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Das Altenteil

Bei uns in Ostpreußen lebten drei Frauen im Altenteil unseres Hofes.

Tante Karoline, eine gebürtige Berlinerin, lebte schon sehr lange auf unserem Hof. Sie kam schon im neunzehnten Jahrhundert als Magd zu Vaters Familie. Da war mein Vater noch nicht auf der Welt. Sie blieb bis zu ihrem Tode und war ein Mitglied der Familie. Sie war nie verheiratet und ist kinderlos geblieben. Wenn ich an sie denke, dann sehe ich eine alte Frau mit vielen Runzeln im Gesicht vor mir. Ihr ergrautes Haar bedeckte sie mit einem schwarzen Kopftuch, dessen Fransen auf ihre Schultern fielen. Der bodenlange schwarze Rock, über mehreren Unterröcken getragen, wurde mit einer gestreiften Halbschürze bedeckt. Auch ihre hochgeschlossene langärmelige Bluse war schwarz. Ich glaube, dass sie kaum eine Wechselgarderobe besaß, denn für mich sah sie immer gleich aus. In ihrem hohen Alter von 80 Jahren hat sie immer noch die Schweine gefüttert. Sie holte mit einem Drahtkorb die Kartoffeln aus dem Keller, um sie in der Futterküche auf dem gemauerten Herd zu kochen. Wenn sie dann zum Abkühlen vor die Tür gestellt waren, habe ich manchmal von den kleinen Schweinekartoffeln einige stibitzt. War das Futterneid? Aus Hunger tat ich es bestimmt nicht.

Tante Karoline hatte auf dem Hausboden eine kleine schräge Dachkammer. Das kleine Fenster ohne Gardine zeigte nach Süden. In ihrem Bett lag ein dicker Strohsack, darauf ein dickes Federbett, bezogen mit einem rot karierten Leinen. Vor ihrem Bett lag ein kleiner Flickenteppich, auf dem ich saß, wenn ich sie mal besuchte. Ich glaube, es muss wohl sonntags gewesen sein, denn dann hielt sie ihre religiöse Stunde ab. Sie betete und sang aus ihrem Gesangbuch. Früher waren die alten Leute sehr religiös.

Dann wurde Tante Karoline sehr krank. Weil sie nun auch nicht mehr die Treppe runtergehen konnte, brachte meine Mutter ihr das Essen ans Bett. Und eines Tages sagte Mutter, nun hat sie es überstanden. Ich konnte Tante Karoline noch einmal sehen und nicht begreifen, dass sie nun tot war.

Es war Winter und es lag sehr viel Schnee. Der Friedhof in Bäslack war sechs Kilometer von uns entfernt. Also ließ Vater den Waldschlitten anspannen. Auf dem mit Tannengrün geschmückten Schlitten wurde der Sarg zum Friedhof gefahren. Alle Begräbnisgäste, die sich auf unserem Hof eingefunden hatten, fuhren mit ihren Schlitten hinterher. Erst auf der Rückfahrt wurden die üblichen Glockengeläute angebracht.

Oma Berta, die Stiefmutter meines Vaters, lebte mit ihrer Schwester zusammen in einem großen Zimmer, dem regulären Altenteil. Oma saß meistens in der Küche am Fenster auf ihrem Sessel und strickte immer Strümpfe. Wenn sie neue Wolle hatte, spannte sie mich oft ein zum Wolle aufwickeln. Ich fand das langweilig. Oma war nicht sehr gesprächig und ich hatte eigentlich ein wenig Respekt vor ihr. Fragte ich sie mal etwas, dann sagte sie nur: Das verstehst du nicht, oder: Das brauchst du nicht zu wissen, oder: Sei nicht so neugierig. Wahrscheinlich wusste sie es selber nicht. Ich habe nie gesehen, dass mein Vater sich mal mit seiner Stiefmutter unterhalten hat.

Wenn wir Kinder im Winter halb erfroren aus der Schule kamen, meldeten wir schon auf halbem Wege untereinander an: Kohlentopf Erster! Der Kohlentopf war aus Gusseisen und mit durchgeglühtem Torf mit Asche bedeckt gefüllt. Ihn versteckte Oma unter ihren langen Röcken, wenn sie auf ihrem Sessel saß, wie immer strickte und sich dabei wärmte. Sie gab uns dann die Wärmequelle für kurze Zeit ab. So hatten wir über den Kohlentopf näheren Kontakt zu ihr.

In der Küche waren im Winter die Fensterscheiben von innen zugefroren. Wenn wir Kinder daran rumkratzten oder gegenhauchten, schimpfte sie mit uns. Es hätten ja die Scheiben kaputtgehen können. Aber alles Verbotene hat ja bekanntlich seinen besonderen Reiz.

