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Die Vertreibungen zwischen 1923 und 1944/45

In Europa und vor allem in den deutschsprachen Ländern wird unter dem Stichwort Vertreibung vor allem die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Der gesamte Komplex wird oft nur im Zusammenhang der Diktaturen von Hitler und Josef Stalin gesehen, gehört aber zu den Folgen des Ersten Weltkrieges und der Durchsetzung des Nationalstaatsprinzips in den Pariser Vorortverträgen (Versailler Vertrag):

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen (1944 bis 1948)

Bereits ab Sommer 1941 forderten die polnische und tschechoslowakische Exilregierung (Edvard Beneš)Nach einiger Zeit als Privatperson im Exil gründete Edvard Beneš in London im Jahre 1940 die Tschechoslowakische Exilregierung und beanspruchte das Präsidentenamt wieder für sich. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges wurde Beneš von den Alliierten schließlich als tschechoslowakischer Präsident anerkannt. Intensiv arbeitete er nun auf die Wiederherstellung der Tschechoslowakei in den Grenzen vor dem Münchner Abkommen und der möglichst vollständigen Vertreibung der insgesamt 3,4 Millionen Deutschen hin. in London Grenzkorrekturen nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Dies sollte ausdrücklich die Entfernung der deutschen Bevölkerung aus diesen Gebieten wie auch aus dem restlichen Staatsgebiet einschließen. Die Motive für diese Forderung waren vielfältig: Außer Macht- und Besitzstreben sollten die geforderten Gebiete eine Entschädigung für die Verluste an Gütern und Menschen während der Besatzungszeit bieten, wie es vor allem die polnische Exilregierung in London forderte. Zum anderen zielte insbesondere Stalin auf eine Verkürzung ihrer Westgrenze, um sie – im Falle einer neuerlichen Angriffs – leichter gegen Deutschland verteidigen zu können. Neben diesem militärstrategischen Argument konnte Stalin darauf hoffen, mit der Vertreibung und Enteignung von Millionen Deutschen Polen und die Tschechoslowakei dauerhaft von der Sowjetunion als Garantiemacht des neuen Status quo abhängig machen zu können. Mit diesem Kalkül hatte das zaristische Russland und später die UdSSR bereits im Nordkaukasus Vertreibungen als Mittel der Politik angewandt.

Die geforderte Vertreibung der Deutschen wurde mit ihrem Verhalten während der Besatzung begründet und mit dem Prinzip des ethnisch reinen Nationalstaates. Hinzu kamen, insbesondere in Polen, sozioökonomische Ziele. Weite Gebiete Ostmitteleuropas galten damals als überbevölkert. Die Verdrängung der Deutschen und (im Falle Polens) die Expansion nach Westen und Norden sollte auch dazu dienen, überschüssige Menschen ansiedeln zu können. Aus heutiger Sicht ist dieses bereits von den Nazis verwendete Argument (Stichwort: Volk-ohne-Raum-Propaganda) allerdings widerlegt. In vielen Teilen der Welt weisen dicht besiedelte Gebiete einen höheren Wohlstand auf als dünn besiedelte. Dies gilt auch im direkten Vergleich zwischen Deutschland und Polen. Infolge der Vertreibung leben in Deutschland heute doppelt so viele Menschen pro Quadratkilometer. Dennoch ist der Wohlstand Deutschlands deutlich höher.

Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzte Stalin die Abtrennung der bereits 1939 bis 1941 sowjetisch besetzten polnischen Ostgebiete an die UdSSR durch. Dies hat vielfach zu der Annahme geführt, die Annexion der deutschen Ostgebiete durch Polen sei von Anfang an als ein Ausgleich für den Verlust im Osten gedacht gewesen. Doch diese Erklärung wurde erst später Teil der sowjetischen Rechtfertigungspolitik. Die polnischen Ostgebiete waren mit Ausnahme der Region Lviv mehrheitlich weißrussisch und ukrainisch besiedelt, die Polen dort nur eine (allerdings millionenstarke) Minderheit.

