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Erinnerungen – Kapitel 12

1948 Mein neues Zuhause

Endlich war die jahrelange Sehnsucht nach Hause zu fahren vorbei.
Für mich war es in Steutz aber wieder eine fremde Welt, in der ich mich befand. Es war nicht Ostpreußen‚ nicht Bärenwinkel, nicht unser Hof. Meine Eltern waren zwar beide da. Mein Vater selber ein Sibirienheimkehrer, meine Mutter und mein zehn Jahre jüngerer Bruder Frank waren aus Ostpreußen geflüchtet und ebenso fremd in der neuen Heimat. Alle waren mir fremd geworden nach den dreieinhalb Jahren Lagerleben in Russland. Es war nicht so, wie ich es mir erträumt hatte. Vor allem habe ich meine Uralschwestern vermisst, mit denen ich jahrelang Tag für Tag zusammen war. Ich kam mir amputiert vor, in der kleinen Stube mit nur drei Menschen zu leben.

Als ich dann zum ersten Mal in einem richtigen Bett lag, mich mit einem Federbett zudecken und den Kopf in ein Federkissen kuscheln konnte, da versank die Welt für mich. Ich hatte das Gefühl auf einer Wolke zu liegen und im All zu schweben. Und dann brach alles aus mir raus; ich habe so sehr geweint, ja geheult, wie nie zuvor und nie danach in meinem Leben. Ich weiß nicht, war es Freude, Enttäuschung oder Angst vor dem, was jetzt auf mich zukommen wird?

Vater ging mit mir zirka zwölf Kilometer zu Fuß nach Zerbst, um mich polizeilich anzumelden, denn jetzt brauchte ich ja eine Identität. Mein Entlassungsschein mit dem großen Stempel bestätigte ja nur die Einreise in die damalige russische Zone und weitere Papiere besaß ich nicht. Auch zum Gesundheitsamt gingen wir. Mein Zustand war nicht der beste, denn ich wog mit meinen achtzehn Jahren nur zweiundvierzig Kilogramm. Wie viele Kilometer ich im Laufe meiner Gefangenschaft in unförmigen Schuhen aus Autoreifen gelaufen war, kann ich nicht zählen. Keine Strümpfe, nur Fußlappen hatte ich, die aber, um die Knöchel gewickelt, wenigstens die Scheuerstellen vermieden. Im Winter bekam ich unförmige Filzstiefel, in die ich mit nackten Füßen hineinstieg. Jeden Abend brachte ich sie ins Trockenhaus. Und das alles hatte dazu geführt, dass der Arzt jetzt feststellte, dass ich Plattfüße mitgebracht hatte. Er bewilligte mir eine Erholungszeit von vierzehn Tagen. In dieser Zeit saß ich oft auf den Wegen im Wald und träumte vor mich hin, spielte wie ein Kind im Sand und fühlte mich einsam und verloren. Meine Eltern musste ich auch erst wieder kennenlernen, sie hatten sich sehr verändert, denn auch sie waren aus dem Nest gefallen.

Mit Mutter bin ich mit dem Handwagen losgezogen, um auf abgeernteten Feldern Ähren zu sammeln und Kartoffeln zu stoppeln. Es war für mich ein eigenartiges Gefühl, Mutter so zu sehen, wie sie sich nach jeder einzelnen Kartoffel oder Ähre bückte -mit meinem Wissen, wie es einst auf unseren Feldern war-. Und auf einmal hatte meine Mutter Angst um mich! Auf einem Fahrrad fuhr ein Russe vorbei und fragte, wie weit es noch bis zum nächsten Ort wäre. Mutter verstand nicht, was er fragte, auch nicht, was ich ihm auf Russisch antwortete. Der Russe fuhr weiter und ich sagte ihr, um was es ging. Da holte sie tief Luft.

Irgendwann musste ich mit einer Arbeit anfangen. Mir war alles egal, ich hätte auch die Pferdeäppel von der Straße gefegt. Mein Vater hatte aber schon mit dem Bürgermeister von Steutz vereinbart, dass ich im dortigen Kindergarten anfangen sollte. Also, nichts wie hin. Es waren dort zirka dreißig Kinder zu betreuen vom zweiten bis zum vierzehnten Lebensjahr. Wieder was Neues, wo ich doch selber noch fast ein Kind war und dazu keine Ahnung von Kinderbetreuung hatte. Das Leben war nicht einfach. Wenn die Kinder zum Frühstück ihre belegten Brote auspackten und es nach Leberwurst und Schinken roch, dann musste ich öfters Spucke schlucken, um nicht zu sabbern wie ein Hund. Ich hatte mein Frühstück auf dem Weg zum Kindergarten längst schon wieder ausgespuckt, denn der Druck im Magen gehörte seit langem schon zu mir. Einmal brachte mir die Oma eines Mädchens ein ganzes Bäckerbrot, so schön mit blanker Kruste und zwei Kerben obenauf, das ich während meiner Arbeitszeit allein aufgegessen habe. An ein Sättigungsgefühl musste ich mich nach den Jahren im Lager erst wieder gewöhnen.

Dass meine Kindergartentätigkeit eine Lehrstelle war, hatte mir keiner gesagt. Auf einmal musste ich zur Berufsschule nach Zerbst. Natürlich wieder zu Fuß. Einmal war auch ich dran, einen Zeitungsbericht zu machen. Da wir keine Zeitungen hatten, weil da ja nur politischer Kram drinstand und die Lehrerin wusste, dass ich in Sibirien war, wurde zum Glück allgemein darüber gesprochen. Dann erzählte mir eine Mitschülerin, dass ich für das nächste Halbjahr schon auf dem Dienstplan in dem dortigen Kinderheim stand. Für zehn Kinder hätte ich die Verantwortung und außerdem werden um einundzwanzig Uhr alle Türen verschlossen. Das war zu viel für mich ‒ nie im Leben lasse ich mich wieder einsperren! Also ging ich nach Schulschluss zum Schulamt und habe mit diesem Argument sofort gekündigt. Man hatte für mich Verständnis. Erleichtert kam ich nach Hause und hatte meine erste amtliche Entscheidung selber getroffen.

