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Sommer 1959

Es war ein richtiger Sommer mit trockenem, heißen Wetter bei 30 Grad Celsius und mehr und ich hatte große Ferien.

Wenn sich die Ferien im Rheinland und im Norden überschnitten, bekamen wir Besuch von unseren Verwandten aus Wuppertal, oder ich durfte zu ihnen fahren. Deutlich erinnere ich mich an den Sommer des Jahres 1959, als meine Cousine Bärbel zu Besuch bei uns in Hamburg war. Abkühlung und jede Menge Spaß hatten wir, wenn wir mit Eimer und anderen Gefäßen die Regentonnen leerten, um uns mit dem Wasser regelrechte Schlachten zu liefern. Halbherzig versuchten wir einer solchen Dusche zu entgehen, freuten uns aber doch über die willkommene Abkühlung. Diesmal lagen die Ferien im Rheinland und im Norden so günstig, dass Bärbel ganze vier Wochen in Hamburg bleiben konnte.

Wir verbrachten die schönen Tage damit, per Fahrrad in die Badeanstalt zu fahren und den Tag dort zu verbummeln, aber auch das Hamburg-Programm – Michelbesteigung, Hafenrundfahrt usw. wurde absolviert.

Es wurde August und der Sommer hielt an, bis sich die Wetterlage gegen Ende des Monats radikal änderte.

Der Tag begann wie gewöhnlich mit blauem Himmel und Sonnenschein, es waren schon gegen Zehn Uhr morgens 30 Grad Celsius. Alle Fenster des Hauses standen offen und jedes Lüftchen war als Kühlung willkommen. Zum Frühstück hatte sich die Familie mit dem Besuch unter einem großen Kirschbaum, der in unmittelbarer Nähe des Hauses stand versammelt. Gegen Mittag zogen ein paar Wolken auf, die sich bis zum Nachmittag verdichteten. Ein wenig Wind war aufgekommen und die Fenster wurden alle groß auf gemacht. Endlich sollte es ein paar Grad kühler werden. Mein Vater war beim Nachbarn, um mit ihm etwas zu besprechen.

Plötzlich kam er über die Straße gelaufen und brüllte schon von weitem Fenster zu! Fenster zu!. Wir verstanden nicht sofort, als aber am Ende der Straße eine pechschwarze Spirale allen Staub in die Höhe zog, rannten wir in Panik durch das Haus und schlossen alle Türen und Fenster. Meine Cousine und ich waren nach oben in den ersten Stock des Gebäudes gelaufen und schlossen gerade rechtzeitig noch die beiden Fenster im Elternschlafzimmer, als die Windhose das Haus erreichte und den großen Kirschbaum erfasste, unter dem noch der Frühstückstisch stand. Mit unheimlicher Kraft drehte der Wind den Baum einmal um seine eigene Achse, dann in die Gegenrichtung, hob den Baum an und warf ihn auf den Tisch, der dabei zu Bruch ging.

Dann war der Windhosenspuk unter Brausen und Krachen auch schon weitergezogen. Es war in der Zwischenzeit völlig finster wie in der Nacht geworden, ein unheimliches Rauschen und Brausen war zu hören – weiteres Unheil drohte!

Im nächsten Moment fielen – Hagelkörner? – nein, hühnereigroße Eisgeschosse vom Himmel und die Scheiben, hinter denen wir zitternd standen, gingen zu Bruch. Die Eisgeschosse fielen uns vor die Füße und wir verzogen uns schleunigst nach unten, zu den Eltern. Mein Vater versuchte, einen der Fensterläden vor dem Küchenfenster zu schließen, bekam so ein überdimensioniertes Hagelkorn an den Kopf und gab daraufhin weitere Versuche sofort auf.

Im ganzen Haus klirrten die Fensterscheiben, wenn sie getroffen wurden und zu Bruch gingen. Dreizehn Scheiben wurden vom Hagel zerstört, das war die traurige Bilanz, nachdem es aufgehört hatte. Der Garten sah trostlos aus, die Gurken zerschlagen, die Äpfel heruntergeschlagen und der Kirschbaum, der uns am Morgen noch Schatten spendete, war regelrecht abgedreht worden und lag etliche Meter weit von seinem ursprünglichen Standort entfernt auf der Seite. Die Kirschen waren noch nicht ganz reif, also auch hier Totalverlust!

Während des Gewitters hatte der Blitz eine Eiche getroffen, die ungefähr einen Kilometer weit an der Bushaltestelle stand. Der Stamm war durch den Blitz geschält worden, aber der Baum stand noch. Ich werde nie das Bild vergessen, als eine schwarze Wolke ihren Saugrüssel bis auf die Erde schickte, um unseren Kirschbaum zu entwurzeln.

Etwas Gutes hatte das aber, endlich konnte der Anbau des Hauses in Angriff genommen werden, dessen Baubeginn wegen des im Wege stehenden Kirschbaumes immer wieder verschoben wurde, nun war Platz. Die Kraft des Wirbelsturms hatte nicht lange angehalten, die Spur der Verwüstung blieb sehr eng auf unseren Garten und den des unmittelbaren Nachbarn begrenzt.

In der kommenden Woche hatte der Glaser endlich auch für uns Zeit und wir konnten die Bretter und Holzplatten, mit denen die kaputten Fenster notdürftig geschlossen wurden, wieder entfernen. Die sommerliche Wetterlage brach mit diesem Wetterereignis zusammen, der Rest des Sommers erfreute uns wieder mit typisch Hamburger Schmuddelwetter.

In den nachfolgenden Jahren wurde immer wieder einmal von solchen lokalen Wetterereignissen berichtet, von Starkregen, Hagel und sogar von Tornados, die Bäume entwurzelten und Hausdächer abdeckten.