Tatsächlich forderten seit 1939 nicht nur die polnischen Kommunisten erhebliche deutsche Gebiete ohne ihre angestammte Bevölkerung, sondern auch die bürgerlich-polnische Exilregierung in Londen, wenn auch in wesentlich geringerem Umfang (es ging um Teile Ostpreußens und Schlesiens). Die Forderung der Oder-Neiße-Linie gab es allerdings nicht. Im Nachhinein wurde versucht, die Annektionen damit zu rechtfertigen, dass Jahrhunderte zuvor Slawen in diesen Gebieten gesiedelt hatten und es sich daher um eine Wiedererlangung ehemals polnischen Landes gehandelt habe.

Im Potsdamer Abkommen 1945 wurden die neuen Staatsgrenzen in Ostmitteluropa von den Aliierten allenfalls indirekt und vorläufig festgeschrieben, indem die Gebiete jenseits von Oder und Neiße polnischer Verwaltung unterstellt wurden. Bereits einige Wochen zuvor hatte die UdSSR die Verwaltung dieser Gebiete in einem einseitigen Akt an Polen übertragen. Außerdem findet sich in dem Protokoll der bemerkenswerte Hinweis, dass die Regierungen der USA und Großbritanniens bei einer kommenden Friedenskonferenz den sowjetischen Anspruch auf das Gebiet um Königsberg (nördliches Ostpreußen) unterstützen wollten. Für die übrigen Gebiete jenseits von Oder und Neiße fehlt ein solcher Hinweis in Bezug auf Polen.

Mit den Beschlüssen von Potsdam schien die den bürgerlich-antikommunistischen Exilregierungen gegebene Zusage zur Aussiedlung der Deutschen nun, angesichts des wachsenden Einflusses der Kommunisten in Polen und der Tschechoslowakei, nicht mehr zu gelten. Der Text des Potsdamer Protokolls (vgl. Potsdamer Abkommen) enthält daher nur wenige klare Formulierungen: Er bot der polnischen und tschechoslowakischen Regierung und ihrem Verbündeten Stalin die Möglichkeit, die bereits laufende Vertreibung als vereinbart zu betrachten, und dennoch den Westalliierten die ab dem Frühjahr 1946 auch genutzte Chance, sich auf die Behauptung zurückzuziehen, so sei es nicht gemeint gewesen. Die Umsiedlungen sollten in einer 'humanen' Art geschehen; tatsächlich führte die internationale Kontrolle dazu, dass die Zwangsaussiedlung ab Anfang 1946 in wesentlich geordneterer Form vor sich ging als in den Wochen und Monaten vor der Konferenz. Dennoch kam es auch danach noch zu zahlreichen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung und sehr vielen Todesfällen in den Internierungslagern und Gefängnissen.

Bei den Vertreibungsgebieten handelte es sich um:

Etwas über 14 Millionen Deutsche waren zwischen 1944/45 und 1950 von Flucht und Vertreibung betroffen. Mehrere Hunderttausend wurden in Lagern inhaftiert oder mussten - teilweise jahrelang - Zwangsarbeit leisten. Die Anzahl der Vertriebenen, deren Schicksal nicht geklärt werden konnte, betrug nach den beiden großen, im Auftrag des Deutschen Bundestages durchgeführten Untersuchungen von 1958 und 1965 rund 2,1 Millionen (vgl. Gesamterhebung). Mehrere Millionen Frauen aller Altersgruppen wurden vergewaltigt. Das gesamte private Eigentum der Ost- und Sudetendeutschen wurde entschädigungslos konfisziert, auch das öffentliche und kirchliche, deutsche Eigentum in diesen Gebieten wurde enteignet. Zu den 14 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen kamen vor allem ab Ende der 1950er Jahre über vier Millionen deutsche oder deutschstämmige Aussiedler.

Etwa 12 Millionen Ost- und Sudetendeutsche wurden bis 1950 in der Bundesrepublik und der DDR aufgenommen, und (sowohl im Westen als auch im Osten) verlangte dies von allen Beteiligten in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren eine große Integrationsleistung. Durch die Bevölkerungsverschiebungen im großen Maßstab verdoppelten einige Länder, zum Beispiel Mecklenburg ihre Einwohnerzahl, vormals konfessionell homogene Regionen mit starken eigenen Traditionen, zum Beispiel Oberbayern und die Lüneburger Heide, besaßen nun große Bevölkerungsgruppen mit einem anderen Lebensstil und fremder konfessioneller Prägung. Zuweilen kam es zu ganzen Stadt- und Ortsneugründungen wie Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried oder Kaufbeuren-Neugablonz.

