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Heiße Luft
oder:
Wie ich in den Adelsstand erhoben wurde

Zu einem runden Geburtstag, einem mit einer Null hinten, suchte ich für meine Liebste ein besonderes Geschenk. Mir ging es ähnlich wie der a capella singenden Popgruppe Die Prinzen, als sie 1993 sangen: Jeden Tag und jede Nacht, muss ich daran denken, was soll ich ihr schenken? Denn alles, alles hat sie schon, was soll ich da schenken, ohne sie - ohne sie zu kränken.

So kam ich auf die Idee, ihr eine ganz besondere Reise zu schenken. Zwei Fahrkarten konnte ich von einem Kieler Luftfahrtunternehmen erwerben, das Reisedatum war allerdings völlig unklar und im Wesentlichen von den Witterungsbedingungen und den Windverhältnissen abhängig. Bis zum Geburtstag war auch noch Zeit genug, ein Gedicht zu verfassen, das ich beim Überreichen der Fahrscheine verlesen wollte. Eine Zeile lautete: Ich schenke Dir eine Reise, eine ganz leise – hoch durch die Luft... Das Besondere daran war nämlich das Verkehrsmittel!

Als am 4. Juni 1783 die Brüder Joseph Michel und Jacques Etienne Montgolfière ihre Erfindung in ihrer Heimatstadt Annonay einem staunendem Publikum präsentierten, begann damit auch das Zeitalter der Luftfahrt. MontgolfiereBereits am 19. September startete ein Heißluftballon, eine Montgolfière, mit drei Passagieren vom Schloss von Versailles. Ein Hammel, eine Ente und ein Hahn waren 12 Minuten unterwegs und bewiesen, dass bemannte Luftfahrt möglich war. Als nun die ersten Menschen eine solche Fahrt antreten sollten, verfügte Ludwig XVI. dass nur zum Tode verurteilte Verbrecher in Frage kämen, die begnadigt werden sollten, falls sie die Fahrt überlebten.
Es empörte aber den Adeligen Jean-François Pilâtre de Rozier, dass Verbrecher die ersten Luftfahrer sein und den Ruhm ernten sollten. Der König ließ sich umstimmen und erlaubte Pilâtre de Rozier als erstem Menschen einen Aufstieg im Ballon zu wagen. So stieg am 21. November 1783 am Stadtrand von Paris der erste bemannte Heißluftballon über einhundert Meter hoch und landete nach acht Kilometern wohlbehalten auf der Erde. Fortan sollte dieses Vergnügen dem Adel vorbehalten bleiben, einem gemeinen Sterblichen sollte dieses Erlebnis nicht zuteil werden.

Soweit die Geschichte. Wenige Tage nach der Bestellung hielt ich die Fahrscheine in Händen, die zwei Jahre ihre Gültigkeit behielten. Die Fahrt sollte entweder morgens vor Sonnenaufgang, oder am frühen Abend stattfinden. Auf jeden Fall waren die Wind- und Wetterverhältnisse ausschlaggebend. So sollten wir uns bereithalten und jederzeit mit einem Anruf des Ballonpiloten rechnen.

Am 17. August 2002 läutete gegen Mittag unser Telefon. Am anderen Ende der Leitung wurde von guten Bedingungen für einen abendlichen Start mit dem Ballon gesprochen und ein Startversuch in Aussicht gestellt. Feste Stiefel und eine Baseballkappe sollten wir als Ausrüstung mitbringen.
Eine halbe Stunde später saßen wir im Auto, unterwegs nach Kiel. Der verabredete Treffpunkt war eine Tankstelle kurz hinter der Autobahnabfahrt. Dort trafen wir die anderen Passagiere und wenig später rollte ein Kleinbus mit geschlossenem Anhänger auf den Platz. Die ganze Truppe, Pilot und der Verfolger, der den Kleinbus bis zum Landeplatz steuern sollte, rückten zusammen und fanden Platz im Fahrzeug, das uns nun an die Schwentine, nach Klausdorf brachte.