Aber zuvor! Vom Gemeindeamt in Steutz bekam ich monatlich meinen Gehaltsscheck, den ich brav meiner Mutter ablieferte, die ihn dann bei der örtlichen Raiffeisenbank einlöste. Es waren immer so um die Einhundert Ost-Mark. Um die zehn Pfennige für Briefmarken musste ich sie aber anbetteln, denn ich stand mit meinen Uralschwestern in regem Briefverkehr. Einmal gab sie mir auf mein Bitten zwei Mark und dreißig Pfennig, die ich dann im Beisein von ihr und Frank zwischen den Knöpfen im Nähkasten deponierte. Taschengeld war für mich ein fremder Begriff, denn ich hatte in meinem bisherigen Leben noch nie mit Geld zu tun gehabt. Nach ein paar Tagen wollte ich etwas Geld für eine Briefmarke mitnehmen und alles Geld war weg! Noch ehe ich meinem Bruder an die Gurgel gehen konnte, kam Mutter ihm zu Hilfe und gestand, sie hätte das Geld genommen. So konnte ich doch niemals lernen, mit Geld umzugehen.

Vom Gemeindeamt bekam ich einen Bezugsschein für ein Kleid und ein Paar Schuhe. Diesen Monat hatte ich den Gehaltsscheck nicht meiner Mutter gegeben, sondern mir mein Geld selber von der Bank geholt. Ich fuhr mit der Fähre über die Elbe nach Aken‚ kaufte mir zum ersten Mal in meinem Leben vom selbstverdienten Geld ein Kleid in braun mit einigen weißen Streifen und blaue Stoffschuhe mit geteilter Holzsohle. Da war was los! Inzwischen war ich 19 Jahre alt und Mutter beschimpfte mich dafür. Wollte sie mich unselbstständig und ängstlich halten, oder wollte sie die vergangenen Jahre nachholen, in denen ich ihrem Zugriff entrissen war? Oder ging es ihr vielmehr darum, dass ich es nicht wagen sollte über mein selbstverdientes Geld allein zu verfügen? Wer weiß das schon. Nach diesem Streit bekam sie nur noch die Hälfte von meinem Geld ab.

Nachdem ich beim Schulamt gekündigt hatte, habe ich bei meinem Vater, der inzwischen die Obstplantage der Gemeinde in Händen hatte, geholfen Obst zu pflücken. Wenn um 17 Uhr Feierabend war, begann der Obstkistenabtransport auf einem von Vater selbstgebauten zweirädrigen Karren in die alte Mühle. Ich zog ihn vorn an der Deichsel und Vater schob von hinten. Dann die Kisten rauf tragen, immer wieder, bis die Tagesernte von der Obstplantage ausgeladen war. Gegen dreiundzwanzig Uhr waren wir dann endlich zu Hause.

Wir wohnten in Peter Sandmanns Elbhaus. An Sonntagnachmittagen oder abends spielte eine Kapelle im großen Saal zum Tanz auf. Einmal haben die Dresdner Zuckerbäcker ihren Betriebsausflug dorthin gemacht. Sie brachten ihren süßen Kartoffelsalat und Würstchen mit. Am liebsten hätte ich mich in den Kartoffelsalat reingelegt, so gut hat er geschmeckt.

Auch meinen allerersten Kuss bekam ich dort, aber ich wusste nicht, was mir da geschah! Ich lief die Treppe rauf in die Wohnung, verkroch mich im Bett und hatte Angst, man könnte es mir ansehen, so unerfahren wie ich war.

Damit ich unter Leute kam, um meine Schüchternheit und Minderwertigkeitskomplexe zu überwinden, lotste mich Fräulein Eduer mit zum Chorsingen nach Steutz. Ich saß bei den Altstimmen, sang feste beim Üben An der schönen blauen Donau mit. Ein Mitsänger, der Vater kannte, hat zu ihm gesagt: Deine Tochter kann wohl singen, aber sprechen kann sie nicht. Es stimmte, denn in der Pause, wenn alle miteinander redeten, schwieg ich und gab auch keine Antworten. Ja, so was muss man erst mitmachen um zu wissen, wie weit ich im Grunde weg war. In Wirklichkeit war ich noch gar nicht angekommen.

Eines Tages kam mal wieder Onkel Fritz mit seinen legendären hölzernen Munitionskisten, um damit vollgefüllt mit Obst wieder nach Halle zu fahren. Da die Obsternte abgeschlossen war, vermittelte er mir eine Stellung auf einem Bauernhof in Sanne, Kreis Stendal. Also fuhr ich dort hin, um mich vorzustellen. Wie ich da hingefunden habe, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hatte ich da wenigstens satt zu Essen. Zu damaliger Zeit war das für mich die Hauptsache. Die Hausarbeit, das Waschen, Kochen und Backen, alles musste ich ja erst lernen. War ich im Stall bei den sechzig Schweinen im Einsatz mit dem Kartoffeldämpfen, Luzerne häckseln und füttern, sowie Kühe melken, Garten- und Feldarbeit, dreschen und sogar mit drei Pferden eggen, so war mir das alles eher vertraut, da ich auf einem Bauernhof aufgewachsen bin. Ja, so ist das ganze Leben nur eine Lernerei nach der anderen.
Wie schön, dass ich jetzt im Ruhestand bin.