In den von Deutschen verlassenen Gebieten Polens wurden unter anderem ebenfalls umgesiedelte Polen aus dem ehemaligen Ostpolen (der Region Wilna, dem westlichen Drittel des heutigen Weißrussland, und der westlichen Ukraine (Wolhynien und Galizien) angesiedelt. Die aus diesen Regionen vertriebenen ca. 1,2 Millionen Polen reichten allerdings zahlenmäßig bei weitem nicht aus, um die deutschen Ostgebiete wieder zu bevölkern, denn in den an Polen gefallenen Gebieten waren vor der Vertreibung 8,3 Millionen Deutsche beheimatet, weitere 1,5 Millionen lebten in Gebieten, die bereits von 1919 bis 1939 zu Polen gehört hatten.

Den größten Teil der Neusiedler in den Oder-Neiße-Gebieten bildeten Polen aus den traditionell polnischen Gebieten (Zentralpolen). Hinzu kamen rund 400.000 Ukrainer und eine etwas kleinere Zahl Weißrussen. Die Ursache dafür ist, dass auch westlich der heutigen polnischen Ostgrenze seit jeher eine bedeutende weißrussische und ukrainische Minderheit lebte und lebt, insbesondere in den Regionen Bialystok (Weißrussen) und Przemysl (Ukrainer). Diese Gruppen galten der polnischen Regierung nach 1945 als potenziell unzuverlässig bzw. als mögliche Argumente für neue sowjetische Forderungen an Polen. Deswegen wurde ein Teil von ihnen in Richtung Osten vertrieben (also aus dem heute polnischen Gebiet in die in der Zwischenkriegszeit zu Polen gehörenen Gebiete östlich des Flusses Bug), ein anderer Teil jedoch nach Westen, vor allem nach Niederschlesien und Hinterpommern. Diese innerpolnische Vertreibung dauerte von Ende April bis Ende Juli 1947, die verantwortlichen Politiker und Militärs nannten sie Aktion Weichsel.

Zu den polnischen, ukrainischen und weißrussischen Neusiedlern kamen einige Zehntausend aus Ostpolen stammende polnische Zwangsarbeiter in Deutschland, die nach 1944/45 durch die Westverschiebung ihres Heimatlandes heimatlos geworden waren und nun in für sie fremden Regionen sesshaft werden mussten. Die von den Polen im Osten verlassenen Gebiete waren vor dem Krieg mäßig dicht besiedelt und wurden von einem Völkergemisch bewohnt. Nach der polnischen Volkszählung von 1936 betrug der polnische Bevölkerungsanteil in diesen später an die Sowjetunion abgetretenen Gebieten 36 Prozent. Allerdings hatte Polen seit 1919/20 intensiv versucht, den polnischen Anteil in diesen Regionen zu steigern. Schätzungen zufolge lag dieser Anteil dort im Jahre 1918 bei rund 25 Prozent, im Norden (weißrussische sowie litauische Gebiete in und um Wilna) war er höher als im Süden (Westukraine um Lemberg).

Heute wohnen in diesen etwas dünner besiedelten Gebieten nach dem Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und der Vertreibung der meisten Polen, die dort oft die Oberschicht stellten, fast ausschließlich Weißrussen, Litauer, Ukrainer und Russen. Eine größere polnische Minderheit lebt bis heute in der Umgebung von Wilna.

In der an die Sowjetunion gefallenen Oblast Kaliningrad (bis 1945 das nördliche Ostpreußen mit Königsberg) wurden ebenfalls umgesiedelte Russen, Weißrussen und Ukrainer angesiedelt. Auch einige ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter strandeten auf dem Weg aus Deutschland nach Russland im ehemaligen Nordostpreußen.

Im Sudetenland wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren sowie Sinti und Roma angesiedelt. Hinzu kamen als Repatrianten bezeichnete Tschechen, die aus Familien stammten, die früher nach Frankreich, die USA oder in andere Länder ausgewandert waren.

