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Erinnerungen – Kapitel 2

Schulzeit im Kriegsjahr 1943

Damals, im vierten Kriegsjahr 1943, war ich etwa dreizehn Jahre alt.
In der Schule in Wilkendorf im Landkreis Rastenburg in Ostpreußen war es unsere Aufgabe, für den bevorstehenden Sieg der Deutschen Wehrmacht mitzuarbeitenHeimatfront bezeichnet die Einbeziehung der Zivilbevölkerung in Kriegshandlungen, auch wenn die eigentliche Front außerhalb der Lebensräume der Bevölkerung liegt. Diese Einbeziehung kann zum Beispiel durch Arbeit der Zivilbevölkerung in der Rüstungsindustrie oder militärischen Logistik geschehen. Auch Feldpostbriefe an den unbekannten Soldaten zur Hebung der Kampfmoral gehörten dazu.. Im Sommer mussten wir Heilkräuter sammeln, sie trocknen und dann in der Schule abliefern. Huflattich, Schafgarbe, Kamille, Steinklee, Frauenmantel, Wegerich, Gänsefingerkraut, Brombeerblätter und viele mehr. Um all diese Pflanzen zu erkennen, hatte unsere Lehrerin Fräulein Salomon mit uns während der Schulzeit Expeditionen in die nahe Umgebung gemacht. Auf dem Boden des Schulhauses wurden dann auf ausgebreiteten Zeitungen die Heilkräuter zum Trocknen ausgebreitet. Deshalb gab es damals auch ein Lied, dessen Text so lautete:

Eisen, Knochen, Lumpen und Papier,
ausgeschlagne Zähne sammeln wir.
Adolf Hitler braucht den Kram
für den Vierjahresplan!

An jedem Tag in der Woche hatten wir in die Schule etwas mitzubringen. Alte Hufeisen, die bei uns irgendwo herumlagen, verrostetes Eisen, alte Lumpen, Zeitungen, die nicht so ohne Weiteres mitzunehmen waren, denn auf unserem Plumpsklo brauchte man das Papier zum Dups abwischen. Wir hatten nur die Preußische Zeitung. Auf der LuchtLucht = Dachboden.Siehe Lexikon der alten Wörter und Begriffe. waren viele alte Pferdebroschüren und da habe ich mich ohne zu fragen immer bedient. Mit den Knochen war das nicht so einfach. Manchmal habe ich dem Lord, unserem Bernhardiner, Knochenstücke stibitzt. Wenn wir geschlachtet hatten, waren genügend Knochen da. Ansonsten gab es nur sonntags Fleisch, manchmal vom Federvieh.

Ab dem Spätsommer kam ich jeden Tag zu spät zur Schule. Sie begann ja schon um sieben Uhr, und ich hatte einen drei Kilometer langen Fußweg zu bewältigen, und das bei jedem Wetter. Hatte es geregnet, saß ich die ganze Schulzeit über in den nassen Klamotten. Ich musste nämlich jeden Morgen mit unserem Russenmädchen Vera auf das Rübenfeld, um für die Schweine Rübenblätter zu holen. Leider hatten wir keinen fahrbaren Untersatz und mussten die schwere Kiepe an beiden Griffen zum Hof tragen. Mann! Was habe ich manchmal geheult. Es nutzte aber nichts, ich kriegte zu Essen und musste dafür arbeiten.

Im Herbst hatte ein Bauer einen ganzen Kastenwagen voller Kohlrüben vor dem Kellerfenster der Schule ausgekippt und wir mussten sie dann in den Keller bringen. Abwechselnd mussten nun einige Kinder jeden Tag Kohlrüben mit nach Hause nehmen, um sie zu putzen und zu portionieren. In der Frühstückspause mussten alle Kinder ein Stück Rohkost essen ‒ im Klassenzimmer –, damit die Lehrerin es auch kontrollieren konnte. Das sollte der Volksgesundheit dienen, Mann, was wurden wir gesund!

Auch sollten wir aus einer Art dünnem Packpapier Briefumschläge machen. Nach einer Schablone wurde ausgeschnitten, dann gefaltet, geklebt und gummiert. Jedes Kind musste fünfzig Stück machen, in einen schrieb ich meine Adresse hinein. Die Umschläge waren für die Soldaten an der Front gedacht. Und wie ich eines Tages, wie immer um den Weg ein wenig abzukürzen, durch den Stacheldrahtzaun über die Koppel zwischen Scheune und Stall auf den Hof komme, sehe ich meine Mutter vor der Haustüre stehen. Sie wedelt mit einem Brief in der Hand und pflaumt mich an: Na wart mal Marjelchen, an unbekannte Soldaten schreiben. Da wirst wohl wieder das Fell voll kriegen! Ich lief gleich rot an, hatte doch keine Ahnung was da los war. Das war damals so, dass jeder an unbekannte Soldaten schreiben konnte. An den unbekannten Soldaten, oder an die Feldpostnummer sowieso, wie zum Beispiel die Nr. 46328. Es gab nämlich viele Soldaten, die keine Post erhielten.

