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Erinnerungen – Kapitel 4

Bärenwinkel, die Russen kommen…

Es wird allmählich Zeit, dass ich noch einmal in die Erinnerungskiste greife, um noch nicht Gesagtes, aber nie Vergessenes aufzuschreiben. Nicht um meine Aufzeichnungen selbst zu lesen, ‒ auch anderen zu erzählen, wie damals im Januar 1945 alles angefangen hat.

Am 27. Januar waren die Russen vor Ort. Unser Hof lag in Bärenwinkel fast drei Kilometer von Wilkendorf entfernt, also sozusagen auf dem Abbau. Bärenwinkel bestand nur aus drei Bauernhöfen. Wer das Rastenburger Stadtwappen kennt mit dem Bären, der zwischen drei Tannen eingeklemmt ist, der kann sich ausrechnen, dass das in Bärenwinkel war.

Eines Tages hat mein Vater mich in die Scheune geführt. Er stellte die lange Leiter an die noch zu dreschenden Garben an, die bis unters Dach aufgefleiht waren. Er stieg mit mir hoch, nestelte ein schönes Nest zurecht und sagte mir, dass ich jetzt hier bleiben müsse. Er brachte mir seinen von mir schon immer geliebten langen Fahrpelz aus Schaffell mit einem großen Waschbärkragen nach oben, ebenso einen Eimer. Ich sollte mich ruhig verhalten, denn keiner sollte wissen, dass ich dort oben hauste. Keiner, das waren vor allem Russen, die einzeln über die Felder ritten und auf den Höfen irgendwelche Sachen fanden und mitnahmen.

Bald sah ich durch das Eulenflugloch den ersten Russen auf unsern Hof reiten. Ich fragte mich, wo er wohl seinen Pferdefuß habe, denn das Bild, das das Nazimagazin Der Stürmer von einem Russen brachte, stellte ihn so dar. Dann sah ich, wie mein Vater seinen guten Sattel dem Russen übergab. Dann kam ein Russe, der mein Schifferklavier mitnahm und darauf dudelte. Inzwischen war ein Kutschwagen auf den Hof gefahren. Ein Ehepaar mit seiner Mutter und einem zirka sechzehn Jahre alten Knecht und einer zwanzig Liter Milchkanne voller Schweineschmalz. All ihre Habe hatten sie verloren, sie retteten nur das nackte Leben.

Auf einmal war der ganze Hof voller Leute, sie kamen aus Wilkendorf. Ich sah, wie man Stroh ins Wohnhaus brachte, in unsere gute Stube, die wir nur zu Weihnachten und anderen Familienfesten benutzten. Zwei Tage musste man den Ofen heizen, um sie warm zu kriegen. Nun war das Haus voll! Es war zwar immer noch Krieg, aber als Alleinversorger hatten wir ja keine Not. Mehl war genügend da, um täglich für rund dreißig Personen Brot zu backen. Geschlachtet hatten wir, von sechs Kühen war genügend Milch da, und der Keller war voller Kartoffeln.
Und ich?

Jede Nacht holte mich mein Vater, wenn alle schliefen, von der Scheune runter. Mit der Taschenlampe führte er mich ins Haus. Dann bekam ich etwas Warmes zu essen und zu trinken und lag danach mit Vater, Mutter und Bruder im Wohnzimmer quer auf dem Bett, die Füße auf einer Bank abgelegt. Nach drei Stunden musste ich wieder auf die Scheune, denn im Haus durfte keiner wissen, wo ich mich aufhielt, so konnte mich keiner an die Russen verraten. Als dann alle wieder ins Dorf zurück gingen, um registriert zu werden, konnte ich wieder aus meinem Versteck kommen. Die geflohene Familie blieb auf dem Hof.

Es kam die Nachricht, dass alle Männer im Alter von fünfzehn bis fünfzig Jahren sich mit Verpflegung für vierzehn Tage, Sommer und Winterkleidung im sechzehn Kilometer entfernten Sensburg am angegebenen Tag einzufinden haben. Meine Mutter hat dann in einer Dose Vaters Taschenuhr unter Butter verstaut und noch allerlei zum Essen eingepackt. Opa Schiweck holte Vater mit dem Leiterwagen ab und brachte ihn, Onkel Fritz und andere nach Sensburg. Wenn ich heute daran denke, wie sich Vater von uns auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hat, kommen mir auch noch nach so langer Zeit die Tränen.

