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Rummel Rummel Rauken

Das waren noch Zeiten, du glaubst es nicht, es war Silvester, eigentlich nichts besonderes, außer, dass wir, die Lütten an diesem Tag nicht ins Bett getrieben wurden oder irgendwie sonst von den größeren Geschwistern zu irgendeiner Tätigkeit, die sie ungern ausübten, herangezogen wurden. Die hatten an diesem Tag immer etwas Besonderes vor. Es gab Heimlichkeiten, das spürte man. Aber mich interessierte eigentlich nur, wenn die Großen sich verkleideten und auf den Weg machten. Dann sahen sie aus wie Holzfäller oder wie eigentlich gar keiner, in ganz komischen Säcken, an denen noch in letzter Minute herumgenäht wurde. Sie hatten Hüte auf, die ich bis dahin noch nie gesehen habe. Wo haben die das viele Zeug bloß her? Ich bin nie dahinter gekommen.

Wie immer in solchen Momenten war ich oft im Weg, wenn ich das Geschehen beobachtete. Jeder schickte mich weg. Geh mit deinen Puppen spielen. Frag Mutti, ob du ihr nicht helfen kannst. Das haste gedacht, die konnte mich doch am allerwenigsten ab. Da hab ich doch nur gefragt und gefragt und das mochte sie gar nicht. Ich ging dann doch zu ihr, denn da draußen wurde mir allmählich etwas kalt, denn meine Handschuhe hatten bei der gestrigen Schneeballschlacht viel aushalten müssen und hingen jetzt immer noch nicht getrocknet über dem Ofen. Ist ja auch komisch, warum waren die denn noch nicht trocken, die hab ich doch gestern abends dahingehängt. Na egal, hat wohl wieder irgendjemand meine Sachen entfernt und den Platz für seine Sachen in Anspruch genommen.

Ich ging zur Mutter und siehe da, welche Freude, sie war noch dabei, den Tannenbaum abzuschmücken und dabei durfte ich helfen. Aber sei ja vorsichtig. Die Kugeln dürfen auf keinen Fall kaputt gehen nur ganz zart anfassen, ach lass man lieber, die Kugeln mach ich doch lieber selber ab. Ich hatte schon eine in der Hand und bestaunte die Leichtigkeit. Wie eine Feder lag sie in meiner Hand. Ich fing an, zu pusten, wenn dies eine Feder war, muss sie doch bei pusten fliegen. Mutter war mit den Kugeln auf der anderen Seite beschäftigt und war auch wieder in Gedanken versunken. Ich pustete kräftiger und – leider, die Kugel flog nicht, nein sie fiel aus meiner Hand und selbst der schnelle Entschluss, sie aufzufangen, konnte sie nicht mehr retten. Das Malheur war passiert. Die Kugel landete auf dem Boden und zerbrach. Mutter schimpfte nicht, nein sie sagte nur in einem nicht nachzuahmenden Ton, geh man und spiel draußen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber jetzt etwas sagen, traute ich mich nicht. Ich ging wieder zu den Großen, um zu sehen, was die in der Zwischenzeit gemacht haben. Sie sahen schon alle sehr komisch aus und dann, dann passierte es. Irgendeiner von meinen Geschwistern, wer, weiß ich nicht mehr, sagte: Du, lass sie uns doch mitnehmen. Und hinter meinem Rücken heimliches Getuschel, das ich ignoriert habe. Aber das wäre ja toll, ich und mit den Großen an diesem ereignisvollen Tag mitgehen? Mann, das wäre ein Knüller, und gleich fing ich in Gedanken an, die Rummel Rummel Rauken- Sprüche durch meinen Kopf sausen zu lassen. Ich kannte sie alle auswendig und manchen sogar besser als alle anderen.

Sie diskutierten noch eine Weile. Im Nachhinein erkannte ich, dass sie sich über meine Verkleidung Gedanken gemacht haben, und wer es der Mutter sagen sollte.

Ich bekam altes Zeug, ziemlich löcherlich, war meine Meinung, aber das soll es doch auch sein, schließlich müssen wir so sein, das uns keiner erkennt, und ein bisschen Spaß machen soll es auch. Na ja dachte ich, so lange ich nicht der Spaßvogel für euch bin, ist alles in bester Ordnung.