So, nun habe ich mich erstmal gewundert, dass der Brief noch nicht von Mutter aufgemacht worden war. Als ich dann den Brief gelesen hatte, kam alles ans Tageslicht. Der Gefreite Klaus Lorse schrieb von der Ostfront, seine Einheit lag am Ladogasee: Liebes Fräulein Hilde. War mir das peinlich, er siezte mich. Er bedankte sich für die Briefumschläge und stellte sich kurz vor. Er war zwanzig Jahre alt und in Duisburg zu Hause. Er hoffte auf Antwort und vielleicht auch auf ein Foto. Er hatte ja keine Ahnung, dass ich noch zur Schule ging und erst dreizehn Jahre alt war. Und die Zeit verging. Ich traute mich nicht, Vater noch Mutter zu fragen, ob ich auf den Brief antworten durfte. Vater fragte eines Tages, ob ich dem Soldaten schon geantwortet hätte. Als ich verneinte, befahl er mir es sofort zu tun. Denn er wusste, wie es ist, wenn man an der Front auf Post wartet.

Nun, was sollte ich schreiben? Ich bin erst dreizehn und gehe noch zur Schule und er solle mich ruhig duzen und dann noch was vom Hof oder so. Du hättest doch einen längeren Brief schreiben können meinte mein Vater, als ich ihm mein Geschreibsel zeigte. ‒ Ja, und dann schrieben wir uns regelmäßig. Das war mein erster Briefpartner. Aber dann sollte er Urlaub bekommen und Vater meinte, er könne doch für eine Woche, bevor er weiter nach Hause fahre nach Bärenwinkel kommen. Da kriegte ich es mit der Angst zu tun. Als Vater denn mal fragte, wann Klaus käme, musste ich ja sagen, dass ich ihn noch nicht eingeladen hatte. Als danach dann die nächste Post kam, in der er mir mitteilte, dass er gleich nach Duisburg fahren würde, weil zu gleicher Zeit auch sein Bruder in Urlaub käme und sie sich schon ein Jahr nicht gesehen hatten, war ich froh.

Seit einiger Zeit wohnte Anni aus Duisburg mit ihren beiden Töchtern, wegen der dortigen Luftangriffe, bei uns. Zu Weihnachten kam der Mann seine Familie besuchen. Als er dann wieder zurückfuhr, packte meine Mutter ein großes Paket für Klaus zusammen und er nahm es für ihn mit. Da war eine große Gans drin, sowie Butter, Käse, Mehl, Erbsen, Speck und Wurst. Wir hatten ja geschlachtet. Es kam von Klaus‘ Mutter ein Dankesbrief mit einem Päckchen, darinnen waren Mandeln, Rosinen, Vanillezucker und verschiedene Backaromen. Meine Mutter freute sich sehr darüber‚ hatte sie doch nun für meine bevorstehende Konfirmation im März 1944 edle Backzutaten, die es nicht mehr zu kaufen gab.

Dann kam meine LBA-Zeit in RößelLBA = Lehrerbildungsanstalt
Siehe: Kapitel 3
. Einmal bekam ich von Klaus einen Brief, und er traute sich zum ersten Mal, mir ein geschriebenes Küsschen mitzuschicken. Das hat mich förmlich umgehauen. Ich konnte mich in der Schulstunde nicht konzentrieren, wir hatten gerade die EddaAls Edda werden zwei verschiedene, in altisländischer Sprache verfasste, literarische Werke bezeichnet.Siehe Wikipedia.org auf dem Tisch.

Später, als ich schon in SibirienZur Zwangsarbeit nach Sibirien
Siehe: Kapitel 5
war und wir die ersten fünfundzwanzig Worte auf einer Klappkarte des Roten Kreuzes schreiben durften, schrieb ich an meine Tante Ida nach Berlin Lichtenrade. Meine Schwester Else war dort und hat mir einen von Klaus aus der französischen Gefangenschaft geschriebenen Brief mit Foto zugeschickt. Es wunderte mich, dass man mir diesen Brief dort ausgehändigt hat. Unter meinem Kopfkissen bewahrte ich beides auf, und ich kann heute nicht mehr sagen, wie oft ich es vorholte und welche Gedanken ich dabei hatte. Ich habe den Brief heute noch.

Dann war ich im Juli 1948 wieder in Deutschland. Gedacht hatte ich schon an Klaus, die Adresse seiner Mutter wusste ich ja noch. Aber ich meldete mich nicht zurück. Doch eines Tages tat ich es doch. Nur, ich bekam keine Antwort. Wahrscheinlich ist die Post durch meinen damaligen Wohnungswechsel abhanden gekommen.