Mit ihrer Schwester Minna lag Oma oft im Streit. Sie stritten auf Plattdeutsch oder Masurisch, was ich kaum verstehen konnte. Tante Minna war immer etwas kränklich. Sie musste viel husten und. sagte mal: Ök war bol starwe. Oma schnauzte sie darauf hin an: Jo jo, de Dod de fiddelt di all am Moasch. Mir tat Tante Minna so leid. Sie hat mich sehr gern gehabt, genau so wie ich sie. Sie war sehr fromm. Wenn Oma in der Küche saß, bin ich oft zu ihr in ihre Stube gegangen, aber nur auf Strümpfen. Die Schuhe musste ich vor der Türe ausziehen. Betrat ich die Stube, sah ich an der einen Wand drei große gerahmte Bilder hängen. Zwei Engel auf einer Wolke sitzend. Darunter stand: Wo Glaube, da Liebe. Wo Liebe, da Friede. Wo Friede, da Gott. Wo Gott, keine Not. Daneben waren Kaiser Wilhelm mit seiner Frau und ein Bild der Wartburg zu sehen.

Tante Minna las mir dann immer fromme Sprüche aus ihrem Abreißkalender vor. Danach faltete sie ihre Hände, schloss die Augen und betete mit ihren eigenen Worten weiter. Ich dachte mir: Wann hört sie endlich auf!, denn hinter dem Kachelofen stand die Büchse mit den Pfefferminzbonbons, von denen ich immer einige nach ihrem Gebet bekam. Manchmal bat sie mich, ihr die Füße zu waschen. Sie konnte sich nicht mehr so gut bücken und mit ihren steifen Fingern nicht zwischen die Zehen kommen.

Vor Gewitter hatte ich als Kind immer Angst. Besonders, als ein Blitz im Nachbarort in ein Bauerngehöft einschlug und alle Gebäude bis auf das Wohnhaus abbrannten. Der liebe Gott schimpft mit dir sagte man zu mir. Wenn ich mich aber so in eine Zimmerecke setze, dass der liebe Gott mich nicht durch das Fenster sehen kann, gilt das Schimpfen nicht mir, meinte ich. Der liebe Gott kann dich auch durch die Wand sehen. Das konnte ich nun wiederum gar nicht verstehen. Für mich war der liebe Gott ein Mensch, so wie ich ihn ja auf Abbildungen sehen konnte. Außerdem machte man uns Kindern Angst, wenn wir irgendwo nicht hin sollten. Unter dem Dach über dem Kartoffelkeller war so allerlei Gerümpel, das uns sehr anzog. Wer die meisten Spinnen fand, war Sieger. Aber da wohnte ja der GELBZAHNDer Gelbzahn (auch Geltan, Geltän, Jeltän) hat sich teilweise auch verselbstständigt und zu einer Schreckgestalt mit feurigen Augen, einem Mann mit gelbem Zahn gewandelt. Der Gelbzahn, der die Kinder beißt oder mitnimmt, ist eher ein allgemeiner Kinderschreck, der auch an anderen verbotenen Orten wie der Scheune oder dem Dachboden lauern kann., der kleine Kinder fraß. Im Hauskeller und auf der Lucht gab es den BAUBAUBaubau oder Butzemann nannte man den Kinderschreck in Ostpreußen. Und wenn ich heute darüber nachdenke, dass man uns mit Angst aufwachsen ließ, kann ich nicht begreifen, wozu das alles hätte gut sein sollen.

Als Oma gestorben war, durfte ich bei Tante Minna in Omas Bett schlafen. Ich empfand es als Auszeichnung. Aber dann, als Tante Minna bettlägerig wurde und sie des Nachts oft nicht schlafen konnte, viel gehustet und gebetet hat, da warf ich mich von einer Seite auf die andre. Manchmal rief sie mich, wenn sie etwas trinken wollte. Und eines Tages, als ich aus der Schule kam, war Tante Minna eingeschlafen. Ich ging in ihr Zimmer und sah sie in ihrem Bett liegen wie immer. Ein weißes Tuch band ihren Kiefer hoch und die Wanduhr tickte nicht mehr. Ich blieb eine ganze Weile bei ihr und dachte, wie sie wohl aussehen wird, wenn sie ihr schönes weißes Sterbehemd mit den vielen Spitzen anhaben wird. Tante Minna zeigte es mir mal, als sie in der alten Truhe kramte. Sie sagte, dass sie schön aussehen wolle, wenn sie in den Himmel kommt.

Mit meiner Schwester teilte ich dann das Zimmer. Da wir beide Blockflöte spielten, aber tagsüber keine Zeit zum Üben hatten‚ übten wir vor dem Einschlafen unter der Bettdecke. Auf einmal wurden die Zudecken hochgerissen und Mutter schlug mit der Klopppeitsche auf unsere Beine und sagte: Wollt ihr Gnosen mal schlafen! Was war das denn? Hatte sie sich über etwas ganz anderes geärgert und sich so abreagieren wollen? Viel, viel später fragte ich sie mal, warum sie das gemacht hat. Sie konnte sich an nichts erinnern. Nur nichts zugeben und schon gar nicht warum!