Dort angekommen, bekam jeder seine Aufgabe. Aus dem geöffneten Anhänger wurde zunächst ein Weidenkorb von beachtlichem Ausmaß, mit Doppelbrenner und mehreren überdimensionalen Gasflaschen herausgehoben und auf die Wiese gestellt. Ein großer Sack enthielt die Ballonhülle, die jetzt auf dem Platz in ganzer Länge entrollt wurde. Der dünne Stoff aus einer Kunstfaser wurde im Inneren mit filigranen Drahtseilen verstärkt, die jetzt mit dem Korb verbunden wurden. 29 Meter würde sich die gefüllte Ballonhülle über dem Korb erheben, aber so weit waren wir noch nicht.

Ein motorgetriebener Propeller blies zunächst Luft in die Hülle, die von zwei Passagieren offen gehalten wurde. Die beiden mussten kräftig zupacken, der Luftstrom und der noch mäßig blasende Abendwind zerrten gewaltig an dem dünnen Stoff. Der Korb war bereits vorsichtshalber am Abschlepphaken des Kleinbusses verankert worden, wir hatten immer noch mehr als zehn Knoten Wind. Wie uns der Pilot erklärte, war das entschieden zu viel. Aber das war uns auch schon an den enormen Kräften aufgefallen, die nun die aufgeblasene Ballonhülle auf und nieder wogen ließ. Der Wind ebbte weiter ab, der Brenner fauchte einmal in die geöffnete Hülle und der Ballon stieg. Eines der dünnen Drahtseile hatte sich verfangen, musste vor dem Start unbedingt entwirrt werden. Obwohl sich nur wenig heiße Luft innerhalb der Hülle befand, hingen wir jetzt mit vier Leuten am Seil und mühten uns, die Hülle abwärts zu ziehen. Unser Pilot entknotete im Innern derweil das dünne Drahtseil.

Dann ging alles sehr schnell, der Pilot ließ den Brenner ein zweites Mal fauchen, wir liefen auf den Korb zu und stiegen nacheinander ein, während der Verfolger den Karabiner löste, der als Anker immer noch Korb und Fahrzeug verband. Ein drittes Mal fauchte der Brenner seine gewaltige Flamme in die Ballonhülle, dann schwieg er, während wir das archimedische Prinzip der Ballonfahrt erfuhren – warme Luft (etwa 90°C) steigt nach oben. Sehr ruhig und still stieg der Ballon mit Pilot und Passagieren in die Höhe, doch das befürchtete Fahrstuhlgefühl in der Magengrube blieb aus. Seltsam, so leise und doch mit einer derartigen Geschwindigkeit über 100 Meter hoch in den abendlichen Himmel zu steigen und mit dem Wind zu treiben.

Im Korb war es völlig windstill, wir fuhren bis 300 Meter hoch und waren ebenso schnell wie die Luftströmung. Nach einer Weile kam die Kieler Förde in Sicht, wir fuhren genau über der Stadt und immer nach Westen der untergehenden Sonne entgegen. Die hektischen Verkehrsgeräusche der Stadt waren hier oben wie ausgefiltert, wenn nicht die Stille durch das gelegentliche Brüllen des Brenners unterbrochen worden wäre, wir hätten uns auf einer Wolke schwebend geglaubt.