Ella, meine Uralschwester aus Düsseldorf-Lohausen lud mich dorthin ein. Ich hatte aber auch vor, zu meiner Schwester nach Hamburg zu fahren, nur galt meine Ostbahnkarte nicht für diesen Umweg. Meine Tante Ida schickte mir deshalb an Ella zwanzig D-Mark. Und wie ich mich gefühlt habe, allen meinen Freunden eine Karte zu schreiben mit einer Westbriefmarke! Ich schrieb auch an Klaus per Mutters Adresse, natürlich als Absendeadresse. Ella hatte einen Freund, mit dem wir zum Abend verabredet waren. Wir hatten uns ein bisschen lang gemacht und auf einmal klingelt es. Ella war im Unterrock und bat mich, die Tür zu öffnen. Da stand ein Mann, der nach einem Fräulein Hilde Böttcher fragte. Ich bin es, sagte ich. Und da sagte der Mann: Kennst du mich nicht? Ich bin Klaus! Da war ich baff! Er aber auch, denn er hatte nicht angenommen, dass ich ihm die Tür öffnen würde. Er wollte nach mir fragen und mich dann in die Arme nehmen. Pech gehabt! Na, und dann ging das Erzählen los! Da erzählte er mir, als er meinen ersten Brief bekam und ich ihm mitteilte, dass ich noch zur Schule ginge, fragte er seinen Feldwebel um Rat, der für seine Soldaten wie ein Vater war, denn er selber wusste mit mir nichts anzufangen. Doch der Spieß riet ihm, den Briefverkehr aufrechtzuerhalten, und er freute sich im Nachhinein, dass er von mir Post bekam. Meine Briefe gingen oft im Schützengraben von Mann zu Mann und heiterten viele auf, wenn es wieder mal hoch herging. — Als dann der Freund von Ella uns am Abend abholte, staunte er nicht schlecht, dass da schon ein Kerl war, und zog ‘ne Flunsch. Wir gingen dann in ein Stripplokal! Für mich aus dem Osten war die Stripperei ja was ganz Exotisches! Man konnte sich kaum unterhalten, denn es war dort sehr laut. Klaus hat von der Stripperei kaum was mitgekriegt, denn er hielt nicht nur meine Hand, nein, er ließ auch kein Auge von mir. Er erzählte mir, dass er verheiratet sei und einen sechsjährigen Sohn habe. Das hatte er mir wohl in dem Brief geschrieben, den ich nicht erhalten hatte. Sein Glück, denn sonst hätte ich ihm nie wieder geschrieben, und wir hätten uns nie gesehen.

Nachdem er nach unserem kurzen Kennenlernen seiner Mutter erzählt hatte, wie er sich wünschte hatte, seine Frau nie geheiratet zu haben, da hatte sie ihn ausgeschimpft. Am liebsten hätte er mich gekidnappt und nicht wieder fortgelassen. Es war offensichtlich keine glückliche Ehe. Ich fragte ihn, ob seine Frau wüsste wo er hin ist. Offiziell war er bei einem Kollegen, das Hochzeitsgeschenk zu überbringen. Ja, so wird’s gemacht. ‒ In den kommenden Jahren schrieben wir uns über die Mama-Adresse, aber nicht mehr so oft. Ich flog dann mal nach Düsseldorf, um in Essen an dem großen Heimkehrertreffen in der Grugahalle teilzunehmen. Wir hatten uns am Flughafen verabredet, trafen uns natürlich nicht, weil ich nur mit Handgepäck reiste und Klaus mit seinem Bruder am Gepäckausgang wartete ‒ ich war enttäuscht und er natürlich auch. So wie er mich wissen ließ, haben sich beide volllaufen lassen.

In Wuppertal besuchten wir ein bekanntes Ehepaar, das von hier dorthin gezogen war. Kurz schrieb ich ihm von dort einen Kartengruß mit Telefonnummer. Prompt rief er an und lud uns, Hans, Patrik und mich ein, schon zu Mittag. Er wohnte direkt an der Zeche, es war schlechte Luft. Wir wurden nett aufgenommen. Klaus hatte einen zweiten Sohn von sechs Jahren. Seine Frau saß am Tisch und Klaus hat aufgetragen, abgeräumt, abgewaschen und Madam saß am Tisch und hat mit Hans zusammen geraucht. Klaus kochte dann noch Kaffee danach und seine rote Birne ebbte nicht ab. Dann holte er einen Schuhkarton hervor, in dem er alle meine Briefe aufbewahrte. Er erzählte, dass er die Briefe alle an seine Mutter geschickt hatte, die sie für ihn aufbewahrte. Er gab mir ein Foto wieder, als ich dreizehn Jahre alt war, so mit Schlips und Knoten.

In Duisburg wohnt auch eine Uralschwester Loni. Ich besuchte sie später mal, als ich schon alleine war. Bis Düsseldorf per Jet, es holte mich von dort Helmut ab. Ich erzählte von Klaus und Helmut suchte mit Erfolg die Telefonnummer von ihm raus. Ich rief an und seine Frau sagte, er sei im Keller. Spät am Abend rief er dann an und Helmut lud ihn zum Mittagessen ein. Er kam mit dem Fahrrad. Dieses Wiedersehen war das letzte, auch habe ich nie wieder von ihm etwas gehört. Auch Helmut ist nun schon viele Jahre tot. Mit Loni habe ich noch regelmäßigen Kontakt.