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Mein erstes Bier

Es ist schon ein Weilchen her. Ich ging noch zur Schule und freute mich auf die großen Ferien. Ich durfte zum ersten Mal allein mit dem Zug zu Onkel und Tante ins Bergische Land nach Wuppertal fahren. Die Ferien rückten näher und mir fiel jeden Tag etwas anderes ein, was ich unbedingt noch mitnehmen musste. Endlich holte meine Mutter den Koffer vom Boden und es wurde gepackt. Das Behältnis erwies sich aber schnell als zu klein für die vielen Sachen, die ich unbedingt mitnehmen wollte, so wurden nur Kleidung, Handtücher und die kleine Waschtasche im Koffer verstaut. Zu schwer durfte der nicht werden, schließlich hatte ich keinen Gepäckträger.

Dann war er da, der große Tag, der letzte Schultag. Es gab Zeugnisse, Giftblätter mit Senfsauce, dann wurde ich in die großen Ferien entlassen. Die Eltern murrten wegen der Texte nur wenig, ermahnten mich aber wie üblich. Ich gelobte Besserung und konnte mich wieder auf die Ferienfahrt nach Wuppertal konzentrieren.

Anderntags brachten sie mich mitsamt Gepäck zur Bahn. Mit Bus und Hochbahn ging es bis zum Hauptbahnhof, das war schon eine Stunde Fahrt. Dann stand ich in der großen Halle des Bahnhofs und wartete auf den Zug. Ein Schaffner mit roter Mütze sollte während der Fahrt ein Auge auf mich haben, besonders beim Umsteigen, denn die Reise verlief in zwei Etappen.

Aus Richtung Altona schnaufte nun eine gewaltige schwarze Maschine heran, schwarzen Rauch und weißen Dampf ausstoßend. Die Lokomotive zog eine Reihe grüner Waggons mit rundem Dach. Ich besaß eine Fahrkarte für die zweite Klasse, musste also nicht auf harten Holzbänken sitzen und sogar eine Sitzreservierung. Als der Zug zum Stehen kam, wurde der richtige Waggon gesucht und der Koffer im Gepäcknetz verstaut. Dann Verabschiedung, Ermahnungen, Winken, Abfahrt, erneutes Winken.

Der Zug setzte sich unter Schnaufen und Zischen in Bewegung und verließ, schneller werdend den Bahnhof, meine mit Taschentüchern winkenden Eltern hinter sich lassend.

Nun rollten die Räder auf der Schiene gleichmäßig und das regelmäßige Geräusch, wenn eine Stoßstelle auf der Schiene passiert wurde — daramm daramm — machte schläfrig. In den Kurven sah man die Lokomotive, Rauchwolken ausstoßend. Um sie besser sehen zu können, machte ich das Fenster auf und zack! — hatte ich ein Kohlebröckchen im Auge. Das Lokomotivenmonstrum spuckte nicht nur Rauch und Dampf, sondern auch jede Menge Ascheteilchen in die Luft, das Fenster wurde ganz schnell wieder geschlossen. In Bremen, nach einer Stunde Fahrt, wurde die Lokomotive getauscht, dann ging die Fahrt weiter. Mehr und mehr wechselte die Landschaft. Wiesen und Felder machten Platz für Straßen und Städte, Industrieanlagen und rauchende Schornsteine — wir näherten uns dem Ruhrgebiet. Solche Industrieanlagen hatte ich bis dahin noch nie gesehen und die Städte gingen ineinander über. Der Zug hielt an Bahnhöfen mit den Namen Hagen und Schwerte, dann in Wuppertal-Elberfeld. Ich war nach fünfstündiger Fahrt am Ziel angelangt.

Meine Tante und meine Cousine Bärbel holten mich vom Bahnhof ab, ich hatte sie schon bei der Einfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig entdeckt. Große Freude, Umarmung, Begrüßung und die Grüße von den Daheimgebliebenen ausrichten, dabei den Koffer eine Treppe herunterzuschleppen, um ihn gleich wieder eine hinaufzutragen. Wuppertal hat ein besonderes Nahverkehrsmittel, die Schwebebahn. Sie wird die meiste Zeit über der Wupper auf Schienen geführt, die durch schräg gestellte Stützen getragen werden. Das Fahrgestell und die Treibräder befinden sich oberhalb des Triebwagens. Ein wenig mulmig war mir schon, als ich das erste Mal mit so einer merkwürdigen Bahn fuhr.

