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Onkel Erich

Es wurde Winter. Die Schwierigkeiten, etwas Warmes zum Anziehen zu finden, waren täglich gegenwärtig. Aber wieder einmal, wie von Zauberhand geprägt, schaffte meine Mutter es, jeden zufrieden zu stellen. Aber halt, das gelang nicht immer, denn wenn sie demjenigen, der zuerst da war, ein Kleidungsstück gab, das eine Schwester oder ein Bruder bereits für sich requiriert hatte, musste ich, na klar, als Kleinste, son tolles Stück wieder hergeben. Dann blieb für mich nur die kaputte und bereits tausendmal ausgebesserte Trainingshose übrig, die ich unter meinem Rock anziehen musste. Doch das machte mir gar nichts aus. Hauptsache, nach draußen, den Schnee fangen, Eiszapfen von den Dachkanten schießen – ja, richtig verstanden: von den Dachkanten schießen!
Das ging so vor sich: zuerst hast du dir zwei gleichlange, möglichst stabile Stöcke gesucht. Diese zu finden, war nicht sehr problematisch, vor allem nicht, wenn du unentdeckt in der Sägemühle stibitzen konntest.

Als nächstes dann musstest du dir Gummiband besorgen. Das war schon schwieriger. Entweder ging dir auf ganz seltsame Weise das Schlüpferband verloren, oder du hast das alte Leibchen genommen, ganz heimlich die Gummistrapse abgeschnitten und dann das Leibchen verschwinden lassen. Aber das war das Schwierigste, denn die Schere durftest du ja nicht benutzen, die gehörte zum wichtigsten Handwerkszeug der Mutter. Außerdem hat sie mit Argusaugen darüber gewacht, dass ja nichts von deiner Kleidung mutwillig zerstört wurde, denn es wurde ja alles noch mal verwendet. Kein altes Stück wurde einfach so weggeworfen, nein, jeder Flicken und sei er noch so klein, jedes Band und alles, was irgendwie noch mal einer Verwendung zugeführt werden konnte, wurde aufbewahrt und in den Nähkorb verbracht. Wenn du da beigegangen bist, wurdest du garantiert erwischt. Wirklich erwischt, denn das war ein Heiligtum!
Als drittes Utensil musstest du einen Lederflicken ergattern. Aber das war schon wieder nicht mehr so schwierig, denn auch die alten Schuhe wurden nicht weggeschmissen. Die Reste eines Schuhs fanden noch vielerlei Verwendung. Also, alle drei Teile beisammen, das gelang meistens nicht an einem Tag, nein, dafür brauchte man Zeit, und die ergatterten Teile musstest du gut verstecken, denn wenn die einer fand, hast du sie mal gehabt.

So, wenn alles zusammen, dann zu Onkel Erich, in die Mühle. Aber auch da musstest du immer schauen, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um nicht von dem Chef - na, ja Chef haben wir damals noch nicht gesagt - es war der Besitzer und sehr geschätzter, nein Bauer war auch nicht der richtige Ausdruck! So hat er sich nicht benommen und auch der Hof und all das war mehr! Gutsherr war aber auch schon wieder zuviel. Er war ja auch der Bürgermeister der Region, also nennen wir ihn beim Namen: Herr Hellwinkel. Und prompt haben wir ihn übersehen. Er wusste oftmals schon vorher, dass wir die Absicht hatten, in sein Refugium einzudringen. Wie machte er das bloß?

