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Frauenrechte, Vertreter und Gaunerzinken

Neubaugebiete scheinen eine ganz eigene Anziehungskraft auf Handelsvertreter, Zeitungswerber, Drückerkolonnen und ähnliche Gesellen zu haben; auch heute noch. Ich erinnere mich an eine Begebenheit Mitte der 1950er Jahre und wie meine Mutter zu ihrer ersten Haushaltsmaschine kam.

Mein Vater verdiente das Familieneinkommen bei der Hamburger Schutzpolizei, meine Mutter hütete das Haus, fütterte die Hühner, bestellte den Garten und passte auf uns Kinder auf. Meine Schwester und ich hatten zu parieren, wenn Mutter oder Vater etwas sagten. Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war der Zeit entsprechend traditionell. Zwar hatte Elisabeth Selberts, eine der vier Mütter des GrundgesetzesMütter des Grundgesetzes werden die vier Frauen genannt, die neben den 61 Männern des Parlamentarischen Rates 1948 das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland erstellten.Siehe Wikipedia.org, es 1949 geschafft, sich in der Adenauer-Regierung mit ihrer Vorstellung von Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen durchzusetzen und diese im Artikel dreiText der Urfassung 1949: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. zu manifestieren, doch die Wirklichkeit war davon noch weit entfernt. Zum Beispiel konnte eine verheiratete Frau nicht ohne die Zustimmung ihres Ehemannes ein Darlehen aufnehmen, oder einen Abzahlungsvertrag rechtsgültig unterschreiben.

Das wussten natürlich auch die Handelsvertreter, die unsere neugebaute Siedlung regelmäßig heimsuchten, und verhielten sich entsprechend. Da liefen Teppichverkäufer, Staubsaugervertreter, ganze Drückerkolonnen mit Abo-Verträgen für Zeitungen, Käseblättchen und Zeitschriften von Haus zu Haus. Es kamen die Zeugen Jehovas, der Scherenschleifer, Kurzwarenhändler, Bettler, Wahrsager und Hausierer mit ihrem Bauchladen an die Tür. Und eines Tages auch ein Mann mit einem geheimnisvollen großen Koffer. Ich ging noch nicht zur Schule und half meiner Mutter in der Küche, als es an der Türe klingelte. Sie ging zur Tür, öffnete und bat den Mann, in unsere Küche zu kommen. Der stellte seinen schweren Koffer auf einen Küchenstuhl und begann seine beeindruckende Vorführung. Aus dem Koffer entnahm er zunächst ein weiß-blaues Grundgerät, fragte nach einer Steckdose und schloss das Kabel an. Dann wurden auf dem Küchentisch die vielen Einzelteile ausgebreitet und das Gerät je nach Bedarf zu  einem Rührwerk, einem Mixer, einem Fleischwolf oder zu einer Gemüse-Raspel umgebaut.

Er beließ es in seiner Vorführung aber nicht nur bei den theoretischen Möglichkeiten, sondern mixte schnell mal etwas zum Probieren. Dazu fragte er nach verschiedenen Zutaten, die er jetzt benötigen würde, um beispielsweise eine leckere Bananenmilch mit seinem Gerät zu zaubern. Einen Kühlschrank besaßen wir damals noch nicht, aber eine Speisekammer gleich unter der Treppe. Dort bewahrte Mutter die Eier unserer eigenen Hühner und auch einige Lebensmittel auf, die länger haltbar waren, wie zum Beispiel Zucker und Mehl. Der Verkäufer war clever, er kannte offensichtlich die Verhältnisse sehr genau und hatte die Zutaten, die nicht in den Speisekammern der Hausfrauen lagerten, dabei. Während er die Vorzüge dieses Mixers anpries, kippte er Milch in den Becher, ein paar kleine Zutaten aus seinen Tüten, ich glaube, es war Vanillezucker, und zum Schluss tat er eine gepellte Banane dazu. Das Ganze tobte im gläsernen Mixbecher und tanzte auf höchster Schaltstufe darin herum, bis er das Gerät ausschaltete und den Mix für fertig erklärte. Ich bekam als erster ein Glas Bananenmilch und es schmeckte mir köstlich. So etwas hatte es bei uns zu Hause noch nie gegeben.