Die Russen kommen, rief meine Mutter, versteck dich! Ich sprang durch das Stubenfenster in den Garten, lief durch den Schnee zum Strohhaufen hinter der Tannenhecke, die den Obstgarten von Nord und Ost schützte, krabbelte ins Stroh und schlief ein. So wie ich im Haus angezogen war, lag ich nun stundenlang in der Kälte im Strohhaufen und hatte mir eine erhebliche Erkältung eingefangen. Ich konnte kaum sprechen, hatte Halsschmerzen und vielleicht sogar Fieber.
Nun hatten sich überall russische Kommandanturen eingerichtet und jeder hatte eine Norm zu erfüllen. Also schwärmten die Soldaten aus, um für einen Transport Leute zusammenzutreiben. Jeder musste ja sein Soll erfüllen. Da fanden sie nicht nur Frauen und Mädchen, nein, auch Altersschwache und Behinderte. Die Hauptsache, die Kopfzahl stimmte.

Da kommt ein Russe auf den Hof, schnell, versteck dich! rief mir Mutter zu. Aber ich hatte keine Meinung, schon wieder auf den Strohhaufen zu verschwinden. Die Tür ging auf und der Russe war da. Er setzte sich auf den Kohlenkasten, der an der Tür stand, zog seine Stiefel aus und hielt die nackten Füße vor die von ihm geöffnete Ofentür. Wie oft ich an diese Begebenheit dachte, als ich später mal in der gleichen Situation war! Was er alles sagte, wer verstand das schon? Nur mit Zeichensprache konnte er sich verständlich machen und das hieß, ich sollte mit zur Kommandantur, ein Dokument unterschreiben. So wie ich stand, wollte ich aus der Haustür. Da hingen dann am Haken einige Jacken und Mäntel neben der Tür, und der Russe griff einen alten schweren Mantel und gab ihn mir. Ich zog ihn an und o je! Der hatte einen langen Riss vorne bis ans Knie, den hatte mein großer Bruder wohl fabriziert, denn den Mantel trug er beim Pflügen. Nun gingen wir zwischen Scheune und Stall vom Hof und ich hielt mich an einer alten Tasche fest, in die Mutter mir etwas zu essen eingepackt hatte. Das Messer, die Gabel und den Löffel hat man mir aber schon bald abgenommen. Nachdem wir bei Schiwecks Halt machten, saßen schon Nachbarsleute bereit zum Abmarsch. Wir gingen über Felder bis zum Gut Wangotten. Dort saßen wir im ehemaligen Schlafzimmer auf dem Fußboden, in dem nur noch ein Schrank stand. Im Laufe des Abends wurden wir dann einzeln in eine Dachstube von einem Russenmädchen geholt, das gleichzeitig auch dolmetschte. Ein Offizier stellte dann die bekannten Fragen zur Person und Familie.

Am nächsten Morgen wurden wir dann weiter über die Felder nach Rastenburg gebracht. Natürlich ohne ein Frühstück. Im dortigen Gefängnis folgte ein erneutes Verhör mit den gleichen Fragen. Auf meiner Karteikarte stand dann eine rote VI, warum auch immer. Dort gab es um 11 und um 17 Uhr ein wenig Verpflegung. Man brachte mich dann in den Keller in eine Zelle. Darin befanden sich zwei Eisenbettgestelle ohne Matratze. Unter einem Bett befand sich in einer Blechschüssel ein weißes Kaninchen ‒ es saß auf Grütze. Was hatte das arme Tier nur verbrochen? In der Mitte der Zelle stand ein kleiner Tisch. Wir waren neun Frauen in der Zelle. Fräulein Eschenbach, eine Lehrerin, ordnete an, dass wir um den Tisch gehen müssen und singen: Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem Großen Sieg! Nachts war es manchmal sehr laut und auch Schüsse waren zu hören. Einmal am Tag holte uns ein Posten in den Garten zum Entleeren. Einige Posten standen dann mit aufgepflanztem Seitengewehr am Zaun und schauten unseren Geschäften zu.

