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Erinnerungen – Kapitel 3

In der Lehrerinnenbildungsanstalt Rößel

Meine Gedanken wandern in die Vergangenheit, nach Bärenwinkel‚ Wilkendorf und Rößel, dort, wo ich am 16. Juni 1944 Schülerin der Lehrerinnenbildungsanstalt (LBA) wurde.

In der Hindenburgstraße 2 stand ein großes zweistöckiges Haus und darin befanden sich außer unserem Internat auch ein Lazarett und ein Erziehungsheim. In der großen Turnhalle standen Doppelpritschen, darin einhundertzwanzig Mädchen schliefen, wir, die Anfängerinnen und die im zweiten Ausbildungsjahr. Dazu gehörten ein großer Speisesaal und etliche Klassenräume. Auf dem langen Flur standen Tische und Stühle, dort haben wir unsere Hausaufgaben gemacht. Einmal in der Woche mussten wir klassenweise mit der Erzieherin vom Dienst unter die Dusche. Zuerst war das ein Hallo! Alle nackig, wo zu der Zeit ja alle so schenant erzogen wurden. Aber die Lehrerin ging mit gutem Beispiel voran.

Zum Winter bekamen wir alle die HJ-Skianzüge und hohe Schnürschuhe mit Nägeln in den Sohlen und Absatzbeschlag. Es gab keine Straßenbeleuchtung, und wenn wir über das Kopfsteinpflaster liefen und mit dem Eisenbeschlag der Absätze Funken schlugen, hatten wir zusätzlich noch ein bisschen Spaß. Unsere Klasse zog in eine ehemalige Gefangenenbaracke um. Bis nach Bärenwinkel waren es ungefähr fünfzehn Kilometer. Ab und zu durften wir über Sonntag heim, zu Fuß natürlich. Obwohl man uns ganz klar sagte, dass wir als Erzieherinnen für die neu eroberten Ostgebiete ausgebildet würden, wurden uns jegliche Nachrichten über den Frontverlauf vorenthalten. Erst über Briefe von daheim bekamen wir untereinander zu hören, dass die ersten Flüchtlinge schon nach Western unterwegs waren. Und da wir ja auch nicht wussten, ob unsere Angehörigen auf die Flucht gehen müssen und wir uns dann je wiederfinden würden, gerieten wir in Panik. Und als ich mich entschlossen hatte abzuhauen, da wollten die anderen drei Mädels aus Wilkendorf auch nicht mehr dableiben. Also brachten wir in der Dunkelheit unsere Sachen und die Federbetten bei einer Bekannten von Gisela unter. Nach dem Abendbrot machten wir uns ohne Abmeldung aus dem Staub.

Es war ein Sonnabend, der 20. Januar 1945. Es war schon spät, als ich zu Hause ankam. Alle sahen mich verdattert an. Als ich ihnen die Umstände meines unerwarteten Erscheinens erklärte, da hättest du mal meinen Vater hören sollen! Ich begehe Fahnenflucht, ich sei eine Vaterlandsverräterin, ich werde nie mehr meine Ausbildung beenden dürfen, wer weiß, was man mit mir machen werde. Morgen gehst du zurück! Basta! Und am Sonntag spannte unser Russe Kasimir den Schlitten an und fuhr mich nach Rößel zurück.

In der Schule in Rößel liefen alle wie von der Tarantel gestochen umher, diskutierten und weinten und keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Unser Direktor war am Wochenende heimlich verschwunden, einfach abgehauen dieser Nazi, der immer nur in seiner braunen Uniform rumlief. Ließ die einhundertzwanzig Kinder und die Lehrkräfte im Stich, um seine eigene Haut zu retten. Sollte Rößel den Fluchtbefehl erhalten, wäre unser Internat an letzter Stelle‚ das die Stadt verließe. Das waren seine Worte an uns gewesen. Und am Montag, den 22. Januar 1945 hat man auch ohne den verschwundenen Direx die Schule aufgelöst.

Wir bekamen eine Abmeldung und Lebensmittelkarten, jeder konnte fort, wenn er wusste wohin. Nur die Mädels aus den Orten, in denen schon der Russe war, blieben dort. Nun ging es erneut heimwärts. Wir vier aus Wilkendorf hatten Gelegenheit, ein gutes Stück mit Soldaten mitzufahren. Gerta und ich kehrten erst bei Schiweck’s ein. Ihr Vater hatte Geburtstag. In der guten Stube saßen unsere beiden Väter am Ofen und tranken Bärenfang. Nie werde ich das Gesicht meines Vaters vergessen, als ich nun wieder da war.

Später, viel später, als Vater und ich aus der russischen Gefangenschaft wiedergekommen waren, da sagte er zu mir, dass er damals gewusst hatte, was die Uhr geschlagen hat. Dass ich aber diese Ahnung vorher hatte und nach Hause kam, da ich doch erst 15 Jahre alt war, das konnte er nicht begreifen.

Geschichte des Kreises Rößel in Ostpreußen

Der Kreis Rößel bestand seit dem 1. Februar 1818. In alter Zeit war das Ermland in zehn Kammerämter eingeteilt. In jeder Stadt war eine Burg, dort wohnte der Burggraf, der das Kammeramt verwaltete. Bischofsburg und Bischofstein hatten eine Burg aber keinen Burggrafen. Bischofsburg gehörte zum Kammeramt Seeburg

Bischofstein zum Kammeramt Rößel. Die vier Städte des Kreises Rößel, Rößel, Bischofsburg, Seeburg und Bischofstein lagen in den vier Ecken des Kreises und förderten das Wirtschaftsleben. Der Kreis hatte aber keinen Mittelpunkt.

Der Kreis Rößel hatte ein Flächenmaß von 850,84 qkm und hatte 51832 Einwohner. Auf den qkm 60,9 Einwohner. Er war der kleinste Landkreis im Reg.Bez. Allenstein, aber am dichtesten von allen Landkreisen bevölkert. Der Kreis Rößel gehörte zum Ermland und mit seinen landschaftlichen bäuerlichen Mittelbetrieben zu den fruchtbarsten Kreisen der Provinz Ostpreußen.

1818-1862 war die Stadt Rößel Kreisstadt, danach wurden die Kreisämter nach Bischofsburg verlegt. Erst 1908 als zweitletzte Stadt Ostpreußens wurde die Stadt Rößel an das Eisenbahnnetz angeschlossen.

1938 veranlasste die nationalsozialistische Reichsregierung eine umfassende Germanisierung von Ortsnamen. Im Kreis Rößel waren davon drei Gemeinden betroffen (Adlig Wolka in Adlig Wolken, Groß Wolka in Großwolken und Robawen in Robaben).
Ende Januar 1945 besetzte die Rote Armee ohne wesentliche Kampfhandlungen den Kreis Rößel. Erst nach der Besetzung wurden die Städte und Dörfer durch die Rote Armee zum Teil durch Brandstiftung zerstört. Die deutsche Bevölkerung des Gebiets wurde vertrieben.Quelle: Wikipedia.org