 

Andere Vertreibungen zwischen 1944 und 1948

Ungefähr zeitgleich mit der Vertreibung von Deutschen aus Teilen Osteuropas, besonders aus den östlichen Gebieten des Reiches, fanden in Ostmitteleuropa weitere Vertreibungen bzw. ethnische Säuberungen statt, etwa zwischen Polen und der sowjetischen Ukraine, von in der Slowakei lebenden Ungarn und andere.

Vertreibungen seit etwa 1948

Motive für die Vertreibung der Deutschen und Polen 1944-48

Die Vertreibungen der Deutschen aus dem Osten hatte mehrere Ursachen:

Die Westverschiebung Polens auf Kosten des besiegten Deutschlands wiederum ist letztlich Folge der Weigerung Stalins, die 1939 aufgrund des Hitler-Stalin-Pakte erfolgte Teilung Polens in sowjetisches und deutsches Besatzungsgebiet wieder rückgängig zu machen und den Staat Polen in den Grenzen von vor 1939 wiederauferstehen zu lassen.

Die 1939 annektierten Gebiete (43 Prozent des ehemaligen Staatsgebietes) waren zum Teil bereits 1920/21 zwischen Sowjetrussland und Polen schwer umkämpft und verblieben nun bei der Sowjetunion, ihre polnischen Einwohner wurden zum großen Teil umgesiedelt.

Insgesamt rechnet man, dass im 20. Jahrhundert weltweit ungefähr 50 Millionen Menschen vertrieben worden sind, manche sogar mehrmals innerhalb nur einer Generation.

Vertreibung und Völkerrecht

Vertreibungen sind in jedem Falle völkerrechtswidrig. Sie verstoßen unter anderem gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907, gegen das Verbot von Kollektivausweisungen, gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker und gegen das Eigentumsrecht. Alle historisch belegten Vertreibungen waren mit Blutvergießen und Enteigungen verbunden. Doch selbst eine Vertreibung ohne Enteigung würde das Eigentumsrecht der Vertriebenen verletzen, weil diese Recht das Recht der Nutzung einschließt. Ein Vertriebener kann aber seine Immobilien nicht mehr nutzen.

Dem Regensburger Völkerrechtler Otto Kimminich gelang in den 1950er Jahren der Nachweis, dass das seit jeher geltende Völkerrecht das Recht auf die Heimat einschließt, auch wenn dieses Recht lange nicht explizit niedergeschrieben (positiviert) wurde. Vor allem das Selbstbestimmungsrecht der Völker setzt das Recht auf die Heimat voraus, denn es bezieht sich regelmäßig auf diejenigen Gebiete, in denen eine bestimmte Nation oder Volksgruppe unangefochten und rechtmäßig die Mehrheit der Bevölkerung stellt. Letzteres setzt aber das Recht auf die Heimat voraus.

Soweit Vertreibungen eine hinreichend klar definierte Gruppe betreffen und mit der Absicht durchgeführt werden, diese Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, erfüllen sie außerdem den Tatbestand des Völkermordes im Sinne der UN-Konvention von 1948.

Vertreibungsverluste

Vertreibungsverluste gliedern sich in drei Kategorien:

Diese drei Verlustkategorien betreffen regemäßig drei Gruppen:

Die Verluste der vertriebenen Bevölkerung liegen auf der Hand. Aber auch die aufnehmende Bevölkerung hat zumindest kurzfristig oft unter Vertreibungen zu leiden. So wurde die Hungersnot der Nachkriegszeit in Deutschland (Hungerwinter 1946/47) durch die erzwungene Aufnahme von Millionen Vertriebenen auch für die einheimische Bevölkerung massiv verschärft.

Aber auch für die neue Bevölkerung stellt die Vertreibung oft keinen echten Gewinn dar, da diese häufig selbst eher unfreiwillig in dieses Gebiet gekommen sind, entweder durch wirtschaftlichen Zwang oder durch Vertreibung aus anderen Gebieten. Außerdem besteht in der Neubevölkerung oft die Furcht, daß sich die vertriebene Bevölkerung das Land wiederholt, so dass wenig Neigung zu langristiger Standortsicherung besteht.