Dawai, sagte der Posten und holte uns aus der Zelle in den oberen Flur. Dort standen schon etliche Leute. Auf einmal sehe ich einen blau karierten Turban und erkenne meine Tante Trude. Sie wurde gerade aufgerufen und verließ das Haus. Ich musste wieder zurück in meine Zelle.
Nach zwei Tagen war ich dran, das Haus zu verlassen und auf einen mit Verdeck versehenden Lastwagen zu steigen, den zwei Posten mit aufgepflanztem Seitengewehr bewachten. Wo bringt man uns nun hin? Da waren wir nach langer Fahrt in Insterburg angekommen, wohl im dortigen Zuchthaus.

In einen großen Raum brachte man uns, in dem dreistöckige Pritschen standen. Die jüngsten Frauen krabbelten nach oben. Wir lagen so eng wie in einer Sardinenbüchse, sechs Frauen auf einer Zweibettpritsche. Ich hatte am Rand meinen Platz eingenommen und es ging so leidlich. Aber sobald man sich im Schlaf entspannt, wird es ziemlich eng. Ich fiel dann einfach runter. Zum Glück nicht in die in der Ecke stehende Blechtonne für unsere kleinen und großen Geschäfte‚ auch nicht nur mit einem Fuß, sondern mit dem Schienbein und Knie auf den Tonnenrand. Das Blut lief den Baumwollstrumpf hinunter und verklebte. Es gab keine ärztliche Versorgung. Von wem denn auch und womit? Die Delle ist heute noch da. Wie wir dort verpflegt wurden, weiß ich nicht mehr.

Wir wurden in einen großen Saal gebracht, der schon voller Leute war. Da sah ich am anderen Ende meine Tante mit dem Turban wieder. Meine leere Tasche, die ich ja nur noch zum Festhalten hatte, ließ ich bei den Leuten aus meinem Raum und schob mich bis zu meiner Tante durch. Wir umarmten uns und weinten. Meine Tante zeigte mir die blauen Flecken ‚die man ihr bei den Vernehmungen zugefügt hatte. Sie wusste doch gar nicht, wo sich ihr Bruder aufhielt, den sie suchten. Nachts kam er wie ein Vagabund, verfroren und dreckig zu uns, klopfte das vereinbarte Zeichen an das Stubenfenster und stieg da auch ein. In der Zeit, in der Mutter ihm etwas Warmes zum Essen machte, wusch er sich, rasierte seinen Bart ab und zog neue Strümpfe an. Dann verschwand er wieder in die Wälder.

Und auf einmal kam Bewegung in die Masse. Was nun? Ich hatte doch meine Tasche nicht. Also drängte ich mich gegen den Strom meiner Tasche entgegen. Inzwischen war meine Tante schon fort zur Verladung zum Bahnhof.

Meine Tante sah ich dann erst im Lager 1083 in Potanino wieder, hinterm Ural in Sibirien! Dort war sie in einer anderen Baracke untergebracht. Sie lag krank auf ihrer Pritsche und freute sich, wenn ich sie nach der Arbeit in der Ziegelei besuchte. Bleib doch bei mir, sagte sie. Ich legte mich zu ihr und am nächsten Tag stimmte auch nach mehrmaliger Zählung die Zahl der Einwohner in der Baracke nicht, bis man mich fand. Ich wurde verraten. Dann kam ein Russe mit aufgepflanztem Seitengewehr und nahm mich mit. Soviel Schiss hatte ich noch nie in der Hose. Jetzt schießt er mich tot! Dachte ich. Aber er führte mich hinter das Lazarett I‚ wo eine Bude war, in der ein aus Ziegel gemauerter Ofen stand. Den musste ich sauber machen, von Ruß und Asche. Danach durfte ich wieder in meine mir zugewiesene Baracke.
    PUH!