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Odessa…

oder: Über das Leihen

Im Oktober 1968 endete meine Lehre bei der Deutschen Bundespost mit einem Gesellenbrief. Dreieinhalb Jahre dauerte damals die Ausbildung in der Fernmeldetechnik. Mit der Übernahme und Anstellung als Fernmeldehandwerker und Elektromonteur gab es am Monatsende deutlich mehr Geld aufs Konto. Damit konnte ich mir erstmals auch Wünsche erfüllen, die bisher von einer mickrigen Ausbildungsvergütung unbezahlbar waren.

Wie viele meiner Altersgenossen mochte ich gerne Musik hören. Besonders die Songs von Barry, Maurice und Robin Gibb, die als Bee Gees auftraten, hörte ich gerne.
Ich besaß ein Paar Schallplatten der Brüder, auch eine Langspielplatte mit dem Titel Idea, die ich in meiner Freizeit ständig spielte.

Angekündigt war das Erscheinen eines neuen Doppel-Albums mit dem Titel Odessa. Ich bestellte in einem großen Musikgeschäft in der Hamburger Innenstadt sofort das neue Album und sollte es als einer der ersten in Händen halten, so das Versprechen des Verkäufers.

Bei den Bee Gees gab es während der Produktion einen heftigen Streit, der Robin Gibb zum Verlassen der Gruppe veranlasste. Dadurch verzögerte sich die Auslieferung des Albums, so dass Odessa erst Anfang 1969 erschien. Aber vielleicht war das auch nur ein Marketing-Trick, um die Verkaufszahlen künstlich zu erhöhen?
Jedenfalls war ich einer der Glücklichen, die eines der wenigen ausgelieferten Doppel-Alben 1969 dank der rechtzeitigen Vorbestellung erhielt.

Welch ein Genuss, die schwarzen Scheiben sorgfältig aus dem mit rotem Samt bezogenen Karton zu nehmen und den Arm des Plattenspielers mit äußerster Vorsicht in die Anfangsrille zu entlassen.

Das Album galt inhaltlich und musikalisch als eine der wichtigsten und vielschichtigsten Arbeiten der Bee Gees, erzählte von Einwanderern in die USA und wurde deshalb auch The American Opera genannt.

Gesprächsweise erzählte ich einem meiner ehemaligen Lehrkollegen davon, dass ich bereits eines der begehrten Doppelalben besaß. Damit hatte ich aber Begehrlichkeiten geweckt und geriet nun unter Druck, der Kollege wollte die Platten unbedingt ausleihen. Auf keinen Fall wollte ich meine Schätze verleihen, ihn aber auch nicht schroff abweisen. Zwei Wochen wurde ich ständig gedrängt, die Platten herauszurücken, dann hatte er eine neue Idee: Ich habe ein Tonbandgerät, damit kann ich die Platten auf Band überspielen, das schont das empfindliche Vinyl. Ich mache gleich zwei Kopien, eine für mich und eine für dich. Das war natürlich ein verlockendes Angebot und ich beschloss, davon Gebrauch zu machen.

In der darauffolgenden Woche brachte ich mein kostbares, behütetes Doppelalbum mit, übergab es meinem Kollegen, nicht ohne ihn zu ermahnen: Bitte geh’ damit äußerst vorsichtig um und mach keine Kratzer in die Platten. Er versprach es mir und nahm die Platten mit nach Hause.

In den nächsten Wochen hörte ich nichts mehr von den ausgeliehenen Platten, auch sah ich meinen Kollegen nicht, ich hörte nur, dass er Urlaub genommen hatte.

Der Titel war inzwischen in den Albumcharts bereits auf Platz 4 geklettert und ich ärgerte mich über meine Gutmütigkeit und dass ich die Platten verliehen hatte. Nun lief ich hinterher, um sie zurück zu bekommen – das hatte ich davon!

Endlich erwischte ich meinen Kollegen telefonisch einmal zu Hause und forderte mit Nachdruck die Leihgabe zurück. Tausend Ausreden hörte ich, er wäre noch gar nicht dazu gekommen, hätte noch keine Tonbänder besorgt, überhaupt keine Zeit, was ich mir vorstellte, fragte er und ob ich nicht wüsste, dass die Überspielung ja schließlich jedes Mal 2 Stunden dauern würde. Nun forderte ich meine Platten sofort zurück und da er zu Hause war, setzte ich mich auf mein Moped, eine NSU Quick50 und fuhr zu ihm.

Bevor ich meine Platten wieder in Händen halten konnte, gab es noch eine lautstarke Diskussion, die recht unerfreulich endete. Zumindest hatte ich mein Album wieder – aber in welchem Zustand! Der mit rotem Samt bezogene Karton war an einer Ecke beschädigt! Nie wieder würde ich meine Schallplatten verleihen, schwor ich mir.

Eine Kopie auf Tonband hatte ich auch nicht erhalten, wie es verabredet war. Als mein Ärger verraucht und ich wieder zu Hause war, legte ich eine Platte auf. Doch was war das? Es eierte und leierte – was war denn mit meinem Plattenspieler geschehen? Der aber war völlig in Ordnung, eine andere Platte spielte er völlig normal ab. Es lag an der Platte, die war hinüber, verbogen, als wenn sie einseitig belastet worden war. Jetzt dämmerte mir, warum mir der Kollegen wochenlang aus dem Wege gegangen war, um den Schaden nicht beichten zu müssen. Ersatz für das Album bekam ich nie – das Ende einer Freundschaft!

Jahre hat das Doppelalbum noch in meinem Plattenschrank gestanden, gehört habe ich es nur ein einziges Mal – alle 17 Titel:

Irgendwann habe ich es dann weggeworfen.