Bewältigung der Vertreibung der Deutschen

Die Aufnahme von rund 12 Millionen Vertriebenen in den vier Besatzungszonen Deutschlands in den Jahren 1945 bis 1949 stellte alle Beteiligten vor enorme Probleme. Zunächst ging es darum, das Überleben der Vertriebenen angesichts des schweren Mangels an Nahrung, Wohnraum und Kleidung zu sichern. Dies ist weitgehend gelungen, obwohl es in den Jahren bis ca. 1950 eine deutlich erhöhte Sterblichkeit infolge Unterernährung und Infektionskrankheiten gab. Überschlägige Rechungen gehen von einer zusätzlichen Sterblichkeit von 3 bis 3,5 Prozent im Laufe von fünf Jahren aus, sie betraf vor allem ältere, Kleinkinder und gesundheitlich vorbelastete Menschen.

Ab dem Jahre 1949 durften sich die Vertriebenen in der Bundesrepublik organisieren, in der DDR blieb dies bis 1989 strikt verboten, 1950 erfolgte der Zusammenschluss im Bund der Vertriebenen (BdV). In den 1950er und frühen 1960er Jahren bildeten die Vertriebenen eine vergleichsweise einflussreiche Interessengruppe. Die wirtschaftliche und soziale Integration dieser Gruppe, die fast ein Viertel der westdeutschen Bevölkerung ausmachte, gelang nicht zuletzt mit Hilfe des Lastenausgleichs bald besser als erwartet. Kehrseite der gelungenen Integration war eine deutliche und bis heute zunehmende Assimilation und damit ein zunehmender Verlust an kultureller Vielfalt der Bundesrepublik Deutschland.

Ab Mitte der 1960er Jahre nahm der politische Einfluss der Vertriebenenverbände deutlich ab, es gelang ihnen nicht, die faktsiche Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnischer Grenze im Jahre 1970 zu verhindern. In den 1990er Jahren spielte fast nur noch die von Bayern und der CSU unterstützte Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) eine Rolle als politische Kraft in Deutschland.

Die Debatte über den Vertreibungsbegriff seit den 1980er Jahren

Verwendung und genaue Bedeutung des Begriffs Vertreibung sind in Deutschland etwa seit den späten 1980er Jahren strittig, da die Abgrenzbarkeit zwischen (gewaltsamer) Vertreibung und (gewaltloser) Migration zunehmend in Frage gestellt wurde. Von einigen Politikern und Publizisten wurde die These aufgestellt, der Begriff der Vertreibung bezeichne lediglich ein Form von Zwangsmigration und komme in der internationalen Forschung überwiegend als deutsches Lehnwort (im Englischen: expulsion bzw. expellees) vor, während außerhalb Deutschlands sonst eher von Deportierten oder Flüchtlingen (refugees) gesprochen wird. Hinzu komme die Konfrontation des Kalten Krieges, denn in jenen Nationen, die Flucht und Vertreibung der Deutschen ab 1944/45 veranlasst hatten, wähle man eher verharmlosende Begriffe, etwa das tschechische Wort odsun (=Abschub) und den Begriff Transfer (=Überführung). Auch innerhalb Deutschlands sei der Begriff der Vertreibung und der Vertriebenen nicht immer selbstverständlich gewesen. Tatsächlich herrschte anfangs der Flucht- und Flüchtlingsbegriff vor, zudem wurde in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR offiziell gezielt von Umsiedlern bzw. ehemaligen Umsiedlern und Neubürgern gesprochen. 1950 waren dies dort etwa 4,3 Millionen Menschen.

Im deutschen Sprachraum bezeichnete der Begriff bis vor wenigen Jahren meist die Zwangsumsiedlung der deutschen Bevölkerung aus den ehemals deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland und den ethnischen Mischgebieten Ostmittel- und Südosteuropas. Der Begriff Vertreibung bzw. Vertriebene setzte sich erst Ende der 1940er Jahre durch und wurde nur in der Bundesrepublik zur offiziellen, auch gesetzlich fixierten Bezeichnung dieses Vorgangs bzw. der von ihm Betroffenen. Bis dahin wurden zwangsumgesiedelte Deutsche begrifflich nicht von der Gesamtheit der Flüchtlinge (siehe Displaced Persons) unterschieden, zuweilen auch - im späten NS-Sprachgebrauch - als Evakuierte bezeichnet.