Während meine Mutter und ich die leckere Bananenmilch tranken, war der Vertreter nicht untätig und hatte den Mixer umgebaut. Den Mixbecher hatte er beiseite gestellt und eine Rührschüssel mitsamt der Knethaken für schweren Teig aufgebaut. Mehl und Eier hatten wir in der Speisekammer, die restlichen Zutaten für einen Hefekuchen hatte der Mann dabei. Die Vorführung ging über Stunden und meine Mutter war restlos von diesem Gerät begeistert. Inzwischen hatte sie Wasser auf dem Herd heiß gemacht, zum Abwaschen der gebrauchten Mixerteile und für einen Kaffee, den es eigentlich nur am Sonntag, oder wenn lieber Besuch kam, gab. In der Woche gab es nur Muckefuck, Malzkaffee der Marke Kornfranck bei uns. Meine Mutter hatte sich zum Kauf dieses Gerätes entschlossen und während der Vertreter seinen Kaffee trank, füllte er den Kaufvertrag aus. Die ganze Summe auf einmal konnte meine Mutter nicht bezahlen, so viel Geld brachte mein Vater monatlich nicht nach Hause. Aber eine kleine Summe jeden Monat konnte bezahlt werden und ein Abzahlungsvertrag wurde vereinbart und von Mutter unterschrieben. Der Vertreter hatte es plötzlich recht eilig, packte seine Geräte in den Koffer und verschwand mit dem unterschriebenen Vertrag sehr schnell.

Als am späten Nachmittag mein Vater nach Hause kam und von dem Kauf erfuhr, gab es einen lauten Streit zwischen den Eltern und ich verzog mich vorsichtshalber auf mein Zimmer. Mein Vater meinte, er hätte den Mann mit seinem Koffer in der Siedlung gesehen,  zog sich den Mantel wieder an und stürmte aus dem Haus. Er wollte den Kaufvertrag, der ohne seine Einwilligung zustande gekommen war, rückgängig machen. Vor allem waren ihm die Finanzierung und der Abzahlungsvertrag ein Dorn im Auge. Aber er kam unverrichteter Dinge wieder zurück, er hatte den Vertreter nicht gefunden. Meine Mutter hatte inzwischen das Essen für die ganze Familie gekocht, es gab Makkaroni mit Tomatensoße. Als am Tisch das Thema Mixerkauf wieder entbrannte, stand mein Vater plötzlich wütend auf und knallte die Schüssel mit den Nudeln in roter Soße mit einer solchen Wucht auf den Tisch, dass die Makkaroni mitsamt der Tomatensoße bis an die Decke flogen, dort kurz verharrten, um dann zurück auf Tisch und Boden zu fallen. Ein eindrucksvolles Bild, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, und auch dass wir Kinder daraufhin hungrig ins Bett geschickt wurden.

Ein anderes Mal erinnere ich mich an zwei Teppichverkäuferinnen mit dunklem Teint in langen Kleidern, die neben Handlesen und einem Blick in die Zukunft auch kleine rote, angeblich handgeknüpfte Teppiche zum Kauf anboten. Während die eine meine Mutter vorn an der Haustür beschäftigte, war die andere um das Haus herum in den Garten gegangen und durch die hintere, offen stehende Haustür neugierig um sich blickend ins Haus eingedrungen. Auf mein Rufen hin wurde meine Mutter aufmerksam und konnte die beiden rausschmeißen. Am Abend, als mein Vater nach Hause kam, fand er am Gartentor geheimnisvolle Zeichen vor, die dort mit Kreide angebracht waren. Diese Zinken, wie sie im Rotwelschen, in der Sprache des fahrenden Volkes, der Gauner und Betrüger heißen, zeichnete er sich auf ein Papier, um sie seinen Kollegen des Betrugsdezernats zu zeigen. Eines der Zeichen sollte danach sinngemäß hier wirst du alles los heißen. Jetzt, als wir wussten, was diese Geheimzeichen zu bedeuten hatten, sahen wir noch häufiger solche Zinken am eigenen Gartentor und an den Türen der Nachbarn.

So wenig, wie mein Vater mit dem Kauf des Mixers damals auch einverstanden gewesen sein mag, so hat sich dieser Kauf doch als ein sehr guter herausgestellt. Als der Mixer dann von der Paketpost in einem großen Karton geliefert wurde, gab es von da an regelmäßig am Wochenende ein Blech Streuselkuchen und andere Leckereien. Der weiß-blaue Mixer hatte seinen Stammplatz in der Küche erobert. Dort stand er auch noch, als ich nach dem Tod meiner Eltern das Haus leer räumte. Und die Maschine lief immer noch, es gab sogar noch Ersatzteile dafür. Zunächst hat meine Frau überlegt, ob sie den Mixer weiter benutzen will, hat sich dann aber doch gegen diese Idee entschieden. Bei der Versteigerung in einem Internetportal stellten wir fest, dass dieses Gerät immer noch sehr gefragt ist. Wir haben dafür einen guten Verkaufspreis erzielen können. Meine Mutter hat einmal gesagt: Ich habe zu wenig Geld, als dass ich mir etwas Billiges leisten könnte. Ich glaube, sie hat damit Recht behalten.