Links von uns tauchte jetzt die Spitze des Kieler Fernmeldeturms auf, von unten wurden wir gerufen. Unter uns sahen wir winkende Menschen, die der Pilot mit einem Guten Abend begrüßte. Wir schwebten über den Hafen, den Bahnhof mit seinen Zügen und über die vielen Häuser immer weiter, bis die Autobahn in Sicht kam. Die Sonne näherte sich nun rasch dem Horizont, ein Landeplatz sollte gefunden werden. Da wir uns mittlerweile in ländlicher Umgebung befanden, schauten wir nach einer Wiese oder einem Feld, auf dem wir niedergehen konnten. Der kleine Zirkus unter uns, mit seinem kreisrunden Zelt und den vielen Wohnwagen, sah von hier oben wie ein Spielzeug aus. Wir waren noch zu hoch für einen Landeversuch. Eine Überland-Hochspannungsleitung kam in Sicht und wir stiegen noch einmal kräftig drüber hinweg. Dann verstummte der Brenner. Diese Wiese in der Nähe einer Straße war der ideale Landeplatz. Unser Pilot öffnete das Parachute, ein Ventil in der Spitze der Ballonhülle und die warme Luft entwich, der Ballon fiel zur Erde zurück. Mit federnden Knien stellten wir uns im Korb auf, hielten uns an den Halteschlaufen, die Gesichter rückwärts gewandt, in Erwartung des Anpralls auf den Boden. Doch die Landung fiel entgegen unserer Erwartung recht sanft aus, der Korb neigte sich zur Seite, wurde noch ein paar Meter über die Wiese geschleift und lag dann still – die Erde hatte uns wieder!

Einmal noch fauchte der Brenner über die nun schlaffe Ballonhülle, der heiße Luftstrom ließ alle Luft aus der Hülle durch das geöffnete Parachute entweichen. Alle Passagiere wurden jetzt wieder zu Helfern beim Einpacken und Abbau. Die Hülle wurde aufgerollt, die Karabiner vom Korb gelöst. Der Verfolger mit dem Kleinbus und Anhänger war schon auf die Wiese gefahren, wir konnten zügig einpacken, denn jetzt sollte die Zeremonie stattfinden. Danach würden wir alle nicht länger dem gemeinen Volke zugehörig sein, sondern in den Adelsstand erhoben, so hatte es Pilâtre de Rozier 1783 verkündet.

Also knieten wir neben der Landstraße in Neu Nordsee auf Teppichen, während unser Pilot uns mit einem Feuerzeug die Haare versengte, die Stirn mit feuchter Erde beschmierte, unseren Adelstitel verlas und uns die Urkunde überreichte.

Fortan darf sich meine Frau Dörthe, die federgleich entfleuchte Leichtluft Fee mit Tendenz zum Himmlischen, und ich mich Hartmut, tollkühner Himmelsstürmer mit schweifendem Blick über Feld und Knick, nennen.

 

Nachsatz:

Am 16. September 1979 gelang den Familien Strelzyk und Wetzel mit einem selbstgebauten Heißluftballon die Flucht über die Innerdeutsche Grenze aus der DDR nach Westdeutschland. Diese aufsehenerregende Ballonflucht wurde 1981 in dem US-amerikanischen Spielfilm Mit dem Wind nach Westen dargestellt und von den Strelzyks in einem Buch beschrieben. Die Route der 28-minütigen nächtlichen Ballonfahrt führte bei Nordwind aus Pößneck (Thüringen) nach Süden. Der Ballon landete in Naila (Bayern), wo er heute im dortigen Heimatmuseum ausgestellt ist. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR ließ den Initiator Peter Strelzyk an seinem neuen Wohnort im Westen durch einen Freund und Mitarbeiter observieren und hat ihm möglicherweise geschäftlich zu schaden versucht.

Für die Ballonhülle war ein erforderliches Volumen von 2.800 Kubikmeter errechnet worden. Sie war 28 Meter hoch und 20 Meter breit und wurde aus Regenmantelstoff genäht, der in dieser Menge nur nach und nach beschafft werden konnte. Die Gondel bestand aus einer 1,40 m mal 1,40 m großen hölzernen Plattform mit einem 80 cm hohen Geländer aus vier Eckpfosten und Wäscheleine. Die acht Personen kauerten während der Fahrt mit dem Rücken zum Geländer und hielten sich an den in der Mitte stehenden vier Propangasflaschen fest.

Quelle: Wikipedia, die freie Enzyklopädie