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Vogelvater

Auf dem Weg vom Schwimmbad nach Hause führte mein Weg an einer langen Ligusterhecke entlang. Vor mir sah ich, wie eine Elster immer wieder in die Hecke hüpfte, während eine Amsel in der Nähe laut zeterte. Dann flog die Elster mit etwas im Schnabel davon.

Das interessierte mich schon und als ich an der Stelle ankam, schaute ich, was die Elster wohl dort getrieben hatte. Ich musste schon ziemlich tief in die Hecke hinein, um das Nest sehen zu können. Auf Zehenspitzen stehend und die Zweige sacht auseinanderbiegend konnte ich dort zwei ängstlich kauernde Federbällchen entdecken. Kaum befiedert saßen die beiden schutzlos in ihrem Nest – die Geschwister hatte die Elster offenbar schon gefressen!

Dass diese beiden das gleiche Schicksal erleiden sollten, konnte ich einfach nicht zulassen! So wurde ich unvermittelt zum Vogelvater.

Vorsichtig hob ich die beiden Vogelkinder aus dem Nest und steckte sie unter meine Jacke, wo sie augenblicklich ganz ruhig wurden. Die Amselmutter – oder vielleicht der Amselvater – protestierte lautstark, als ich die Jungvögel entführte. Aber dort lassen konnte ich die beiden doch nicht? Die Elster hätte doch diese beiden nicht verschont?

Mit dem Arm stützte ich unter der Jacke meine Beute, dass sie nicht herausfallen konnte. Mit der anderen Hand führte ich mein Fahrrad, fahren ging so nicht mehr. Zu Hause angekommen, gab es eine Menge unangenehmer Fragen zu beantworten. Woher die Vögel seien, wie ich in ihren Besitz gekommen wäre und so weiter. Die Eltern wollten es ganz genau wissen. Bei all den Fragen musste ich nun befürchten, dass ich die Vögel sofort wieder zurückbringen sollte. Um so einem Ansinnen vorzubeugen, konnte ich mich an ein Nest nicht erinnern, eine plötzliche Amnesie umgab mich. Die sind doch aus dem Nest gefallen und lagen an der Erde, protestierte ich und ich kann die doch nicht dahin zurückbringen, weil sie dort gefressen werden, waren am Ende überzeugende Argumente.

So verfügten meine Eltern, dass ich die Suppe, die ich mir eingebrockt hatte, gefälligst auch alleine auszulöffeln hatte.

In der Werkstatt meines Vaters wurde mir ein stilles, ruhiges Eckchen zugeteilt, dort durfte ich meine Findelkinder aufziehen. Aus allerlei Material aus dem Garten versuchte ich zunächst, ein Nest zu bauen. Wie das auszusehen hatte, war mir noch bestens in Erinnerung. Allerdings gefiel mir mein Werk am Ende überhaupt nicht, wie kunstfertig doch die Amsel ihr Nest gebaut hatte.

Der zweite Nestbauversuch glückte unter Zuhilfenahme eines Schuhkartons, das Ergebnis war aber ebenfalls kläglich. Für meine Schützlinge musste es reichen, schließlich wohnen ja auch nicht alle Menschen in einem Schloss, tröstete ich mich.

Was aber fressen Vögel eigentlich? In meinem Rettungseifer hatte ich mir diese Frage nicht gestellt. Etwa grüne Blätter - Vögel sitzen oft in Bäumen, da gibt es aber nur grüne Blätter. Also holte ich etwas frisches Grün für die beiden, tat es in das Nest, wünschte Guten Appetit und ging zur Schule.

Nach der letzten Stunde hatte ich es diesmal sehr eilig, nach Hause zu kommen. Üblicherweise wurde sonst getrödelt, um die lästigen Schulaufgaben auf später zu verschieben. Die Heidbergschule wurde ihrem Namen gerecht, auf den unbebauten Flächen neben der Tangstedter Landstraße konnten wir Kinder noch im Heidekraut Eidechsen fangen. Jedenfalls vor 1965, danach wurde die Heidelandschaft urbanisiert.