Eine eigenständige Benennung dieser Gruppe als Vertriebene sei, so der Einwand, weniger durch evidente Tatsachen gerechtfertigt gewesen, sondern sie sei eher der Logik juristischer und politischer Zweckmäßigkeit geschuldet: Zum einen besaßen sie – aufgrund ihrer deutschen Staatsangehörigkeit (bei den Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten und aus dem Sudetenland) bzw. als Volksdeutsche – einen anderen Rechtsstatus als nichtdeutsche Deportierte und Flüchtlinge. Zum anderen bot die Wahl dieses Begriffes mehrere politisch und sozial erwünschte Möglichkeiten: Er schuf eine Distanz zwischen deutschen Deportierten und den von den Deutschen Deportierten – Juden, Polen, Tschechen, Russen usw. Damit ermöglichte er in der Bundesrepublik einen Opferdiskurs, der eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erschwerte.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass einige führende Vertreter der deutschen Vertriebenen, namentlich der Vorsitzender der Landsmannschaft Schlesien, Herbert Hupka, und der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Wenzel Jaksch, (Hupka bis nach 1970, Jaksch bis zu seinem Tode) Sozialdemokraten waren und die SPD die Rechte der deutschen Vertriebenen bis etwa zum Jahre 1964 - jedenfalls verbal - noch um einiges entschiedener vertrat, als CDU und CSU. Insbesondere vertrat die SPD jahrelang die Überzeugung, nicht nur die Vertreibung selbst sei ein Verbrechen gewesen, sondern sogar die etwaige Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als neuer deutsch-polnischer Grenze wäre als ein politisches Unrecht, ja als Verbrechen zu bewerten. In diesem Zusammenhang steht auch die später oft zitierte Aufruf Willy Brandts, Herbert Wehners und Erich Ollenhauers zum Deutschlandtreffen der Schlesier im Jahre 1963: Verzicht ist Verrat, wer wollte das bestreiten. 100 Jahre SPD heißt vor allem 100 Jahre Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Das Recht auf Heimat kann man nicht für ein Linsengericht verhökern. Niemals darf hinter dem Rücken der aus ihrer Heimat vertriebenen oder geflüchteten Landleute Schindluder getrieben werden! Diese Haltung der SPD änderte sich allerdings ab etwa 1965. In seiner Regierungserklärung von 1969 gab Willy Brandt erstmals offen die Bereitschaft zur Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnischer Grenze zu erkennen.

Gleichzeitig ließ sich durch die begriffliche Unterscheidung zwischen normalen Deportierten und deutschen Vertriebenen die Forderung nach Revision der Oder-Neiße-Linie leichter aufrechterhalten; diese Forderung wiederum diente nicht zuletzt der Einbindung der Vertriebenen in die westdeutsche Nachkriegspolitik - so jedenfalls ein seit den 1990er Jahren zunehmend vertretenes Argument der politischen Linken in Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hat hingegen bis (mindestens) 1987 eine andere Rechtsauffassung vertreten: Danach wurden die (ehemals) deutschen Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße weder durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz vom Juli/August 1945, noch durch den Warschauer Vertrag von 1970 völkerrechtswirksam von Deutschland getrennt. Von diesem staats- und völkerrechtlichen Standpunkt aus, der allerdings in der Bundesrepublik Deutschland bereits ab etwa Mitte der 1970er Jahre zunehmend in Frage gestellt wurde, ging es in den 1950er und 1960er Jahren nicht um deutsche Gebietsforderungen an Polen, sondern um polnische Gebietsforderungen an Deutschland.

In der DDR dagegen wurden die Zwangsumgesiedelten als Umsiedler bezeichnet, ein gruppenspezifischer Sonderstatus im Sozialrecht wurde namentlich bei der Verteilung enteigneter Flächen bei der Bodenreform von 1946 und im Gesetz zur weiteren Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik vom 8. September 1950 fixiert, blieb jedoch im Unterschied zum langfristig angelegten Vertriebenenrecht der Bundesrepublik nur bis in die frühen fünfziger Jahren relevant. Außerdem anerkannte die DDR bereits im Jahre 1950 im so genannten Görlitzer Vertrag die Oder-Neiße-Linie als Friedensgrenze zwischen der DDR und Polen. Sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien mit Ausnahme der KPD legten gegen diesen Akt Rechtsverwahrung ein und bezeichneten ihn als null und nichtig.