So fuhren wir an das andere Ende der Stadt, Wuppertal-Barmen, wo meine Verwandten in einem mit Schiefer verkleideten Haus wohnten. Von der Endhaltestelle am Marktplatz stiegen wir mit dem Gepäck die Straße stetig bergan. So steile Straßen kannte ich aus dem flachen Hamburg nicht.

In den folgenden Wochen hatte ich mehrfach das Vergnügen, mit der Schwebebahn durch die Stadt zu fahren. Dem Zoo im Ortsteil Elberfeld statteten wir einen Besuch ab, einen ganzen Tag hatten wir dafür Zeit.

Eines Tages organisierten meine Tante und der Cousin zwei Fahrräder, damit wollten wir die nähere Umgebung erkunden. Ich bekam ein Damenfahrrad mit Rücktrittbremse und einer vorderen Stockbremse. Diese wirkte über einen Bremshebel und eine Umlenkung direkt auf das Vorderrad, indem durch eine Metallstange ein Bremsgummi auf das gummibereifte Rad wirkte. Am Hinterrad war ein buntes Netz befestigt, wohl um zu verhindern, dass die Kleider der Damen in das Rad geraten. So radelten wir Jungs in kurzer Hose von der Wohnung zum Garten der Familie, der sich oberhalb der Brauerei befand, in der mein Onkel als Betriebsschlosser arbeitete.

Leicht lief das Rad den Berg zum Marktplatz herab, schwer tretend keuchten wir wieder bergan, an der Brauerei vorbei, hinauf zum Garten. Damals, Ende der 1950er Jahre gab es in den Städten nur sehr spärlichen Autoverkehr, so konnten wir problemlos auf der Straße fahren. Aufpassen mussten wir nur auf die O-Busse, die uns hin und wieder auf der Straße begegneten. Dieses Nahverkehrsmittel war selbst aus heutiger Sicht sehr modern und umweltfreundlich, fuhren die Busse doch mit elektrischem Strom, den sie aus einer Oberleitung bezogen. So ähnlich wie eine Straßenbahn, wie ich sie aus Hamburg kannte, nur eben nicht auf Schienen, sondern auf gummibereiften Rädern.

Wir sollten zu Mittag wieder in der Wohnung sein. Mein Cousin kannte einen anderen Weg zurück. Der war sehr viel steiler als die Straße, auf der wir gekommen waren. Wir schossen den Berg hinunter, dass die Haare nur so im Wind flatterten.

Für den Nachmittag hatten wir ein neues Spiel. Die steile Straße hinaufzufahren, war kaum möglich, da die Fahrräder weder Gangschaltung noch sonstige unterstützende Hilfsmittel besaßen, aber runter ging es wie der Wind. Eines der Räder war mit einem runden, mechanischen Tachometer der Marke VDO ausgerüstet. Die Welle wurde durch ein Schneckengetriebe an der Radnabe angetrieben. Die Skala des Tachos reichte bis 60 km/h. Auf den nächsten Fahrten bergab zum Marktplatz wurde nun die Tachonadel beobachtet, es sollte doch möglich sein, die Nadel bis zu dieser magischen Sechziger-Marke bewegen zu können! Mit zunehmendem Mut und zunehmender Geschwindigkeit wurden aber die Fahrradrahmen immer instabiler, was sich in schlechter werdendem Fahrverhalten bemerkbar machte. Auch wurden, unten am Markt angekommen, die Bremswege immer länger. Doch wir gaben nicht auf und wagten einen weiteren Versuch. Mein Cousin mit dem Tacho vorweg, rief mir die aktuelle Geschwindigkeit zu und ich sauste hinterher. Die Köpfe tief gebeugt, verfielen wir dem Rausch der Geschwindigkeit, als unten am Markt einer der O-Busse um die Ecke bog. Nun wurde es knapp, mit meinem ganzen Gewicht stemmte ich mich in die Rücktrittbremse und riss gleichzeitig den Bremshebel an der Lenkstange nach oben.

Leider war mir irgendwann auf den vielen Fahrten das vordere Bremsgummi abhanden gekommen, sodass die Metallplatte mit dem Gummihalter nun wie ein Messer in die Bereifung schnitt. Mit einem lauten Knall platzte der Vorderreifen und mein Gefährt begann augenblicklich gefährlich zu schlingern. Zum Glück war das Rad mithilfe des Rücktritts bereits erheblich langsamer geworden, aber mit dem platten Reifen vorn war es unkontrollierbar und ich stürzte auf das Straßenpflaster. Der O-Bus fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei, als ich mich wieder aufrappelte.

