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Wie ich Fahrrad fahren lernte

Neidisch schaute ich auf den Rücken meines großen Bruders, als der stolz mit seinem soeben geflickten Fahrrad um die Ecke bog. Alles wieder in Ordnung, sagte er in der ihm eigenen ruhigen Art. Stieg ab, brachte das Fahrrad in den Raum, in dem an der einen Seite die ungenutzten Schweinekoven waren.

Wir waren keine Deputatsleute so wie Kolbergs, die waren aus Ostpreußen geflüchtet und hatten hier auf dem Hof ein Stück Land zur privaten Bearbeitung erhalten. Sie hatten auch eine Kuh und Schweine. Alles in einem Haus, das nach den gleichen architektonischen Plänen erbaut worden war. Ein schönes Fachwerkgebäude, sehr klein, wenn ich heute draufschaue. Aber damals kannte ich noch keine anderen Häuser und für mich war das größte Haus, das der Hellwinkels. Sie waren die hochherrschaftlichen Leute in unserem Ort und geachtet von jedermann.

Na ja und die Räumlichkeiten, die nicht zum Wohnbereich gehörten, wurden von uns natürlich als Abstellräume zum Spielen und auch sonst noch zu vielerlei genutzt.

Als nun der Hansi das Fahrrad abgestellte, lief ich auf ihn zu: Du, darf ich auch mal damit fahren? Er sah mich an, überlegte einen Augenblick und dann kam seine niederschmetternde Antwort. Du, das geht gar nicht, du bist noch viel zu klein, du kommst doch noch nicht mal auf den Sattel. Enttäuscht drehte ich mich um. Eigentlich hatte ich nichts anderes erwartet, denn wenn ich was fragte, bekam ich meistens eine Ablehnung und immer mit der Begründung, ich sei noch zu klein. Meistens nahm ich das gelassen hin. Aber diesmal war ich gekränkt. Ich war zwar die kleinste, aber bestimmt nicht mehr so klein, um nicht Rad fahren zu lernen.

Dann saßen wir alle um den Abendbrottisch. Ich war bereits müde und am Tisch auch schon am träumen, nämlich das ich ein eigenes Rad hätte und darauf wunderbar fahren konnte. So ganz nebenbei gewahrte ich dann, dass sich die Großen über die vielen Fahrräder im Kuhstall von den Hellwinkels unterhielten und ganz besonders fand das alte Rad der alten Frau Hellwinkel Beachtung. Das hat ja gar keinen Rücktritt und auch keine richtigen Luftreifen, hörte ich sie sagen. Das braucht auch keine Flicken.

Als ich dann am Einschlafen war, dachte ich so bei mir, wozu braucht die alte Frau denn noch das Rad, die fährt doch gar nicht mehr damit und ein neues, mit dem ich sie auch noch nie hab fahren sehen, soll sie auch haben. Die kann doch mir das Rad geben, wenn sie das ohnehin nicht mehr nutzt!

Der nächste Tag war wunderschön, die Sonne schien, wir brauchten nicht in die Schule, und mitten in unserem Spiel zog es mich mit einem Mal in den Kuhstall. Wer mir den Gedanken in den Kopf gesetzt hatte oder ob ich meinen Traum verwirklichen wollte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich den ganzen Tag auf dieses Fahrrad gestiegen bin, hingefallen und wieder hoch. Die Knie waren aufgeschrammt von dem Schotterweg, auf den ich alle naslang hinfiel.

Aber nichts konnte mich mehr aufhalten, ich war unempfindlich gegen den Schmerz, mich trieb nur der einzige Wille, dieses Rad in den Griff zu kriegen. Irgendjemand rief mir zu: Du darfst nicht zu schnell damit fahren, und wenn du anhalten willst, dann ganz kräftig nach hinten treten! Als ich es dann letztendlich geschafft hatte, kam die Angst. Sie kroch hoch, nahm mich arg gefangen. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, ich musste das - jetzt war es mit einem Mal ein scheußliches Rad – wieder zurückbringen. Mein schlechtes Gewissen war ganz oben im Hals. Rolfi, kannst du das nicht für mich machen? fragte ich meinen Bruder. Nee du, das mach ich nicht, ich will mir doch kein Fellvoll holen, das ist besser, wenn du das selber machst. Ich schob das Rad über die Straße und hoffte, dass keiner vom Hof mich sehen würde, weil es jetzt dort die Zeit fürs Abendessen war. Aber der Stolz, jetzt Radfahren zu können, war auch da.

Mein Wunsch, das ich das Rad ganz heimlich wieder hinstellen würde, wurde mir nicht erfüllt, denn als ich das Rad zu den anderen stellte, konnte ich nicht mehr weglaufen, Herr Hellwinkel stand auf ein Mal vor mir und versperrte mir den Fluchtweg. Es schien, als ob er so richtig auf mich gewartet hätte. Warum? Ich hatte doch gar nichts Schlimmes gemacht, ich hab doch nur ein olles Fahrrad, das niemand mehr brauchte, ausgeliehen und wollte es jetzt wieder an seinen Platz bringen.

Aber ach herrje, ich musste mir seine Standpauke, die eigentlich doch gar nicht so schlimm war, anhören. Nein, im Nachhinein betrachtet, war es eine ziemlich milde Zurechtweisung, bei der ich wie immer stumm blieb. Aber in meinem Kopf waren Sätze wie: ...es ist doch alles heil geblieben und ...ich hab es doch auch wiedergebracht. Ich hab doch keins und ich wollte doch nur lernen, damit zu fahren; vielleicht krieg ich dann auch mal ein Rad.

Ich war so in meiner Angst gefangen, dass ich zuerst gar nicht merkte, wie mir etwas Warmes an den Beinen herunter lief, und jetzt bezog sich mein schlechtes Gewissen weniger auf das verbotene Handeln als auf die nassen Unaussprechlichen, denn wie sollte ich die ungesehen waschen und trocknen? Aber Gott sei dank, zu Hause angekommen merkte keiner was und meine Mutter hat nur gesagt, ich solle mir die Knie ordentlich sauber waschen. Dann gab sie mir ein Pflaster und sagte nur, dass ich so etwas nie wieder tun dürfe.

Noch heute trage ich von diesem Abenteuer ein Andenken in meinem Knie, denn scheinbar hab ich nicht allen Dreck erwischt, und der Rest ist in der Haut eingewachsen.