Es gibt aus der Sicht der politischen Linken dennoch Argumente, den Begriff Vertreibung als politisch aufgeladen aufzufassen und ihn daher nicht oder nur reflektiert zu verwenden. Die zeitgeschichtliche Forschung differenziert ohnehin zwischen aufeinander folgenden Ereignissen der Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung. Heute stellen einige Historiker das damit bezeichnete Phänomen unter den Oberbegriff Zwangsmigration. Dieser Sprachgebrauch lehnt sich an die Formulierung des damaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker an, der in seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 die Vertreibung der Deutschen als erzwungene Wanderschaft bezeichnet hatte.

Ein völliges Fallenlassen des Vertreibungsbegriffs ist aber – angesichts seiner Verankerung im öffentlichen (nicht nur deutschen) Bewusstsein - auch aus Sicht der politischen Linken praktisch nicht möglich. Um so wichtiger und wünschenswerter erscheint ihr seine Einordnung in den Gesamtzusammenhang von Zwangsumsiedlungen im 20. Jahrhundert, wie er in jüngster Zeit verstärkt vorgenommen wird. Lange Debatten um Begriffe haben dabei faktisch wenn nicht den Zweck, so jedenfalls die Wirkung, politisch heikle Fragen wie die nach der Zahl der Morde und Vergewaltigungen bei diesem Geschehen an den Rand der Diskussion zu drängen.

Darüber hinaus erscheint der politischen Linken der Versuch fruchtbar, Vertreibung und jede Form von Zwangsmigration im Rahmen des allgemeinen Migrationsgeschehens zu betrachten. Denn angeblich könne eine klare Trennung zwischen Zwangsumsiedlung, Flucht und freiwilliger Migration häufig nicht vorgenommen werden. (Tatsächlich kann niemand logisch zwingend ausschließen, dass von den rund 14 Millionen deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen der Jahre 1945 bis 1948 manche demnächst ohnehin unter Aufgabe ihres gesamten Eigentums in Richtung Westen umgezogen wären.)

Zum anderen zeigen neuere Untersuchungen zur Integration der Vertriebenen angeblich, dass der Umgang mit und das Verhalten von Vertriebenen mehr Parallelen als Unterschiede zu anderen Migrantengruppen aufweist. Konkrete Unterschiede, wie etwa die von den deutschen Vertriebenen bis zum heutigen Tage erhobenen Forderungen nach Aufklärung des Schicksals von mehreren Hunderttausend spurlos Vermissten, Rückkehrrecht, Heimatrecht, Eigentumsrückgabe und Anerkennung ihres Schicksals als eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit im Sinne der Statuten des Internationalen Gerichtshofs von Nürnberg, dürfen nach dieser Sichtweise nicht über die großen Parallelen zwischen deutschen Zwangsmigranten und ausländischen Zuwanderern in Deutschland hinwegtäuschen. Dennoch - so diese Sichtweise - werde man das Spezifikum der Zwangs-Migration auch weiterhin zu berücksichtigen haben.

Die Vertreibungen der 1990er Jahre in Bosnien, Kroatien und im Kosovo haben diese deutsche Diskussion wieder in den Hintergrund rücken lassen. Die Überzeugung, dass Vertreibung und Migration zwei grundlegend unterschiedliche Dinge sind, gewann wieder die Oberhand. Verbunden damit war die Rückkehr zum eingangs definierten Vertreibungsbegriff. So erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder in seinem Grußwort an den Tag der Heimat in Stuttgart vom 5. September 1999: Jeder Akt der Vertreibung, so unterschiedlich die historischen Hintergründe auch sein mögen, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Literatur-Tipp:

Mehr zum Thema Vertreibung im und nach dem zweiten Weltkrieg lesen Sie im 2012 erschienene Buch Ordnungsgemäße Überführung: Die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, des irischen Historikers R.M. Douglas.

Gebundene Ausgabe: 556 Seiten