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Einiges aus Wilkendorf in Ostpreußen

In Wilkendorf hatten in den 1940er Jahren wohl alle Bauern ein Telefon. Zu der Zeit gab es noch kein Handy und dergleichen, nicht einmal das Selbstwählsystem. Sobald die Kurbel am stehenden oder hängenden Telefon gedreht wurde, klingelte es auf dem Postamt bei Frau Nadolny, sie stöpselte einige Stecker um und verband so die beiden Gesprächspartner miteinander.

Der Postbote, der im Dorf die Post verteilte, trug eine breite lederne Umhängetasche und hatte nicht nur Briefe auszutragen. Am Monatsanfang brachte er auch die Rente ins Haus.

Es war mühselig, alle Abbauten zu erreichen, denn sie lagen verstreut mitten in ihren Feldern. Da wir Kinder sowieso ins Dorf mussten, holten wir oft unsere Post ab. Ich nahm dann auch die Post für Familie Broschies mit, die im dritten Hof in Bärenwinkel wohnten. Herr Broschies hatte sehr große Hände, die Daumen waren so dick wie Würste und ich musste da immer hinsehen. Frau Broschies war eine kleine rundliche Frau, die sich immer freute, wenn ich ihr von ihrer Tochter aus Berlin einen Brief mitbrachte. Wenn die Himbeeren im Garten reif waren, durfte ich in den Garten gehen und mich daran laben. Sie schnitt auch eine große Scheibe vom Weißbrot ab, beschmierte sie mit dick Butter und Honig. War das ein Genuss! Nur musste ich aufpassen, dass der Honig nicht meine Schulschürze bekleckerte.

Eines Tages kam der Sohn Ernst mit seinem Terrier Strolly in die Stube. Er hat mich immer gern geärgert. Da ist ja meine zukünftige Braut. Ich werde dich mal heiraten, denn ich habe schon mit dem Böttcher, deinem Vater verhandelt. Mit zehn Jahren habe ich also schon einen Heiratsantrag bekommen. Er ging auf mich zu und ich sprang auf, in dem Moment sprang unter Gebell der Strolly an mir hoch, biss in meine Schürze und zerriss sie. Oje! Frau Broschies, die am Tisch mit dem Mangelholz hantierte, schimpfte ihn aus und schlug ihn damit auf den Rücken. So bezog der 20-jährige Sohn seine verdienten Prügel. Er verließ danach lachend die Stube.

Im Posthaus wohnte auch der Schuster. Wenn ich mal Schuhe zur Reparatur dort hinbrachte, wunderte ich mich, ob wohl jeder bei den vielen Schuhen die seinigen wiederfinden würde? Die Werkstatt war in der Küche, so wie ich mich erinnere.

Außerdem wohnte in Wilkendorf auch ein Schneider. Er war wohl der einzige Jude im Ort. Manchmal kam er spätabends zu uns. Er brachte Stoffproben vorbei, nach denen er für meinen Vater einen neuen Anzug nähen sollte. Auch die Anproben fanden bei uns spät am Abend statt. Ob Vater sich nicht getraute, bei ihm die Anprobe zu machen? Und warum kam der Schneider‚ dessen Namen ich nicht mehr weiß, erst spät zu uns? Wollte er nicht gesehen werden, außerdem meinen Vater schützen? Manchmal musste er auf meinen Vater warten, denn der war zu Nachbarhöfen geritten, um die gefangenen Franzosen, Polen oder Russen für die Arbeiten des nächsten Tages einzuteilen. Die Höfe waren sozusagen herrenlos, die Bauern waren bei den Soldaten. Für diese Aufgabe wurde Vater im November 1939 vom Polenkrieg freigestellt und kam heim.

So überlebte er den Krieg. Dafür musste er dann dreieinhalb Jahre in Sibirien als Zwangsarbeiter Steine kloppen. Als er ausgerechnet hatte, dass er und ich auf den Tag genau gleich lange in Sibirien waren, da sagte er zu mir Sag bloß, der Russe kann nicht rechnen!