Zu Hause schaute ich erst nach meinen Beiden, das frische Grün war welk geworden und hatte ihnen offensichtlich nicht geschmeckt. Zuerst werden deine Schulaufgaben erledigt, mahnte mich meine Mutter, weil ich gleich wieder los wollte. Da half kein Bitten, sie war gnadenlos und die Vögel hatten doch solch einen Hunger…

Es half nichts, mein Protest fand kein Gehör, also wurden zuerst die Schularbeiten erledigt. So schnell und konzentriert ging das selten, eigentlich nur dann, wenn etwas Wichtiges für den Nachmittag anstand. Meine Mutter gab mir den Tipp, dass Amseln im Boden nach Würmern suchen, mit denen sie dann ihre Kinder füttern.

Würmer – wo bekam ich jetzt Würmer her? Im hinteren Teil des Gartens befand sich ein Komposthaufen, dort wollte ich es versuchen. Die kleinen Federbällchen waren sichtlich unzufrieden mit meiner Versorgung, wenn ich in ihre Nähe kam, rissen sie die Schnäbel auf und zeterten erbärmlich.

Mit der großen Grabeforke bewaffnet, machte ich mich ans Werk und grub im Komposthaufen nach Würmern. In den unteren Schichten gab es davon zum Glück jede Menge.

Nun brauchte ich noch einen Schnabel, um die Kleinen zu füttern. Mutters Pinzette kam mir gerade recht – sie wurde zum Futterwerkzeug. Die Würmer stopfte ich nun in die weit aufgerissenen Schnäbel, worauf die Vogelkinder die sich windende Nahrung zu schlucken versuchte. Das Gewürm suchte indes sein Leben zu retten und zu entkommen! Während an dem einen Ende heftig geschluckt wurde, versuchte das andere, sich dem Schnabel zu entwinden. Es sah grotesk aus, wenn der Wurm sich mehrfach um den Schnabel wand, um zu entkommen. Am Ende blieben Jungvogel und Tierpfleger nach mehrfachem Nachstopfen Sieger.

Nach Nestbau und Futter suchen war Füttern die dritte Disziplin, die ich erlernte. Die vierte, und zwar die Königsdisziplin war Entfernung der Stoffwechselprodukte, die ich zu erlernen hatte.

Allmählich stellte sich eine gewisse Routine im Umgang mit den jungen Amseln und meinen neuen Tagesablauf ein. Leider entwickelte sich die Futterversorgung zunehmend schwieriger. Im Frühjahr hatte es nur wenig geregnet und die Würmer zogen sich in tiefere, feuchtere Bodenschichten zurück. Ich musste immer tiefer graben, um überhaupt noch einige dünne Tauwürmer zu ergattern. Die fetten Sattmacher, die ich anfänglich fand, gab es nun nicht mehr. In der Zwischenzeit hatten sich meine Findelkinder prächtig entwickelt. Auch das Federkleid bildete sich nun langsam heraus. Der Flaum wurde durch richtige Federn ersetzt und die beiden entwickelten sich prächtig. Das Nest im Schuhkarton wurde langsam zu klein, sicher konnte ich die beiden bald entlassen.

Als ich kein Futter mehr fand, kam mein Vater auf eine Idee. Mit Spaten und Grabeforke bewaffnet gingen wir zum nahe gelegenen Bornbach. Der Bach war ausgetrocknet, das Bachbett aber noch feucht. Dort fanden wir nun doch die ersehnten Würmer. Meine Kleinen waren einer Hungersnot entkommen!

Dann kam der Tag, an dem ich die Jungamseln nicht im Nest fand. Als ich die Werkstatttür öffnete, kamen sie mir fröhlich piepend schon entgegen und bettelten um Futter. Von nun an wollten sie nicht mehr im Nest bleiben und ich konnte sie in den Garten entlassen. Kam ich mit Futter, wetzten die beiden um die Wette und ließen sich ohne Scheu von mir füttern.

Lange habe ich die beiden noch in unserem Garten gesehen. Ich konnte sie gut erkennen, sie waren viel größer und besser genährt als ihre gleichaltrigen Artgenossen.

Nie wieder habe ich in meinem Leben Vögel aus ihren Nestern fallen sehen.