Für heute war es vorbei mit dem Radfahren, für die nächste Woche leider auch. Lenker verbogen, Reifen aufgeschlitzt, Bremsgummi verloren und das mit dem Rad der Nachbarin! Unser Bericht fiel abends deutlich verharmlosender aus, auch waren Orte und Straßennamen von uns etwas abgeändert worden. Mein Onkel nahm es erst einmal mit in die Werkstatt der Brauerei, um es im Laufe der nächsten Woche zu reparieren. Wir Jungs durften uns ab sofort wieder zu Fuß bewegen.

In der letzten Woche meiner Ferien hatte auch mein Onkel Urlaub bekommen und wir unternahmen die Ausflüge nun gemeinsam mit der ganzen Familie. Als er mich fragte, ob ich die Brauerei besichtigen wollte, war ich Feuer und Flamme und freute mich auf den nächsten Tag.

Vor dem Eingangsportal an der Märkischen Straße befand sich ein Brunnen mit dem Firmenschild, auf dem zu lesen stand: Waldschlösschen-Brauerei Hollmann und Mit Felsquellwasser gebraut.

Die Privatführung durch die Brauerei begann am Arbeitsplatz meines Onkels – in der Schlosserei. Dort gab es allerlei Interessantes zu entdecken, Werkzeuge, verschiedene Materialien und das reparierte Fahrrad der Nachbarin. Dann führte er mich in eine Halle mit riesigen kupfernen Kesseln, in denen das Bier gebraut wurde. Von dort konnte man es nach dem Brauvorgang ablassen und es ein Stockwerk tiefer in eine flache Pfanne leiten, um es schnell abzukühlen. Darunter konnte ich mir nun nichts vorstellen, Pfannen hatte ich in der Küche gesehen, sie schienen mir für diese Menge Bier zu klein zu sein. Wir stiegen die Treppe herunter und sahen einen Saal, der komplett von einem etwa kniehohen Schwimmbad ausgefüllt war – das war also die besagte Pfanne.

Die letzte Station war der dunkle Keller, in dem es streng roch. Das ist der Gärkeller, erklärte mir der Onkel hier wird erst aus dem Gebrauten das Bier, welches dann in Flaschen abgefüllt verkauft werden kann. Er holte aus einem Schränkchen ein Glas und fragte mich, ob ich ein Bier trinken möchte. Noch nie in meinem Leben wurde mir so ein Angebot gemacht, zu Hause durfte ich Wasser oder Limonade trinken, aber kein Bier! Mein Onkel führte mich zu einem der großen Gärtanks, hob mich hoch und ich schaute in eine ekelhafte schäumende Brühe, die nach allem anderen, aber nicht nach Bier aussah. Den Schaum schob er nun beiseite, tauchte das Glas in die Flüssigkeit und reichte es mir. Vorsichtig roch ich daran, es roch aber sehr gut. Ich nippte vorsichtig an dem Getränk. Er hatte mir ein Glas aus dem Gärtank eingeschenkt, in dem das Malz-Bier seiner Abfüllung entgegensah. Das war ein leckeres Getränk, ich hätte mir nie vorstellen können, dass die ekelige Brühe, so schien sie mir, so gut schmecken würde.

In der Abfüllanlage sah ich noch, wie das Malzbier, sowie das helle und dunkle Starkbier in Halb-Liter-Flaschen abgefüllt und zu zwanzig Flaschen in Holzkisten verstaut wurden. Kronenkorken gab es damals noch nicht, alle Flaschen hatten Bügelverschlüsse, wie sie heute wieder in Mode kommen.

Onkels Garten lag oberhalb der Brauerei, nur fünf Minuten zu Fuß den Hang hinauf. Dort verbrachten wir den Nachmittag mit Federball spielen und Malzbiertrinken aus der Flasche! Ich hatte ein neues Getränk entdeckt, ganz anders als Wasser oder Limonade, aber genau so in der Nase prickelnd.

Die schönste Zeit vergeht merkwürdiger Weise immer am schnellsten. So kam dann die Zeit des Abschieds von Onkel und Tante, Cousin und Cousine, mit Tränen und mit dem Versprechen, die nächsten großen Ferien wieder gemeinsam, diesmal in Hamburg zu verbringen.