Es war schon ziemlich dunkel, als es dann endlich losging. Als wir auf dem Weg waren, merkte ich erst, dass wir nicht in unserem Dorf die Runde machten, nein, es ging in Richtung Bahnhof. Ja, wir hatten einen Bahnhof, aber die Züge, die dort hielten, waren nicht für uns, wir mussten immer die 5 km in die Stadt zum Brot holen zu Fuß laufen. Was ist, fragte ich etwas kläglich den mir am nächsten Gehenden, wollt ihr etwa in die Stadt fahren? Mann, das hätte ich toll gefunden, dafür hätten sie mich auch noch anmalen dürfen. Aber leider, die wollten mir nicht das Vergnügen bereiten, endlich in diesen Riesen zu steigen. Nein, zu dem Bauernhof sollte es gehen, der vor einiger Zeit völlig abgebrannt war. Dumm wie ich war, meinte ich, wenn der Hof abgebrannt ist, wo sind denn dann die Leute, die können doch gar nicht da sein? Na ja, und wie immer nach einer solchen Frage von mir, ich wurde ausgelacht und man ließ mich die Antwort später erkennen.

Der Weg war ziemlich lang und nach einiger Zeit bekam ich fürchterlich kalte Hände und ich wollte nicht mehr mitgehen, aber umkehren und dann allein sein, ne, das wollte ich auch nicht. Ich fing an zu jammern wegen der Hände, und Berta nahm dann ihren Schal ab und wickelte mir die Hände darin ein. Das fand ich gut.

Der Weg wollte trotzdem nicht enden, denn die anderen unterhielten sich sehr angeregt. Komisch, immer wenn ich mitreden wollte, weil ich glaubte, endlich mal etwas gehört zu haben, wo ich auch was drüber wusste, hieß es gleich: halt dich raus, da hast du doch keine Ahnung von.

Dann endlich konnte ich mitreden. Sie fingen an, die Strophen aufzusagen: Rummel Rummel Rauken… das konnte ich doch, sag mir mal einer, ...was willst du denn wissen? fragte da der Hansi, mein großer Bruder. Was sind Raukenrauken
auf Plattdüütsch: rauken oder roken, übersetzt man ins hochdeutsche mit rauchen
Mit Hilfe des Polterns (Rummeln) sollten in früheren Zeiten in den Rauchnächten um die Jahreswende wahrscheinlich Wintergeister vertrieben werden.
?
Das kann ich dir auch nicht sagen. Ich weiß es heute noch nicht.

Endlich waren wir da. Die Gruppe ging den Hauptweg weiter und ich meinte: Müssen wir nicht hier reingehen? Linkerhand der Straße war der Obstgarten des Hofes und dahinter das Anwesen. Nein, das ist doch abgebrannt, hier geht es lang.

An der rechten Straßenseite, dort, wo sonst ein kleiner Wald war, sah ich Licht durch die Bäume scheinen, und als wir näher an das Licht kamen, gewahrte ich ein lang gestrecktes Gebäude, das aussah wie die Häuser, die eine Ortschaft weiter für Flüchtlinge gebaut worden waren. Ich war erstaunt und doch fühlte ich so etwas wie eine Zugehörigkeit und ging ganz selbstverständlich hinein und wartete gar nicht erst ab, was die übrigen der Gruppe wollten. Ich ging einfach in den großen Raum, in dem so viele Leute an einem sehr langen Tisch saßen. An mir vorbei wurde ein großer Teller getragen, auf dem ein Fisch lag. Ich war fasziniert und hätte mich am liebsten mit an den Tisch gesetzt. Leider war kein Stuhl frei.

Dann fasste ich allen Mut und fing an unseren Spruch aufzusagen. Deshalb war ich ja hergekommen. So ganz nebenbei aber nahm ich wahr, dass jemand vom Tisch aufstand und mich sacht aus dem Zimmer führte. Das Geschehen an diesem Abend war für mich im Nachhinein sehr unwirklich, meine Ideen und die Realität waren zu einem Wirrwarr zusammengeschmolzen und dich war froh, dass niemand mehr diesen Vorfall dort bei dem Fisch erwähnte, denn sie hatten alle genug damit zu tun, die gesammelten Werke auf dem Weg nach Hause zu verteilen.

Ich war sehr müde, als wir wieder zu Hause waren, und es interessierte mich auch nicht mehr, ob noch was in dem Sack war, in dem unsere Beute gesammelt worden ist. Zufrieden bin ich eingeschlafen.