang. Dann der Kauf unserer Eigentumswohnung zum Entsetzen meiner Schwiegereltern. Und schließlich der Erwerb des Führerscheins der Klasse III für Kraftfahrzeuge und unser erstes Auto — ein VW-Käfer.

Und Grundlage für weitere Aktivitäten die Mitgliedschaft im Verein für die Geschichte Berlins e.V., ggr. 1865. Getreu dem Motto des Vereins:

Was Du erforschest hast Du miterlebt