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Magermilch

Am interessantesten waren die Schulstunden, wenn Physik oder Chemie auf dem Stundenplan standen. Welch wunderbare Kenntnisse und Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten der Natur wurden hier vermittelt. So lernte ich während der Physikstunden etwas über die Kräfte, die unsere Welt bewegen.

Die Erdanziehungskräfte, das Newton’sche Gesetz, die Flieh- oder Zentrifugalkraft lernte ich kennen und mit mathematischen Formeln zu berechnen.

Was aber ist alles theoretische Wissen wert, wenn es nicht mit praktischen Versuchen verfestigt wird?

Nach Schule und Hausaufgaben durfte ich häufig auch im elterlichen Haushalt helfen. Statt Freizeit waren dann Wege zu erledigen, die der Versorgung der Familie dienten. Also bekam ich eines Tages die Milchkanne und etwas Geld in die Hand gedrückt und wurde zum Milchmann geschickt.

Die Milchkanne war ein gerader Zylinder aus Aluminium, oben etwas verengt und mit einem Deckel versehen. Rechts und links des Halses waren zwei Laschen angenietet. Ein Drahtbügel mit Holzrolle war in diese Laschen eingehängt und zu runden Ösen gebogen worden, so dass der Bügel in den Aluminiumlaschen beweglich blieb.

Der Milchmann hatte seinen Laden in einem Privathaus. Das ehemalige Wohnzimmer war angebaut und mit einem Flachdach versehen worden. Hier war der Milchladen untergebracht. Rechts neben einem Glastresen stand ein Tank aus Edelstahl, auf dem oben eine Handpumpe verschraubt war. Der Tank selber war aus blankem Metall und wies regelmäßige runde Schleifmuster auf, die einander überlappten.

Es roch wirklich gut, wenn auch ein wenig streng, nach gut abgelagertem Käse. Als ich an der Reihe war, gab ich der Verkäuferin einfach meine Milchkanne. Die machte den Deckel auf und entnahm ihm den Einkaufszettel und das Geld, das dort sicher untergebracht war. Die Kanne wurde auf den Milchtank unter die Pumpe gestellt, dann wurde zweimal gepumpt. Jeder Pumpenhub förderte genau einen halben Liter Milch. Das Wechselgeld bekam ich in die Hand und ließ es in der Hosentasche verschwinden.

Auf dem Weg zum Einkauf hatte ich aus lauter Langeweile die Milchkanne am langen Arm auf einer Kreisbahn durch die Luft geschwenkt. Auf dem Rückweg wollte ich es jetzt mit der vollen Kanne probieren. Theoretisch sollte die Milch nicht herauslaufen können, wenn ich die Kanne nur schnell genug kreisen ließ. So hatte ich es gelernt, doch grau ist alle Theorie!

Mit einem mutigen Schwung setzte ich die Milchkanne in Bewegung und schickte sie einige Male auf eine Umlaufbahn. Das ging beim ersten Versuch eigentlich schon ganz gut. Die Schwierigkeiten begannen erst bei der Verlangsamung der Kreisbahn, wenn die Kanne wieder zum Stillstand kommen sollte.

Aber auch das gelang und Übung macht bekanntlich den Meister! Nun galt es herauszufinden, wie langsam die Bewegung sein durfte, ohne dass die Milch verlorenging. Also wurde beim zweiten Versuch schön langsam und senkrecht geschwenkt, um diese Grenzen zu erkunden. Als auch das klappte, wurde ich mutiger! Im nächsten Versuch galt es V-max, die maximale Schleudergeschwindigkeit zu ermitteln.

Dazu wurde die Kanne so schnell geschwenkt, wie ich konnte! Dass sich dabei die Drahtbügel, die die Kanne hielten aufbogen, konnte ich leider nicht sehen. So wurde es an meinem Arm plötzlich ganz leicht und die Milchkanne flog mitsamt ihrem kostbaren Inhalt in Richtung Mond. Da ich ihr aber nicht die erforderliche Geschwindigkeit gegeben hatte, um in eine Erdumlaufbahn zu kommen, verließ sie die Erde nicht und knallte zurück auf den Boden.

Der Deckel verhinderte zum Glück, dass die gesamte Milch auslaufen konnte und ich war wohl auch schnell genug bei der Kanne, um das Schlimmste zu verhindern. Sie hatte den Sturz fast unbeschadet überstanden, nur der Boden war etwas eingedrückt und schief. Der Deckel lag etwas weiter entfernt und ein Drittel der Milch versickerte im Boden. Wieder hätte ich zu Hause etwas zu beichten gehabt und ein Donnerwetter war mir sicher!

So gut ich konnte, reparierte ich die Drahtbügel, bog sie kunstvoll zu runden Ösen. Nur die Delle im Boden, die war nicht zu beseitigen. Dafür musste ich mir noch eine gute Ausrede einfallen lassen. Zunächst aber galt es, die fehlende Milch zu ersetzen!

Auf den Heimweg kam ich am Bornbach vorbei, ein nur sehr langsam fließendes Bächlein von guter Wasserqualität. Das Vorhandensein von Köcherfliegen, Fröschen und anderem Wassergetier belegten das. Ich suchte mir eine möglichst tiefe Stelle aus, mehr als eine hohle Hand bekam ich aber nicht in das Nass. Außerdem war hier besonders viel Froschlaich, der erst beiseite geschoben werden musste. So dauerte es eine Zeit, bis ich mit der hohlen Hand wasserschöpfend den Milchverlust in der Kanne wieder ausgeglichen hatte.

Das Ergebnis befriedigte, die Milch sah immer noch wie Milch aus und auch die Geschmacksprobe verlief einigermaßen zufriedenstellend. Zu Hause stellte ich in der Küche die Milchkanne so ab, dass die Delle im Boden hinten zu stehen kam und nicht zu sehen war. Ich entging damit unangenehmen Fragen, denn der Schaden wurde erst Tage später entdeckt.

So kam es, dass dank der Flieh- oder auch Zentrifugalkraft auf wundersame Weise aus bester Vollmilch Magermilch wurde.