Halt, Ihr wisst doch, dass Ihr hier nichts zu suchen habt. Das ist doch zu gefährlich für Euch – aber… – nichts aber – und schon, wie ein Schutzengel, stand Onkel Erich da. Na, was habt Ihr denn? Er wartete unsere Antwort nie ab, er wusste, dass wir ihm keine geben konnten, denn Herr Hellwinkel verstand es nur mit seinem Auftreten, uns ganz arg einzuschüchtern. Also, wenn ich Feierabend hab, dann kommt vorbei. Jetzt geht man noch solange spielen. Mit einem Augenzwinkern und einer ganz leisen Handbewegung, die er in Höhe seiner Hüfte machte, mit der geöffneten Hand nach oben und die Fingerspitzen zwei dreimal nach innen gebogen, gab er uns das Signal, dass wir ihm unsere Schätze in die Hand legen sollten. Dies getan, verschwanden wir ohne Widerspruch aus der Mühle. Wir wussten, bei ihm waren unsere Schätze in guten Händen, und wenn er Feierabend hatte, brauchten wir nur zu ihm gehen, und unser Zwilling war zur Abholung bereit gelegt. Wenn dann der Feierabend gekommen war und wir zu ihm nach Haus gingen, war es immer wieder etwas ganz Besonderes. Onkel Erich hatte die Gabe, uns Kinder wie - ja wie kann man das nur erklären - er konnte mit uns Kindern umgehen, als ob wir alles verstünden, was die Erwachsenen von uns erwarteten und doch nicht glauben wollten, dass wir ihre Erwartungen erfüllen. Er war ein Freund auf unserer Ebene, und doch konnte er den Abstand halten, der wichtig war, um ihn als Erwachsenen anzuerkennen. In einer Welt, in der die Erwachsenen als Erziehungsmoment eine lose Hand und ausschließlich Verbote für uns hatten, war er etwas ganz Besonderes.

Nun, und wenn er uns dann das Objekt übergeben hatte, brauchten wir nur noch die kleinen Kieselsteine aufzuheben, diese in unserem Geschosswerkzeug zu deponieren, auf die Eiszapfen zu zielen und sie abschießen. Mich wundert heute noch, dass nie etwas mit diesen Dingern angestellt wurde, um andere zu verletzten.

Und dann war wieder so ein wundersamer Tag. Der Teich war zugefroren, die Sonne schien aber der Frost war damit nicht ausgeschlossen. Das war dann immer der Moment, an dem sich die Kinder des Dorfes am Teich versammelten und wer einen Schlitten hatte, der brachte diesen natürlich mit. Ich war zu Hause, spielte mit meiner Puppe und war wohl auch ziemlich selbstvergessen in meinem Spiel, als Rolf kam und rief: Du musst mitkommen, das glaubst Du nicht, wie Onkel Erich auf dem Eis fährt. Und gleich war er auch schon wieder weg. Für eine Antwort blieb gar keine Zeit. Ich fand da gar nichts Besonderes dran, wenn Onkel Erich auf dem Eis Schlitten fuhr. Na ja, wenn er meint, dann geh ich eben mit hin um zu schauen, was es da gab, zog mir meine warmen Sachen an, die ich von der Leine über dem Herd pflückte und lief über den Bauernhof zur Schleuse. Aber da war niemand, ich hörte sie doch schreien und jauchzen, wo sind sie denn?

Dann sah ich, wie ein Schlitten besetzt mit zwei Personen, einer etwas größer und die kleinere Person davor, auf dem Schlitten um die Insel brauste. Das hast du noch nicht gesehen, das Eis bog sich, und es war ein Wunder, dass es nicht zerbrach. Das war das Gummieis, und nur Onkel Erich brachte es fertig, so darüber zu fahren, ohne im Eis einzubrechen. Als Onkel Erich dann diese Fahrt beendete, weil er wieder zur Arbeit musste, verging einige Zeit, die wir uns mit anderen Spielen auf der großen Wiese vertrieben, bis jemand kam und rief: Walter ist eingebrochen! Er hatte es versucht, wie sein Vater über das Eis zu fliegen, doch er hat es zu zögerlich angefangen. Platschnass mit Modder an den Beinen und in den Schuhen, wurde er rausgeholt und nach Hause gebracht, es war kein weiter Weg bis dahin.
In Tante Linas Obhut ging es ihm bald wieder gut.

Dass er eingebrochen war, das war für mich nicht weiter schlimm, aber dass er das schöne Eis kaputt gemacht hatte, das nahm ich ihm krumm!